Klaus-Jürgen Bruder

 

Klaus-Jürgen Bruder

 

Dekonstruktion psychologischer Subjektvorstellungen in der Krise der Moderne: Herausforderung der Postmoderne
(Auszüge aus: Journal für Psychologie 4, 1995, 1/ 1996, 27-38)



Es gibt heute kaum einen Bereich unseres Lebens, unseres Alltags und Berufs, unserer Praxis, oder kein Gebiet des Wissens, in dem nicht von einem "tiefgreifenden Wandel" die Rede wäre: Wandel der (Wert)-Haltungen und Einstellungen, der Arbeitsbedingungen und -verhältnisse, der Lebenstile, der (gesellschaftlichen) Bedingungen insgesamt, der theoretischen Auffassungen, der praktischen Antworten, Lösungsversuche, Interventionen. Wir sind inzwischen daran gewöhnt, diesen Zustand einen "postmodernen" zu nennen. Wir bezeichnen damit einen Zustand, in dem die bisherigen - die "modernen" - Orientierungen nicht mehr funktionieren, nicht mehr greifen. Postmoderne wird so zur Diagnose des Zerfalls, der Auflösung: Auflösung der Familie, der Nachbarschaften, der gewachsenen Strukturen und Identitäten. (van Reijen 1988, 397) Diese Situation kann die Sehnsucht nach der Rückkehr der alten Zustände entstehen lassen, verbunden mit dem Festhalten an den alten Lösungsmustern und Denkschablonen.

Die "postmoderne" Antwort auf die - postmoderne - Situation zeichnet sich nicht aus durch die Trauer über den Verlust der alten, liebgewordenen Orientierungen und Denkmuster, im Gegenteil: die postmoderne Antwort ist eher beflügelt durch die Freude über die endlich gewonnene Freiheit, neue Wege wählen zu können, uns etwas Neues ausdenken zu können. Zuweilen ist sie nicht frei von Spott über die, die am Alten festzuhalten versuchen. [...]

Der postmoderne Diskurs versteht sich als eine Kritik an den Vorstellungen der Moderne, an ihren Konzepten von Rationalität und Identität, an ihrem Versagen in politischen und ökonomischen Entscheidungen, an der Legitimationsfunktion ihrer "großen Erzählungen" - von Fortschritt und Emanzipation. Was die Moderne als "Rationalität" versteht, wird von der Postmoderne vielmehr als Einschränkung unseres Blickfeldes und unserer Erfahrung erlebt. Jede sogenannte Wahrheit sei eine bloß temporäre Wahrheit. (Hassan 1987) Eine "verbindliche Zielsetzung" für Theoriebildung und -anwendung könne nicht begründet werden. Das Ziel müsse vielmehr offen bleiben. Die Bewegung auf das Ziel könne nicht als Fortschritt definiert werden. Es gebe nicht nur ein Ziel, sondern viele und der Streit über die Ziele werde immer "unvermeidlich antagonistisch" bestimmt sein. (van Reijen 1992, 286) Nicht ein Antagonismus (Lohnarbeit und Kapital) sondern viele (283) Die "großen Erzählungen" der Aufklärung und des Idealismus und des Marxismus seien - als große Erzählungen - fehlgeschlagen in ihrem Versuch, eine heterogene Wirklichkeit unter eine einzige Perspektive zu fassen, sei es der Erkenntnistheorie oder der Emanzipation. Sie erzeugten damit Terror und nicht Humanität. Diese "Delegitimierung" bereitet der Postmodernität den Weg. (Lyotard 1979, 113, 118)

Seyla Benhabib versteht den postmodernen Diskurs als Kritik der westlichen Rationalität aus der Perspektive ihrer Peripherie, vom Standpunkt derer, die von ihr ausgeschlossen wurden. (Benhabib 1992, 14) Dieser Ausschluß - der Frauen, der Kinder, der Narren und der Primitiven - war die Kehrseite der grandiosen Vision der modernen westlichen Zivilisation, der "Aufklärung". Die Aufklärung hatte versucht, das "Andere", das Heterogene, aus der als homogen vorgestellten sozialen Wirklichkeit zu eliminieren. Deshalb wird das Denken der Aufklärung im postmodernen Diskurs als "totalitäres" denunziert. Jacques Derrida erkennt im "endlosen Spiel binärer Oppositionen" den Versuch, die Anwesenheit des Anderen in den Texten der westlichen Metaphysik zu löschen. Die Logik der binären Oppositionen sei eine Logik der Unterwerfung und der Beherrschung. (Derrida 1991) "Logik des Entweder-Oder". (Horkheimer & Adorno 1944, 53) Ebenso wie für Lyotard, ist für Derrida die Differenz unaufhebbar: "Differänz". Die condition postmoderne sei kein Pluralismus, sondern Folge von unlösbaren Gegensätzen. (van der Loo & van Reijen 199o, 261) Es gibt keine Synthesis, keine "Metasprache" (Lyotard), sondern viele Sprachen, viele Arten zu reden. Zwischen ihnen bestehe ein unaufhebbarer Widerstreit. (Lyotard 1983, 1o)

Der postmoderne philosophische Diskurs reflektiert den umfassenden kulturellen Transformationsprozeß der Moderne und dessen Konsequenzen für das Subjekt. Die Situation des Subjekts heute ist durch die Singularität des Augenblicks bestimmt, durch isolierte, punktuelle Augenblicke, die nicht in einem eindeutigen Zusammenhang mit vergangenen oder zukünftigen Ereignissen stehen. Der kommende Augenblick ist ungewiß und undeterminiert. Kein Blick auf Vergangenes oder Zukünftiges vermag Sicherheit (eines Sinnes) und Handlungsorientierung zu gewähren. Die Welt bricht unaufhörlich herein. Das Subjekt wird mit der Kontingenz konfrontiert.
"Die Position des Subjekts [ist heute] schlichtweg unhaltbar geworden. Heute ist niemand mehr in der Lage, sich zum Subjekt der Macht, des Wissens oder der Geschichte zu machen. ... diese unerfüllbare Aufgabe [ist] einfach lächerlich geworden ... mit dem Universum der Psychologie und der bürgerlichen Subjektivität. Wir erleben die letzten Zuckungen dieser Subjektivität, und dabei werden immer noch neue Subjektivitäten erfunden". (Baudrillard 1983, 14o)

Das Individuum als Subjekt, "das autonome Subjekt der philosophischen Aufklärung" (van Reijen 1992, 7) verstand sich als Herr über das Objekt: der Souverän, Bourgeois. Diesen Status hatten allerdings die wenigsten. Sie verharren im Zustand des Objekts. Dem Objekt wird der Subjekt-Status angedient: unterworfen, sich unterwerfend, werde es zum Herrn. "Das Subjekt ist im Anschluß an Kant definiert durch die Doppelung von Untertänigkeit und Freiheit" (Kittler 1988, 4o2) Das Individuum zerbricht an den Zumutungen, Subjekt sein zu sollen und es nicht sein zu können: Psychische Störungen als die Folge der "Überforderung des Ich". (van der Loo & van Reijen 199o, 23o) "Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus" (Freud). Freud hat allerdings die Position des Hausherrn weiterhin offen gehalten, so getan, als gebe es noch - in der Mietskaserne, in den Kasernen der Fabrik, indem er das Ich zum "dummen August" machte, der dem "niederen Gesindel der Triebe" nicht Herr werde. Das Ich wird kontrolliert durch Wünsche, Bedürfnisse und Kräfte deren Wirkungen sowohl die Inhalte seiner "klaren und distinkten Ideen" formen, als auch seine Fähigkeit sie zu organisieren. (Benhabib 1992, 2o7) Es ist nicht die Rede davon, daß ihm die Ressourcen vorenthalten werden, die zu seiner Realisierung erforderlich wären. (s. Wahl 1989) Der Wegfall der - sowohl ökonomisch wie normativ vermittelten - Selbstständigkeit, die dem inner-directed man der frühbürgerlichen Periode seine ungewöhnliche Ich-Stärke verlieh. (Breuer 1992, 89f)

Als Teil des epistemologischen Erbes der gegenwärtigen politischen Diskurse über die Identität ist das "Ich" in und durch den binären Gegensatz zwischen "Ich" dem "anderen" gestiftet. Diese Subjekt-Objekt Dichotomie (Hegelsches Modell der Selbst-Anerkennung) bedingt indes gerade die Problematik der Identität, die sie zu lösen versucht. Die für die epistemologische Betrachtungsweise charakteristische Sprache der Aneignung, Instrumentalität und Distanzierung gehört zugleich zu einer Herrschaftsstrategie, die das "Ich" dem "anderen" gegenüberstellt. Dieser Gegensatz wird als Notwendigkeit verdinglicht, indem der diskursive Apparat verschleiert wird, der diese Binarität konstituiert. (Butler 199o, 212)

Die postmoderne Provokation besteht nicht in der Auflösung des sozialen Bandes, sondern der Auflösung des isolierten Individums: Dekonstruktion der alten Subjekt-Vorstellungen. Dezentrierung des Subjekts heißt nicht einfach: Auflösung" - nicht nur daß das nicht neu ist, sondern postmodern ist nicht die Larmoyanz der Kulturkritik, sondern die Entpathologisierung dieser Erscheinungen mit der Perspektive der Befreiung von Einschränkungen von jeglichem Determinismus, Spiel und zugleich: der Grund dafür wird in der Entwicklung von Wissenschaft, Technik, Gesellschaft gesucht. Also wenn es eine Pathologie gibt, dann ist dies eine gesellschaftliche (strukturell gegründete) nicht eine, die dem Individuum zuzuschreiben wäre.

Von "Dekonstruktion" zu sprechen, beinhaltet eine Vorannahme bzw. Vorentscheidung: die der Konstruktion: die Subjektvorstellungen der (alten) Psychologie seien als Konstruktionen zu betrachten. Laplanche bezeichnet 1991 Dekonstruktion als das Mittel, das der PsychoAnalyse "eine umfassendere Selbst-Konstruktion des Menschen" ermöglicht; Nicht durch das Mittel der Aufhebung der Amnesie, sondern durch eine Dekonstruktion der alten Konstruktionen, die einer teilweisen Aufhebung der Verdrängungen entspricht. (Laplanche 1991, 493)

Dekonstruktion räumt ein, daß Konstruktion der Grundlage der Selbstthematisierung, der Psychologie ist. Diese - neue - Konstruktion ist zugleich, wie Laplanche festhält, nicht die Aufgabe des Analytikers, sie kann nur die des Analysanden sein, dessen der sein Schicksal baut oder konstruiert, dieser kann nur Ego sein.(496) Verallgemeinert gesagt: nicht der Psychologe, sondern der andere, das Individuum selbst, jeder von uns. Diese Verallgemeinerung über das analytische Setting hinaus ist tragfähig. Der Prozeß der Dekonstruktion in der Analyse baut auf dem immer schon - auch außerhalb der Analyse - vorgängig stattfindenden Prozeß der Konstruktion auf. Der "Konstruktivismus" wäre damit eine epistemologische Voraussetzung der (neuen) Psychologie.

Auch eine zweite Voraussetzung können wir noch dem psychoanalytischen setting entnehmen: das Gespräch - zwischen zwei Personen. Als Gespräch charakterisierte bereits Freud (1926) die Analyse: als nichts anderes, als daß Analytiker und Analysand "miteinander reden". (Freud 1926; GW XI, 451) Ein Gespräch allerdings, in dem der Analytiker sich selbst befragt, in Frage stellt. "Der Analytiker weiß, daß er nichts anderes ist als ein Subjekt unter Befragung, in Befragung." (Kristeva 1993, 1o3) "Die Frage vertreibt mich aus der Illusion eines absoluten Wissens." (1o4) "Der Analytiker bezieht sein Wissen aus dem Zuhören, dh aus seinem deutenden Denken. Dieses wird nur dann ein Denken, wenn es sich zur Frage umwandelt." (1o1) "Weil die unformulierbare Empfindung oder das unformulierbare Trauma für den Analytiker eine Frage bilden, bilden sie für den Patienten einen Sinn. Sie erhalten die Möglichkeit, sich zu artikulieren, sich zu verschieben, sich aufzuarbeiten." (1o3)

Am Gespräch als Grundlage der Psychologie wären die alten (Vorstellungen) der Psychologie zu messen. Sie weichen mehr oder weniger weit davon ab: Experiment, Test sind nicht mehr als "Gespräch" erkennbar und dennoch sind sie - verfremdete Formen davon. Die Dekonstruktion der (alten) Psychologie müßte also selbst als Gespräch sich verstehen (zwischen gleichberechtigten Partnern, oder von oben nach unten, mit je unterschiedlichem Ergebnis) - wenn sie zum Ergebnis haben wollte: was Laplanche für die Analyse erwartet: eine - teilweise - Aufhebung der Verdrängungen.

Dekonstruktion: verweist auf Konstruktion, als den Prozeß, in dem wir ständig engagiert sind. Konstruktion selbst, als Übersetzen, (Deuten) - der elterlichen Botschaften gefaßt, enthält diese Bezogenheit auf den anderen; und zwar als ständigen Prozeß. Damit ist festgehalten: das Individuum / Subjekt / Selbst ist nicht isoliert, sondern eingebunden in diese Beziehungen, es macht Erfahrungen (nur) in Beziehungen, entsteht mit seinen Beziehungserfahrungen, reproduziert sich in ihnen, wiederholt die Erfahrungen seiner Beziehungen, stellt Beziehungen entsprechend seinen Erfahrungen her: Wiederholung, aber im Deleuze-schen Sinne. "Die Identität als Praxis, Bezeichnungspraxis zu verstehen, bedeutet, die kulturell intelligiblen Subjekte als Effekte eines regelgebundenen Diskurses. Die Regeln, die die intelligible Identität anleiten, operieren durch Wiederholung. Durch sie wird das Subjekt nicht determiniert. Handlungsmöglichkeit ist in der Möglichkeit anzusiedeln, diese Wiederholung zu variieren". (Butler 199o, 213)

Die postmoderne Herausforderung, die die Dekonstruktion psychologischer Subjektvorstellungen beinhaltet, liegt in der Verabschiedung der Psychologie als Leitwissenschaft für die Gestaltung des - guten - Lebens: "Jedermann wird seine eigene Geschichte und seinen eigenen Stil selbst bestimmen können; aber dieses "Eigene" ist eine Illusion." (van der Loo & van Reijen 199o, 262)


Literatur:

Adorno, Th. W. (1974): Philosophische Terminologie. Bd. 2. Frankfurt

Baudrillard, J. (1983): Les stratégies fatales. Paris. [Die fatalen Strategien. München: Matthes & Seitz, 1985]

Benhabib, Seyla (1992): Situating the Self. Gender, Community and Postmodernism in Contemporary Ethics. New York: Routledge

Breuer, Stefan (1992): Die Gesellschaft des Verschwindens. Von der Selbstzerstörung der technischen Zivilisation. Hamburg: Junius

Bruder, K.J. (1993): Subjektivität und Postmoderne. Der Diskurs der Psychologie. Frankfurt: Suhrkamp

Butler, Judith. (199o): Unbehagen der Geschlechter. (Frankfurt: Suhrkamp 1991)

Derrida, J. (1991): Gesetzeskraft. Der "mythische Grund der Autorität". Frankfurt: Suhrkamp

Foucault, M. (1972): L`Ordre du discours. Paris: Gallimard. [dt.: Die Ordnung des Diskurses. München: Hanser 1974]

Foucault, M. (1982): Interview mit Foucault. In: Dreyfus, H.L. & R. Rabinow 1982. Michel Foucault: Beyond Structuralism and Hermeneutics. Chicago. [dt. in: Dreyfus, H.L. & Rabinow, P.: Michel

Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik. Frankfurt: Athenäum 1987]

Hassan, I. (1987): Pluralismus in der Postmoderne. In: Kamper, D. & Van Reijen, W. (Hg.) Die unvollendete Vernunft. Frankfurt

Horkheimer, Max & Theodor W. Adorno (1944): Dialektik der Aufklärung. Amsterdam: de Munter (1968)

Kittler, F. (1988): Das Subjekt als Beamter. In: In: Frank, M., Raulet, G. & van Reijen, W. (Hg.) Die Frage nach dem Subjekt. Frankfurt: Suhrkamp, 4o1-42o

Kristeva, Julia (1993): Les nouvelles maladies de l'âme. Paris: Librairie Arthème Fayard [dt.: Die neuen Leiden der Seele. Hamburg: Junius 1994]

Laplanche, Jean (1991): L'interprétation entre déterminisme et herméneutique: une nouvelle position de la question. Revue Française de Psychoanalyse, 55 [dt.: 1992. Deutung zwischen Determinismus und Hermeneutik. Eine neue Fragestellung. In: Psyche XLVI, 6, Juni 1992, 467-498]

Lyotard, J.-F. (1979): La condition postmoderne. Paris: Editions de Minuit. [Das postmoderne Wissen. Wien: Böhlau 1982]

Lyotard, J.F. (1983): Le Différend. Paris: Editions de Minuit. [dt.: Der Widerstreit. München: Fink 1987]

Lyotard, J.-F. (1994): Interview mit Lyotard. taz 13.8.94 (Jörg Herrmann)

van der Loo, Hans & Willem van Reijen. (199o): Modernisierung. München: dtv (1992)

van Reijen, Willem (1988): Das unrettbare Ich. In: Frank, M., Raulet, G. & van Reijen, W. (Hg.) Die Frage nach dem Subjekt. Frankfurt: Suhrkamp 1988, 373-4oo

van Reijen, W. (1992): Allegorie und Melancholie. Frankfurt: Suhrkamp

Wahl, K. (1989): Die Modernisierungsfalle. Frankfurt: Suhrkamp

 

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