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Luisa Drews (Wien)



Hör-Wissen auf Tuchfühlung. Oder: Wie können Wissensgeschichten einzelner Sinne heute geschrieben werden?


Karin Harrasser (Hg.) (2017): Auf Tuchfühlung. Eine Wissensgeschichte des Tastsinns. Frankfurt a. M./New York: Campus. 283 S. [= T]; – Netzwerk "Hör-Wissen im Wandel" (Hg.) (2017): Wissensgeschichte des Hörens in der Moderne. Berlin/Boston: De Gruyter. 386 S. [= H]

Sehen und Wissen werden seit jeher miteinander verbunden. Die enge Verwandtschaftsbeziehung von Sehen und Wissen lässt sich bereits sprachgeschichtlich nachweisen (vgl. Konersmann 1997: 19). Insofern liegt es nahe, dass sich Forschungsarbeiten verschiedener Disziplinen den Zusammenhängen zwischen Sichtbarkeit, Sehsinn, Evidenz, Repräsentation und Erkenntnis gewidmet haben. Dieses Interesse am Sehen und seinen Bedeutungen, an Kulturen des Blicks, visuellen Praktiken und Medien der Wahrnehmung, an Aufmerksamkeit, Erinnerung und Beobachtung hat in den sich wiederholt neuorientierenden Kulturwissenschaften die Bezeichnung visual turn bzw. Visual Culture erhalten (vgl. Bachmann-Medick 2009: 330, Schmitz-Emans/Lehnert 2008: 9–27, Prinz/Reckwitz 2012: 176–195). Der Höhepunkt dieses cultural turns liegt inzwischen einige Jahre zurück, andere Wenden und Studies sind nachgerückt. Wie sieht es heute mit dem Wissen und der Geschichte der Sinne allgemein und der Wissensgeschichte der individuellen Sinne aus?




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Recherchiert man in einschlägigen Datenbanken und kombiniert Schlagworte wie "history"/"Geschichte", "knowledge"/"Wissen" und "senses"/"Sinne" bzw. "[sense]"/"[Sinn]" oder "[sensory perception]"/"[Sinneswahrnehmung]", dann folgen auf die zahlreichen, das Visuelle behandelnden Publikationen (vgl. exemplarisch zum 'optischen' bzw. 'visuellen Wissen': Köhnen 2009, Duden/Illich 1995: 203–221 sowie zu 'optischen Medien': Kittler 2002) und die immer wieder gefragten, häufig kulturgeschichtlich verfahrenden und breiter angelegten Körper- und Sinnesgeschichten (z.B. Benthien/Wulf 2001, Bull/Mitchell 2015, Butler/Purves 2013, Hörisch 2001, Howes 2005, Jütte 2000, Kamper/Wulf 1984, Laplantine 2015, Sanger/Kulbrandstad Walker 2012, Serres 1993, Waldenfels 1999) jene zum Hör- sowie Tastsinn. In quantitativer Hinsicht und mit besonderem Blick auf größere Schriften wie Monographien und Sammelbände scheinen Hören und Tasten, ein Fern- und ein Nahsinn, derzeit für die prominenteren Sinne zu stehen. Es fällt nicht schwer, längere Listen aus Titeln allein aus den letzten drei Jahren zu auditiver Wahrnehmung und zu akustischen Phänomenen (Ochsner/Stock 2016, Cox/Warner 2017, Morat/Ziemer 2018, Schulze 2018, ferner die kürzeren Arbeiten von Steiner 2017: 176–196, Schulz 2018: 291–322) sowie zum Tastsinn (Gruber/Lant 2014, Herwig/Seibel 2017) zu erstellen. Umfangreichere Studien zu Geschmack und Geruch gibt es zwar – bei ihnen ist jedoch keine vergleichbare Häufung in der jüngsten Vergangenheit feststellbar (Classen/Howes/Synnott 1994, Diaconu 2005, Gigante 2005, Reinarz 2014). In der im weiteren Sinne kulturwissenschaftlich verfahrenden Forschungsliteratur, so können wir festhalten, bildet sich im Hinblick auf die Thematisierungshäufigkeiten und Forschungsintensitäten gegenüber einzelnen Sinnen eine Hierarchie oder zumindest eine Reihenfolge ab (vgl. den Forschungsstand zur Geschichte der Sinneswahrnehmung in Jütte 2000: 22, sowie die Publikationen der Kunst- und Forschungshalle der Bundesrepublik Deutschland (Hg.) 1994, 1995a, 1995b, 1996a, 1996b). Solche Rangfolgen sind nicht unproblematisch, da sie als Ausdruck einer existerenden 'Hierarchie der Sinne' verstanden werden oder die Annahme derselben zementieren könnten (wenngleich eine existierende Sinneshierarchie sicher auch Effekte auf die Forschungsinteressen hat). In einer der wenigen Studien zum Geschmackssinn heißt es etwa: "In spite of its importance to our emotional and sensory lives, smell is probably the most undervalued sense in the modern West." (Classen/Howes/Synnott 1994: 2f.)




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Vor diesem Befund betrachtet scheinen die jüngsten Forschungsarbeiten den Überlegungen zu einer Erweiterung des visual turns Anfang der 2000er Jahre zu folgen, wie sie etwa von dem Literaturwissenschaftler Reinhart Meyer-Kalkus und dem Kunsthistoriker W. J. T. Mitchell vorgetragen wurden. So kritisierte Meyer-Kalkus 2001, dass "[a]uch die neuerliche Orientierung an Bild und Bildmedien […] nicht geeignet [ist], die auditive Dimension aus ihrer Vergessenheit zu reißen" (Meyer-Kalkus 2001: 461; Hinzufügung von L.D.), und Mitchell forderte, "die spezifischen Beziehungen des Sehens zu den anderen Sinnen zu untersuchen, vor allem dem Hör- und Tastsinn, und festzustellen, wie sie in besonderen kulturellen Praktiken ausgestaltet werden." (Mitchell 2005: 349) Ein Unterschied zu diesen Forderungen ist sicher, dass die jüngeren Arbeiten weniger einen Sinn oder eine bestimmte "Sinnesdimension" als Forschungsgegenstand adressieren, sondern sich für die Bedingungen und Situationen interessieren, in denen Sinne Funktionen und Bedeutung erhalten. Diese Verschiebung hat auch mit praxeologischen bzw. praxistheoretischen Ansätzen in einer Medienkulturwissenschaft zu tun, die verstärkt nach dem Verhältnis zwischen Medien, Körpern und Sinnen fragt. So analysiert der 2016 von Beate Ochsner und Robert Stock herausgegebene, "senseAbility" überschriebene Sammelband etwa dezidiert "mediale Praktiken des Sehens und Hörens in unterschiedlichen historischen, medialen, sozialen und environmentalen Anforderungsdispositiven" (Ochsner/Stock 2016: 9). Für die Beiträgerinnen und Beiträger dieses Bandes steht außer Frage, dass "sensorische Prozesse der Wahrnehmung niemals direkt zugänglich oder einfach vorhanden" sind, sondern "immer schon in gewisser Weise in sozialen, technologischen und medialen Milieus übersetzt und produziert werden, die sie ihrerseits (mit-)verfertigen." (Ochsner/Stock 2016: 9)

Dieses intensivere Interesse für Hören und Tasten, Sounds und Kontakt kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass aktuell zahlenmäßig mehr und häufig wirkungsmächtigere Arbeiten in englischer Sprache entstehen bzw. publiziert werden. Die Sound Studies, die in Medien-, Film-, Theater- und Musikwissenschaften genauso hörbar sind wie in dem kleinen, international vernetzten und zunehmend an transnationalen Fragestellungen interessierten Feld der radio research, sind hier ganz besonders produktiv. Viele im deutschsprachigen Raum institutionell verortete Forscherinnen und Forscher publizieren ihre Texte in englischer Sprache und werden damit Teil einer größeren Methodendiskussion. Der Tastsinn, so könnte es scheinen, ist in der Relation zum Hörsinn wissenschaftlich noch weniger greifbar; zumindest scheint es in der deutschsprachigen Forschung stärkeren Konsens über neue Denkmodelle zum Hören (vgl. Schröter/Volmar 2013,




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Schlüter/Volmar 2015) – etwa die 'auditiven Medienkulturen' – als über das theoretische Instrumentarium der Tastsinn-Forschung zu geben. Das Taktile ist in den medien- und kulturwissenschaftlichen Debatten vielleicht noch nicht ganz so präsent wie das Hören, doch der Tastsinn erlebt gerade eine "Konjunktur" (T 12), die auch an anderen Schauplätzen wie Konferenzen und Ausstellungen gemessen werden kann (z.B. im Vorjahr der Publikation die Konferenz und Vorlesungsreihe "Kunst und Berührung" an der Staatlichen Akademie der Künste Karlsruhe, die Konferenz "Symmetries of Touch" an der Bauhaus-Universität Weimar). Insofern lässt es aufmerken, dass im Sommer 2017 zwei größere Publikationen zum Tasten und Hören in deutscher Sprache erschienen sind, die sich an der Verschränkung von Wissen und Sinneswahrnehmung versuchen. Wo sehen sich diese Bände in der Forschungsliteratur, wie lassen sie sich einordnen?

1 Ausgangsfragen und Projekte

Der von Karin Harrasser herausgegebene Sammelband Auf Tuchfühlung. Eine Wissensgeschichte des Tastsinns ist als vierter Band in der Schriftenreihe Schauplätze der Evidenz (hg. von Helmut Lethen) im Sommer 2017 im Campus Verlag erschienen. Die Reihe ist aus einem Arbeitsschwerpunkt des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften (Wien) heraus entstanden und will, so die Verlagsbeschreibung, seit 2007 "ein Fenster für das Reale in den Kulturwissenschaften öffnen". Sie versteht sich als Dokumentation eines verstärkten Forschungsinteresses für die "Wirklichkeit" in den Kulturwissenschaften und dessen interdisziplinäre Erörterung durch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Standen zuvor die "Konstruktionstechniken der Medien" und die "kulturelle Codierung" aller Phänomene im Vordergrund, gilt es nun, so der Umschlagtext, die Diskussion der "Suche nach dem Realen" kritisch zu begleiten: "[...] die Einebnung der Phänomene in einer Diskurslandschaft vergaß, dass die Dynamik kultureller Ökonomie durch die Suche nach dem Ereignis hinter den Medien in Gang gesetzt wird." (Klappentext) Am Anfang des Bandes Auf Tuchfühlung steht die Diagnose, dass der Tastsinn eine besondere Herausforderung für Kultur- und Medientheorie darstellt:

Er pendelt in der Philosophie sowie in seiner wissenschaftlichen Erforschung zwischen zwei Polen: Zum einen wurde er routinemäßig erkenntnistheoretisch zugunsten der Fernsinne abgewertet. Im Tasten droht das Sinnliche die Erkenntnis zu überrumpeln, dem Subjekt nur vermischte Eindrücke zuzuspielen. Zum anderen lässt sich die Geschichte einer abendländischen 'Haptometaphysik' (Jacques Derrida) nachzeichnen, in der dem Tastsinn eine privilegierte Stellung im Zugang zur Wahrheit zukommt. Die Berührung fungiert hier als letzte Instanz der Gewissheit. (Klappentext)




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Der Sammelband hat sich folglich das Ziel gesetzt, in wissenshistorischen, kunstwissenschaftlichen und medientheoretischen Zugängen die ästhetischen und erkenntnisbezogenen Potenziale des Tastsinns auszuloten. Dabei geht es den zwölf Beiträgen, so der Klappentext, dezidiert auch um ein Gedankenexperiment: "Wie wäre es, den Tastsinn als den experimentellsten und sozialsten unter den Sinnen zu begreifen?"

Nahezu zeitgleich erschienen ist eine "Wissensgeschichte des Hörens in der Moderne". Der von Daniel Morat koordinierte und im De Gruyter Verlag veröffentlichte Band präsentiert Arbeiten, die in den Jahren 2013 bis 2016 innerhalb des DFG-Forschernetzwerks "Hör-Wissen im Wandel. Zur Wissensgeschichte des Hörens in der Moderne" entstanden sind. Die interdisziplinäre Abschlusspublikation versammelt dreizehn Beiträge zum wissenschaftlichen, künstlerischen, musikalischen, literarischen und politischen "Hör-Wissen" und versteht sich als "ersten Versuch, das Hör-Wissen in der Moderne in seinen vielfältigen Ausprägungen als historisches Phänomen darzustellen" (H 5). Durch den Begriff "Hör-Wissen" will der Band die "Doppelung von 'Wissen über' und 'Wissen durch'" das Hören einfangen (H3) und, so der Klappentext, den zweifachen "epistemischen Status des Hörens in der Moderne" reflektieren: "Er trägt damit zur Historisierung von zentralen Begriffen und Annahmen der Sound Studies bei und problematisiert die Hypothese einer Hegemonie des Visuellen in der Wissensgeschichte der Moderne." Die Ausgangsfrage des Bandes lautet also: "Ist das Hören selbst eine historisch variable Praxis? Und wenn ja: Wie, wann und unter welchen Bedingungen wurde das Ohr zum Erkenntnisorgan? (H 1)

Ich möchte den von Karin Harrasser herausgegebenen Band zum Tastsinn und die von Daniel Morat betreute Netzwerkpublikation zum Hören als Ausdruck eines verstärkten Interesses an der Historisierung der Sinne und von Sinnespraktiken verstehen (Jütte 2000: 17–28, Howes 2005: 55–58) und sie mit Blick auf das Projekt einer Wissensgeschichte sinnlicher Wahrnehmung methodologisch befragen. Wenn die Geschichte von Sounds bzw. des Hörens ein "boomendes Forschungsfeld" ist, wie mit Blick auf die in den vergangenen Jahren angewachsene Forschungsliteratur festgehalten werden kann (Morat/Ziemer 2018: 107), und wenn die Geschichte des Tastens, Greifens und Berührens aufgrund von Missverständnissen, Versäumnissen und Vorurteilen ein unterforschtes, problematisches oder auch prekäres Gebiet darstellt (z.B. Classen 2012: xi-xii), dann kann man fragen, wie Geschichten von




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Sinnen und Sinneswahrnehmungen heute geschrieben werden können und sollen, welche Entscheidungen – neben den sinnesspezifischen Herausforderungen der jeweiligen Publikationen – methodisch und theoretisch als problematisch erachtet werden. Kurz: Ob und vor allem wie reflektieren Wissensgeschichten einzelner Sinnespraktiken ihr eigenes Vorgehen? Sinnesgeschichten publizieren, heißt, mit Bernhard Siegert und Joseph Vogl gedacht, die Kulturtechnik der Zeitbeherrschung glaubhaft machen, die ihrerseits von sinnlicher Wahrnehmung und Medien abhängt, von denen wir wissen, dass es sie als solche nicht gibt, oder anders: dass die Epistemologie der Medien und Sinne in die Ontologien derselben eingetragen sind (vgl. Siegert 2010: 157–175, insbes. 158; Vogl 2001: 115–123). Neu sind diese Fragen und Probleme mithin nicht. Ganz ähnlich hatte etwa Lucien Febvre, Mitbegründer der Annales-Schule, 1938 in einem Artikel zu "Histoire et Psychologie" auf die methodischen Probleme aufmerksam gemacht, die mit einer Geschichte der Empfindungen verbunden sind: "[…] die Gefahr nämlich, direkten Weges (ohne die Schwierigkeiten auch nur zu ahnen) von unseren Empfindungen und Vorstellungen zu jenen Empfindungen und Vorstellungen gelangen zu wollen, für die – oft über Jahrhunderte hinweg – ähnliche oder sogar dieselben Wörter stehen, die durch ihre scheinbare und trügerische Identität die größten Irrtümer hervorrufen." (Febvre 1988: 85)

2 Annäherungen und Schwerpunkte

Wenig Verwunderung hervorrufen wird die Tatsache, dass es sich in beiden Fällen um Sammelbände und nicht um Monographien handelt, also um Bücher mit Beiträgen, die zwar von individuellen Autorinnen und Autoren verfasst, aber in beiden Fällen in kollektiven Prozessen entstanden und über einen längeren Zeitraum gemeinsam diskutiert worden sind (H VII, T 13; vgl. die Buchpräsentation Der Tastsinn. Drei Bücher am 09.01.18 im depot, Wien). Projekte dieser Größenordnung verlangen offensichtlich ausreichend human resources. Klar ist trotzdem von Anfang an, dass die Bände nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern im einen Fall einen "Überblick über die Spuren von Hör-Wissen in unterschiedlichen Wissensfeldern" (T 5) geben wollen und im anderen Fall ein dem Tastsinn angemessenes Denken suchen, ein Denken, "das sich angreifbar macht" (T 13) und es vermag, den "immer wieder entwischenden Tastsinn" zu begreifen (Karin Harrasser anlässlich der Buchpräsentation am 09.01.2018 in Wien). Dass die Bände Arbeiten aus Literaturwissenschaften, Geschichtswissenschaften, Kulturwissenschaften, Musikwissenschaften, Theaterwissenschaften, Medienwissenschaften, Soziologie, Kunst und artistic research, Philosophie und Psychosomatik versammeln und sich in ihrem Zugang als 'interdisziplinär' verstehen, ist ebenfalls nichts Neues.




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Der von Harrasser herausgegebene Sammelband ist in diesem Punkt experimentierfreudiger als die "Wissensgeschichte des Hörens", die ihren Schwerpunkt auf den Literatur- und Kultur-, Musik- und Medienwissenschaften hat und zudem – im Unterschied zur Heterogenität der Berufsbiographien des "Tuchfühlung"-Bandes – überwiegend arrivierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ab senior researcher-Niveau in den Dialog bringt.

Die Beiträge zum Hören legen den "epochale[n] Schwerpunkt" auf die Moderne – eine Entscheidung, die mit dem "Aufstieg der Wissenschaften und [der] Entstehung der modernen Wissensgesellschaft" (H 4) begründet wird. Daniel Morat, Viktoria Tkaczyk und Hansjakob Ziemer ist in der Einleitung wichtig zu betonen, dass in dieser Setzung die "Pluralität des Wandels innerhalb der Moderne" (H 5) immer mitgedacht wird und der Band kein "lineares Modernisierungsnarrativ" (H 4) verfolgt. Der Begriff der Moderne wird im Hinblick auf die zu untersuchenden Wissensformen außerdem als dehnbar verstanden und den Bedürfnissen der Gegenstände angepasst. So irritiert nur auf den ersten Blick Jan-Friedrich Missfelders Beitrag zu akustischen Politiken und Protokollen des Hörens im vormodernen Zürich. Die "Wissensgeschichte des Tastsinns" hat sich für einen anderen Zugriff entschieden. Sie ist zwar im Grunde affiziert von einem das 20. Jahrhundert fokussierenden Projekt; das hindert die Beiträgerinnen und Beiträger des Bandes aber nicht daran, Beispielanalysen mit Bezug zur Gegenwart, zu den Zwischen- und Nachkriegsjahren, zum 16., 17. und 19. Jahrhundert vorzustellen.

Die "Wissensgeschichte des Tastsinns" ist in vier Sektionen untergliedert. Auf eine Einleitung (von Karin Harrasser) und den exemplarischen Problemaufriss zur Medialität des Tastsinns anhand einer Videoarbeit (von Markus Burgstaller) folgen je drei Beiträge zu den Schwerpunkten "Experimente", "Oberflächen", "Medien" und "Episteme". Dabei handelt es sich nicht in allen zwölf Fällen um Originalbeiträge; jeweils in den Sektionen "Oberflächen", "Medien" und "Episteme" wurde eine für die Diskussion als relevant erachtete Arbeit ausgewählt und wiederabgedruckt: Antoine Hennions "Die Kunst der Berührung. Über das hervorzubringende Werk" (Übersetzung aus dem unveröffentlichten französischen Originalmanuskript durch Anne Ortner, englische Fassung erschienen in Hennion 2016: 208–214), Gertrud Kochs "Netzhautsex. Sehen als Akt" (in leichter Bearbeitung des gleichnamigen Textes in Koch [1997]: 114–128) sowie Donna J. Haraways "Tentakulär Denken. Anthropozän, Kapitalozän, Chthuluzän" (Übersetzung des englischen Kapitels durch Karin Harrasser aus Haraway 2016: 30–57).




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Während der Wiederabdruck von Kochs vielgelesenem Beitrag von 1997 zum verkörperten Sehen von Film/Bildern als Beispiel für den Einzug performativer Ansätze in Kultur- und Medienwissenschaft plausibel erscheint und durchaus anschlussfähig an aktuelle Debatten ist, fügen sich die Beiträge von Haraway und Hennion weniger in den Band ein. Haraways Beitrag ist, das kann man sagen, sowohl sprachlich als auch inhaltlich ein äußerst sperriger Text, und Hennions Text ist von so poetischer Natur, dass das Thema leicht im Vagen bleiben und der Bezug zu den anderen Beiträgen des Bandes verstellt werden kann. Damit liegt zudem rein quantitativ betrachtet der eigene Diskussionsbeitrag des Bandes auf dem Schwerpunkt der "Experimente", ein Eindruck, der sich auch mit dem suchenden Anspruch des Bandes deckt (T 8). In der Tat vermögen die drei Beiträge der ersten Sektion in der Zusammenschau – Benjamin Steiningers chemisch informierte Analyse von "Berührungswirkungen. Katalyse als Kontaktforschung", Martin Dornbergs und Daniel Fetzners Aufsatz über "Experimentelle Taktilität. Zur medienökologischen Erforschung von Zwischenkörpern" sowie das Selbstexperiment von Katrin Solhdju "Der Augenspaziergang. Ein geochoreographisches Experiment als Köder für Mehrdeutigkeit" – den Horizont zum "vortastend-experimentierende[n] Charakter des Tastsinns" (T 11) zu öffnen. Dennoch mag es angesichts des Titels des Bandes Auf Tuchfühlung. Wissensgeschichte des Hörens und dem ausdrücklichen Interesse für die 'mediale Verfasstheit der Hautbarriere' (T 7) irritieren, dass den Sektionen "Episteme" sowie "Medien" und "Oberflächen" nicht genauso viel Raum für Originalbeiträge eingeräumt wurde. Gleichwohl handelt es sich bei den weiteren Arbeiten – zur Taktilität und 'unvermittelten Vermitteltheit' in den Arbeiten der japanischen Kunstvereinigung Gutai (von Tomoko Mamine), zum Urwald im Bauwesen und porösen Oberflächen der Moderne (von Nico Joana Weber), zu empfindsamen Zonen in Kunst und digitalen Medien (von Marie-Luise Angerer), zu Handschuhen als Medium, Objekt und Interface (von Jana Herwig), zu exzentrischen Tastempfindungen bei Ernst Marcus und Jacques Derrida (von Detlef Thiel) und zur taktilen Medialität am Beispiel des Velázques-Gemäldes Las hilanderas o La fábula de Aracne (von Karin Harrasser) – um interessante und lesenswerte Beiträge mit zum Teil anspruchsvollen theoretischen Zugängen. Die Leserin hätte sich mehr von diesen Analysen und gegebenenfalls noch einen abschließenden, einordnenden Teil gewünscht, der ausgehend von den abgedruckten Beiträgen grundsätzliche Probleme, Desiderata und gemeinsame Fragen komprimiert, Vorschläge für künftige Synergieeffekte und Hinweise für weiteren Forschungsbedarf gibt. Sonst wäre es sinnvoller gewesen, dem Band den Untertitel "Wissensgeschichten des Tastsinns" anstelle von "Eine Wissensgeschichte des Tastsinns" zu geben.




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Die "Wissensgeschichte des Hörens" gibt ihren dreizehn Originalbeiträgen mehr Raum – der Band hat insgesamt gut 100 Seiten mehr als die "Wissensgeschichte des Tastsinns" – und stellt ihnen zudem eine ausführliche Einleitung (von Daniel Morat, Viktoria Tkaczyk und Hansjakob Ziemer) voran, die gemeinsam benutzte Begriffe (allen voran das "Hör-Wissen") und gemeinsame Prämissen des Forschernetzwerkes erläutert. Die Beiträgerinnen und Beiträger des Bandes gehen davon aus, dass sich, gemäß der doppelten Bedeutung von Hör-Wissen die hier interessierende Frage nach der Rolle des Hörens in den Wissenskulturen der Moderne in zweifacher Weise formulieren lässt:

1. Welche Arten von Wissen über das Hören lassen sich historisch rekonstruieren? Wie wurden sie innerhalb der verschiedenen Wissenssysteme der Wissenschaft, der Musik, der Literatur und der Politik hergestellt und kommuniziert? Welchen Stellenwert nahm das Wissen vom Hören in diesen jeweiligen Wissenssystemen ein? Mit welchen Erkenntnisinteressen wurde das Hören zum Gegenstand der Wissensproduktion gemacht?
2. Welche Funktion hatte das Hören selbst im Prozess der Wissensproduktion und Kommunikation? Welche Rolle spielte das Hören etwa im Labor, im Theater im Salon, im Konzerthaus, im Parlament, und in welcher Weise bildete sich dabei ein spezifisches auditives Wissen in der Wissenschaft, der Literatur, der Musik, der Politik heraus? Wie wird Wissen auditiv hervorgebracht, gespeichert und kommuniziert? (H 4)

Die Einleitung umreißt aber auch das Theorie- und Methodenverständnis und grundlegende Ergebnisse des Bandes. Dazu zählt zum Beispiel, "dass Hör-Wissen nicht auf isolierten singulären Akten der Wissensproduktion basiert, sondern stets auf ein weitverzweigtes Netz politischer Interessen, wissenschaftlicher Tugenden, kultureller Erwartungen, technischer Möglichkeiten und praktischer Notwendigkeiten verweist. Eine Wissensgeschichte des Hörens, die diesen Verflechtungen nachgeht, muss also die je spezifischen Rahmenbedingungen reflektieren, unter denen dieses Wissen entstehen konnte." (H 6) Die abgedruckten Texte verstehen sich als Fallstudien, die zusammengenommen einen "Überblick über die Spuren von Hör-Wissen in unterschiedlichen Wissensfeldern" "vom 18. bis zum mittleren 20. Jahrhundert" (H 5) geben wollen und diesem Anspruch überwiegend auch gerecht werden. Die Beiträge konzentrieren sich dabei auf die Kategorien Quellen, Akteure und Orte; die Netzwerkpublikation ordnet ihre Fallstudien jedoch nicht nach diesen Kategorien, sondern nach "Provinzen des Hör-Wissens": der Wissenschaft, der Sprechkünste, der Musik, der Literatur und der Politik, und vermag so, den "Verflechtungen" mittels eines Rasters nachvollziehbarer Analysekriterien gerecht zu werden. Auch Überschneidungen zwischen einzelnen "Wissensprovinzen" und der "Transfer von Hör-Wissen" sind von Interesse (H 6, 10).




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Schwerpunktmäßig zum wissenschaftlichen Hör-Wissen zählen die Beiträge zum psycho-physischen Labor als epistemisches Gefilde, in dem der Klang und die Klangfarbe zu einem Forschungsgegenstand wurde (von Julia Kursell), zur Universalisierung des individuellen Hörers auf dem Gebiet der experimentellen Psychologie (von Alexandra Hui) und zu den epistemologischen Ursprüngen auditiver Formen naturwissenschaftlicher Erkenntnisproduktion (von Axel Volmar). Primär künstlerisches Hör-Wissen adressieren die Beiträge zur Internationalisierung der Deklamationskunst am Beispiel der Zeitschrift "La voix parlée et chantée" (von Mary Helen Dupree), zur Herausbildung von Hochsprachen in Deutschland und Frankreich mit Blick auf die Verbreitungsmedien Bühne, Grammophon und Rundfunk (von Viktoria Tkaczyk) sowie zum Musikinstrumentebau mit dem Ziel der Rekonstruktion und Neubelebung von historischem Klang (von Rebecca Wolf). An diese Beiträge zum künstlerischen und wissenschaftlichen Hör-Wissen knüpfen drei weitere Beiträge zum musikalischen Hörwissen an: Hansjakob Ziemer beschäftigt sich mit der Geschichte journalistischer Hörertypologien zwischen 1870 und 1940, Manuela Schwarz interessiert sich für explizites medizinisches Wissen über rezeptive Hörvorgänge in der Musiktherapie und Camilla Bork befasst sich mit dem impliziten Hör-Wissen der Musiker im Spiegel ausgewählter Violinschulen des 19. Jahrhunderts. Das Feld des literarischen Hör-Wissens wird einzig durch den Beitrag von Nicola Gess über Narrative akustischer Heimsuchung in E.T.A. Hoffmanns "Johannes Kreislers Lehrbrief" bespielt und kann damit als unterrepräsentiert gelten. Den Band beschließen drei Beiträge zum politischen Hör-Wissen: Jan-Friedrich Missfelder untersucht akustische Politiken und Protokolle des Hörens in Zürich um 1700, um die stenographische Protokollierung politischer Anwesenheitskommunikation im Reichstag des Deutschen Kaiserreichs dreht sich der Aufsatz von Daniel Morat, und Britta Lange analysiert die Konstruktion des Volks über Hör-Wissen am Beispiel von Tonaufnahmen des Instituts für Lautforschung von 'volksdeutschen Umsiedlern' aus den Jahren 1940/1941. Alle diese Beiträge sind wissenschaftlich fundiert, relevant und sehr gut geschrieben. Sie gehen außerdem – und das ist das Lobenswerte an der Architektur des Bandes – von ihrem Interesse und ihrem Forschungsdesign her Hand in Hand und bilden eine solide Basis für weitere Forschungen in diesem Bereich.




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3 Methodisch-theoretische Debatten und Abgrenzungen

Gemeinsam ist beiden Bänden, neben dem Rekurs auf Hans-Jörg Rheinbergers bekannte These zu Experimentalsystemen und epistemischen Dingen (Rheinberger 2001), die kritische Bezugnahme auf die weitverbreitete These vom 'Okularzentrismus', also einer 'Hegemonie des Visuellen' innerhalb der vermeintlichen 'Hierarchie der Sinne' (T 8, H 1). Karin Harrasser schreibt, dass die Beiträge des Bandes "auf der Suche nach Begriffen, Konstellationen, Narrativen diesseits von essentialisierenden und denunzierenden Einordnungen des Tastsinns" (T 8) seien, und in der "Wissensgeschichte des Hörens" heißt es, dass "[s]tatt einer Essentialisierung des Hörsinns […] hier die Frage nach dem historischen Wandel vom Wissen über und durch das Hören im Zentrum" (H 2) stehe. Die Netzwerkpublikation zum "Hör-Wissen" wäre nicht denkbar ohne die kulturphilosophischen Debatten 1993 in der Zeitschrift Paragrana und die Historische Anthropologie Berliner Prägung (zu deren Bedeutung Schulzee 2012: 242–257), die dem vermeintlichen 'Visualprimat' den "Aufstand des Ohrs" entgegensetzten und eine "Kultur des Hörens" proklamierten (vgl. Mixner 1993: 29–39, Welsch 1993: 87–103). Mindestens genauso wichtig als Grundlage für die jetzt erschienene "Wissensgeschichte des Hörens" ist Jonathan Sternes wegweisende Studie The Audible Past. Cultural Origins of Sound Reproduction aus dem Jahr 2003. Sterne kritisiert dort verbreitete, vermeintlich biologisch, psychologisch oder physikalisch argumentierende Annahmen über das Hören in Abgrenzung zum Sehen als "audiovisuelle Litanei" (Sterne 2003: 15ff.): "Instead of offering us an entry into the history of the senses, the audiovisual litany posits history as something that happens between the senses. As a culture moves from the dominance of one sense to that of another, it changes. The audiovisual litany renders the history of the senses as a zero-sum game, where the dominance of one sense by necessity leads to the decline of another sense." (Sterne 2003: 16) Der Band zum Hören geht also von einem Nebeneinander der Sinne aus und interessiert sich – in Abgrenzung von einer "Kultur des Hörens" – für das "Hören neben dem Sehen und den übrigen Sinnen" (H 19).

Die "Wissensgeschichte des Tastsinns" verfolgt im Prinzip dasselbe Ziel und wird diesem auch zumeist gerecht, zumindest geht dies aus einzelnen Beiträgen deutlich hervor. Im einleitenden Auftakt des Bandes steht jedoch, dass der Tastsinn nicht als Sinn neben anderen analysiert werden soll oder als Sinn, der auch Überschneidungen, Verflechtungen oder Interaktionen mit anderen Sinnen aufweist, wie es etwa in der Forschung der vergangenen Jahre Konsens wurde (vgl. Marks 2000 und 2002, Manning 2007: xiii).




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Er soll hier als der verbindende Sinn schlechthin in den Blick genommen werden: "Ohne Netzhaut kein Seheindruck, ohne Trommelfell kein Hören, ohne Zungenoberfläche kein Schmecken, ohne Schleimhaut kein Riechen. All diese Häute, die Kontakt mit der Welt ermöglichen, indem sie eine Grenze zu ihr bilden, die sich aufspannen, um Signale einzufangen, sind hier von Interesse." (T 7) Vor dieser Perspektive auf den Tastsinn und auf "komplizierte, mehrdimensionale Verschichtungen von Oberflächen, die als Medien fungieren" (T 7), wird verständlich, warum der Band den Tastsinn als experimentellsten und sozialsten ausweisen möchte (vgl. Klappentext). Die Bezeichnung eines Sinnes als sozialsten oder den sozialen Sinn hat allerdings – selbst wenn dies ganz und gar nicht intendiert ist – immer auch den Beigeschmack des Essentialismus und der Ontologie (vgl. etwa die Zuschreibung des Sozialen zum Hören in Wulf 1993: 9, Welsch 1993: 95). Weitergedacht müssten die Geschichten von Riechen, Schmecken, Hören und Sehen im Kern auch Geschichten des Tastsinns sein. Der Tastsinn wäre damit der Sinn oder das Organ aller anderen Sinne. Es gibt Stellen im Buch, an denen nicht ganz klar ist, worum es eigentlich geht: um eine Geschichte des Wissens über oder durch den Tastsinn, eine Medien- und Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts, die den Tastsinn entgegen ihrer Vorannahmen doch privilegiert oder in ihm den Schlüssel zum Verständnis sieht, eine kulturtheoretisch-dekonstruktivistisch operierende Analyse von historischen Denkfiguren zu Berührung und Tastsinn, eine Mediengeschichte von Häuten und Hautbarrieren. Alle diese Vorhaben können keinesfalls in einem Buch eingelöst werden, und so kann der Eindruck entstehen, dass der Band der Leserschaft etwas schuldig bleibt oder seine Leitlinien und Überzeugungen nicht durchhält. Karin Harrasser schreibt in der Einleitung:

Ich meine, man könnte eine Geschichte der Theorie der Medien und der Künste im 20. Jahrhundert vom Tasten, Greifen, Angreifen, Berühren und Projizieren her schreiben. Denn in beiden Bereichen, den Medientechniken und den Künsten, geht es zunehmend darum, das Verhältnis zwischen Biologik und Technologik auszuloten und den politischen Charakter dieser Verhältnisse zu begreifen. Den Tastsinn in seiner Medialität zu untersuchen, heißt ihn gerade nicht als Retter in der abendländischen Not, als Retter vor der Austreibung des Konkreten, des Nahen, des Sinnlich-Körperlichen aus der Erkenntnis zu untersuchen. Was in diesem Band interessiert, ist das Potential des Haptischen und des Taktilen, komplizierte und polyvalente Beziehungen zu stiften: zu verbinden, was trennt, Fremd- und Selbstbezüge in ein Verhältnis zu setzen, Innen und Außen zu reorganisieren, Affekte zu modulieren und Wahrnehmungen zu transformieren. Der Tastsinn ist nicht nur bezogen auf Innen und Außen des Leibes ein Vermittler, sondern er vermittelt auch zwischen den Sinnen. (T 9f.)




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Vielleicht ist Harrassers Plädoyer für eine "Geschichte der Theorie der Medien und der Künste im 20. Jahrhundert vom Tasten, Greifen, Angreifen, Berühren und Projizieren her" eher als Aufruf zu einem Gedankenexperiment und zu einer intellektuellen Herausforderung zu verstehen, nämlich als ein Aufruf zu einem Denken, "das zum Tanz auffordert" (T 13). Denn schon der erste Satz ihrer Einleitung lässt ahnen, dass hier auch ein Spiel mit den Bedeutungen des Haptischen und Taktilen getrieben wird: "Dies ist ein oberflächliches Buch." (T 7) Trotz mancher Unklarheiten und mangelnder Projektbegrenzung macht die "Wissensgeschichte des Tastsinns" eine theoretische Informiertheit und intellektuelle Neugierde deutlich, die in mancher kulturgeschichtlichen Annäherung an Tastsinn und Berührung zugunsten einer überwiegend emphatischen 'Umarmung' des Gegenstandes und einer starken Tendenz zur Anthropologisierung zurücktritt. Harrasser aber geht es, wie auch in ihrem eigenen Beitrag "Die Fabel der Arachne. Im Untergewebe taktiler Medialität" gelesen werden kann, aber gerade nicht um eine Anthropologie der Sinne und schon gar nicht um eine "Anthropologie der Vermögen" (T 196). Der Beitrag der Medienwissenschaftlerin und Disability-Forscherin beschäftigt sich mit theoretischen Fragestellungen, die noch am engsten an das in der Einleitung ausgerufene Projekt anschließen, aber den Eindruck hinterlassen, hier die sehr verdichtete Einleitung zu einem kommenden größeren Buchprojekt der Autorin zu lesen. Grundsätzlich – und das ist für das Gesamtprojekt des Bandes wichtiger – lässt sich die Heterogenität der Beiträge und der Eindruck eines fehlenden Konsenses über Begriffe, Anliegen und Projekte auch positiv wenden: Statt voreilig den Tastsinn methodisch und begrifflich ruhig zu stellen, öffnen die Beiträge ihren Gegenstand für intensive Diskussionen und spiegeln die angenommene prekäre Medialität des Tastsinns.

4 Abschließendes und Zukünftiges

Beide Bände, das ist unbestritten, werden für künftige Forschungen im deutschsprachigen Raum als Anknüpfungspunkt und Messlatte gelten. In gestalterisch-technischer Hinsicht erwähnens- und lobenswert sind die zahlreichen Abbildungen in der "Wissensgeschichte des Tastsinns"; obwohl visuell, geben die Fotografien eine Ahnung von den haptischen bzw. taktilen Analysegegenständen. Außerdem hilfreich ist das Personenregister (H 381–386) und die ausführliche Auswahlbibliographie (H 361–376), die der "Wissensgeschichte des Hörens" beigefügt wurden. Die Auswahlbibliographie ist gut recherchiert, sie erfasst neben weiteren Publikationen der Beiträgerinnen und Beiträger die zentralen Texte zum Thema und ist für einen Einstieg in das Forschungsfeld als auch eine Orientierung von Hör-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftlern in angrenzende Themengebiete unbedingt zu empfehlen.




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Auf der Grundlage des gegenwärtigen Theorie- und Methodenbewusstseins sollte die Hör-Forschung zukünftig auch den Eurozentrismus des Hör-Wissens reflektieren und Hör-Prozesse und Hör-Wissen interkulturell untersuchen. Ansätze etwa zu den Aktivitäten der linken und rechten Hirnhemisphäre beim Hören von Sprache und Musik durch westlich und in Japan sozialisierte Personen gibt es bereits (Baumann 1993: 126–140). Für ein Folgeprojekt, etwa eine Wissensgeschichte des Hörens im 21. Jahrhundert sind sicher Forschungen, die neurowissenschaftliches Hör-Wissen, Sonifikationen und Programmiersprachen miteinanderverbinden, vielversprechend (an solchen 'sonic epistemic patterns' haben sich in den letzten Jahren etwa Felix Gerloff und Sebastian Schwesinger versucht). Gegenwärtige Forschung zum Taktilen und Haptischen denkt solche Mensch-Computer-Interfaces bereits mit. Folgende Wissensgeschichten des Tastsinns könnten davon profitieren, dem Zusammenhang von Wissensgeschichte und Wissenschaftsgeschichte auf methodischer Ebene größeren Raum zu schenken und den Untersuchungszeitraum einzugrenzen.


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