Möglichkeiten postmoderner kritischer Psychologie
Es hat so etwas gegeben wie eine kritisch-psychologische Bewegung. Seit Anfang der 70er Jahre hatten sich in einigen deutschsprachigen Regionen, meist an oder im Umfeld großer universitärer Ausbildungs- und Forschungseinrichtungen für Psychologie, StudentInnen, jüngere WissenschaftlerInnen und einige ProfessorInnen zusammengetan, um am Projekt einer 'radikalen Kritik bürgerlicher Psychologie', die 'zugleich Kritik an der bestehenden Gesellschaft' (Psychologie & Gesellschaftskritik 1977, S.1) sein sollte, zu arbeiten. Sie waren oft bitter zerstritten, aber ihre Bewegung wies Merkmale einer wissenschaftlichen Gemeinschaft sensu Kuhn auf:
Diese Szenerie ist in Auflösung begriffen. 1996 hat eine der dazugehörenden Zeitschriften, das kritisch-psychologische Review 'Psychologische LiteraturUmschau' sein Erscheinen eingestellt. Herausgeber und Redakteure begründen diesen Schritt, indem sie einen 'Verfall einer gesellschaftskritischen Psychologie' behaupten. Sie verweisen u.a. auf die sich nunmehr 'weithin dekonstruktiv' (sic) verstehende feministische Psychologie und 'die Verwandlung der Zeitschrift Psychologie & Gesellschaftskritik in ein Journal für Postmoderne'. Als einzige 'resistent gegen die meist geräuschvoll vollzogenen postmodernen Aktualisierungen...[sei]... die Kritische Psychologie Holzkampscher Prägung, die ihrem subjektwissenschaftlichen ... Kategorialsystem verpflichtet' bliebe. 'Demgegenüber ist es einer postmodern gewendeten Psychologie an der Dekonstruktion gerade des Realismus kritischer Psychologie gelegen, wobei die Wirklichkeit des real und global existierenden Kapitalismus und des Individuums zu einer nur intersubjektiv wirksamen Konstruktion ... entobjektiviert wird, derer sich entsprechend Gesellschaftstheorie als 'große Erzählung' gar nicht mehr bemächtigen könne' (Psychologische LiteraturUmschau 1996, S.3 und S.13f).
Auch wenn man sich zu den Angegriffenen zählen muß und sich nicht auf die im Umfeld der Zitate mitgeschriebene Enttäuschung, Wertung und Aggression einlassen will, kann man dieser Lagebeschreibung in Ungefähr zustimmen. Nehmen wir als Indiz:
Etwa zeitgleich mit dieser Philippika erschien ein Heft von 'Psychologie und Gesellschaftskritik' mit dem Schwerpunktthema 'Technik und Erotik'. Im Editorial heißt es: 'Mit diesem Heft wollen wir nicht einfach in die Kerbe gewohnter kulturpessimistischer, entfremdungstheoretischer oder generell kapitalismuskritischer Klagen einschlagen. ... P&G will seinen LeserInnen nicht eine Verlängerung dieses Diskurses zumuten, sondern eine vielleicht zukünftig psychologisch (das ist für uns auch psychologiekritisch) relevante Thematik eröffnen. ... Die neuen Technologien könnten Diskurspraktiken formen, in denen sich Subjektivität den technischen Modalitäten entsprechend andersartig neu bildet. ... Die Grenzlinien ...werden sich verwischen. ...Kritik ... hier also nicht als Zurückholen des Neuen auf ein Davorliegendes, letztlich Vertrautes, sondern als Versuch, noch nicht Eindeutiges aufscheinen zu lassen. Dann würden Brüche überkommener Diskurse ins Spiel kommen.' (Psychologie & Gesellschaftskritik 1996, S.3ff). - So etwas würde von den Verfallsdiagnostikern vermutlich als Abschluß ihrer Bilanz gelesen.
Aber auch auf der anderen Seite folgte eine Bekräftigung auf dem Fuß: Im Februar 1997 fand in Berlin ein Kongreß unter dem Titel 'Kritische Psychologie als marxistische Subjektwissenschaft' statt, gut besucht und von sicher nicht wenigen Teilnehmenden verstanden als die trotzige Demonstration des Hier-sind-wir-noch. Die auf Bejahung zielende Leitfrage lautete: 'Kann Kritische Psychologie heute noch marxistisch sein, muß sie marxistisch sein?'. Zu den offener formulierten Zusatzfragen ('Wie muß sich Kritische Psychologie entwickeln, damit sie marxistisch bleiben kann?', 'Wie ist im Zeichen allenthalb diskutierter Globalisierung des Kapitalismus subjektive Handlungsfähigkeit zu deuten?', 'Wie hat sich das Verhältnis Kritischer als marxistischer Psychologie zu feministischen, postmodernen, psychoanalytischen Ansätzen entwickelt?') wurde differenziert, jedoch die Ausgangsposition letztendlich affirmierend gearbeitet. (vgl. Fried u.a. 1998).
Also: Verfällt ein großer Teil kritischer Psychologie postmoderner Beliebigkeit, wogegen allein eine marxistische Psychologie des gesellschaftlichen Subjekts sensu Holzkamp resistent wäre, ein gesunder Kern, um den herum, wenn überhaupt, das Gedeihen einer kritischen Psychologie der Zukunft zu erwarten wäre?
Einer solchen Einschätzung möchte ich - fast spiegelverkehrt - meine These gegenüberstellen: Die systematische Verbindung von kritischer Psychologie und Gesellschaftskritik stellt eine lokale und temporäre Besonderheit dar, was, obschon zu Zeiten gut begründet, die deutschsprachige kritische Psychologie gegenüber anderen relevanten Diskursen mit kritischem Potential isoliert hat. Entwürfe großer Zusammenhänge, wie sie besonders ausgeprägt in der Subjektpsychologie Holzkamps geschaffen wurden, haben den Blick verstellt. Dem dort noch einmal unternommenen Versuch, konzeptionell auf einer Einheit von Psychologie- und Gesellschaftskritik zu beharren, stehen inzwischen - und das ist gut so - Auflösungstendenzen gegenüber, die sich als Vielfalt und Paralogien dem zeitgenössischen Denken eingeschrieben haben. Ich sehe die Kleinteiligkeit postmoderner Diskursformen, ihre Beweglichkeit und Unabschließbarkeit, als Chance zur Auflösung einer Blockierung, in die spezifische historische und institutionelle Verhältnisse die kritischen Psychologien einmal getrieben haben. Die damit verbundene Krise, auch wenn sie einen Verfall von in zwanzigjähriger Arbeit errichteten Theoriegebäuden und Anschauungsweisen bewirkt hat, könnte heilsam sein.
Zunächst möchte ich an die Umstände erinnern, unter denen kritische Psychologie entstanden ist. Es war die westdeutsche Studentenbewegung, in der, verbunden mit der Revolte gegen als repressiv empfundene tradierte Lebensformen und imperialistische politische Herrschaft, das Bedürfnis formuliert wurde, intellektuell die Bedingungen ausfindig zu machen, unter denen 'falsches Leben' möglich und zwingend geworden war, um sie zu verändern und damit an der Wurzel jener Verhältnisse die Voraussetzungen schlechter Praxis aufheben zu können. Nach anfänglichen, eher unglücklich verlaufenen Flirts mit den damaligen Nachklängen der Kritischen Theorie sowie Marcuses Theorie der falschen Bedürfnisse wurde man fündig bei den Entwürfen linker Intellektueller der zwanziger und frühen dreißiger Jahre. Jene waren durch das Zuschlagen der Nazis unerledigt geblieben. Sie wollten der ökonomischen, politischen und kulturellen Hegemonie des konservativen Bürgertums Vorstellungen vom gesellschaftlichen Fortschritt entgegenhalten. Verbreitet suchten und praktizierten sie Möglichkeiten geistiger und kultureller Arbeit im antikapitalistischen und antifaschistischen Kampf. Daran wurde in der Studentenbewegung angeknüpft. Psychologen konnten u.a. aus der Geschichte des Frankfurter Instituts für Sozialforschung lernen, speziell sich an Max Horkheimers Diktum von der Psychologie als Hilfswissenschaft der Geschichte orientieren (vgl. Brückner 1982). Um 1970 meinte man allerdings auch: dies sei weiterdenken, vor allem müsse man sich verbinden mit revolutionären proletarischen Bewegungen (Anm. 1). Hatte an den Universitäten anfangs eine breitgefächerte antiautoritäre Kritik gegen die Zumutungen einer positivistischen, die kapitalistischen Verhältnisse nur recht und schlecht reproduzierenden Wissenschaft aufblühen können, konzentrierte und reduzierte sich die kritische Bewegung bald wieder: man wollte den Gesamtzusammenhang zwischen gesellschaftlichem Prozeß, Ideologie und Wissenschaft begreifen, Theorien entwickeln und, von ihnen angeleitet, als ideell geeinigte Avantgarde in den politischen Kampf eingreifen. Als gesellschaftswissenschaftliche Referenz dienten die Schriften von Marx und Engels. Auf diese Weise wurde die intellektuelle politische Auseinandersetzung mit den 'bürgerlichen Verhältnissen', wie sie es in hilfloser Allgemeinheit oft nannten, geführt. Auch eine Variante kritischer Psychologie hat hier ihren Ursprung: die institutionelle und konzeptionelle Kritik der Psychologie als bürgerliche Wissenschaft, deren Verkehrtheit, deren Widersprüche sie als historisch und gesellschaftlich beschränkt aufweisen würde, ein zu denunzierender Prozess mit punktuellen Ansatzpunkten zu emanzipatorischer Arbeit (vgl. Rexilius 1988). Andere, durch spezifische institutionelle Umstände ermuntert (Anm.2), gingen weiter: sie machten sich daran, ein umfassendes theoretisches Verständnis des Menschen in der Natur- und Gesellschaftsgeschichte zu entwickeln. Das war der Weg, den Klaus Holzkamp und seine MitstreiterInnen in Berlin einschlugen (cf. Tolman und Maiers 1991). Den beiden hier genannten Varianten war, trotz vieler Differenzen, der Bezug auf die marxistische Gesellschaftstheorie gemeinsam. Für sie, wie für die Gesamtheit der westdeutschen kritischen PsychologInnen, galt in den 70er und bis in die 80er Jahre hinein ein paradigmatisch zu nennendes Einverständnis von der Einheit von Psychologie und Gesellschaftskritik.
Der Rückgriff auf die wissenschaftlichen Arbeiten der intellektuellen Linken der Vor-Nazi-Zeit und das umstandslose Aufgreifen der marxistischen Klassiker war der jüngeren deutschen Geschichte geschuldet: Es war eine, wahrscheinlich notwendige, Nachholbewegung. In Westdeutschland hatte Marx über drei Jahrzehnte nicht zur Spache kommen können, war von einer sozialen und diskursiven Bewährung ausgeschlossen worden. Das ermöglichte seine idealisierte Wiederkehr, eine Wiederkehr des Verdrängten. Erneut war damit jedoch Abwehr und Ausschluß verbunden, diesmal vollzogen von den neuen Linken selbst. Sie wollten die Erfahrungen und Einsichten von Intellektuellen anderer Länder, die diese in ihren jeweiligen Kontexten mit ihrem praktizierten Marxismus oft schmerzhaft hatten vollziehem müssen, nicht zur Kenntnis nehmen. Hier wäre vor allem zu nennen:
Die meisten westdeutschern Intellektuellen der endsechziger und siebziger Jahre, unter ihnen die kritischen Psychologen aller Spielarten, nahmen das erst spät, nach dem Abklingen ihrer Marx-Fixierung nach und nach zur Kenntnis. Wenn Derrida von Marx' Verfügungen (1995) spricht, verweist er auf die 'gespenstischen' Spuren von Marx, die als solche eingeschrieben sind in die Geschichte der Intellektuellen in Frankreich. Wir Deutschen haben eine zeitlang Marx verdinglicht. Es drängt sich auf zu sagen: ihm ein Totem errichtet.
Kritische PsychologInnen neigen dazu, gegen nicht-marxistische Zeitdiagnosen in der Form von psychologischen und philosophischen Dekonstruktionen des gesellschaftlichen Subjekts 'wahre' Zusammenhänge zu behaupten. Dabei äußern manche ihre Kritik in beklagenswerter, leider vertrauter Weise: es werden 'Standpunkte' geltend gemacht, ein 'Gegner' benannt (nicht selten disputdienlich konstruiert) und anschließend vernichtend bekämpft. Der Habitus ist der des Beharrens - in eigenartigem Kontrast zum Impetus des Veränderns, der sich aus den kritischen Lehren ergeben sollte. Diesen Habitus wage ich als linken Konservatismus zu bezeichnen. Er mag einige Zeit seine Begründung aus der Notwendigkeit eines forcierten Nacharbeitens bezogen haben. So weit er darüber hinaus aufrecht erhalten wird - und das war und ist vielen kritischen PsychologInnen bis in die Gegenwart eigen - verschließt er sich dem Zeitgeist. Im Widerstreit der differierenden kritischen Diskurse riskiert er, nurmehr als mehr oder weniger sympathisches Relikt einer großen Erzählung von gestern vernommen zu werden.
Dieser, den spezifischen historischen Kontexten geschuldete Habitus, hat auch sein theoretisches Gesicht. Dies soll anhand eines Ausschnitts aus Holzkamps Kategorienlehre in seiner 'Grundlegung der Psychologie' (Holzkamp 1983, im folgenden S.482 ff u.v.a.):
Klaus Holzkamp konzipierte ab etwa 1979 eine Psychologie, die auf das Subjekt mit den Möglichkeiten seines bestimmten Handelns fokussiert. Demnach 'begründet' das Subjekt sein Handeln entsprechend den Möglichkeiten, die sein unmittelbarer Erfahrungsraum mit seinen meist gebrochenen, 'verkehrten' Verweisungen auf gesellschaftliche Bedeutungen bietet. Dieser sogenannte 'Begründungsdiskurs', den nur das jeweilige Subjekt sprechen kann, ist nicht hintergehbar. Jedoch verfängt er sich unter kapitalistischen Verhältnissen in den Einschränkungen der 'Unmittelbarkeit'. Hier ist den Menschen die Verfügung über die materiellen und sozialen Bedingungen, unter denen sie handeln können, entzogen. In der ihnen unmittelbar nur möglichen 'restriktiven Handlungsfähigkeit' praktizieren sie Selbstunterdrückung. Sie reproduzieren ihren eigenen Ausschluß von Verfügungsmöglichkeiten. Jenen mittelbaren gesellschaftlichen Zusammenhang schrittweise wiederherzustellen, durch die Widersprüche und Verweisungen der unmittelbaren Bedeutungsstrukturen hindurch, ist prinzipiell via gemeinsames Handelns möglich(im Modus der 'erweiterten Handlungsfähigkeit'). So könnte letztlich die Verfügung über die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Handelns gewonnen werden. Das Ziel wäre die Emanzipation von den gesellschaftlichen Restriktionen der subjektiven Handlungsfähigkeiten, was die Überwindung restriktiver Gesellschaftsformationen implizieren würde.
Nur: wer weist den Weg? In der psychologischen Praxis, etwa als Berater, Therapeut, Lehrer oder als Autor einer kritischen Abhandlung ist es: der Kritische Psychologe, der einen die Widersprüche der Bedeutungsverweisungen markierenden, sowie sie potentiell aufheben könnenden Wissens- und Handlungsvorsprung hat. Einfach gesagt: der es besser weiß. Ein solches (Besser-) Wissen um die Zusammenhänge der gesellschaftlichen Existenzerhaltung jenseits der unmittelbar anschaulichen Zusammenhänge je individueller Lebensbedingungen, ein Wissen um die gesamtgesellschaftliche Synthese der Bedeutungsstrukturen, ist die Option der Kritischen Psychologie.
Es ist die Option für einen Diskurs der großen Zusammenhänge, des Wissens der gesellschaftlichen und historischen Wahrheit. Nun sind wir spätestens seit Foucaults und Lyotards Analysen darauf aufmerksam gemacht worden, wie sehr solche Diskursformen Ausschließen und Recht-haben-wollen begünstigen. Eine solche Haltung ist eben auch der Kritischen Psychologie eingeschrieben, als scharfes Paradox zu ihrer prinzipiellen Anerkennung der Unhintergehbarkeit subjektiver Begründungsmuster (Anm. 3).
Wenn wir mit dem postmodernen Philosophen Lyotard an das Ende großer Erzählungen glauben und den Terror der geschlossenen Systeme (Lyotard 1979) fürchten, scheint Distanz zu Holzkamps Kritischer Psychologie angezeigt. Soll sie, als ein in unserer Disziplin noch einmal gewagter Entwurf im Geist der Moderne, zu den Akten der Geschichte gelegt werden? Ich möchte nicht in diese Richtung argumentieren. Wie an anderer Stelle ausgearbeitet (Mattes 1994), läßt sich zeigen, daß auch Holzkamps Kategoriensystem ein Dekonstruktionspotential in sich birgt: sofern man es gegen den Strich liest, gerade in der Kategorie der 'restriktiven Handlungsfähigkeit'. Diese Kategorie sieht die Subjekte als unfähig, unmittelbar die im System unterstellten großen historischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge zu begreifen oder handelnd zu erreichen. Hier sei darauf hingewiesen, daß es möglicherweise genau die den Subjekten sich einschreibenden 'restriktiven' Diskurse sind, die von postmodernen Möglichkeiten sprechen. In ihnen scheinen Differance und Paralogien auf, die uns auf Spuren jenseits von System und sinnstiftender Ordnung führen können. Dies entspräche zwar nicht der Erwartung einer Utopie eines festzuschreibenden emanzipativen Fortschritts, würde aber die Chance eröffnen, sich aus den Zwängen illusionärer Handlungsziele zu befreien. Ergäbe dies nicht eine aktuell in Erwägung zu ziehende Beweglichkeit, mit der gegen Selbstunterdrückung Handlungsfähigkeit zu gewinnen wäre? Auch könnten Kritische PsychologInnen durch dekonstruktionistisches Denken auf Spuren von Brüchen ihres kategorialen Systems selbst verwiesen werden. Es wird in der Kategorie des Restriktiven das Nicht-Restringierte enthalten sein - als das Andere seiner selbst, das nicht in der einfachen Opposition der 'Verallgemeinerung' aufzuheben ist. Den eindimensionalen Systemzusammenhang aufzuschnüren wäre ein Weg, um die Potenzen kritisch-psychologischer Arbeit einer postmodernen Denkhaltung zu erschließen.
Postmodernem Denken wird von Kritischen PsychologInnen meist Beliebigkeit vorgeworfen: in diese Opposition begiebt sich Kritische Psychologie. Dies entspricht einem Habitus, der einigermaßen zwingend aus der internen Verbindlichkeit der Holzkampschen Grundlegung der Psychologie folgt. Wissen verpflichtet, Wahrheit ist verbindlich (Anm 4). Holzkamp hat mit seiner subjektwissenschaftlichen Psychologie ein gedankliches System von hermetischer Folgerichtigkeit, Widerspruchsfreiheit und Universalität entworfen. Er besteht darauf, daß sein Kategoriensystem jedweder Analyse zugrunde zu legen sei. Produktion und Reproduktion von Gesellschaft durch die gesellschaftlichen Subjekte soll in ihm philo- onto- und aktualgenetisch zu Ende gedacht, auf den Begriff gebracht sein. In praktischer Hinsicht soll Kritik an vorgefundener Psychologie nach Holzkamp zu 'mehr Wissenschaftlichkeit' führen. Er stellt definite Normen wissenschaftlichen Denken und Handelns auf, die sich ebenfalls konsequent aus seinem kategorialen System ergeben. Nach der Lehre der Kritischen Psychologie Holzkamps handeln Subjekte, das sind auch Forscher und wissenschaftlich angeleitete psychologische Praktiker, entsprechend ihren subjektiven Möglichkeitsräumen, deren Beschränkungen sie zielgerichtet überwinden können und sollen. Das Wie und Wohin dieser Prozesse hat sich in Beschreibung und Analyse strikt aus der konzeptionellen Vorgabe der subjektwissenschaftlichen Kategorien zu ergeben. Holzkamps Kritische Psychologie imponiert als ein geschlossenes epistemologisches System.
Diese Art kritischen Denkens und Handelns gleicht dem, was Michel Foucault in seinem Vortrag 'Was ist Kritik?' (frz. 1990, dt.1992) eine speziell deutsche (preußische, P.M.) Variante der Kritik nennt: Angesichts ihrer Verbindung mit den Institutionen staatlicher und wirtschaftlicher Herrschaft mißtraut das erkennende Subjekt der als Wissenschaft verfaßten Vernunft - bedient sich jedoch dabei eben dieser Vernunft im Sinne einer besseren Wahrheit (Anm. 5). In einer solchen Diskursbewegung werden die einschlägigen Dispositive der Macht eher verstärkt denn durchlöchert. Kritische Psychologie gründet sich nicht nur in den (besseren) Traditionen deutscher Wissenschaft, sie vollzog auch aufs Neue die von Foucault beschriebene Bewegung. Im speziellen Fall, einem Teil der Vorstellungen der 1968 aufbegehrenden akademischen Jugend Westdeutschlands entsprechend, war ein unterbrochener Diskurs der wissenschaftsförmigen Vernunft aufs neue eingefordert und weitergeführt worden. Ich möchte dies als konservative Verankerung bezeichnen.
Es ging aber auch anders unter deutschsprachigen kritischen Psychologen. Die Nennung zweier derartiger Varianten, der von Heiner Keupp begründeten Reflexiven Sozialpsychologie sowie der Art kritischer Psychologie, wie sie in der Zeitschrift 'Psychologie und Gesellschaftskritik' ihr Kommunikationszentrum gefunden hat, darf hier genügen (Anm. 6).
Die Reflexive Sozialpsychologie hat sich aus gemeindepsychologischen Erfahrungen heraus entwickelt. Der üblichen therapeutischen, klinisch-psychologischem Praxis, in der über das Defizitäre das Gesunde normiert wird, setzt sie ein kommunitäres Empowerment als professionelle Strategie entgegen. In einigen feldforschenden Untersuchungen, vor allem aber durch intensive Diskussionen von Praxismöglichkeiten außerhalb der Universität wurden sie als Gemeinde- und SozialpsychologInnen auf die Vielfalt, auf die Heterogenität der Lebensformen in unseren Städten aufmerksam. Anfängliche Versuche, diese mittels symbol-interaktionistischer oder marxistisch-sozialpsychologischer Systeme zu ordnen, konnten als den Verhältnissen inadäquat nicht aufrecht erhalten werden. Seit Mitte der 80er Jahre drängten sich ihnen postmoderne Sichtweisen auf. Vor allem das Denken des polnisch/englischen Sozialphilosophen Zygmunt Baumann gewann an Einfluß. Es werden fragmentierte Lebenswelten mit ihren Chancen und Risiken als theoretisch und praktisch unhintergehbar gesehen, die Erzählungen vom 'proteischen', sich im vielfältigen Wandel nicht sich selbst finden könnenden Selbst, als Deutungsangebote unserer Zeit hingenommen. Diese kritischen PsychologInnen haben sich vom Systemdenken nicht in epistemologischer Auseinandersetzung sondern vorwiegend über die Reflexion der Erfahrungen professioneller Arbeit gelöst. Obgleich ihre Arbeit durchaus Wissenschaftskritik evoziert, speist sie sich primär aus der Quelle professionell vermittelter Alltäglichkeit. Es entstehen so keine Konzepte des Allgemeinen, keine großen Erzählungen mehr, sondern - Lyotard könnte es gefallen - Angebote der reflexiven Verständigung über das Lokale, Temporäre und Disjunktive.
Weiter gegangen und so weit diversifiziert, daß sie als Gruppe mit einem Eigennamen nicht zu benennen wären, sind die AutorInnen der Zeitschrift 'Psychologie und Gesellschaftskritik'. Die redaktionelle Arbeitsweise dieser Zeitschrift begünstigte vom Beginn ihres Erscheinens an eine Offenheit, die sich der Festlegung auf eine politische Linie, auf eine wissenschaftliche Lehrmeinung oder gar auf ein kategoriales System entzog. Es wurden AutorInnen aufgefordert Arbeiten einzureichen, die sich mit den Verhältnissen ihrer Lebens- und Arbeitswelten kritisch reflektierend auseinandersetzten. Über die Veröffentlichung wird in Redaktionskonferenzen von einem heterogen zusammengesetzten Redaktionskollegium entschieden. Im Laufe der Jahre entwickelte sich so eine Zeitschrift, deren Schwerpunktthematiken sensibel die Bewegungen kritischer intellektueller Diskurse in und um die Psychologie nachzeichneten, begleiteten oder aktiv beeinflußten. Anfangs stand die Kritik an der akademischen und professionelllen Psychologie im Vordergrund, einschließlich des nach drei Jahrzehnten hier erstmals (!) wieder aufgenommenen Durcharbeitens der NS-Vergangenheit der deutschen Psychologie, dann linke Debatten um die Lebenswelten psychosozial und materiell Benachteiligter. Mehrere Themenhefte 'Frauen und Psychologie' verteilen sich über die Laufzeit der Zeitschrift. Mitte der 80er Jahre ging nichts am Thema Identität und Subjektivität vorbei, bald unter mehr und mehr poststrukturalistischem und diskursanalytischem Einfluß. Schließlich eröffnete Psychologie und Gesellschaftskritik in der deutschsprachigen Psychologie das Thema Postmoderne (Anm. 7). Kritik verstand sich hier als Denunziation und Dekonstruktion von heteronomer Macht, Utopie entwickelte sich kleinteilig an den Bruchlinien der Diskurse. Der Bezug auf Gesellschaft als fundamentale Relation ging allerdings, und das erscheint im Nachhinein betrachtet als folgerichtig, verloren. Eine marxistische Gesellschaftswissenschaft als unifizierende Grundlage war nicht mehr tauglich. All dies vollzog sich nicht als Ausführung eines Programms, als bewußte Abwendung von einmal formulierten Grundsätzen, sondern folgte eher empirisch diskursiven Bewegungen, in die sich die AutorInnen und RedakteurInnen hineingezogen sahen, selbst oft erheblich skeptisch und unsicher. Der kritische Impetus realisierte sich in der zu Beginn dieses Artikels zitierten Weise: als 'Wagnis, Brüche überkommener Diskurse ins Spiel zu bringen, als Versuch noch nicht Eindeutiges aufscheinen zu lassen' (Psychologie und Gesellschaftskritik, 1996, 4f). Es zieht sich keine systematisch gerichtete Kritik durch die diversen Inhalte, sondern es herrscht eher eine Form des Mißtrauens gegenüber Festgeschriebenem. Vielleicht eine Form der 'Entunterwerfung', die Foucault (1992) als den Kern der kritischen Haltung beschreibt.
Es wird nicht erstaunen, daß Psychologie und Gesellschaftskritik von den Denkern einer systematischen Gesellschaftskritik kritisch beäugt wird. Einige nahmen schließlich das Aufscheinen postmoderner Diskurse , was von ihnen als programmatische Wende unterstellt wurde, zum Anlaß, den Verfall der kritischen Psychologie zu verkünden (s.o.). Gerade für diese Perspektive sollte hier argumentiert werden.
Ein Bild aus Peter Handkes Stück 'Zurüstungen für die Unsterblichkeit. Ein Königsdrama' soll dieses Plädoyer für eine postmoderne kritische Psychologie beschließen. Dort gibt es die Figur der jungen schönen Wandererzählerin. Sie kann um- und wegerzählen. Ihr Schlußmonolog:'Ich habe [unsere Geschichte] nicht im Voraus gekannt, und sie wurde mir erst klar, oder halbwegs klar, im Verlauf des Erzählens. Sie hat gespielt zu einer Zeit, da Gott, oder wer, längst alles gesagt hatte, was zu sagen war; da demgemäß auch längst keine Propheten, oder wie sie heißen, mehr auftraten, es sei denn falsche; da es aber auch keine Geschichtsschreiber mehr gab, denn es gab in ihrem Sinn keine Geschichte mehr; und da doch dies und jenes weiterhin durch die Lüfte geisterte - so wie hier angedeutet. Zuzeiten geht es mit dem Weltlauf nicht weiter, weil zu vieles verschlossen ist - zuzeiten, weil zu vieles offensteht: Für beide Fälle bin ich da mit meinem Weg- oder Dazuerzählen. Und ihr erzählt die Geschichte gefälligst weiter, oder versucht es.' (Handke 1996, 133).
Auch noch da - fast hätte die Erzählerin sie vergessen - ist eine Gruppe von bedrohlichen Figuren, die die 'Raumverdränger' genannt werden. Eine ihrer Waffen: Die Methode, alles auf den Punkt zu bringen. In der poetischen Zeitdiagnose Handkes sind sie die Reaktionäre.
Anmerkungen1) Die gab es nach Nationalsozialismus und Adenauerzeit jedoch nur noch rudimentär oder entstellt. Also gründeten sie Studenten kurzerhand neu, in ritueller Fortführung oder Wiederbelebung verlorener Formen - oder sie sympathisierten mit dem Realen Sozialismus und seinen bundesrepublikanischen Repräsentanten.
2) StudentInnen und kritischen WissenschaftlerInnen war es 1970/71 gelungen, an der Freien Universität Berlin ein Psychologisches Institut mit einem regulären Diplomstudiengang aufbauen zu können. Unter anderem machte dies die Entwicklung einer kritischen Psychologie erforderlich, die nicht nur in Frage stellte, sondern als positiv zu qualifizierende Wissenschaft zum Lehrgebäude und Ausbildungsinhalt taugte. (cf. Holzkamp 1972, Mattes 1988)
3) Sie war und ist ihrer Akzeptanz nicht förderlich. Selbst unter Linken wurde die Kritische Psychologie wegen ihres Ausschließlichkeitsanspruchs häufig angegriffen.
4) 'Verbindlich' wird in zwei konträren Bedeutungen gebraucht: Erstens im Sinne von verpflichtend, zweitens im Sinne von gefällig. Der norddeutsche Sprachgebrauch kennt eher die erste Bedeutung. In der 'Zauberflöte' des Österreichers Mozart trällert Papageno von Liebe und Behagen: 'Ein Mädchen oder Weibchen...,...wär Seligkeit für mich'. Diese Melodie erklingt täglich als Glockenspiel in der ehemaligen preußischen Residenz- und Garnisonstadt Potsdam. Dort wurde und wird dieser Melodie folgender Text unterlegt: 'Üb immer Treu und Redlichkeit / Bis an dein kühles Grab / Und weiche keinen Finger breit / Von Gottes Wegen ab.'
5) Foucault führt dies auf preussische Organisationsformen zurück, in denen Wissenschaft und Universität als staatliche Anstalten verbunden waren. Gibt es einen historisch spezifischen Zusammenhang zwischen der Verbindlichkeit von Denksystemen und Öffentlicher Ordnung?
6) Hier nicht berücksichtigt sind feministische Wissenschaftskritik und -praxis sowie kritische Ansätze aus der Psychoanalyse. Beide werden nicht zu den kritischen Psychologien i.e.S. gerechnet.
7) 'Postmoderne Herausforderungen' (Psychologie und Gesellschaftskritik 1992)
LiteraturBrückner, Peter (1982). Psychologie und Geschichte. Berlin.
Derrida, Jaques (1995). Marx' Gespenster. Frankfurt/M.
Foucault, Michel (1992). Was ist Kritik? Berlin.
Fried, Barbara, Kaindl, Christa, Markard, Morus & Wolf, Gerhard (Hsg) (1998). Bericht über den 4. Kongreß Kritische Psychologie. Erkenntnis und Parteilichkeit: Kritische Psychologie als marxistische Subjektwissenschaft. 6.-9.2.1997 an der FU Berlin. Berlin/Hamburg.
Handke, Peter (1997). Zurüstungen für die Unsterblichkeit. Ein Königsdrama. Frankfurt/M.
Holzkamp, Klaus (1972). Kritische Psychologie. Vorbereitende Arbeiten. Frankfurt.
Ds. (1983). Grundlegung der Psychologie. Frankfurt/M.
Horkheimer, Max (1968). Geschichte und Psychologie [1932]. In: Kritische Theorie. Frankfurt/M, S.15-30.
Keupp, Heiner (Hrsg) (1994). Zugänge zum Subjekt. Perspektiven einer reflexiven Sozialpsychologie. Frankfurt/M.
Mattes, Peter (1988). Das PI in Berlin - Wissenschaftskritik und Institution. Zur Geschichte eines psychologischen Instituts. In: Rexilius, Günter (Hrsg). Psychologie als Gesellschaftswissenschaft. Opladen. S.28-61.
Ds. (1994). Kritische Psychologie am Grabmal des Intellektuellen - 'Handlungsfähigkeit' in postmoderner Sicht. Journal für Psychologie 2 (2), S.29-36.
Psychologie & Gesellschaftskritik (1977), 1 (1)
Psychologie und Gesellschaftskritik (1992), 16 (63/64)
Psychologie & Gesellschaftskritik (1996), 20 (79)
Psychologische LiteraturUmschau (1996), 6 (2)
Rexilius, Günter (Hrsg) (1988). Psychologie als Gesellschaftswissenschaft. Geschichte, Theorie und Praxis kritischer Psychologie. Opladen.
Tolman, C.W. & Maiers, W. (Hrsg) (1991). Critical Psychology. Contributions to an Historical Science of the Subject. Cambridge/Mass.
Zygowski, Hans (1996). Die Verwandlung der Zeitschrift 'Psychologie und Gesellschaftskritik' in ein 'Journal für Postmoderne'. Psychologische LiteraturUmschau 6(2), S.13-14