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Jan T. Schlosser (Aalborg)



"Aus einem Ort war die Stadt zu einem Nicht-Ort geworden". Zu Christa Wolfs Erzählung Was bleibt




In this paper, Christa Wolf's short story Was bleibt is analyzed in an anthropological context. The analysis of the critique of modernity in East Berlin (GDR) in the 1970s focuses on the implicit presence of Marc Augé's theory of places and non-places.


I Kontextualisierung eines "vielschichtigen" Textes

Die Publikation von Christa Wolfs Erzählung Was bleibt im Jahre 1990 gab den Anstoß zu einem Literaturstreit, der um die Frage kreiste, ob sich Wolf nachträglich als ein Opfer von DDR-Regime und Staatssicherheit zu stilisieren versuchte. In der Forschung wurde bemängelt, dass "diese vielschichtige Erzählung bis heute als literarischer Text häufig unterschätzt wird" (Hilzinger 2007: 109). Auch in neueren Arbeiten ist "die Vielschichtigkeit des Textes" (Gansel 2014: 28) nur bedingt zum Gegenstand des Forschungsinteresses geworden, obwohl die während des Literaturstreits kontrovers diskutierte Frage nach der Entstehungszeit des Textes – schon 1979 oder etwa erst 1989/1990? – mittlerweile beantwortet wurde. Dass Wolf Was bleibt nachweislich im Zeitraum März bis Juli 1979 verfasste (ebd.: 15–41), mag ein gegebener Anlass sein, der apostrophierten "Vielschichtigkeit des Textes" größere Aufmerksamkeit zu schenken.




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Christa Wolfs "Haltung loyaler Dissidenz, die bis zuletzt nicht auf Überwindung, sondern auf die Verbesserung der DDR-Gesellschaft zielte" (Magenau 2013: 14), soll in der vorliegenden Analyse von Was bleibt durch die Beantwortung der Frage modifiziert werden, in welchem übergeordneten Kontext sich Wolfs Auseinandersetzung mit der DDR vollzieht? Die Forschung hat diesen bislang nicht einzukreisen vermocht. Als schablonenhafte Ansätze müssen Interpretationsversuche klassifiziert werden, die lediglich auf "Zivilisationskritik" (ebd.: 334) verweisen. Im Zuge des Literaturstreits sah Wolf sich sogar mit dem Vorwurf konfrontiert, "sie habe mit den utopischen Momenten in ihren Büchern das System der sozialistischen Diktatur verfestigt" (Hörnigk 2012: 33). Es stellt sich die Aufgabe, den Begriff der 'Utopie' in Was bleibt präziser zu bestimmen.

II Kulturelles Reformkonzept und politische Utopie

Anfang der 1990er Jahre bekannte Wolf, dass Übereinstimmung mit sich selbst nur an einem 'Ort' möglich sei: "Ein Ort wie dieser war gesucht, das Berlin der siebziger und achtziger Jahre hatten wir zunehmend als überanstrengend und destruktiv empfunden" (Wolf 1992: 98). Das ländliche Leben im mecklenburgischen Neu Meteln seit 1975 figuriert als Kontrast zum urbanen Raum Ost-Berlin. Im Kontext der Ära von Glasnost und Perestroika unterstreicht Wolf ihr Interesse daran, ein der Politik übergeordnetes kulturelles Reformkonzept zu formulieren: "Für mich ist dieses neue Denken in seinem Kern nicht ökonomisch-technisch-militärisches, überhaupt nicht pragmatisches Denken, sondern eine Aufforderung, den Zielen und Werten dieser Kultur noch einmal gründlich nachzufragen, durch ein geistig-ethisches Konzept diesem Abendland noch eine Chance zu geben" (Wolf 1987: 158). Die Basis für die intendierte Verwirklichung der politischen Utopie bildet bei Christa Wolf – so lautet die These des vorliegenden Aufsatzes – ein anthropologisches Denkkonzept. Nur dieses vermag der "neuen Sprache" zum Durchbruch zu verhelfen, die in Wolfs Rede auf der Demonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz propagiert wurde: "Jede revolutionäre Bewegung befreit auch die Sprache. […] Große soziale Bewegungen kommen in Gang, soviel wie in diesen Wochen ist in unserem Land noch nie geredet worden, miteinander geredet worden" (Wolf 1989: 171).




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Als Voraussetzung der Autorin Christa Wolf wurde ihre Verbundenheit mit einem "geschichtlichen und geographischen Ort" (Hilzinger 1986: 51) hervorgehoben. Was die Forschung in Bezug auf Wolfs Roman Nachdenken über Christa T. (1968) konstatierte – "ihre Schreibversuche als Suche nach einem inneren Ort, an dem Ich und Welt zur Deckung gebracht werden können, als Annäherung an die Realität und als deren Aneignung bleiben jedoch in vieler Hinsicht fragmentarisch" (ebd.: 37) –, muss aber nicht unbedingt für Was bleibt gelten. Die Forschung hat lediglich Wolfs Misstrauen gegenüber "linearen Handlungsabläufen" (Magenau 2013: 16) betont, ohne die Relevanz des Palimpsestes – der Veränderbarkeit von Orten und Nicht-Orten – in ihrem Denken zu benennen.

In einem 2012 publizierten Aufsatz wird zwar die Thematisierung eines Nicht-Ortes in der Erzählung Kein Ort. Nirgends (Wolf 1979) – der Text "verweist auf den Nicht-Ort, die Heimatlosigkeit und Fremdheit" (Colombo 2012: 89) – erwähnt, es werden jedoch weder Bezüge zur Relevanz des Begriffs in Was bleibt noch zu der Anfang der 1990er Jahre formulierten Theorie des französischen Anthropologen Marc Augé hergestellt. Das gilt ebenfalls für die neuere Forschung, wo lediglich das Erreichen eines utopischen Ortes in Wolfs Kein Ort. Nirgends in Frage gestellt wird: "Opening up the historical dimension implies that there is and has been no place for her or for other intellectuals" (Klocke/Hosek 2018: 19). Auch in einem weiteren im Jahre 2018 veröffentlichten Beitrag zur narrativen Topographie Christa Wolfs findet Augé keine Erwähnung, obwohl die einzige Passage in Was bleibt, in der ein Nicht-Ort explizit erwähnt wird, zitiert wird (Criser 2018: 62). Als ein relevanter Forschungsbeitrag zur thematischen Spannweite des Ortes, indes ohne Bezugnahme auf Augé, ist die Arbeit Ilse Nagelschmidts einzustufen: "Dabei ist der Begriff des Ortes vieldimensional zu verstehen: als räumliche, zeitliche und politische Größe, zu der sich das Individuum in Beziehung setzt, als Größe von Sprache, als Aspekt von Rekonstruktion" (Nagelschmidt 2016: 51).

Im Mittelpunkt von Augés Erwägungen steht eine "Krise im Denken des Raumes" (Augé 1994: 34). Orte seien Bestandteile "einer in Zeit und Raum lokalisierten Kultur" (Augé 2010: 42) und gewährten als "Orte des Erinnerns" (ebd.: 34) kulturelle Identität. Im Gegensatz zu Orten wohne Nicht-Orten keine historische Kontinuität inne. Sie seien vom "Provisorischen" (ebd.: 83) bestimmt.

Augés Begriffe sollen in diesem Aufsatz in einem kulturgeschichtlichen Kontext verwendet werden. Für eine stichhaltige Analyse von Was bleibt fehlt ein adäquater theoretischer Rahmen, denn bereits im Jahre 1987 sprach Wolf "metaphorisch von Berlin als einer Stadt der Baustellen, in der seit Jahren alles um- und umgegraben werde" (Magenau 2013: 354). In Was bleibt bildet die Wahrnehmung des Nicht-Ortes Ost-Berlin eine Antizipation von Augés theoretischen Überlegungen der 1990er Jahre.




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III Nicht-Ort Ost-Berlin

Die Ich-Erzählerin in Was bleibt hat einen Punkt erreicht, an dem sie die Einsamkeit der Kommunikation vorzieht, denn "ich erwartete keinen Menschen und würde allein sein dürfen, das war die beste Aussicht des Tages" (Wolf 1990: 11). Die Erzählerin ist in einem solchen Maße sich selbst, ihren Angehörigen und der gesellschaftlichen Wirklichkeit in der DDR entfremdet, dass das Bild von einem Regime gezeichnet wird, das keinerlei kritischen Dialog zulässt: "Ich hatte weder Angst noch überhaupt ein Gefühl, auch mit mir selbst stand ich nicht mehr in Kontakt, was waren mir Mann, Kinder, Brüder und Schwestern, Größen gleicher Ordnung in einem System, das sich selbst genug war" (ebd.: 80). Während der anthropologische Ort bei Marc Augé als "Sinnprinzip" (Augé 2010: 59) figuriert, definiert er den Nicht-Ort als einen sinnentleerten Funktionsort, der im Menschen Einsamkeit, Schweigen und Uniformität – vor allem ein dezidiertes Unbehagen – hervorzurufen vermöge (ebd.: 104). Für den Nicht-Ort ist ein Minimum an zwischenmenschlicher Interaktion, wie es in Was bleibt geschildert wird, sehr charakteristisch.

"Allein gelassen" (Wolf 1990: 90) fühlt die Erzählerin sich auch noch vor dem Beginn der abendlichen Lesung. Der Abkapselung entzieht sie sich erst während der Lesung, in deren Verlauf ein ebenso offenes wie kritisches Gespräch zwischen der Schriftstellerin und dem Publikum stattfindet. Die Intensität des Dialogs lässt das reflektierende Ich den Nicht-Ort Berlin momentan vergessen: "Da schwieg ich denn und hörte zu, wie ich in meinem Leben nicht oft zugehört hatte. Ich vergaß mich, man vergaß mich, zuletzt vergaßen wird alle Zeit und Ort" (ebd.: 96). Die Stunden zuvor entfaltete Reflexion der Schriftstellerin, in ihren Texten "weiter auf Zukunft hin" (ebd.: 39) abzuzielen, wird nun realisiert. Die Initiative dazu geht allerdings nicht von ihr, sondern von ihren Lesern aus. Den Anstoß gibt eine junge Frau, die "das Wort 'Zukunft' ins Spiel" (ebd.: 94) bringt, gegen das sich die Ich-Erzählerin "wehrlos" (ebd.) fühlt. Diese Wehrlosigkeit beruht auf ihrer Einsicht in die Notwendigkeit, eine Utopie für die zukünftige gesellschaftliche Entwicklung der DDR zu formulieren. Diese öffentlich oder auch nur vor sich selbst zu artikulieren, hat sie bisher nicht gewagt. Die Lesung, die aus staatlicher Sicht einer gefährlichen "Menschenansammlung" (ebd.) gleichkommt, wird zu einem Forum der freien Meinungsäußerung und zur Initialzündung für die Formulierung der Utopie von einem besseren Sozialismus in der DDR.




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Die Unvereinbarkeit des real existierenden Sozialismus mit der kommunistischen Utopie rüttelt an der Existenzberechtigung der DDR, "denn nun standen die wirklichen Fragen im Raum, die, von denen wir leben und durch deren Entzug wir sterben können“ (ebd.). Am Endes des Textes wird die "Zukunft" mit einer angestrebten kulturellen Kontinuität verknüpft: "Es ging um Zukunft, wissen Sie. Was bleibt" (ebd.: 103). Dass die Vision von einer gerechteren Gesellschaft mit den Rahmenbedingungen in der DDR in den späten 1970er Jahren nicht kompatibel ist, ist evident.

Während der Aussprache im Verlauf der Dichterlesung "fiel die entsetzliche Angewohnheit, für andere zu sprechen, jeder sprach sich selbst aus und wurde dadurch angreifbar" (ebd.: 96). Trotz der Befürchtung staatlicher Repressalien fasst die Erzählerin den Entschluss, das lang aufgeschobene Projekt, "in meiner neuen Sprache" (ebd.: 107) zu schreiben, in Zukunft realisieren zu wollen. Die Etablierung einer gerechteren Gesellschaft beruht auf dem Mut und der freien Meinungsäußerung des Individuums, nicht zuletzt von Seiten der Intellektuellen. Das Ende von Was bleibt nimmt den Anfang der 1990er Jahre ausgetragenen Literaturstreit um Christa Wolf voraus: "Eines Tages, dachte ich, werde ich sprechen können, ganz leicht und frei. Es ist noch zu früh, aber ist es nicht immer zu früh" (ebd.). Einem utopischen Sozialismus, in dem sich Künstler frei entfalten können, wir hier eine pessimistische Prognose ausgestellt. Augé erblickt ein Hoffnungszeichen für kulturelle Kontinuität in der künstlerischen Entfaltung, denn "in der Kunst bewahrt die Moderne sämtliche Zeiten des Ortes" (Augé 2010: 82). Wolfs gesellschaftliche Zukunftsvision umfasst zwar die Skizzierung einer positiven Gesellschaftsordnung, doch in Was bleibt wird angedeutet, dass auch diese Utopie wiederum an einen Nicht-Ort gebunden sein könnte.

Die Erzählerin fühlt sich nicht nur ihren Angehörigen entfremdet, sondern in hohem Maße auch der Stadt, in der sie lebt. Ost-Berlin wird in Was bleibt als ein Nicht-Ort dargestellt: "Was ist mit uns, hörte ich mich denken, mehrmals hintereinander, sonst fehlten mir die Worte, sie fehlen mir bis heute. Versuchsweise sage ich, es war ein Band gerissen zwischen mir und der Stadt" (Wolf 1990: 79f.). Das Band zwischen der Intellektuellen und der Hauptstadt des realsozialistischen Staates DDR ist gerissen: "Die Stadt als Geschichte oder als Gedächtnis bündelt und vermischt die allgemeine mit der individuellen Geschichte" (Augé 2000: 181), wird in Was bleibt aber als ein urbaner Raum erfahren, in dem keinerlei Relationen zwischen Individuum und Kollektiv sowie zwischen Vergangenheit und Gegenwart bestehen. Diesem Nicht-Ort kommt in Wolfs Text eine zentralere Bedeutung zu als dem Thema der Überwachung der Ich-Erzählerin von Seiten der Staatssicherheit. Es sind Orte und Nicht-Orte, die dem Text Was bleibt die Signatur geben.




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Unbehaustsein charakterisiert den urbanen Raum: "Ich war in der Fremde. Viele Wochen lang lief ich durch namenlose Straßen einer namenlosen Stadt" (Wolf 1990: 33). Die Hauptstadt der DDR ist durch jene Anonymität geprägt, die für den von Augé herausgearbeiteten Nicht-Ort kennzeichnend ist. Dieser Nicht-Ort befindet sich aber ebenfalls im Inneren der Hauptfigur.

Ihre Hoffnung richtet sich einerseits auf den Wunsch nach Kommunikation mit den Mitmenschen, andererseits auf die Verwirklichung der Utopie von einer besseren Gesellschaft. Die Realisierung dieses Ziels ist an die Sprache geknüpft. In Was bleibt bedeutet Sprache Erinnerung. Erinnerung aber ist für den Ort kennzeichnend. Dieser Ort lässt sich im Inneren der Erzählerin lokalisieren, denn "eine matte Erinnerung an frühere Freuden. Brot, Wein, die Liebe, den Geruch der Kinder, die Abbilder von Landschaften, Städten, Gesichtern" (ebd.: 34) artikuliert sich in ihren Reflexionen, in ihrer Suche nach einer neuen Sprache: "Die Fremdheit, die mich von der Menge trennte, glaubte ich, trennte die Menge auch von sich selbst. So hatte ich noch nicht gedacht, aber die Zeit schien gekommen, so und noch ganz anders zu denken. Anders und anderes" (ebd.: 72). In Übereinstimmung mit Augé lässt sich der anthropologische Status von Nicht-Orten auch in Wolfs Text anfechten, da die menschlichen Bestrebungen nach Relationen zur Kultur, zur Familie und zu übrigen Menschen noch immer virulent vorhanden sind.

Hinter dem vorsichtig formulierten Wunsch nach politischen Veränderungen in der DDR verbirgt sich ein ganz und gar grundlegendes Gedankenmuster anthropologischer Natur. Einsicht darin, dass allein eine neue Sprache die Basis für zukünftige politische Reformen bilden kann, grundiert den Text, der keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass das politische Ziel eine transformierte sozialistische Gesellschaft ist: "Was pfiff der eigentlich, das Lied kannte ich doch: 'Dem Karl Liebknecht, dem haben wirs geschworen, der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand', pfiff der Mann. Ich weinte. Das mußte aufhören. Es würde ja auch leider aufhören, wahrscheinlich schon bald" (ebd.: 43). Die bevorstehende Implosion der DDR wird im Jahre 1979 vorausgeahnt. Die Missachtung der Utopie, die auf deutschem Boden hauptsächlich von Luxemburg und Liebknecht formuliert wurde, im real existierenden Sozialismus der DDR lässt das reflektierende Ich verzweifeln. Nicht zufällig wird betont, dass die Lesung "in einer der finsteren abbruchreifen Straßen hinter dem Alexanderplatz" (ebd.: 85) stattfindet. Der real existierende Sozialismus besteht nur noch aus Parolen, die einander und der kommunistischen Utopie widersprechen: "Wachstum, Wohlstand, Stabilität las ich mechanisch noch einmal. Wo waren wir hier eigentlich" (ebd.: 86). Am Nicht-Ort Ost-Berlin entzündet sich ein sowohl kollektiver als auch individueller Identitätsverlust. Die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung scheint in der DDR der späten 1970er Jahre zwar nicht verloren, aber nicht wiederbelebbar zu sein.




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Die Ich-Erzählerin lebt in der Friedrichstraße, wo sich der Status Ost-Berlins als ein Transitraum täglich im sogenannten Tränenpalast zeigt. Das Gebäude wird zwar nicht namentlich erwähnt, entscheidend ist indes die präzise Definition des Tränenpalasts als eines ausschließlichen Funktionsortes: "Dieser Bau müßte als Monstrum dastehen, sollte seine äußere Gestalt seinem Zweck entsprechen, und nicht als Normalbau" (ebd.: 34). Die Wahrnehmung des Nicht-Ortes ist nicht auf den Tränenpalast beschränkt, sondern durchaus prinzipieller Natur, da sich auch in der Stadt in erster Linie "Transitäre, Touristen, Aus- und Einreisende" (ebd.) bewegen. Augé weist auf die markante Präsenz von Transiträumen wie Autobahnen, Bahnhöfen, Flughäfen und Einkaufszentren hin und unterstreicht, dass diese Nicht-Orte, die häufig vom "beschleunigten Verkehr von Personen und Gütern" (Augé 2010: 42) geprägt seien, keine kulturelle Identität gewährten.

Auch der von Augé dargestellte Nicht-Ort des Kommerzes findet in Was bleibt eine kurze und kritische Erwähnung: "Einkaufen, das bewährte Betäubungsmittel, schlug nicht an […] Die Frauen, die an der Kasse anstanden, waren fast alle zu dick und hielten sich schlecht" (Wolf 1990: 38). Konsumrausch als Fluchtweg aus einer misslichen gesellschaftlichen Realität ist schon 1979 ein Thema für Christa Wolf. Der 'Bockwurstsozialismus' der unter Erich Honecker propagierten ‚Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik‘ wird als nicht kompatibel mit der Utopie zurückgewiesen.

Christa Wolfs Definition des Nicht-Ortes umfasst auch die von Augé hervorgehobene Geschichtslosigkeit. Augé antizipierend, skizziert sie einen Nicht-Ort Ost-Berlin, der keinerlei Identität zu gewähren vermag. Das "Noch" im folgenden Zitat deutet allerdings die potentielle Veränderbarkeit des Nicht-Ortes an. Ebenso wie später Augé räumt Wolf dem Nicht-Ort einen Status als Palimpsest ein. Ihre Utopie zielt auf die Rücktransformation des Nicht-Ortes in einen Ort Berlin ab, der seinen Einwohnern eine kollektive Identität garantieren soll. Eine Modifikation von Augés Terminus des Nicht-Ortes zeichnet sich bei Wolf allerdings in der Akzentuierung der politischen Machtausübung ab, die bei Augé keine Rolle spielt. Die Staatssicherheitsmitarbeiter, welche die Ich-Erzählerin rund um die Uhr überwachen, werden zwar als eine Konsequenz einer nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 zugespitzten innenpolitischen Lage in der DDR geschildert, werden jedoch als archetypische Repräsentanten eines Nicht-Ort-Einwohners eingestuft:




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Noch mußte ich mit allen anderen in einer verlorenen Stadt leben, einer unerlösten, erbarmungslosen Stadt, versenkt auf den Grund von Nichtswürdigkeit. Nachts hörte ich das Stampfen des Roboters, der mir seine eiserne Hand auf die Brust legte. Aus einem Ort war die Stadt zu einem Nicht-Ort geworden, ohne Geschichte, ohne Vision, ohne Zauber, verdorben durch Gier, Macht und Gewalt. Zwischen Alpträumen und sinnlosen Tätigkeiten verbrachte sie ihre Zeit – wie jene Jungs in den Autos, die mehr und mehr meiner Stadt Sinnbild wurden (ebd.: 35).

Keineswegs zufällig endet Wolfs Erzählung mit der Erwähnung der Stadt: "Was bleibt. Was meiner Stadt zugrunde liegt und woran sie zugrunde geht" (ebd.: 107f.). Diese abschließenden Sätze präzisieren nochmals den Spannungsbogen, in dem sich der Text Was bleibt bewegt. Der kurze Hauptsatz "Was bleibt" unterstreicht das Grundanliegen der Erzählung, deren Zielsetzung die mit dem Ort verbundene Einbettung der Identität in die historischen Traditionen des Sozialismus in Deutschland und vor allem in Berlin ist. Die kulturelle Kontinuität der Stadt sollte auch in der 'Hauptstadt der DDR' größere Beachtung finden, denn an seinem Status als Nicht-Ort könnte Ost-Berlin eines Tages zugrunde gehen – so lautet die apodiktische Prognose Christa Wolfs.

IV Konkretisierung der Utopie?

Der vorliegende Aufsatz möchte einen Beitrag zur Beachtung der Vielschichtigkeit der Erzählung Was bleibt leisten. Die Augé-Antizipation in Was bleibt ist ein Beleg für Christa Wolfs Vorreiterrolle in Bezug auf die produktive Auseinandersetzung der DDR-Literatur mit internationalen Strömungen in der Kulturwissenschaft.

Was bleibt enthält keine plakative nachträgliche Kritik an der DDR, sondern eine vielschichtige Kritik, deren Ziel das Etablieren von Zukunftsperspektiven für den Sozialismus ist. Der kurze Hauptsatz "Was bleibt" mag aus der Sicht des Jahres 1990 ein Fazit des gerade untergehenden real existierenden Sozialismus bedeuten, doch aus der Optik des Entstehungsjahres 1979 meint "Was bleibt" auch Zukunft. Mit Was bleibt unternimmt Wolf den Versuch, ein kulturelles Denkkonzept als Basis einer reformierten DDR-Gesellschaft, als Basis der Verwirklichung der politischen Utopie vorzulegen.




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Orte und Nicht-Orte sowie angestrebte Ortsverschiebungen bilden den übergeordneten Spannungsbogen, in dem sich in Was bleibt die kritische Auseinandersetzung mit der DDR-Gesellschaft in den Jahren nach der Ausbürgerung Biermanns entfaltet. In der Erzählung figuriert der Ort als Utopie. Das Interesse am Terminus des Ortes entspringt dem Bestreben, "den Zielen und Werten dieser Kultur" auf den Grund zu gehen. Die Thematisierung der Utopie führt keineswegs eine Stabilisierung des SED-Regimes mit sich, denn mit dem Ort als Ausgangspunkt der angestrebten Verbesserung der DDR-Gesellschaft wählt Wolf einen politisch neutralen Begriff, der dennoch auf zentrale kulturelle und soziale Transformationsprozesse abzielt.

Ost-Berlin wird im Text analog zu Augé als ein destruktiver, provisorischer, standardisierter, anonymer, von Kommunikationslosigkeit bestimmter Transitraum geschildert. Der Erzählerin geht es vor allem um die Einbettung ihrer zukünftigen individuellen und der angestrebten kollektiven Identität der Bewohner Ost-Berlins in einen historischen Raum. Dieser historische Ort wird als die Geschichte des Sozialismus in Deutschland erkennbar. Gelingt diese Einbettung nicht – so lautet die Prognose anno 1979 –, könnte Ost-Berlin an seinem Status als Nicht-Ort in einer nicht allzu fernen Zukunft untergehen. Anders als bei Augé wird in Was bleibt der Nicht-Ort als ein, freilich negativ determiniertes, finales Ziel erwogen. Der Text tritt als eine Problematisierung des Palimpsest-Status von Nicht-Orten hervor. Wolfs Text reflektiert eher die Übereinstimmbarkeit von Utopie und Nicht-Ort als konkrete zukünftige politische Rahmenbedingungen für einen demokratischen Sozialismus. Diese bleiben unbestimmt. Die zentrale Frage, ob ein demokratischer Sozialismus im Rahmen einer Fortexistenz des DDR-Staates denkbar gewesen wäre, oder ob eine DDR ohne stalinistische Strukturen überhaupt eine Existenzberechtigung gehabt hätte, bleibt ausgespart. Auch Christa Wolfs Erzählung Kein Ort. Nirgends ist erstaunlicherweise nicht auf Augés Begriff des Nicht-Ortes bezogen worden. Allerdings ist festgestellt worden, dass diese Erzählung mit dem "Befragen von Erinnerungsfeldern" (Scholz 2016: 150) einen Weg "aus der Geschichtslosigkeit heraus" (Hilzinger 1986: 112) ebnen würde. In der neueren Forschung wird allerdings auch das Misslingen der Utopie in Kein Ort. Nirgends betont: „Die Utopie von einer veränderten Gesellschaft ist heute wie im beginnenden 19. Jahrhundert gescheitert“ (Nagelschmidt 2016: 41).




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Diese Position verkennt, dass die Literatur selbst als Utopie fungiert. Obwohl der Begriff Nicht-Ort in Kein Ort. Nirgends keine Erwähnung findet, ist dieser Text Wolfs für ihr Literaturverständnis von zentraler Bedeutung, denn "Literatur komme die Aufgabe zu, alternative Lebensformen modellhaft zur Diskussion zu stellen, utopische Momente aus vergangenen Epochen auf ihre aktuelle Relevanz zu überprüfen" (Hilzinger 1986: 107). Wolf tat dies wenige Jahre vor dem Verfassen von Was bleibt. In Kein Ort. Nirgends werden nämlich "alternative Lebens- und Beziehungsformen" (ebd.: 108) im frühen 19. Jahrhundert in den Mittelpunkt gerückt. Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode werden zu einer Projektionsfläche "für die Sehnsucht nach Menschwerdung" (ebd.: 128). Der Text entwirft "eine Form von kollektiver Erinnerung" (Hilzinger 2007: 97). Im Text wird ein soziales Experiment durchgeführt, die Konturen eines Ortes werden erkennbar.

Während Kein Ort. Nirgends jedoch "den Übergang der Hoffnung vom endgültig als illusorisch erlebten sozialistischen Großprojekt in die Nische selbst gefertigter Beziehungen" (Magenau 2013: 296) markiere, hält Was bleibt am Großprojekt der besseren Gesellschaft fest. "Der Ort der Utopie eines solidarischen Miteinanders" (ebd.: 297) wird aber in Kein Ort. Nirgends konkretisiert. Das Potenzial einer kollektiv fundierten Identität wird durch das gemeinsame Leben des hier im Mittelpunkt stehenden Freundeskreises angedeutet. Wolf visiert in Kein Ort. Nirgends "das Menschlich-Allgemeine an, ein überhistorisches Humanum" (ebd.: 306). Was in Was bleibt als ein Zukunftsprojekt formuliert wird, manifestiert sich in Kein Ort. Nirgends im erzählerischen Rahmen einer fiktionalisierten Begegnung zwischen geistigen Leuchttürmen des frühen 19. Jahrhunderts als eine – historisch immerhin denkbare – Utopie mit Anspruch auf Verwirklichung.

In Was bleibt entfaltet sich das Spannungsfeld von Ort und Nicht-Ort im äußeren Rahmen der Stadt Ost-Berlin, die sich als ein Palimpsest manifestiert. Der "innere Ort" ist mit einer Freisetzung der "neuen Sprache" gleichbedeutend, welche die Basis für die Benennung anderer Dimensionen des Ortes bildet. Zeitlich beinhaltet dieser Ort Erinnerung an und Respekt vor der deutschen Kultur- und Sozialgeschichte und soll als Basis für eine politische Transformation der DDR-Gesellschaft in Richtung eines demokratischen Sozialismus dienen. Diese angestrebte Rekonstruktion vollzieht sich ausschließlich auf einer gedanklichen Ebene und blieb während der revolutionären Ereignisse in der DDR im November 1989 – auch in Christa Wolfs Rede auf dem Alexanderplatz – jegliche Praxistauglichkeit schuldig. Das kulturelle Denkkonzept verhalf der politischen Utopie nicht zum Durchbruch.




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Durch das Herausarbeiten der Relevanz von Augés Theorie für Was bleibt ist indes ein theoretischer Rahmen für die Textanalyse etabliert worden, deren Ergebnis aussagekräftiger ist als die bisher von der Forschung prononcierte "Fremdheit" und "Zivilisationskritik". Dieser Rahmen dient zudem als thematisches Bindeglied zwischen den auf den ersten Blick grundverschiedenen, aber wichtigsten Wolf-Erzählungen der zweiten Hälfte der 1970er Jahre, die sich als Texte wider die Gleichgültigkeit gegenüber der Geschichte manifestieren: Kein Ort. Nirgends und Was bleibt.


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