WOLFGANG KRAUS

Identität als Narration:
Die narrative Konstruktion von Identitätsprojekten*

 

Auch wenn manche Vertreter der Postmoderne den Begriff der Identität zu Grabe getragen haben, so läßt sich schon nach einem kurzen Blick in die Fachdiskussion doch kaum bestreiten, daß der Kadaver lebt, und wenn es stimmt daß Totgesagte länger leben, dann steht ihm noch eine lange Zukunft bevor. Vielleicht ist es der bessere Weg, den Begriff und seine Verwendung als Indikator für Veränderungen in der Subjektkonstruktion zu nehmen, statt sich in Prognosen seines Verschwindens zu erschöpfen. "Identität" großgeschrieben: IDENTITÄT, als Panzer, als Werk, als "Trompetenwort", ist verblichen, d'accord, aber Identität als Problem, als Konstruktionsaufgabe der Subjekte, ist ein höchst lebendiges - und dringliches - Problem der einzelnen.

Ich möchte deshalb meinem eigenen Vorschlag nachkommen, den Begriff ernstnehmen und ihn als Indikator für Veränderungen der Subjektkonstruktion verwenden. Dies geschieht in drei Schritten. Nach Überlegungen zur Veränderung der Identitätsbildung stelle ich den Ansatz einer narrativen Identität vor, den ich für besonders geeignet halte, die benannten Veränderungen zu betrachten. Auf welchen Dimensionen einer Selbsterzählung die gesellschaftlichen Veränderungen von Identitätsbildung abgelesen werden können, wird in einem dritten Abschnitt diskutiert.


1. Die Idee der Konstruierbarkeit der eigenen Identität

Der Identitätsbegriff hat zwar eine lange geistesgeschichtliche Tradition, die allgemeine Idee der Konstruierbarkeit der eigenen Identität ist allerdings noch relativ neu. Sie ist ein grundlegender Gedanke der gesellschaftlichen Moderne, die grob den Zeitraum der letzten 150 bis 200 Jahre umfaßt. Das jedenfalls postuliert - als einer von vielen - Kellner (1992) und gibt damit eine Antwort auf die Frage, warum das Thema zwar alt, seine Aktualität aber so neu ist. Danach wird Identität überhaupt erst zu einer Aufgabe des Subjektes in der spezifischen historischen Situation der Moderne. In der vorangegangenen Epoche der Vormoderne war Identität dagegen "eine Funktion von festgelegten Rollen und eines traditionalen Systems von Mythen, die Orientierung und religiöse Sanktionen boten ... Identität war unproblematisch und nicht Gegenstand von Reflexion oder Diskussion. Individuen durchlebten keine Identitätskrisen, noch änderten sie radikal ihre Identität" (Kellner, 1992, S. 141). Der Terminus "Identität" wurde erst dann und in dem Maße bekannt, wie die Bildung von Identität massenhaft zu einem Problem wurde. Zygmunt Bauman stellt fest: "Identität kann nur als ein Problem existieren, sie war von Geburt an ein Problem, wurde als Problem geboren ..." (Bauman, 1997, S. 134).

Der mit den sozialen Rollen "gegebenen" und kaum veränderbaren Identität steht die moderne Identität gegenüber. Sie wird "mobiler, multipler, selbstreflexiver und Gegenstand von Veränderung und Innovation" (Kellner, a. a. O.). Die fortschreitende Modernisierung hat die Identitäten viel stärker wähl- und veränderbar gemacht. Die historisch neue Freisetzung von Subjektivität ist freilich janusköpfig, sowohl Befreiung wie auch Entwurzelung, und für die Subjekte ist sie Chance und Bürde in einem.

Nun wäre es naiv anzunehmen, Ideen würden sich in der Gesellschaft ausbreiten wie Wasser auf dem Küchenboden. Das gilt auch für die Idee der Konstruierbarkeit der eigenen Identität. Sie schwappt nicht einfach durch die Gesellschaft, sondern stellt für den einzelnen einen Referenzpunkt für seinen Selbstentwurf und seine gesellschaftliche Praxis dar. Diese individuelle Auseinandersetzung wird je nach sozialer Schicht und sozialem und kulturellem Kapital sehr unterschiedlich aussehen. Die Qualität dieser Auseinandersetzung und ihre Dynamik läßt sich nach Wagner (1995, S. 232) an drei Dimensionen analysieren. Er schlägt zur Typisierung der einzelnen epochalen Konstruktionen von Identität in der Moderne die drei Kriterien der sozialen Durchdringung, der Wahl und der Stabilität vor. Erstens ist danach zu differenzieren, wie sehr die Idee einer eigenen Identität die Gesellschaft durchdrungen hat, wie sehr also alle Mitglieder einer Gesellschaft an diesem Diskurs teilhaben. Im konkreten Fall der Identität ließe sich zeigen, daß der Gedanke der Gestaltbarkeit der eigenen Identität bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Teil eines bürgerlich-elitären Diskurses war, der dem Großteil der Bevölkerung "nichts sagte". Die Idee der Gestaltbarkeit der eigenen Identität war also keineswegs für alle verfügbar. Restriktiver Zugang zu Bildung, Abschottung der sozialen Schichten, Restriktionen aufgrund von Geschlechterrollen waren nur einige der Hemmnisse für die Teilhabe an einem solchen Diskurs. Die Saga des Tellerwäscher-Millionärs gehört nicht zur ideologischen Grundausstattung in Deutschland und Westeuropa.

Zweitens ist zu prüfen, inwiefern die eigene Identität als eine Frage der tatsächlichen Wahl gedacht wird und in welcher Beziehung ein solches Verständnis zur realen Praxis der Subjekte steht. So ist leicht vorstellbar, daß in manchen sozialen Kontexten quasi selbstverständlich vorgegebene Identitäten übernommen werden, trotzdem die reale Möglichkeit der Wahl besteht. Die Wahl einer Identität wird zwar gedacht aber nicht praktiziert - allenfalls mit einem sehr engen Verständnis des Begriffs der Wahl. Die Frage ist also, ob ein bestimmter Diskurs dem Subjekt "etwas sagt", ob es sich ihn also zu eigen machen kann in einer Weise, die ihm hilft, sich und sein Handeln in dieser Welt zu verstehen. Selbst heute, wo der Begriff der Chancenhaftigkeit in aller Munde ist, lassen sich spontan viele Beispiele dafür anführen, daß Optionsvielfalt zwar gedacht aber nicht praktiziert wird, denken wir nur an Übernahme des eltlerlichen Geschäftes/Berufes durch die Kinder oder an die Unmöglichkeit der Teilhabe am Arbeitsleben infolge schlechter Schulbildung und geringen sozialen und regionalen Kapitals. Man kann also mit einer Idee vertraut sein, ohne daß man sie selber in die Tat umsetzt bzw. umsetzen kann. Natürlich bleibt ein solcher Referenzdiskurs dennoch nicht ohne Wirkung, muß doch der einzelne sich ihm gegenüber positionieren.

Drittes Kriterium für die Untersuchung von modernen Identitäten ist das subjektive Verständnis der Stabilität einer Identitätskonstruktion. Stabilität kann für die einen eine lebenslange Festschreibung bedeuten, für andere eine bloß vorläufige Festlegung, die ständig offen ist für einen Identitätsumbau. Selbst dann also, wenn der einzelne eine Wahl trifft, kann der Festlegungsgrad doch sehr unterschiedlich sein, je nachdem, wie "endgültig" er die damit getroffenen Wahl sieht. Auch hier sind leicht Beispiele für die einzelnen Positionen vorstellbar, z.B. im Verständnis von Partnerschaft oder Berufswahl.



Spätmoderne Identitätsprojekte - Auf der Suche nach Kohärenz

Wenn auch die Verheißung der Moderne, das Subjekt könne/müsse sich auf radikale Weise selbst konstituieren, immer schon zu ihrem Programm gehörte, so ist sie doch erst jetzt in großem Umfang und über viele Bevölkerungsgruppen hinweg einlösbar geworden. Denn seit der Zeit der organisierten Moderne der fünfziger Jahre sind umfangreiche Prozesse der Freisetzung zu beobachten, die sich am Zerfall bzw. am radikalen Bedeutungswandel einer Vielzahl sozialer Institutionen - z. B. Kirche, Gewerkschaften, Familie - zeigen lassen.

Das Aufbrechen der organisierten Moderne seit der Mitte der siebziger Jahre hat die Dynamik der Individualisierungsprozesse erheblich gestärkt. "Statt auf einem gesicherten Platz in einer stabilen sozialen Ordnung verweilen zu können, wird von den Einzelnen gefordert, sich aktiv bei der Gestaltung ihres Lebens und ihrer sozialen Positionen in einer sich beständig verändernden Umwelt zu engagieren. Eine solche Akzentverschiebung muß Unsicherheiten und sogar Ängste befördern" (Wagner, 1995, S. 243). Die Dynamik der gesellschaftlichen Modernisierung hat in jüngster Zeit die Chancen und Risiken des Lebens immer weiter individualisiert, was die individuelle Ressourcenfrage für Identitäts- wie für Theorieentwicklung noch wichtiger macht (Ahbe, 1997). In dieser Phase der krisenhaften Spätmoderne wird die Unsicherheit (sowohl im einfachen existentiellen Sinne wie auch auf die Identität bezogen) individualisiert. "An die Stelle der früheren Formen institutioneller Herrschaft ist nicht die Marktwirtschaft getreten, sondern ein verwirrender Mangel an Herrschaft und sozio-ökonomischer Regulierung" (Beck, Giddens & Lash, 1996, S. 228).

Die Moderne hat sich also keineswegs als eine homogene Epoche linear höher- und weiterentwickelt. Deswegen kann diesen Prozeß auch nicht als eine bloße stufenförmig angelegte Entfaltung interpretieren. Sie war und ist im Gegenteil geprägt von komplexen sozialen Prozessen der Entwurzelung und Wiederverwurzelung, des Herauslösens der Subjekte aus sozialen Praxen und Zusammenhängen und ihrer Einbindung in neu entstehende. Und hinzu kommt, daß das Projekt der Moderne nicht einfach siegreich war, sondern immer auch mit antimodernistischen Tendenzen zu tun hatte und hat. Deshalb geht es auch nicht einfach um die Ablösung von alten Diskursen durch neue, sondern um ein Nebeneinander und gelegentlich ein Gegeneinander. Alte Formen der Subjektkonstruktion verschwinden nicht einfach, sondern sie bleiben verfügbar und können sich für die einzelnen je nach Milieu, Lebenswelt und sozialer Situation durchaus als definitionsmächtig für Facetten ihrer Identität erweisen. So haben die einzelnen in unterschiedlichen Lebenswelten und sozialen Situationen häufig verschiedene Formen der Selbstpräsentation zur Verfügung. Identität als fester Erwerb hat in einem solchen Verständnis keinen Platz mehr. Es geht um Konstruktionen, die noch dazu lebensweltlich und situativ unterschiedlich ausfallen können, um ein Nebeneinander von alten und neuen Diskursen, um eine Patchwork-Identität. Eine so verstandene Entwicklung der Moderne besteht darauf, daß wir es heute mit einer Vielfalt von Diskursangeboten zur Gestaltung einer Selbsterzählung zu tun haben. Aus der Sicht der einzelnen Subjekte ist nicht ihre Qualität als früh- oder spätmodern das Entscheidende, sondern ihre Brauchbarkeit für die eigene Selbstdefinition. Identitätsdiskurse verschwinden nicht einfach, sondern sie müssen sich bewähren in der Aufgabe der Subjekte, sich ins Verhältnis zur konkreten gesellschaftlichen Situation zu setzen. Insofern können sie wiederverwertet werden, wenn Lebenswelt, soziale Schicht und Erfahrung es für sinnvoll erscheinen lassen. Epochenspezifische Typisierungen, wie sie etwa Wagner vornimmt, müssen sich dieses Sachverhaltes bewußt sein.


 

Organisierte Moderne
Krisenhafte Spätmoderne
Platzangebot durch wirtschaftliches Wachstum, Berufswahl als Lebensentscheidung kein Angebot, strukturelle Arbeitslosigkeit, 2/3-Gesellschaft, Berufswahl ganz sicher nicht endgültig

      national, klassenbezogen

Auflösung von Nations- und Klassenbezug, Tribalisierung (Maffesoli, 1988)

      Individuum im Wohlfahrtsstaat

      Individuum als unternehmerisches Selbst

Identität als Leistung, Ergebnis, Achievement

      Identität als Prozeß

Zukunft ist möglich, lebbar, planbar im Rahmen der gesellschaftlichen Angebote Planungszeiträume schrumpfen, biographische Entwürfe haben eine kurze Lebensdauer

Abbildung: Identitätskonstruktion in der organisierten Moderne und

der krisenhaften Spätmoderne: eine Gegenüberstellung


 


2. Identität erzählen: Identität als narrative Konstruktion

Es handelt sich also um eine gesellschaftliche Entwicklung, die den einzelnen die Aufgabe einer kohärenten Identitätsbildung aufbürdet, ohne sie länger mit entsprechend kohärenten Mustern zu versorgen. Sicher, die alten Erzählungen sind nach wie vor verfügbar, aber doch sehr beschränkt in ihrer Reichweite. Für dieses Arbeiten an der eigenen Identität, den Versuch, sich einen Reim auf sich zu machen, halte ich den Ansatz einer narrativen Identität für geeignet.

Die narrative Psychologie geht davon aus, daß daß wir unser ganzes Leben und unsere Beziehung zur Welt als Narrationen gestalten (Mancuso, 1986; Hevern, 1997), daß wir aber auch die alltägliche Interaktion und die Organisation von Erlebtem narrativ betreiben. "Wir träumen narrativ, tagträumen narrativ, erinnern, antizipieren, hoffen, verzweifeln, glauben, zweifeln, planen, revidieren, kritisieren, konstruieren, klatschen, hassen und lieben in narrativer Form" (Hardy, 1968, S. 5). Insofern handelt es sich bei der Narration nicht um einen Lebenslauf, den man - nicht allzu häufig - schreibt und fortschreibt, sondern um einen grundlegenden Modus der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit. Narrationen sind in soziales Handeln eingebettet. Sie machen vergangene Ereignisse sozial sichtbar und dienen dazu, die Erwartung zukünftiger Ereignisse zu begründen. In dem Maße, wie Ereignisse narrativ verhandelt und wahrgenommen werden, "... werden (sie) mit dem Sinn einer Geschichte aufgeladen. Ereignisse bekommen die Realität eines "Anfangs, eines "Höhepunktes", eines "Tiefpunktes", eines "Endes" usw. Die Menschen agieren die Ereignisse in einer Weise aus, daß sie und andere sie auf eben diese Weise einordnen. ... So leben wir also auf signifikante Weise durch Geschichten - sowohl durch das Erzählen als auch durch das Handeln des Selbst" (Gergen & Gergen, 1988, S. 18).

Der Ansatz einer "narrativen Identität" (Gergen, 1988; Ricoeur, 1991 a, b; Meuter, 1995) eignet sich, um die subjektive Konstruktion von Identitätsprojekten einerseits und ihre soziale Vermittlung andererseits zu analysieren. Ausgangspunkt für diesen Ansatz ist die Überlegung, daß das Subjekt sich und seinen Erfahrungsstrom erzählend, in Geschichten, organisiert. Dieser Organisationsmodus von Erfahrung hat folgende wesentliche Qualitäten:
- Er geschieht über gesellschaftlich vermittelte Erzählformen (z.B. klassisch: Progressionsnarration, Regressionsnarration).
- Er bedingt soziale Aushandlungsprozesse. Denn die Personen, die in der Geschichte mitspielen, müssen ihre Rolle dort bestätigen.
- Ihm ist der Begriff der Zukünftigkeit, des "Projektes", inhärent. Denn jede Erzählung läuft auf ein Ziel hin.
- Er hat eine innewohnende Entfaltungsdynamik, gestützt durch Kausalität und Sequentialität.

Narrative Identität kann definiert werden als "die Einheit des Lebens einer Person, so wie diese Person sie in den Geschichten erfährt und artikuliert, mit denen sie ihre Erfahrung ausdrückt" (Widdershoven, 1993, S. 7). Widdershoven spricht von "den" Geschichten. Er verwendet also - mit Recht - den Plural. Denn "die" Lebensgeschichte darf nicht als ein stabiles Konstrukt verstanden werden, das nach Belieben präsentiert werden könnte. Charlotte Linde (1993) macht uns darauf aufmerksam, daß diese Geschichte faktisch nie vollständig präsentiert wird. Wir erleben mehr als wir erzählen und wir erzählen anders vor den jeweils anderen. Je nachdem, mit wem wir sprechen und welches Selbstbild wir präsentieren wollen, geben wir "unserer" Geschichte unterschiedliche Färbungen, wir lassen das eine aus und betonen das andere. Insofern ist die Selbstgeschichte in der Tat ein "work in progress", dessen Teile sich immer wieder verändern, je nachdem wie die Zuhörerschaft darauf reagiert und je nachdem, wie wir aktuelles Erleben integrieren müssen.



Selbst-Narration als Aushandlung

Die Ereignisse, die in die Narration verwoben sind, sind nicht nur die Handlungen eines einzelnen Individuums, sondern ebenso die Handlungen von anderen (Gergen & Gergen, 1988). Auf diese Weise kommen die Handlungen anderer als integraler Teil des eigenen Handelns ins Spiel. Narrative Konstruktionen benötigen deshalb typischerweise handlungsstützende Rollenbesetzungen. Eine Selbst-Narration kann nur dann erfolgreich aufrechterhalten und fortgeschrieben werden, wenn die handlungsstützenden Rollenträger bereit sind, die Darstellungen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mitzutragen. Die Selbstdarstellung als netten Menschen bedarf der Validierung durch Dritte. Dieses Austarieren macht komplexe Aushandlungsprozesse zwischen den Beteiligten nötig.

Ob eine Selbsterzählung aufrechterhalten werden kann, hängt wesentlich von der Fähigkeit des einzelnen ab, über die gegenseitige Bedeutung von Ereignissen mit anderen erfolgreich zu verhandeln. Dies ist besonders notwendig, wenn das Individuum in bezug auf allgemein anerkannte Normen falsch gehandelt hat. Allerdings finden diese Verhandlungen nicht unbedingt in der Öffentlichkeit statt. Vielmehr nimmt es diesen Schritt schon vorweg und berücksichtigt die allgemeine Verstehbarkeit seines Handelns noch vor der Realisierung. Möglicherweise ist der größte Teil des Verhandlungsprozesses antizipatorisch und findet vor einem imaginären Publikum statt, was wiederum die reale menschliche Interaktion entlastet. Diese empfindliche Interdependenz der Narrationen legt die These nahe, daß ein fundamentaler Aspekt sozialen Lebens ein reziprokes Verhandeln von Bedeutung ist.

Aus identitätstheoretischer Sicht hat ein narrationstheoretischer Ansatz den Vorteil, daß er das Subjekt vom - kohärenzfixierten - Blick entlastet: Nicht alles, was das Individuum tut und sagt, wird ihm als eine "Identitätszuschreibung" oder ein "Identitätsstatus" (Marcia, 1993) gleichsam angeheftet. Vielmehr geht es um die Analyse von Erzählversuchen, Umerzählungen und Neuerzählungen dieses Subjektes, um seine identitätsstrategischen Bewegungen. Der Fokus ist also auf Ergebnissen von Erzählhandlungen und nicht auf "Qualitäten" des Subjektes. Damit rückt dieser Ansatz die Anstrengung - und das mögliche Scheitern - des Subjektes ins Blickfeld beim Versuch, sich in ein gesellschaftliches - und machtbestimmtes - Formenpotential hinein zu erzählen (vgl. Rommelspacher, 1997; McLaren, 1993).



Konstruktionsregeln für Selbsterzählungen

Die narrative Konstruktionsarbeit wird vielleicht am deutlichsten, wenn man sie vom Idealtypus einer "wohlgeformten Narration" her betrachtet (Gergen & Gergen, 1988). Diese Überlegung geht von der These aus, daß die Konstruktion von Narrationen nicht beliebig ist. Denn sie bedingt, wie eine Selbst-Narration sozial bewertet wird (z.B. als wahr, plausibel, unwahrscheinlich, ehrlich usw.). Wenn wir nicht unverständlich sein wollen und wenn wir soziale Anerkennung erfahren wollen, können wir die Regeln für "richtige" Geschichten nicht brechen. Zur Analyse dieser Erzählkonventionen liegen eine Vielzahl von Veröffentlichungen vor (Ricoeur, 1988, 1989, 1991 a; vgl. für die Literaturwissenschaften: Frye, 1957; und für die Sozialwissenschaften: Labov & Waletzky, 1967, 1997; Mandler, 1984). Als Quintessenz dieser Diskussion benennen Gergen & Gergen (1988) fünf notwendige Charakteristika einer wohlgeformten Narration in der westlichen Kultur.

a) Ein sinnstiftender Endpunkt

b) Die Einengung auf relevante Ereignisse

c) Die narrative Ordnung der Ereignisse

d) Die Herstellung von Kausalverbindungen

e) Grenzzeichen

a) Sinnstiftender Endpunkt

Damit eine Erzählung verständlich ist, muß klar sein, worauf der Erzähler mit seiner Geschichte hinaus will. Dies ist keineswegs trivial. Denn im Erzählen werden oft konkurrierende Endpunkte anvisiert, man denke nur an Geschichten, in denen sich Ambivalenzen des Erzählers ausdrücken. Solche Endpunkte sind für eine Reihe von biographischen Schritten - Meilensteine - in der Regel verfügbar. Man wird so oft und von so unterschiedlichen Leuten danach gefragt, daß sich mit der Zeit eine Selbstdarstellung herausbildet, die - mit Nuancen - abrufbar bereit liegt. Es gibt also ein Repertoire von Geschichten, die in einer Gesellschaft annähernd von jedem erzählbar sind: die Schulzeit gehört dazu, oder auch: Wie ich zu meinem Beruf gekommen bin. Wie ich meine/n Freund/in kennengelernt habe; wie ich so geworden bin wie ich bin; wie ich einmal etwas erlebt habe, das bezeichnend für mich ist u.ä.. Bezogen auf die Zukünftigkeit, die Zukunftsdimension von Identität, ist in der "klassischen Identitätstheorie" im Gefolge Eriksons gerade das Verfügenkönnen über einen plausiblen Zukunftsentwurf Kriterium einer "achieved identity", einer gelungenen Identität (vgl. Marcia, 1966; 1993).

In der Interaktion problematisch wird die Situation, wenn es um vom Erzähler nicht erreichte Endpunkte geht: Warum hast du noch keine Freundin, keinen Job, keinen Schulabschluß u.ä. Das wird oft verstanden als Frage: Warum bist du nicht "normal"? Wie kann man solche Geschichten erzählen und doch auf die soziale Anerkennung des Gegenüber hoffen? Dies gelingt z.B. dadurch, daß man seine Erzählung auf Argumente gründet, die in der jeweiligen Gesellschaft als legitime Gründe für Scheitern bzw. Noch-nicht-erreichen gelten. Plausibilisierung erreicht man etwa durch Rekurs auf Kontingenzen und äußere Zwänge: das (schlechte) Elternhaus, die (schlechte) gesellschaftliche Situation (z.B. Wirtschaftskrise), auf Schicksalsschläge, gesellschaftliche oder biologische Normen, z.B. die eigene Jugend (bin noch zu jung) oder auch durch die Proklamation der eigenen Reifung/Läuterung ("ich war sowas von blöd!!").

Heute wird die Findung eines sinnstiftenden Endpunktes nicht nur durch individuelles Scheitern erschwert, sondern auch durch gesellschaftliche Veränderungen. Die Erzählung "Wie ich zu meinem unbefristeten Vollzeit-Arbeitsvertrag über 40 Wochenstunden gekommen bin" will z.B. nur noch wenigen gelingen. Die Folge ist, daß unter der Prämisse dieses Endpunktes viele Selbsterzählungen defizitär, weil nicht abgeschlossen erscheinen müssen. Etwas anderes wäre es, sich als ein "ganz normaler Halbtagsbeschäftigter mit - natürlich befristetem - Arbeitsvertrag" zu erzählen.

Aus der Sicht einer krisenhaften Spätmoderne wäre zu fragen, ob eine Selbsterzählung, der es an Zielklarheit mangelt, nicht darauf reagiert, daß diese Aufgabe nur noch schwer zu erfüllen ist: Sie ist es schon kaum für einzelne Lebensbereiche, geschweige für die Gesamtheit einer Person. Eine Ehe wird dann etwa nicht mehr geschlossen "bis der Tod uns scheidet", sondern, wie ein Alternativvorschlag lautet, "solange es gut geht". Entsprechend spricht etwa James Marcia (1989) von einer "kulturell adaptiven Identitätsdiffusion", einem Mangel an Klarheit des eigenen Identitätsprojektes, der funktional ist angesichts einer unklaren individuellen und gesellschaftlichen Perspektive.



b) Die Einengung auf relevante Ereignisse

Auf ein Ziel hin zu erzählen ordnet den Diskurs. Dann ist klar, was wesentlich und was unwesentlich für eine Erzählung ist. Diese Unterscheidung ist dann schwer, wenn die Geschichte noch nicht aus ist, es also noch gar nicht klar sein kann, was denn die Ereignisse sind, die retrospektiv als die relevanten zu benennen sein werden. Die erste Liebe läßt sich schlecht erzählen, wenn sie noch nicht stattgefunden hat und man sich erst auf dem Weg dazu wähnt, die Berufswahl nicht, wenn man bislang keinen Ausbildungsplatz gefunden hat. Das zeigt, daß Identitätsprojekte als "work in progress" zu den schwerer zu erzählenden Geschichten gehören, wenngleich natürlich auch in diesen Fällen das Thema die Ereignisauswahl bestimmt.

Für das Sich-einlassen auf die Präsentation solcher unfertiger Geschichten braucht man entweder Ich-Stärke oder eine schützende Umgebung. Narrationstheoretisch würde man sagen, daß der Erzähler ein starkes Gefühl seiner Akteursrolle haben oder gespiegelt bekommen muß: Er ist es, der die Geschichte gestaltet; oder aber er wird im Erzählen gestützt durch ein Anerkennungsverhältnis, auch wenn er sich nicht als Akteur sehen mag: Wenn z.B. ein Jugendlicher über seine bislang erfolglosen Bemühungen berichten soll, eine Beziehung aufzubauen, dann wird er das dann vergleichsweise besser können, wenn er sich als Akteur sieht und inszenieren kann oder aber sich zumindest im Gespräch "angenommen" fühlt.

Die Erzählrelevanz eines Ereignisses wird also vom Erzählziel bedingt. Eine allgemeine Voraussetzung ist allerdings, daß es dafür überhaupt ein stabiles Verständnisuniversum mit anderen gibt. Nur dann können wir schnell Übereinstimmung herstellen über die Relevanz eines Ereignisses für den Fortgang einer Geschichte. Fehlt der Konsens, so steigt der Erklärungs- und Begründungsaufwand des Erzählers. Leistet er ihn nicht, verzichtet er auf Empathie und Normalitätsdemonstration.

Aus der Sicht einer individualisierten Gesellschaft in einer krisenhaften Spätmoderne komme ich zu zwei Überlegungen. Wenn zum einen eine lebensweltliche Orientierung der Identitätsentwicklung dazu führt, daß die einzelnen eine Vielzahl von Identitätsprojekten in unterschiedlichen Lebenswelten betreiben, die auch nicht unbedingt miteinander verbunden sein müssen, dann muß es schwer werden, dem Kriterium der Ereignisrelevanz in der Ordnung der eigenen Selbsterzählungen zu entsprechen. Die Vielfalt vergrößert das Ausmaß an Kontingenz, was wiederum die Frage der Ereignisrelevanz schwerer zu beantworten macht. Alles hängt "irgendwie" mit allem zusammen, ist aber schon rein erzählökonomisch nicht präsentierbar. Zum zweiten führen die Individualisierungsprozesse auch zu individualisierten Lebensläufen. Chancenhaftigkeit führt zur Nutzung der Chancen und zur Kombination der Nutzungsergebnisse in "Bastelbiographien" (Hitzler & Honer, 1996) und "Patchwork-Identitäten" (Keupp, 1988a). Ereignisrelevanz ist in solchen Konstrukten nur noch schwer vermittelbar weil wenig resonant mit den Biographien Dritter. Man ist "einzigartig, wie jeder andere auch".



c) Die narrative Ordnung der Ereignisse

Die am meisten akzeptierte gesellschaftliche Konvention ist die der linearen temporalen Sequenz ("eins nach dem anderen"). Narrative Ordnungen können erheblich davon abweichen ("ich fange mal von hinten an"), allerdings auf der Basis des Wissens, daß diese Erwartung einer zeitlichen Linearität als gegeben vorausgesetzt werden kann. Scheitert die zeitliche Ordnung von Ereignissen, bekommt jemand seine Geschichte also "nicht auf die Reihe", so wirkt das auf den Kommunikationspartner irritierend. Verstöße gegen diese Konvention sind legitim als Signal für Überwältigtsein ("ich war so aufgewühlt") oder für Distanzierung/Desinteresse ("wen juckt's").

Die Einhaltung dieser Konvention wird besonders stark im Arbeitsbereich gefordert. Bei Strafe sofortigen Mißtrauens erwarten wir, daß jemand seine Arbeitsbiographie lückenlos erzählen kann, zumindest aber, daß er sich der Aufforderung dazu umstandslos und engagiert stellt, auch wenn er es z.B. ohne Zuhilfenahme von Unterlagen nicht im Detail schafft. Jugendliche, die Schwierigkeiten mit dem Berufseinstieg hatten, scheitern an dieser Aufgabe in Interviews. Sie schaffen es nicht, ihre Bemühungen um Lehrstellen und ihre gescheiterten Ausbildungsversuche chronologisch zu schildern. Heraus kommen verworrene Erzählungen, die nicht zu reparieren sind. Hier hilft der Gedanke der Auktorialität, der Handlungsträgerschaft zum Verständnis. Wenn ich nicht der Gestalter meiner Geschichte bin, sondern vielmehr Akteur/Opfer in einer Geschichte, die mir widerfährt, dann ist es in der Tat durchaus möglich und plausibel, nichts zu kapieren. Meaning making, die subjektive Konstruktion von Sinn bedarf eines Konstrukteurs. Wo der nicht in seine Rechte gesetzt wird, kann eine solche Aufgabe auch nicht gelingen.

Auch für die chronologische Selbsterzählung gibt es Muster. Viele biographischen Lebensereignisse sind Lebensaltern zugeordnet und für ihre Reihung gibt es soziale Normen. Wann frau Kinder bekommt, wann man/frau heiraten, dafür gibt es - durchaus veränderliche - Konventionen. Das entbindet die einzelnen aber nicht davon, sich individuell zu solchen Normen zu verhalten und dieses Verhalten in ihren Selbsterzählungen zu plausibilisieren.

Die individuelle Chronologie ist also in ihrem Verhältnis zu einer sozialen Norm erklärungsbedürftig. Die Freiheitsgrade dafür sind wesentlich größer geworden, umso größer wird auch der individuelle Klärungs- und Erklärungsbedarf. Und je offener die Projektdefinitionen der einzelnen werden, desto begründungsbedürftiger werden auch die Realisierungsschritte. Das gilt selbst für traditionale Lebenskonzepte: Nichts ist normal, sondern möglich, also gewählt und insofern begründungspflichtig. Erklärungsbedürftig ist nicht nur die Scheidung, sondern auch, warum ein Paar nach 20 Jahren "immer noch" zusammenlebt.



d) Die Herstellung von Kausalverbindungen

Nach westlichen Standards, so Gergen & Gergen, ist die ideale Narration eine, in der die Ereignisse bis zum Zielzustand kausal verbunden sind. Jedes Ereignis sollte ein Produkt eines vorangegangenen sein. In dem Maße, wie Ereignisse innerhalb einer Narration in einer interdependenten Form verbunden werden, nähert sich die Darstellung einer wohlgeformten Narration. Entsprechendes gilt für die Realisierung von Teilschritten eines Identitätsprojektes. Ein Identitätsprojekt ist dann wohlgeformt, d.h. plausibel und realitätsnah, wenn der Übergang von einem Teilprojekt zum anderen einer kausalen Logik gehorcht, ihr zumindest nicht widerspricht. Wenn also ein Teilprojekt nicht zwingend aus einem anderen folgt, so darf es doch zumindest nicht in einem kausalen Widerspruch zu ihm stehen und muß in jedem Fall in die Kausallogik des Gesamtprojektes eingebunden sein. Jemand, der "nicht weiß, was er will", der "unberechenbar ist", der sich "keinen Reim" aus seinem Leben machen kann, ist nicht lesbar für seine Kommunikationspartner.

Die Frage, warum jemand so geworden ist, wie er ist, führt uns zurück zum Thema der Kontingenz. Wenn etwas so aber auch anders möglich ist, dann liegt die Erklärungslast für das Sosein bei demjenigen, der die Entscheidung getroffen hat. Denn in der Tat hätte er sich auch anders entscheiden können. Mit dieser Erklärungslast kann man ganz unterschiedlich verfahren. Eine durchaus akzeptierte Strategie ist es, die Wahlmöglichkeit zu leugnen: Es bestand eben keine Wahl, Punkt. Hinzu kommt, daß es gesellschaftliche Anforderungen an die narrativen Strategien gibt. Für den partnerschaftlichen Bereich etwa erwarten wir eine Erzählung, die von einer Wahl (nicht den Erstbesten) und einem emotionales Geheimnis berichtet (es kam über mich, Liebe auf den ersten Blick). Eine Partnerwahl unter Nützlichkeitsgesichtspunkten wird sozial als "Berechnung" kodiert und ist, anders als früher, nicht legitim.

Für den Arbeitsbereich stellt sich die Situation anders dar. Hier erwarten wir logische Wahl und Sich-einlassen-wollen auf Neues. Wenn sich die Logik der Wahl nicht über das Berufsbild selbst begründen läßt, dann zumindest über die Rahmenbedingungen: eine fehlende Verkehsanbindung etwa macht plausibel, warum der Wunschberuf nicht gewählt wurde. Die Rahmenbedingungen können auch dafür herhalten, eine Identitätsübernahme zu begründen. Beamter zu werden wie der Vater: die soziale Anerkennung für eine solche Selbsterzählung wird sich in Grenzen halten. Der Verweis dazu auf die schlechte regionale Situation auf dem Arbeitsmarkt macht die Wahl dagegen logisch und vorausschauend.

Auch im Hinblick auf die Kausalverbindungen in unseren Selbsterzählungen hat sich die Situation der einzelnen in einer gesellschaftlichen Phase des disembedding erschwert. In dem Maße wie umfassende Sinnkonstruktionen Mangelware werden, wird es schwer, individuell Sinn in der Abfolge von Lebensphasen und biographischen Schritten zu erleben. Wenn Lebensentscheidungen allenfalls plausibel, nicht aber richtig oder falsch sind, dann werden Kausalitätskonstruktionen eher zu Beschwörungsversuchen eines Lebenssinnes.



e) Grenzzeichen

In jeder Kommunikation wird die Wortübergabe unter den Kommunikationspartnern geregelt. Goffman und andere haben dieses "turn taking" sehr genau untersucht (vgl. Schiffrin, 1997). Setzt der Gesprächspartner zu einer längeren Selbsterzählung an, so signalisiert er das. Der Eintritt in die Erzählwelt und ihr Verlassen werden durch "Grenzzeichen" markiert. Grenzzeichen "rahmen" die Narration und zeigen das Betreten und Verlassen der "Erzählwelt" an (z.B. "das war so: .."). Der Erzähler vereinbart also quasi mit dem Zuhörer den Eintritt in die Erzählwelt und ihr Verlassen. Diese Vereinbarung gilt selbst dann, wenn der Zuhörer - den Erzähler unterbrechend - ein eigenes Erlebnis oder einen längeren Kommentar anbringt. Das zeigt sich, wie Linde (1993) betont, in Interviews deutlich, wenn etwa der Erzähler trotz gelegentlicher - wenig hilfreicher - Kommentare oder Fragen des Interviewers bei einem, seinem, Thema bleibt. Ein anderer Fall ist es, wenn Grenzzeichen am Ende der Erzählung nicht gesetzt werden, jemand aus einer Erzählung nicht mehr herausfindet, sich "im Kreis" dreht. Dies passiert z.B. dann, wenn er sich einer Erzählaufgabe stellt und an ihr scheitert: Ein Jugendlicher berichtet von seinen gescheiterten Anläufen in der Arbeitswelt und verheddert sich hoffnungslos in der Chronologie der Ereignisse. Wie bei einem "Sprung in der Schallplatte" kommt die Erzählung nicht voran. Nicht selten braucht es den Zuhörer als "Erlöser", um ihn aus der Erzählung zu entlassen. Werden Grenzzeichen auch zu Beginn nicht gesetzt, so bleibt es unklar, ob sich die Interaktionspartner überhaupt in der Erzählwelt befinden. Erzählwelt und aktuelle Interaktionssituation vermengen sich. Der Interaktionspartner bleibt Beteiligter, weil nicht formelhaft in die Zuhörerrolle eingesetzt, der Erzähler hat die Möglichkeit, sich aus der Erzählung in die Situation zu "retten" und umgekehrt.

Die Frage ist, ob nicht genau diese nach den Regeln von Gergen und Gergen defizitäre Form der Selbstpräsentation den situativen Bezug in der Konstruktion von Identitätsprojekten der Spätmoderne charakterisiert: Unklarheit, Schwanken zwischen Situation und Projekt, sich nicht festlegen wollen. Aus der Sicht einer krisenhaften Spätmoderne wäre also zu fragen, ob sich nicht auch im Verzicht des Einnehmens der Erzählposition und der Signalisierung dieses Aktes mittels Grenzzeichen eine veränderte Identitätsbildung zeigt.

Diese fünf Kriterien eines "well formed narrative" werden in der Regel nur unvollkommen erfüllt. Je mehr sie allerdings erfüllt werden, so Gergen & Gergen, desto größer ist die Glaubwürdigkeit einer Geschichte. Es ist zu betonen, daß diese Elemente selbst soziale Konstrukte sind und insofern auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren. Dies wird insbesondere am künstlerischen Umgang mit den Erzählkriterien deutlich. So zeichnen sich etwa postmoderne Erzählungen dadurch aus, daß sie Erzähllogiken durchbrechen, auf die genaue Benennung des Erzählzieles und seine Evaluation verzichten und die unendliche Kontingenz von Ereignissen betonen (vgl. McHale, 1987).



Gestaltungsdimensionen von Selbsterzählungen

In der Darstellung der Gergenschen Kriterien ging es mir neben der Erläuterung v.a. um die Frage, ob denn im Hinblick auf Veränderungen der Identitätsbildung in einer krisenhaften Spätmoderne die einzelnen Dimensionen Indizien für solche Veränderungen sein können. Wenn wir davon ausgehen, daß es sich hier nicht um Ewigkeitsregeln handelt, sondern um gesellschaftliche Normierungen, dann müßten sich, insofern sich gesellschaftliche Veränderungen vollziehen, auch im Prozeß des individuellen Sich-Abarbeitens an diesen Regeln Veränderungen zeigen. Eine solche grundsätzliche Veränderung der Dimensionen eines "well formed narrative" ist zwar denkbar, allerdings sollte nicht übersehen werden, daß für die konkrete Ausgestaltung einer Erzählung eine Fülle von Möglichkeiten zur Verfügung steht. Insofern gibt es "unterhalb" der grundsätzlichen Entwertung des Konzeptes eine Vielzahl von Signalebenen in den Selbsterzählungen, auf denen sich Veränderungen der Subjektkonstruktion mainfestieren können.



Inhalt

Eine ganz offensichtliche Dimension ist der konkrete Inhalt selbst. Der Erzähler kann eine Selbst-Erzählung - plakativ gesagt - aufbauschen oder sparsam gestalten, oder gar schweigen. Spontan würden uns sicher viel Gründe einfallen, warum jemand die eine oder die andere Strategie wählt. Es ist handelt sich also nicht einfach um Geplapper, sondern um die strategische Wahl einer Selbstdarstellung. Ein Beispiel für eher sparsame Erzählungen stellt der Bereich der Sexualität dar. In Forschungsinterviews ist es oft schwierig, den InterviewpartnerInnen für dieses Thema einen angemessenen Erzählrahmen zu schaffen. Entsprechend einsilbig bleiben manche Selbst-Erzählungen zu diesem Thema.



Auktorialität, Handlungsträgerschaft

Wenn wir davon ausgehen, daß in den Lebenswelten Familie/Partnerschaft, Arbeit und Freunde/Freizeit Teilidentitäten entwickelt werden, dann haben wir schon einmal zumindest drei Inhaltsbereiche für Selbst-Erzählungen. Für ihre Gestaltung gibt es - abgesehen vom konkreten Inhalt - eine Vielzahl von Möglichkeiten. Eine besteht in der Positionierung des Akteurs. Psychologisch gesprochen kann sich der Erzähler "stark" oder "schwach" machen mit einem internen oder externen "locus of control": bin ich Akteur meiner Geschichte oder bin ich Objekt in ihr, getrieben von anderen Kräften.



Spannungsbogen

Auch der Spannungsbogen kann sehr unterschiedlich sein. Eine "coole" Geschichte etwa bemüht sich, die Spannung möglichst gering zu halten. Gergen & Gergen (1988) unterscheiden auf einer sehr allgemeinen Ebene drei Formen von Spannungsbögen. In der Stabilitäts-Narration bleibt das Individuum im wesentlichen durch den Gang der Ereignisse in seiner evaluativen Position unverändert. Im Kontrast dazu stehen als zweite Form die progressiven und als dritte Form die regressiven Narrationen, in denen sich die Position des Individuums auf der Evaluationsdimension über die Zeit verändert. Jugendliche formulieren in der Regel progressive Narrationen, d.h. in ihren Erzählungen geht es "aufwärts" (Keupp u a., i. Ersch.). Dies gilt nicht für alle und v.a. bedeutet es keinen kontinuierlichen Anstieg. Im Gegenteil erleben sie den Verlauf ihrer Geschichten oft als hochdramatisches Auf und Ab. Die verschiedenen Ansätze der Narrationsanalyse verweisen zudem noch auf eine ganze Reihe von Dimensionen, z.B. die sprachlichen Mittel, Syntax, Grammatik die Gestaltung von Anfang und Ende. In einer Selbst-Narration zeige ich mich also keineswegs bloß über den Inhalt, sondern über eine Vielzahl von Signalebenen.



Wahl eines Genres - Ready mades

Der einzelne ist in einer Vielzahl unterschiedlicher Lebenswelten verankert, für die es eigene Formen der Selbst-Narration gibt oder geben kann. Berufseinstiege, erste Lieben, Schulerfahrungen: Selbstverständlich liegen für Meilensteine in der Sozialisation Erzählmuster vor. "Zumindest sollte eine effektive Sozialisation die Person dazu befähigen, Lebensereignisse als Beständigkeiten, als Verbesserungen oder als Verschlechterungen zu interpretieren. Und mit etwas mehr Training sollte das Individuum die Fähigkeit erwerben, das Leben als Tragödie, Komödie oder als romantische Saga zu sehen" (Gergen & Gergen, 1988, S. 33).

Wenn die verfügbaren Formen einer Narration des Selbst gesellschaftlich bedingt und begrenzt sind, dann ist die Frage, was das für das individuelle Selbst bedeutet. Für jede Kultur ist davon auszugehen, daß in ihr einige Formen von Geschichten wesentlich häufiger verwendet werden als andere. In unserer Gesellschaft etwa sind Selbst-Narrationen, die ausschließlich von Gleichheit, Konstanz und Zirkularität handeln, weitgehend suspekt. Auch ein fades Leben will dynamisch erzählt werden. Denn sozial höher bewertet werden Selbst-Narrationen mit einer hohen Dynamik von Auf- und Abstieg, Kampf und Sieg. Das Ringen um einen Ausgleich in diesem Spannungsfeld ist also eines, das durch gesellschaftlich sanktionierte Erzählziele induziert wird.

Empirisch würde dies bedeuten, daß ungeachtet der realen Biographie Narrationen öfter vorkommen müßten, die eine dynamische, veränderungsbereite Haltung des Selbst-Erzählers darstellen. In einer Untersuchung von Gergen & Gergen (1988) ließ sich diese These für die Adoleszenz empirisch bestätigen. Die Jugendlichen verwenden das Modell der Progression, der Aufwärtsbewegung nach einer Krise und füllen es je nach individueller Biographie mit Fakten von höchst unterschiedlichem "Gewicht". "Im Endeffekt scheint die Krise der Adoleszenzperiode nicht einen einzigen objektiven Faktor zu reflektieren. Vielmehr scheinen die Teilnehmer diese gegebene narrative Form zu nutzen und die Fakten einzusetzen, mit denen sich diese Wahl begründen läßt" (Gergen & Gergen, 1988). Dieses Auffüllen der Narrationsform mit biographischem Material ist, wie Cross & Markus (1991, S. 232) betonen, selbst ein anspruchsvoller Prozeß der Evaluation und der Rekalibrierung von Anspruchsniveaus. Das narrative Glätten (narrative smoothing) hat Prozeßcharakter und geschieht in einem andauernden sozialen Evaluationsprozeß (Spence, 1986).



Zeitperspektive

Jeder hat eine Vielzahl von Selbsterzählungen parat, mit denen er in eine soziale Beziehung eintreten kann. Und es gibt auch nicht nur eine einzige Zeitperspektive, auf die er sie beziehen könnte. Man kann Ereignisse sowohl über eine sehr weite Zeitspanne verknüpfen wie auch über sehr kurze. So kann jemand sein Leben sehen als Teil einer wachsenden historischen Bewegung, die vor Jahrhunderten begonnen hat (Progressionsnarration), und gleichzeitig einen Abend mit Freunden als Tragödie beschreiben.

Die Fähigkeit der Individuen, Ereignisse innerhalb unterschiedlicher temporaler Perspektiven zu verbinden, wird mit dem Begriff der Narrationsnester (nested narratives) gefaßt (vgl. Mandler, 1984). Narrationsnester sind Geschichten, die in andere Narrationen eingelagert sind, also Geschichten innerhalb von Geschichten. Eine Person kann sich z.B. als Teil einer historischen Entwicklung darstellen. In dieser Narration gibt es eine weitere von der eigenen Lebenszeit, in jener eine weitere von sich als Berufstätigem und darin noch eine situative usw. Der Begriff der Narrationsnester stellt eine Verbindung her zum Konzept des embedding, d.h. zur Analyse der Einbettung von Subjekten in verschiedene gesellschaftliche Aggregationsniveaus (Giddens, 1995). Mit der Frage der Einbettung seiner Selbsterzählung in andere, übergreifende Erzählzusammenhänge kommentiert der einzelne auch seine Position im Spannungsfeld von eigener Autonomie und sozialer Bezogenheit.



Sinnkonstruktion durch Figuren der Kausalität

Die realen Fakten sind für die Selbst-Erzählungen ein bloßer Steinbruch. "People do not deal with the world event by event or with text sentence by sentence. They frame events and sentences in larger structures ... The larger strcutures provide an interpretive context for the components they encompass" (Bruner, 1990, S. 64). Es geht also um meaning making und nicht um Faktizität. Und diese Sinnstiftung soll auch nicht primär die eigene Geschichte als etwas Gelebtes verstehbar machen, sondern sie vielmehr für die Zukunft offenhalten (Freeman, 1993, S. 216). Unter dieser Perspektive lassen sich drei Strategien unterscheiden. Die eine ist die Betonung der Schicksalhaftigkeit einer Entscheidung. Sie wird in unserer Gesellschaft aktuell z. B. im Bereich der partnerschaftlichen Beziehungen eingesetzt. In der Liebe will man in unserer Gesellschaft gerade vermeiden, die rationale Dimension der Entscheidung zu betonen. Aber auch Berufswahl läßt sich so erzählen, wenn wir hier auch eher rationale Begründungen zu bevorzugen scheinen. Eine weitere Begründungsstrategie ist das objektive Hindernis. Es erspart einem viele Erklärungen. In Selbstnarrationen taugt es aber hervorragend, um sich als autonom handelndes Subjekt darzustellen, das dennoch die Grenzen seiner Autonomie anerkennen muß. Eine Berufswahl etwa, die der Interviewer mißtrauisch als dritte Wahl einschätzt, wird zwingend gemacht durch das Hindernis der Verkehrsanbindung. Nicht Feigheit, Angst vor der eigenen Courage, Druck der Eltern waren die Beweggründe für die bescheidene Wahl, sondern die fehlende Busanbindung.

Dagegen ist die Gegenabsicht oder Opposition das narrative Mittel, welches die Erzählung dynamisiert. Sie erscheint als die faustischen "zwei Seelen in einer Brust" oder auch als Meinungstreit, z.B. mit dem Vater. Diese Spannung liest sich - in Romanen - gut, erzählt sich aber - in Selbstnarrationen - eher schlecht. Im Widerstreit der Gefühle zu liegen: da braucht es eine recht intime Beziehung und ein gewisses Selbstwertgefühl oder auch einen hohen Leidensdruck wie etwa im Moratorium, um sich so darzustellen.

Die dramatische Qualität eines Ereignisses ist keine Qualität des Ereignisses selbst, sondern abhängig von seiner Position innerhalb einer Narration. Die Redewendungen: "Aus der Mücke einen Elefanten machen" oder: "So tun, als ob nichts gewesen wäre" verweisen pointiert auf die diskursive Konstruktionsarbeit, die notwendig - und möglich - ist, um die dramatische Qualität einer Narration zu verstärken oder abzuschwächen. Nicht die Ereignisse selbst bewirken diese Qualität, sondern die Beziehung zwischen Ereignissen.



Exkurs: Nadja oder: Die narrative Konstruktion von Liebe auf den ersten Blick

Wie Figuren der Sinnkonstruktion narrativ eingesetzt werden, ohne daß dafür die Faktizität der Ereignisse ausschlaggebend wäre, möchte ich am Beispiel von "Nadja" zeigen. Nadja wurde im Laufe einer Längsschnittuntersuchung zur Identitätsbildung mehrfach interviewt (vgl. Keupp u.a., i. Ersch.).

Im zweiten Interview, berichtet Nadja - zu dem Zeitpunkt ist sie 21 Jahre alt - wie sehr sich ihr Leben in den letzten Monaten geändert hat. Vor neun Monaten hat sie sich in einen jungen Mann verliebt, drei Monate später zog sie zu ihm und in drei Wochen wird sie ihn heiraten. Sie ist gerade dabei, die Details der Hochzeit zu planen und hat alle Hände voll zu tun. Ihr Freund, der wie vom Himmel gefallen war, habe, so sagt sie, ihr Leben um 180° geändert. Sie hat ihre Peer Group aufgegeben, weil sie mit den alten Freunden nichts mehr anfangen kann. Kontakt hat sie jetzt hauptsächlich mit jung verheirateten Frauen.

Die überraschte Interviewerin fragt, was denn aus Marko, ihrem Freund zum Zeitpunkt des ersten Interviews zwei Jahre zuvor, geworden sei. Nadja kann sich gar nicht mehr an den Jungen erinnern. Die Interviewerin macht zunächst einen Rückzieher, glaubt sich in der falschen Geschichte. Erst ganz allmählich, über mehrere Anläufe, wird klar, daß der Hauptakteur in der Geschichte "Liebe auf den ersten Blick" ein alter Bekannter ist und in der Tat jener Marko ist, der zwei Jahre früher die Rolle des "beziehungsmäßigen Notnagels" eingenommen hat.

Eine eher lose Partnerschaft hat an Dynamik gewonnen und mündet in das traditionale Modell samt Veränderungen des Freizeitverhaltens und des sozialen Netzwerks. Die Narration Nadjas handelt aber nicht von allmählicher Entwicklung sondern von plötzlicher Veränderung, von schicksalhaftem Geschehen. Die frühe Entscheidung für Ehe und traditionale Rollenverteilung wird so mystifiziert. Nicht sozialer Druck oder äußere Umstände sind die Triebkräfte, sondern der Ruf des Herzens, ein Wink des Schicksals. Statt als soziale Anpasslerin präsentiert sich uns so eine Akteurin, die an einem Mysterium teilnimmt. Und sie muß dafür nicht einmal verantwortlich zeichnen, war es doch nicht ihre Entscheidung, sondern ein Wink des Schicksals.

Wie wichtig solche Konstruktionen auch zukunftsbezogen sind, zeigt sich im übrigen an dem negativ besetzten Gegenbild der "Vernunftehe". Die kann man als 50jährige/r eingehen, nicht aber mit 21. Denn für Nadja geht es um Begründungen, um die Frage, warum sie etwas tut und etwas anderes läßt. Indem sie von ihrer Liebe als etwas Schicksalhaftem erzählt, begründet sie auch, warum sie jetzt heiraten wird und sich entschieden hat, nicht mehr zu arbeiten. In Narrationen tauchen solche Begründungen auch explizit auf. Jemand hatte "keine Wahl" oder wollte "schon immer" dies oder jenes tun. Auch solche Erklärungen sind zukunftsmächtig. Sie verengen Perspektiven oder legitimieren Neuorientierungen. Wichtig ist, daß Nadja mit der Art und Weise, wie sie diese Geschichte faßt, auch die Anschlußfähigkeit an ihre Zukunft bearbeitet. Das Identitätsprojekt Arbeit scheint - zumindest vorläufig - abgehakt, die Integration in die Erwachsenenwelt als Ehefrau vorbereitet.

3. Narrative Identität und Postmoderne: Die Kriterien der wohlgeformten Narration als Sensoren gesellschaftlicher Veränderung

Kann man darauf verzichten, sich zu erzählen, Selbsterzählungen über sich zu generieren? Ich meine: nein. Das vielbeschworene "Ende der gesellschaftlichen Metaerzählungen" (Lyotard, 1986) heißt nicht, daß die Subjekte darauf verzichten könnten - oder wollten - sich selber zu erzählen, an ihrer Identität narrativ zu arbeiten. Es heißt nur, daß gerade dieses Ende der gesellschaftlichen Metaerzählungen die Aufgabe der einzelnen wesentlich erschwert und daß es ihnen kaum noch gelingen kann, sich "aus einem Guß" zu erzählen, also eine stabile und umfassende Selbsterzählung zu entwickeln und bruchlos fortzuschreiben. Frühere Gesellschaften und Epochen, die kohärente Angebote der sozialen Konstruktion von Realität gemacht haben, erleichterten es den Individuen, ihre Selbst-Narrationen im Sinne von Narrationsnestern anzubinden. Aber dennoch: Ein Verzicht auf einen narrativen Selbstentwurf und auf die damit konstruierte Kohärenz hat die Selbstauflösung des Subjektes zur Folge. Denn die Konstruktionsarbeit an einem inneren Zusammenhang der Selbsterfahrungen ist unabdingbar, meint Frosh (1991). Nach einem Durchgang durch die psychoanalytisch/psychiatrische Literatur kommt er zu dem Schluß, daß es darum gehen muß, Freiheitsgrade und Strategien der Selbstentwicklung aufzuzeigen, statt sich in der Zelebration der Auflösung des Selbst zu erschöpfen (a.a.O., 1991, S. 179 ff). Nach seiner Überzeugung ist dazu kein Rückfall in eine essentialistische Position nötig: Das Selbst ist kein fester Besitz, sondern vielmehr ein Konstrukt, das sich im Laufe der individuellen Entwicklung auf der Basis von internalen und externalen Erfahrungen ausbildet. Das Selbst ist sozial und nicht in einem essentialistischen Sinn ererbt aber es ist dennoch ein wahrer Erfahrungsort. Nicht der Kampf um die Kohärenz der Selbsterfahrungen ist psychotisch, sondern die Verweigerung, die Nichtaufnahme dieses Kampfs. Der Kampf mag in der Spätmoderne schwieriger geworden sein, aber er ist unabdingbar, um der Gefahr der Auflösung zu begegnen.

Wollen wir dieses Ringen um Kohärenz in den Selbsterzählungen der einzelnen analysieren, so haben wir, wie dargestellt, dazu zwei analytische Zugänge zur Verfügung. Der eine besteht darin, im Rahmen der normativen Bestimmung eines "well formed narrative" die Ausgestaltung dieser Form zu analysieren. Die zweite Betrachtungsweise bezieht sich auf den normativen Gehalt der Definition eines "well formed narrative" selbst und fragt, ob sich die "gelungene Form" möglicherweise verändert hat. Was früher als "well formed narrative" gegolten hätte, wirkt heute möglicherweise völlig anachronistisch und nicht lebbar. Blickt man von diesen beiden Perspektiven her auf die Analysen von höchst unterschiedlichen Autoren, die Thesen zur Identitätsentwicklung in der Spätmoderne/Postmoderne diskutieren, so lassen sich eine Reihe von Kennzeichen postmoderner Selbsterzählungen herausfiltern und in eine narrationspsychologische Terminologie übersetzen (vgl. Kraus, 1996; McHale, 1987; Anderson, 1997; Gergen, 1991; Wagner, 1995; Neupert, 1996; Keupp u.a., i. Ersch.).

Plurale Erzählwelten.
Postmoderne Selbsterzählungen verweigern sich einer Integration aller Lebenswelten. Das Subjekt insisitiert auf der Vielzahl möglicher unverbundener Selbstdiskurse. Und es tut dies nicht aus einer Verlustperspektive heraus, sondern in einer Zelebration der Möglichkeiten.

Individualität. Postmoderne Selbsterzählungen sind individualistisch. Sie verweigern sich dem Versuch der Einbettung in übergeordnete gesellschaftliche Diskurse. Nicht Identifikation und Integration sind die Botschaften, sondern Wahl und Experiment.

Gegenwart statt Zukunftt. Der Glaube an die Planbarkeit, an den Entwurf der eigenen Identität in die ferne Zukunft ist verschwunden. Planen findet allenfalls noch als ironische Geste statt.

Situativer Bezug. Die Erzählungen situieren sich im Hier und Jetzt. Und sie "spielen" mit der Erzählsituation, indem sie die Rolle des Erzählers unterminieren. Er ist Kommunikationspartner, Erzähler und Akteur in einem. Die Grenzzeichen werden nicht gesetzt.

Reduzierter Erzählbogen. Die Selbsterzählung verzichtet auf eine Sinnstiftung über ein ganzes Leben bzw. lange Lebensabschnitte hinweg.

Betonung von Kontingenz. Etwas kann so, aber auch anders sein. "Alles ist möglich". Die Handlungsträgerschaft des einzelnen wird ebenso bezweifelt, wie die Wirkung übergreifender Sinnstifter und Schicksalsmächte.

Sinnlich-ironischer Gestus. Situativer Bezug heißt auch, mit der aktuellen Interaktionssituation zu "spielen", sich in ihr schillernd zeigen, sie auszukosten, weil sie - und nicht das Identitätsprojekt - der Ort sind, um sich zu zeigen und zu erfahren.

Verwendung von Ready mades. Der Zweifel an der Haltbarkeit von Projektentwürfen zeigt sich im Zitieren "klassischer Selbsterzählungen" als Versatzstücke in den situativen Selbsterzählungen.

Situative Definition der Akteursrolle. Der Akteur in der Selbsterzählung ist weder souverän, autonom, in dem Sinne, daß er sein Schicksal in die Hand nehmen kann, noch ist der Erzähler allmächtig in dem Sinn, daß er ein "gutes Ende" seiner Erzählung konstruieren kann.

Offenes Ende. Der Erzähler kann nicht mehr darauf hoffen, daß alles gut wird, noch, daß er die Sache im Griff haben kann. Er verzichtet, darauf, die Erzählung "rund" zu machen, alle Fäden zu verknüpfen.


Die Verwendung der Begriffe "Ironie" und "Spiel" verführt im übrigen schnell dazu, die Arbeit des Sich-selbst-Entwerfens als grundsätzlich lustvoll mißzuverstehen. Sie ist es nicht immer und oft auch gar nicht. Wie lustvoll diese Arbeit der Selbstkonstruktion verläuft, hängt ganz wesentlich von den Ressourcen der einzelnen ab. Olivier Galland (1999, S. 20 f.) spricht in diesem Zusammenhang von einer "sozialen Polarisierung der Jugend": Während die einen ihre Identitätskonstruktionen auf der Basis materieller und sozialer Sicherheit experimentierend gestalten und lange offenhalten können und wollen, würden die anderen nichts lieber tun, als angesichts einer prekären persönlichen und gesellschaftlichen Situation - unter Inkaufnahme aller Zwänge - möglichst schnell aus dem erzwungenen Experimentieren in einen Zustand relativer Sicherheit zu gelangen. Ironie hier also nicht als überlegener Gestus, sondern nicht selten als verzweiflungsgetränkte Einsamkeit.


* Colloquium vom 22. 4. 1999




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