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1945|1946|1947|1948

Die Gründung und ihre Vorgeschichte

Aus dem Aufruf zur Gründung der Freien Universität vom 23.7.1948:
"Es geht um die Errichtung einer freien Universität, die der Wahrheit um ihrer selbst willen dient. Jeder Studierende soll wissen, dass er sich dort im Sinne echter Demokratie frei zur Persönlichkeit entfalten kann und nicht zum Objekt einseitiger Propaganda wird."

Die Versuche der sowjetischen Besatzungsmacht und der SED die ökonomische und politische Bindung West-Berlins an die Entwicklung in Westdeutschland zu verhindern, verschärfen sich im Juni 1948 durch die Abriegelung und Blockade der drei Westsektoren Berlins. Bis Mai 1949 kann der eingeschlossene Westteil Berlins nur durch die Luftbrücke der drei westalliierten Schutzmächte versorgt werden. In dieser Situation eine Universitätsgründung vorzubereiten, erfordert Mut. Diesen Mut bringen überwiegend Studenten auf, die nicht bereit sind, sich an der 1946 im sowjetischen Sektor neu eröffneten Berliner Universität Unter den Linden abermals einer politischen Indoktrination zu unterwerfen.

Am 4. Dezember 1948 erfolgt im Steglitzer Titania-Palast die feierliche Gründung der Freien Universität. An dem Festakt nehmen die drei westallierten Stadtkommandanten, Repräsentanten der Stadtverordnetenversammlung und des noch amtierenden Magistrats von Groß-Berlin teil. Im Wintersemester 1948/49 wird der Lehrbetrieb unter denkbar einfachen Bedingungen in Dahlem aufgenommen.



1945

Mai 1945

Das Ende des 2. Weltkrieges und der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland

2.5.1945
Ende der "Schlacht um Berlin": Der Stadtkommandant von Berlin, General Helmuth Weidling, erklärt die Kapitulation der Reichshauptstadt.

7.5.1945
Bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Reims

8./9.5.1945
Ratifizierung der deutschen Kapitulation in der Nacht vom 8. zum 9.5.1945 in Berlin-Karlshorst





8.6.1945

Der Philosoph Eduard Spranger wird zum kommissarischen Rektor der Berliner Universität ernannt.

Spranger wird von dem für Volksbildung zuständigen Magistratsmitglied Otto Winzer zum Vorsitzenden des "Leitenden Ausschusses für Wissenschaften" und kommissarischen Rektor der Berliner Universität ernannt.

Am 28. August 1945 legt Spranger den Vorsitz des "Leitenden Ausschusses für Wissenschaften" nieder. Er schreibt noch am gleichen Tag an Ferdinand Sauerbruch, die Beauftragten der sowjetischen Besatzungsmacht arbeiteten "an der Organisation eines anderen Universitätstypus als wir ihn bisher in Deutschland gekannt haben". Am 12. Oktober 1945 gibt die sowjetische Militärverwaltung die Ernennung von Johannes Stroux zum vorläufigen Rektor bekannt. Die Geschäftsführung des Rektorats wird aus Dahlem in den sowjetischen Sektor verlegt. Gleichzeitig unterstellen die Sowjets die Berliner Universität der "Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung" und entziehen sie damit der Viermächteverantwortung.





11.7.1945

Errichtung der Viermächteverwaltung Berlins

Die vier Siegermächte (USA, UdSSR, Großbritannien, Frankreich) übernehmen gemeinsam die Regierungsverantwortung für Groß-Berlin. Die Stadt wird in vier Sektoren aufgeteilt. Am 23.7. zieht die Alliierte Kommandantur in das Gebäude in der Kaiserswertherstraße 16-18, den heutigen Sitz des Präsidiums der FU.





Ab Juli 1945

Initiativen zum Wiederaufbau des Hochschulwesens

16.7.1945
Der kommunistisch beherrschte Berliner Magistrat gründet den "Zentralausschuss der Berliner Studentenschaften" mit der Aufgabe, "die zukünftige Studentenschaft zu einem Grundstein des antifaschistisch-demokratischen Deutschlands zu gestalten" und eine "baldige Wiederaufnahme des Studiums an den Berliner Hochschulen" zu forcieren. Zum Vorsitzenden wird Joachim Schwarz bestimmt. Der Ausschuss wird Ende des Jahres von der sowjetischen Kulturverwaltung wieder aufgelöst.

3.9.1945
Eröffnung der "Vorkurse für Studienanfänger" an der Berliner Universität

11.9.1945
Einrichtung der "Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung" in der sowjetischen Besatzungszone (Präsident: Paul Wandel). Ihre Aufgabe ist der Wiederaufbau des Hochschulwesens und der Wissenschaften. Alle Universitäten in der sowjetischen Besatzungszone werden ihr unterstellt.

Dezember 1945
Konstituierung der "Studentischen Arbeitsgemeinschaft" an der Berliner Universität. Zu ihrem Vorsitzenden wird Georg Wrazidlo ernannt, der von der amerikanischen Armee aus dem Konzentrationslager Buchenwald befreit worden ist. Die Arbeitsgemeinschaft verfolgt neben dem allgemeinen Ziel der "Herausbildung eines demokratischen und dabei konsequent antifaschistischen Lebens" auch konkrete Aufgaben wie die Bildung von Referaten für Politik und Kultur, Soziales und Sport sowie die Einrichtung eines Außenreferats.

Schwarz-Weiß-Foto der zerstörten Berliner Universität
Zerstörte Berliner Universität



1946

Januar 1946

Eröffnung der Berliner Universität

20.1.1946
Beginn des Lehrbetriebs an der Berliner Universität in der Naturwissenschaftlich-mathematischen, Philosophischen, Medizinischen, Veterinärmedizinischen, Landwirtschaftlichen, Juristischen und Theologischen Fakultät

29.1.1946
Durch einen Festakt in der Staatsoper wird die ehemalige "Friedrich-Wilhelms-Universität" offiziell eröffnet. Sie wird von offizieller Seite zunächst "Universität Berlin" genannt.

Die "Universität Berlin" hat keinen autonomen Status, sondern gilt juristisch als eine Dienststelle der Deutschen Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone. Zu ihrem ersten Rektor wird der Altphilologe Johannes Stroux ernannt. Beim Festakt spricht für die Militärregierung General Pjotr Solotuchin, für die Verwaltung für Volksbildung deren Präsident Paul Wandel und für die Studentenschaft Georg Wrazidlo.





1.5.1946

Studenten protestieren gegen kommunistische Embleme.

Ungefähr dreißig Mitglieder der "Studentischen Arbeitsgemeinschaft" und andere Studenten protestieren schriftlich beim Rektor gegen das Hissen einer roten Flagge und die Anbringung des Emblems der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) über dem Haupteingang der Universität und übergeben ihren schriftlichen Protest der Presse. Kurz darauf wird der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft, Georg Wrazidlo, seines Postens enthoben.





17.12.1946

"Vorläufiges Studentenstatut für die Hochschulen der sowjetischen Besatzungszone"

Als allgemeine Vertretung der Studentenschaft hat der von den Studenten gewählte "Studentenrat" folgende Aufgaben:

  1. Unterstützung des Rektors "bei der Bekämpfung militaristischen und faschistischen Ungeistes und bei der Förderung fortschrittlichen, demokratischen Denkens und Handelns",
  2. Förderung des Studiums,
  3. Mithilfe bei der Verbesserung der materiellen Lage der Studenten,
  4. Pflege des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens in der Studentenschaft.



1947

Januar 1947

Die erste Ausgabe des Periodikums "Forum – Zeitschrift für das geistige Leben an den deutschen Hochschulen" erscheint unter sowjetischer Lizenz.

Titelseite der ersten Ausgabe des Forums
Erste Ausgabe des Forums




6.2.1947

Wahlen an der Berliner Universität

Von den 4 200 wahlberechtigten Studenten beteiligen sich 76,4 % an der Wahl der 28 Mandate des Studentenrates. Die überlieferten Angaben des Wahlergebnisses sind unvollständig. Die bekannten Mandate verteilen sich wie folgt: SPD: 5, SED: 3, CDU: 2, LDP (Liberal-Demokratische Partei): 1, Parteilose: 12.





März 1947

Verhaftung von Studenten durch den sowjetischen Abwehrdienst (NKWD)

8.3.1947
Die im Zulassungsbüro der Berliner Universität beschäftigte parteilose Studentin Gerda Rösch wird vom sowjetischen Abwehrdienst (NKWD) verhaftet.

13.3.1947
Manfred Klein, Mitglied der Katholischen Jugend und CDU-Vertreter im Zentralrat der "Freien Deutschen Jugend" (FDJ), der 1946 gegründeten und der SED nahestehenden Jugendorganisation, wird durch den NKWD verhaftet. Klein, der auch Mitglied im Studentenrat ist, hat kurze Zeit vorher den Antrag gestellt, die FDJ möge in ihre Grundrechte ein Bekenntnis zur Freiheit der Person aufnehmen.

Am selben Tag verhaftet der NKWD den abgesetzten ehemaligen Leiter der "Studentischen Arbeitsgemeinschaft", Georg Wrazidlo.

Trotz Protestes kann der Studentenrat keine ordentlichen Gerichtsverfahren für die drei inhaftierten Studenten durchsetzen. Sie werden Monate später vom sowjetischen Militärtribunal Berlin-Lichtenberg zu jeweils fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt, und zwar im ersteren Falle wegen Bildung einer angeblichen "Untergrundbewegung an der Universität Berlin" und in den anderen beiden Fällen wegen angeblicher Spionage. Rösch, Klein und Wrazidlo kommen erst 1956 wieder frei.

Schwarz-Weiß-Fotos von Manfred Klein, Gerda Rösch und Georg Wrazidlo Schwarz-Weiß-Fotos von Manfred Klein, Gerda Rösch und Georg Wrazidlo Schwarz-Weiß-Fotos von Manfred Klein, Gerda Rösch und Georg Wrazidlo
Klein, Rösch, Wrazidlo




Mai 1947

Die erste Ausgabe des studentischen Periodikums "Colloquium – Zeitschrift für junge Akademiker" unter amerikanischer Lizenz erscheint.

Die Zeitschrift wird von Otto Hess und Joachim Schwarz (Chefredakteur) herausgegeben. Die universitäre Situation und die neuen literarischen und künstlerischen Entwicklungen in Deutschland bilden die inhaltlichen Schwerpunkte der Zeitschrift.

Titelseite der ersten Ausgabe des Colloquiums
Colloquium Nr. 1




8.11.1947

Polemischer Artikel im Tagesspiegel: "Universitas oder Parteihochschule?"

Der Artikel erhebt den Vorwurf, die Zentralverwaltung für Volksbildung habe die Berliner Universität in eine "Volksuniversität" verwandelt, die "kommunistische Funktionäre" ausbilde, "die nebenher auch heilen, richten, abrichten", während die Professoren, "überaltert, unpolitisch, sorglich darauf bedacht, sich nicht bloßzustellen", nahezu widerspruchslos der SED-Politisierung verfielen.





Dezember 1947

Erste Forderung nach Neugründung einer Universität

Otto Hess (SPD) fordert in der Zeitschrift "Colloquium" eine "internationale Universität Berlin". Die Planung solle von einem internationalen Kuratorium aus Wissenschaftlern, Künstlern, Wirtschaftsfachleuten und Gewerkschaftlern übernommen werden.





11.12.1947

Wahlen zum 2. Studentenrat an der Berliner Universität

Die Wahlbeteiligung beträgt 75,5%. Die 30 Mandate verteilen sich wie folgt: SED: 3, CDU: 3, SPD: 2, LDP: 1, Parteilose: 21. In der Philosophischen Fakultät erhält der Vorsitzende der SPD-Hochschulgruppe, Otto Stolz, mehr als zwei Drittel der gültigen Stimmen. Die Juristische Fakultät wählt den Vorsitzenden der CDU-Hochschulgruppe, Ernst Benda, den späteren Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts.




1948

Januar 1948

Entnazifizierung der Berliner Universität

Durch die Entnazifizierung der Berliner Universität verlieren 349 Mitglieder des Lehrkörpers ihre Stellungen.





15.1.1948

Beschluss zur Errichtung einer "Hochschule für Politik"

Die Stadtverordneten von SPD, CDU und LDP (Liberal-Demokratische Partei) beschließen gegen die Stimmen der SED die Errichtung einer "Hochschule für Politik", die außerhalb der Berliner Universität den städtischen Behörden, und damit der nichtkommunistischen Mehrheit des Magistrats, unterstellt werden soll. Die Hochschule wird am 15.1.1949 eröffnet.

Siehe auch den Eintrag zum 28.7.1950





Ab Januar 1948

Studenten der Universität Unter den Linden publizieren kritische Artikel in der Zeitschrift "Colloquium".

In der Studentenzeitschrift "Colloquium" erscheinen satirische Artikel von Otto Stolz, z. B. über die Amtseinführung des neuen Rektors der Linden-Universität. Außerdem erscheinen kritische Kommentare von Otto Hess unter dem Titel "Wie lange noch? Kampf um die Universität". Die Veröffentlichungen richten sich gegen den Einfluss der "Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands" (SED) auf die von den sowjetischen Behörden kontrollierte Universität.

Aus der Glosse "Feierlichkeit" von Otto Stolz:
"Auf dem Podium saßen, frierend in ihre Mäntel gehüllt, die zehn Dekane und dachten darüber nach, wie es gekommen, dass sie den neuen Rektor einstimmig gewählt."





16.4.1948

Entzug der Studiererlaubnis für Otto Hess, Joachim Schwarz und Otto Stolz

Den beiden Herausgebern und dem Chefredakteur der Zeitschrift "Colloquium", Otto Hess (SPD), Joachim Schwarz (CDU) und Otto Stolz (SPD), wird durch den Präsidenten der "Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung", Paul Wandel (SED), die Zustimmung zur Immatrikulation und damit die Erlaubnis zum Studium entzogen. Juristische Grundlage für das Vorgehen Wandels ist die Anordnung Sokolowskis vom 8.1.1946 (vgl. dort), die dem Präsidenten der Zentralverwaltung die letzte Verantwortung für den gesamten Universitätsbetrieb einschließlich der Zulassung zum Studium zuweist.

Der Rektor der Berliner Universität, der Arbeitsrechtler Hermann Dersch, begründet die Relegation der Studenten mit der in ihrer "publizistischen Tätigkeit liegenden Verletzung von Anstand und Würde".

Schwarz-Weiß-Fotos von Otto Hess, Joachim Schwarz und Otto Stolz Schwarz-Weiß-Fotos von Otto Hess, Joachim Schwarz und Otto Stolz Schwarz-Weiß-Fotos von Otto Hess, Joachim Schwarz und Otto Stolz
Hess, Schwarz und Stolz




23.4.1948

Protestversammlung von etwa 2 000 Studenten am Hotel Esplanade

Der relegierte Jenaer Student Erich Weber (LDP) fordert die amerikanische Militärregierung auf, in den Berliner Westsektoren eine separate Universität zu errichten. Der Vorsitzende der Berliner CDU, Kurt Landsberg, erklärt seine Überzeugung, dass die "Mehrheit der Berliner Stadtverordneten" bereit sei, die "notwendigen Mittel für die Gründung einer freiheitlichen Berliner Universität zur Verfügung zu stellen". Der relegierte Student Otto Stolz weist auf die Bemühungen der Kommunisten hin, die Universität zu einem eigenen Machtinstrument zu machen. Zu diesem Zweck sei die Universität mit einem "Spitzelsystem" durchsetzt worden. Es sei notwendig, dass die drei "demokratischen Parteien" darauf hinwirkten, die Universität dem Magistrat zu unterstellen oder eine freie Universität im Westen Berlins zu errichten. Unter den Teilnehmern der Veranstaltung ist der amerikanische Journalist Kendall Foss.

Das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" erklärt, dass jetzt auch an der Berliner Universität die "Machtfrage" gestellt sei: "Nun, wir nehmen die Machtfrage an!" In Anspielung auf die in Berlin relegierten Studenten heißt es, wer streike oder Solidaritätsaktionen durchführe, gehe "den Weg der Drei!"

Schwarz-Weiß-Foto: Protestversammlung am Hotel Esplanade
Protest am Hotel Esplanade




24.4.1948

Die Amerikaner prüfen die Errichtung einer neuen Universität.

Der Journalist Kendall Foss wird auf seinen eigenen Wunsch hin von General Lucius D. Clay beauftragt, die Möglichkeiten für die Errichtung einer eigenständigen Universität in den drei West-Sektoren zu prüfen, ohne jedoch seinen Auftrag bei den Verhandlungen mit den Deutschen allzu offen bekannt geben zu dürfen.

Clay war von 1947 bis 1949 Militärgouverneur der amerikanischen Zone in Deutschland. Während der Berlin-Blockade organisierte er die "Luftbrücke" zur Versorgung der West-Berliner Bevölkerung.





29.4.1948

Antrag auf Einrichtung einer "freien Hochschule" in der Berliner Stadtverordnetenversammlung

Die SPD beantragt in der Berliner Stadtverordnetenversammlung, dass der Magistrat beauftragt werde, "sofort alle Maßnahmen für die Errichtung einer freien Hochschule zu ergreifen".

Am 11.5. wird der Antrag angenommmen.





21.5.1948

Das Hays-Komitee befürwortet die Neugründung einer Universität.

Ein am 4. Mai vom amerikanischen Stadtkommandanten General George Hays eingerichtetes Komitee prüft positiv die "Durchführbarkeit der Errichtung einer deutschen Universität im US-Sektor von Berlin", erwartet jedoch eine Initiative von Seiten der Berliner.

Schon seit 1946 bestand – initiiert vor allem durch den Berliner Schulreformer Fritz Karsen (1885-1951), der in amerikanischen Diensten für die Hochschulentwicklung zuständig war – das Projekt, im amerikanischen Sektor Berlins eine Forschungshochschule nach dem Vorbild der "Schools for Advanced Studies" zu gründen. Es wird wegen der Gründung der Freien Universität nicht mehr weiterverfolgt.





25.5.1948

Aufruf des "Tagesspiegel" an "ganz Deutschland"

In einem Artikel ruft der Tagesspiegel dazu auf, eine private Stiftung für eine freie Berliner Universität zu gründen. Die Professorenschaft der Humboldt-Universität habe sich mit wenigen Ausnahmen "der Tyrannei gefügt". Von Diskussionen und Resolutionen habe die Berliner Bevölkerung genug. "Theorien mögen vertreten werden, wenn die Universität gegründet ist".





Anfang Juni 1948

Ein studentischer Vorbereitungsausschuss für die Gründung einer freien Universität wird ins Leben gerufen.

Der Ausschuss setzt sich zusammen aus Mitgliedern des Studentenrats der Berliner Universität, Redaktionsmitgliedern der Studentenzeitschrift "Colloquium", Angehörigen der Hochschulgruppen von SPD, CDU und LDP und einigen freiwilligen studentischen Mitarbeitern.

Hunderte von Studenten unterschreiben eine Petition, mit der die Schaffung einer neuen Universität gefordert wird.

Klaus Heinrich – Gründungsstudent, später Professor am Religionswissenschaftlichen Institut der Freien Universität – im Rückblick (1967):
"Hier, so dachten wir, an dieser Freien Universität in dieser Stadt Berlin, machen wir den Anfang mit der allgemeinen großen Universitätsreform. Das Misstrauen, das andere uns entgegenbrachten, war unser Stolz. (...) Wir verstanden uns als eine Avantgarde der deutschen Universitäten."

Schwarz-Weiß-Foto: Otto Hess (stehend) mit Kommilitonen
Otto Hess (stehend) mit Kommilitonen




19.6.1948

Der "vorbereitende Ausschuss zur Gründung einer freien Universität" konstituiert sich.

Zu einer informatorischen Besprechung versammeln sich 40 Personen (Professoren, Dozenten, Politiker, Verwaltungsangestellte und Studenten). Eine Teilgruppe bezeichnet sich als "Dahlemer Kreis". Zu ihm gehören – neben Mitgliedern der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Institute – unter anderem: der gewählte Oberbürgermeister Ernst Reuter, der Kunsthistoriker und Herausgeber des Tagesspiegels, Edwin Redslob, sowie der an der Linden-Universität relegierte Medizinstudent Otto Hess. Diskutiert werden die Möglichkeiten zur Gründung einer freien Universität in den westlichen Sektoren.

In einer Abstimmung entscheiden sich 38 für die Gründung einer Universität, 2 dagegen. Anschließend wird ein "vorbereitender Ausschuss" konstituiert. Durch Zuruf werden 12 anwesende und 3 abwesende Kandidaten aufgestellt und ohne Abstimmung zu Mitgliedern des Ausschusses ernannt. Abschließend wird ein Communiqué für die Presse aufgesetzt.

Am 22. Juni findet die erste Sitzung des Ausschusses statt. Er tagt in der Folgezeit meist wöchentlich und behandelt Themen wie den Standort der Universität, deren Bibliotheken, die Finanzierung, Berufungen, die Bildung von Fakultäten, den Aufbau der Verwaltung, die Satzung usw.

Die Arbeit des Gründungsauschusses zur Organisation und Finanzierung der Universität wird insbesondere von General Lucius D. Clay unterstützt. Zurückhaltend reagieren zunächst die anderen Westalliierten, ablehnend vor allem aber die Rektorenkonferenz der westdeutschen Universitäten, die sich gegen eine politisch motivierte Neugründung einer Universität wendet.





24.6.1948

Beginn der "Berlin-Blockade"

Die Arbeit des Gründungsausschusses fällt in die Zeit der "Berlin-Blockade", die am 24.6.1948 beginnt.

Die Blockade ist eine Folge der Währungsreformen in West- und Ost-Deutschland. Am 20. Juni hat eine Währungsreform durch Einführung der D-Mark in den drei westlichen Besatzungszonen (ohne West-Berlin) stattgefunden. Ihr folgt am 23. Juni eine separate Währungreform in der Sowjetischen Besatzungszone, inkl. Ost-Berlin. Am 24. Juni dehnen die Kommandeure der westlichen Sektoren Berlins die Währungsreform auf ihre Sektoren aus. Die Sowjetunion erklärt die Vier-Mächte-Verwaltung Groß-Berlins für "praktisch beendet".

Die sowjetischen Besatzungsbehörden blockieren am 24.6.1948 sämtliche von den westlichen Alliierten genutzten Landwege zu den Sektoren von Berlin. Ab dem 26.6.1948 wird die Bevölkerung von West-Berlin durch die Alliierten über eine "Luftbrücke" versorgt. Mit fast 200 000 Flügen werden rund 1,5 Mio. Tonnen lebenswichtiger Güter nach Berlin transportiert. Alle 2 bis 3 Minuten landet eine Maschine – von den Berlinern "Rosinenbomber" genannt – auf einem der drei West-Berliner Flughäfen. Beendet wird die Blockade erst am 12.5.1949.





23.7.1948

Aufruf zur Gründung einer freien Universität Berlin

Der am 19.6. konstituierte "vorbereitende Ausschuss zur Gründung einer freien Universität" wendet sich am 23.7. mit einem Manifest an die Öffentlichkeit, mit der Bitte, die Gründung einer freien Universität zu unterstützen.

Gründungsaufruf:
www.fu-berlin.de/uniarchiv/fugeschichte/archivschaufenster/gruendungsaufruf/





24.7.1948

Der Gründungsausschuss eröffnet das Sekretariat der FU.

Das Sekretariat ist im Haus Boltzmannstraße 4 untergebracht, das der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft gehört. Durch Privatspenden kann es mit Tischen, Stühlen und einer Schreibmaschine ausgestattet werden.

Am ersten Tag erscheinen 120 Besucher und über 80 Telefonanrufe gehen ein. Im Verlauf der ersten Woche lassen sich 1 200 Studierwillige provisorisch registrieren. Als am 11.9. die offiziellen Anmeldeformulare ausgegeben werden, haben sich schon über 3 000 Interessenten gemeldet.

Schwarz-Weiß-Foto: Die ersten Studierwilligen an der FU
Die ersten Studierwilligen




22.9.1948

Der Magistrat von Groß-Berlin stimmt der "Errichtung einer Freien Universität" zu.

Der Magistrat beauftragt die Abteilung für Volksbildung, umgehend eine Satzung für die Universität zu entwerfen, damit der Lehrbetrieb zum Wintersemester 1948 aufgenommen werden kann.

Siehe den Eintrag zum 4.11.1948





Oktober/November 1948

Proteste der Studentenräte in der sowjetischen Besatzungszone gegen die Errichtung der Freien Universität

Am 25. Oktober 1948 drückt der Vorsitzende des Studentenrats der Universität Greifswald in seinem Brief an den "vorläufigen Studentenausschuss der Freien Universität" die "Empörung" des Studentenrats aus, dass sich "Studenten, die sich Deutsche nennen", zum "Werkzeug und Aushängeschild von Mächten" gemacht haben, "die die Zerreißung Deutschlands beabsichtigen".

Am 2. November 1948 lehnt der Studentenrat der Universität Leipzig in einem Schreiben die Gründung der Freien Universität ab.

Am 6. November 1948 verweigert der Studentenrat der Friedrich-Schiller-Universität Jena in scharfer Form die Zusammenarbeit mit dem Allgemeinen Studentenausschuss der "so gennanten Freien Universität".

In offiziellen DDR-Dokumenten blieb die Freie Universität bis 1989 eine "so gennante Freie Universität".





4.11.1948

Die Stadtverordnetenversammlung von Groß-Berlin genehmigt die Satzung der neuen Universität.

Das "Berliner Modell" zeichnet sich gegenüber der herkömmlichen Struktur der deutschen Universitäten durch zwei Besonderheiten aus:

  1. Die Wirtschaftsverwaltung der FU, errichtet in der Rechtsform einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, ist nicht dem Staat, sondern dem Kuratorium unterstellt. (Im Kuratorium sitzen 6 Vertreter des Landes Berlin und 3 Vertreter der Universität.)
  2. Die Studenten haben Sitz und Stimme im Kuratorium und in allen Gremien der akademischen Selbstverwaltung.




5.11.1948

Beginn der Immatrikulationen an der Freien Universität

Auf Beschluss des Kuratoriums werden am ersten Tag der Immatrikulation die Medi­zinstudenten von A bis K eingeschrieben. Das Immatrikulations­büro untersteht dem zum Quästor ernannten Medizinstudenten Karol Kubicki. Er und sein Kommilitone Helmut Coper entscheiden durch einen (von Kubicki gewonnenen) Münzwurf, wer von beiden die Immatrikulationsnummer 1 erhält.

Foto: Das erste Immatrikulationsbuch der FU
Erstes Immatrikulationsbuch der FU




10.11.1948

Friedrich Meinecke wechselt zur Freien Universität.

Der international angesehene Historiker Friedrich Meinecke, der eine Professur für Geschichte an der Berliner Universität Unter den Linden innehat, wechselt zur Freien Universität.

Am 4.12.1948 wird Meinecke Gründungsrektor der FU. Er amtiert bis zum Wintersemester 1949.

Siehe auch den Eintrag zu Herbst 1951

Schwarz-Weiß-Foto von Friedrich Meinecke
Friedrich Meinecke




15.11.1948

Beginn der Vorlesungen an der Freien Universität

Die ersten Vorlesungen finden an der Philosophischen Fakultät statt. Zu ihr gehören auch die Mathematik und die Naturwissenschaften. Mangels technischer Ausstattung kann noch keine eigenständige Naturwissenschaftliche Fakultät eröffnet werden. Untergebracht ist die Philosophische Fakultät in der Boltzmannstraße 3 (ehemals Kaiser-Wilhelm-Institut für Biologie). Im selben Gebäude wird auch das Immatriku­lationsbüro eröffnet.

Die Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät beginnt ihren Vorlesungsbe­trieb am 22.11. in der Ihnestraße 22. Am selben Tag nimmt die Medizinische Fakultät an zehn Kliniken in Berlin ihren Lehrbetrieb auf, unter anderem im Städtischen Kran­kenhaus Westend, in der Städtischen Frauenklinik Charlottenburg und im Kaiserin-Auguste-Viktoria-Kinderkrankenhaus.

Die Universitätsleitung zieht in das Haus in der Boltzmannstraße 4, das 1927 für die Bauabteilung und das Planarchiv der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft errichtet wurde.

In ihrem ersten Semester hat die Freie Universität 2 140 Studenten (ausgewählt aus 5 500 Bewerbern) und 128 Professoren, Dozenten und Lehrbeauftragte. Im Besitz der Universität befinden sich schon 350 000 Bücher, die innerhalb von drei Monaten durch Spenden und Ankäufe erworben werden konnten.

Die FU übernimmt mehrere in Dahlem gelegene Gebäude der ehemaligen Friedrich-Wilhelms-Universität. Außerdem stellt die Max-Planck-Gesellschaft zahlreiche Insti­tutsgebäude der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Dahlem zur Verfügung.

Zur Unterbringung von Instituten werden zusätzlich Villen gemietet. Unter den Studen­ten wird der Satz "Wo Villen sind, ist auch ein Weg." zum geflügelten Wort (Beispiel eines Mietvertrages).

"Wir fingen mit einem Stuhl und einzelnen Kisten an, in einem von der Mili­tärregierung geräumten kleinen Haus, das dann Rektor und Senat, AStA und Außenkommission beherbergen sollte, und die Frühzeit der Wissenschaft lebte noch einmal auf in dem größeren Haus der Philosophischen Fakultät, das alle Institute dieser Fakultät unter einem Dach vereinte: Kunst und Theater über den Sprachen der Welt, die Philosophie im Erdgeschoss, und ganz oben, in den niedrigen Räumen unter dem Dach, das Kaffeestübchen für den nützli­chen Müßiggang."
Klaus Heinrich – Gründungsstudent, später Professor am Religionswissenschaftlichen Institut der Freien Universität – im Rückblick (1967)

Schwarz-Weiß-Foto: Das erste Hauptgebäude der FU in der Boltzmannstraße 3
Studenten vor dem ersten Hauptgebäude der
FU in der Boltzmannstraße 3 (1949)

Schwarz-Weiß-Foto: Eingang Ihnestraße 22
Eingang Ihnestraße 22




18.11.1948

Der vorläufige "Allgemeine Studentenausschuss" (AStA) erlässt das "studentische Statut für die Freie Universität Berlin".

Die Satzung sieht die Institutionalisierung der studentischen Öffentlichkeit als Studentenparlament vor. Anstelle des "Studentenrates" treten der "Konvent" als Legislative und der "Allgemeine Studentenausschuss" als Exekutive. Der Vorsitzende des AStA soll vom Konvent gewählt, der AStA in seiner Gesamtheit vom Konvent bestätigt werden.

Der AStA ist im Gebäudekomplex in der Boltzmannstraße 9 untergebracht. Hier stehen auch zwei Baracken als Mensa zur Verfügung. Auf dem Gelände befand sich zuvor der Ententeich des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Biologie, der 1938 in ein Schwimmbad für KWI-Mitarbeiter umgebaut wurde. (Heute befindet sich hier das Auditorium des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft.)

Schwarz-Weiß-Foto: Die Mensabaracke
Die Mensabaracke




4.12.1948

Gründungsfeier der "Freien Universität Berlin"

Aus Friedrich Meineckes Ansprache:
"Wir wissen, dass auch drüben, trotz des Irrtums über die Zeitlage, in dem man dort befangen ist, das Streben nach Wahrheit und Freiheit keineswegs erloschen ist. Fern bleibe darum der Gedanke, einen unmittelbaren Kampf der beiden Universitäten miteinander zu beginnen. Nicht Kampf gegeneinander, sondern Wetteifer miteinander sei unsere Losung!"

Aus der Ansprache von Oberst Frank L. Howley (Kommandant des amerikanischen Sektors in Berlin):
"Ich möchte, dass, wenn Sie [angesprochen sind die Studenten] sich mit der Erfindung Röntgens beschäftigen, Sie sich daran erinnern, dass der wichtigste Bestandteil des Menschen nicht mit Röntgenstrahlen ermittelt werden kann."

Die Gründungsfeier wird im Titania-Palast veranstaltet, einem Kino im Bezirk Steglitz, das den größten im amerikanischen Sektor verfügbaren Saal bietet. Die Ansprache des erkrankten ersten Rektors, des Historikers Friedrich Meinecke, wird über Rundfunk in den Festsaal übertragen.
Die Eröffnungsrede hält Ernst Reuter, der gewählte Oberbürgermeister von Berlin und Vorsitzende des FU-Gründungsauschusses. Es sprechen außerdem: der Geschäftsführende Prorektor Edwin Redslob, der Studentenvertreter Heinz Rögner-Franke, der Kommandant des amerikanischen Sektors Frank L. Howley, die amtierende Oberbürgermeisterin Louise Schroeder und, als Repräsentant der Princeton University sowie der Yale University, der Schriftsteller Thornton Wilder.

Weitere Informationen zur Gründungszeit und zur Gründungsfeier (u. a. die Texte der Eröffnungsreden): www.fu-berlin.de/fun/1998/12-98/home.htm

Schwarz-Weiß-Foto: Gründungsfeier der FU im Titania-Palast
Gründungsfeier im Titania-Palast




Dezember 1948

Der Akademische Senat beschließt die Einrichtung der "Außenkommission".

Angesichts der besonderen Lage Berlins wird an der FU die "Außenkommission" eingerichtet, die damit beauftragt wird, enge Kontakte zu den Universitäten und wissenschaftlichen Institutionen der Bundesrepublik und des Auslandes zu knüpfen.

Die Kommission plant Gastvorlesungen, betreut ausländische Dozenten und Studenten und fördert den Studentenaustausch. Sie organisiert außerdem Sprachkurse für Ausländer.

Als Außenreferent der Studentenvertretung ist der FU-Gründungsstudent Horst Hartwich Mitglied der Kommission. Seit 1953 ist Hartwich hauptamtlich für die Außenkommission (später: Außenamt) tätig und gestaltet bis zu seiner Pensionierung 1989 wesentlich die Außenbeziehungen der FU, insbesondere diejenigen zu den Vereinigten Staaten.

Die Aufgaben der "Außenkommission" werden inzwischen von der Abteilung IV "Außenangelegenheiten" wahrgenommen.

Schwarz-Weiß-Foto von Horst Hartwich
Horst Hartwich

 


Verantwortlich für den Inhalt: chronik@fu-berlin.de – zuletzt aktualisiert am: 19.01.2016

 

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