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Annika Rockenberger (Oslo)



'Paratext' und Neue Medien. Probleme und Perspektiven eines Begriffstransfers1



'Paratext' and new media. Problems and perspectives of a conceptual transfer
Are there paratexts in the realm of new (audio-visual, digital) media; and, if so, which? Focusing on conceptual analysis and terminological clarification, I try to show that any answer to these questions will depend on the underlying definition of the pivotal term 'paratext'. Someone simply assuming the definitional criteria originally suggested by Gérard Genette will end up with a different answer (and a different set of 'media paratexts') than someone putting forward their very own stipulative definition of the term. I argue that, for the sake of communicative clarity and mutual understanding, it is crucial to explicitly bring to mind the correlation between terminological determinations, practical deliberations and empirical research, and to map the prospects of and limits to the conceptual transfer in question.




1 Einleitung

Neuerdings wird der ursprünglich vom französischen Narratologen Gérard Genette in den philologischen Diskurs eingeführte Ausdruck 'Paratext' in zunehmendem Maße auf den Phänomenbereich der 'neuen' (audio-visuellen, digitalen, interaktiven) Medien2 übertragen. Aber gibt es in diesem Bereich überhaupt Paratexte?




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Ich möchte zeigen, dass jede Antwort auf diese Sachfrage maßgeblich von vorgelagerten terminologischen Entscheidungen – nämlich: von der jeweils zugrunde liegenden Definition des Ausdrucks 'Paratext' – abhängt. Wer hier von den ursprünglich von Genette vorgeschlagenen Kriterien ausgeht, wird zu einem ganz anderen empirischen Ergebnis (einem anderen Set von 'Medien-Paratexten') gelangen als derjenige, der als heuristischen Scheinwerfer seine eigene stipulative Definition des Ausdrucks in Anschlag bringt.

Soviel ist klar: Auch und gerade im Bereich der neuen Medien – seien diese nun analog oder digital, rein rezeptiv oder interaktiv – existieren kulturelle Artefakte nicht im luftleeren Raum. Stets sind sie eingebettet in verschiedene Kontexte individueller wie kollektiver Verwendung und Thematisierung sowie – produktions- wie rezeptionsseitig – umgeben von anderen semiotisch signifikanten Gegenständen und Sachverhalten, die in irgendeiner Weise in Relation zueinander und in Relation zum primären Objekt stehen.

Doch gibt es hier ebenfalls Paratexte bzw. Paratext-Elemente?3 Und falls ja: Welche Entitäten sind dies im Einzelnen (und welche nicht)? – Es ist wichtig sich klarzumachen, dass Antworten auf derlei Fragen voraussetzen, dass man entweder (1) bereits weiß, wie der Ausdruck 'Paratext' verwendet wird, oder (2) klare Vorstellungen davon hat, wie man selbst den Ausdruck (möglicherweise in Abweichung vom bisherigen Gebrauch) verwenden möchte. Man muss wissen, welche Kriterien ein Gegenstand erfüllen muss, um zutreffend mit dem Ausdruck 'Paratext' bezeichnet zu werden (d.h. welche Merkmale des Gegenstands ein entsprechendes Klassifikationsurteil wahr oder auch nur wahrscheinlich machen) bzw. auf welche Fälle der Ausdruck zutrifft oder zutreffen sollte.

Ohne eine Antwort auf diese terminologischen lassen sich auch empirische Fragen überhaupt nicht sinnvoll stellen. Zudem wäre ein sachlicher Dissens in diesem Fall nicht vernünftig beizulegen, weil unklar ist, welche Eigenschaften eines Gegenstands hier jeweils eine Entscheidung ermöglichen können. Überdies besteht die Gefahr, dass voneinander abweichende Klassifikationsurteile vor allem auf eine (unbewusst) äquivoke Verwendung des Ausdrucks 'Paratext' zurückzuführen sind: Nach der einen Definition gehört ein Gegenstand zur Extension des Ausdrucks (bzw. erfüllt die entsprechenden Kriterien), nach der anderen nicht. Die Aussage 'Dies ist ein Paratext1' stünde dann der Aussage 'Dies ist kein Paratext2' gegenüber (was offenbar widerspruchsfrei möglich ist). Der eigentliche Streitpunkt läge in diesem Fall wiederum auf der metasprachlichen Ebene. Je nach Definition des Ausdrucks 'Paratext' werden Antworten auf empirische Fragen nach der Sache Paratext unterschiedlich ausfallen. Je nachdem, welche Kriterien hier in Anschlag gebracht werden, wird die Klasse der Gegenstände, auf die der Ausdruck zutrifft, jeweils verschiedene Elemente beinhalten.




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Wie eine Sichtung einschlägiger Publikationen aus dem Bereich der Medienwissenschaften bzw. der New Media Studies zeigt, fehlt hier indes häufig ein metasprachliches Problembewusstsein. Insbesondere bleibt der Zusammenhang zwischen terminologischen Festlegungen und empirischer Forschung in der Regel unaufgeklärt. Generell lässt sich zeigen, dass die 'Logik' des besagten Begriffstransfers – insbesondere die gleichsam unterschwellig mitlaufenden Verschiebungen im Ausdrucksgebrauch – kaum wahrgenommen oder gar explizit ausbuchstabiert werden. Dies in Grundzügen nachzuholen ist das Anliegen der folgenden Ausführungen. Es geht mir, mit anderen Worten, darum nachzuvollziehen, wie und warum ein in der Domäne der Philologie etablierter Ausdrucksgebrauch bei seiner Übertragung auf einen anderen Gegenstandsbereich angeeignet und angepasst wird. Mein Vorgehen wird dabei im Wesentlichen analytisch-deskriptiv sein. Am Ende werde ich allerdings in Form einer Begriffsexplikation einen partiell normativen, pragmatisch begründeten Vorschlag unterbreiten, wie der Ausdruck 'Paratext' in Bezug auf die neuen Medien künftig verwendet werden könnte.



2 'Paratext' nach Genette

Gemeinsamer Bezugspunkt all derer, die Ausdrücke wie 'Paratext', 'Paratextualität' oder 'paratextuell' verwenden, sind stets – wenngleich zuweilen eher andeutungsweise oder auch nur vorgeblich – die verstreuten definitorischen Hinweise und empirischen Studien Gérard Genettes, der bekanntlich die besagten Kunstwörter als Neologismen in den Thesaurus der Kulturwissenschaften eingeführt hat. Die wohl nächstliegende Möglichkeit, die eingangs erwähnten Fragen zu beantworten, ist der Versuch, sich Klarheit über die ursprüngliche Bestimmung des Ausdrucks 'Paratext' zu verschaffen und hiervon ausgehend zu prüfen, ob sich im Phänomenbereich der neuen Medien Gegenstände finden, die die hierbei eruierten Kriterien erfüllen. Erst wenn sich dieser Versuch als impraktikabel erweisen sollte, wäre zu prüfen, ob und in welchen Fällen die Anwendung des Ausdrucks auf audio-visuelle, speziell digitale, Medien definitorische Anpassungen erforderlich macht.




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Vorab sollte man sich allerdings klar machen: Auch unabhängig von der Frage ihrer Übertragbarkeit auf andere mediale Domänen sind Genettes terminologische Stipulationen zum Teil recht unscharf und teilweise sogar widersprüchlich. Unumwunden gesteht Genette ein, dass er besagte Ausdrücke programmatisch in einem "mehrdeutigen, ja sogar heuchlerischen Sinn" (Genette 1993: 11, Anm. 3.) verwendet habe.

Grundsätzlich gibt es drei Möglichkeiten,4 auf derlei terminologische Unklarheiten zu reagieren: (1) man kann sich an einer skrupulösen (und den Prinzipien hermeneutischer Billigkeit verpflichteten) Exegese des Genette'schen Werks versuchen; (2) man kann seine eigene Explikation besagter Ausdrücke vorschlagen, also eine Klärung und präzisierende Modifikation des bei Genette vorgefundenen Sprachgebrauchs (vgl. Pawłowski 1980: 157–198; Danneberg 1988); (3) man kann die von Genette eingeführten Kategorien und Begriffe in selektiver und eklektischer Weise für seine eigenen Zwecke gebrauchen, also zentrale Ausdrücke vollkommen losgelöst von Genettes definitorischen Hinweisen – und möglicherweise sogar ohne jeden bibliographischen Verweis – verwenden. Ich werde auf diese Optionen später zurückkommen. Zunächst jedoch zu Genettes eigenen terminologischen Bestimmungen.

Einschlägig ist in unserem Zusammenhang vor allem die Einleitung zu Genettes 1987 erstmals publizierten Buch Seuils (Genette 1987).5 Hier findet sich zunächst der Hinweis, dass der Text (als essentieller Bestandteil eines literarischen Werkes)6 sich "selten nackt [präsentiert], ohne Begleitschutz einiger gleichfalls verbaler oder auch nicht-verbaler Produktionen" (9). Wie bereits in Palimpseste (Genette 1993: 11–13), bietet Genette keine explizite Definition des zentralen Ausdrucks 'Paratext' an, sondern beschränkt sich stattdessen auf einen thematischen Überblick und die Diskussion paradigmatischer Fälle:

Von ihnen [den "Produktionen"] weiß man nicht immer, ob man sie dem Text zurechnen soll; sie umgeben und verlängern ihn jedenfalls, um ihn im üblichen, aber auch im vollsten Sinn des Wortes zu präsentieren: ihn präsent zu machen, und damit seine 'Rezeption' und seinen Konsum in, zumindest heutzutage, der Gestalt eines Buches zu ermöglichen. Dieses unterschiedlich umfangreiche und gestaltete Beiwerk habe ich an anderer Stelle […] als Paratext des Werkes bezeichnet. Der Paratext ist also jenes Beiwerk, durch das ein Text zum Buch wird und als solches vor die Leser und, allgemeiner, die Öffentlichkeit tritt. Dabei handelt es sich weniger um eine Schranke oder eine undurchlässige Grenze als um eine Schwelle […]. Der Paratext besteht […] empirisch aus einer vielgestaltigen Menge von Praktiken und Diskursen, die ich deshalb unter diesem Terminus zusammenfasse, weil mir die Gemeinsamkeit ihrer Interessen oder die Übereinstimmung ihrer Wirkungen wichtiger erscheint als die Vielfalt ihrer Aspekte. (9f.)




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Es ist wichtig, sich die pragmatische – ja, programmatische – Dimension der Einführung des Ausdrucks 'Paratext' klar zu machen: Mit diesem integrativen Oberbegriff wird der Fokus der Aufmerksamkeit von einzelnen, den eigentlichen Text umgebenden Entitäten zu deren Gesamtheit und den zwischen diesen bestehenden Interrelationen verschoben,7 zu einer 'variablen Umgebung',8 zu vielgestaltigen Kombinationen, Korrelationen und Synergien einzelner Elemente.

2.1 Zwei basale Kriterien: Funktionale Heteronomie und Autorisation

Grundsätzlich definiert Genette den Ausdruck 'Paratext' anhand zweier (notwendiger und zusammengenommen hinreichender) Kriterien: (1) funktionale Heteronomie und Subordination (wie man pointiert sagen könnte: 'unterstützende Dienlichkeit'); (2) Autorisation durch den Autor.

Grundlegend ist zweifellos das erste Kriterium. Die essentielle Funktion 'des' oder eines Paratextes9 ist es, dem eigentlichen Text zu dienen, diesem unterstützend zur Seite zu treten. In "allen seinen Formen", so Genette, ist der Paratext "ein zutiefst heteronomer Hilfsdiskurs […], der im Dienst einer anderen Sache steht, die seine Daseinsberechtigung bildet, nämlich des Textes" (18). Entsprechend ist der Paratext "immer 'seinem' Text untergeordnet, und diese Funktionalität bestimmt ganz wesentlich seine Beschaffenheit und seine Existenz" (ebd.). Diese unterstützende Dienlichkeit, diese einseitige Abhängigkeit und funktionale Ausrichtung auf etwas Anderes, bildet demnach die Raison d'Être des Paratextes. Ohne einen Bezugsgegenstand hängen Paratexte mithin 'in der Luft'.10 Dies zeigt schon die logische Grammatik des Ausdrucks selbst: 'Paratext' ist ein (mindestens) zweistelliger Relationsausdruck; das griechische Präfix παρά indiziert hierbei eine asymmetrische Relation, die etwa logischer, ontologischer, räumlicher, zeitlicher, konditionaler, modaler, kausaler oder funktionaler Art sein kann. Dass diese Relation zweistellig und asymmetrisch ist, bringt es mit sich, dass die Bezeichnung eines Gegenstands als 'Paratext' sogleich die (sinnvolle) Frage nach einem Bezugsobjekt provozieren kann – nicht aber umgekehrt.11
Unabhängig von diesem begrifflichen Zusammenhang ist allerdings anzumerken, dass daraus, dass "der Paratext immer eine Funktion ausübt", nicht zwangsläufig auch folgt, dass er diese "auch gut ausübt" (390).12




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Das zweite Definitionskriterium, anhand dessen Genette die Extension des Ausdrucks 'Paratext' eingrenzt, ist die Absicht des Autors. Zumal im Falle einer Beteiligung anderer Akteure – Verleger und 'Dritter'13 – muss zumindest formal eine Autorisation durch den Autor (i.e. Anweisung, Erlaubnis, Genehmigung, Einverständnis, Zustimmung, stillschweigende Billigung, Ermächtigung, Lizenzierung) vorliegen. Sofern auktoriale Verursachung weder notwendig noch hinreichend ist, ist letztlich diese Autorisation, die Übernahme von Verantwortung durch den Autor, das entscheidende Kriterium; allerdings kann diese mehr oder weniger ausdrücklich bzw. direkt erfolgen.

Man könnte nun auf den Gedanken kommen, als zusätzliches Kriterium ein genetisches einzuführen. Demnach müssten Paratexte als Paratexte produziert worden sein; sie müssten, wie man auch sagen könnte, die richtige Entstehungsgeschichte haben. Es ist leicht zu sehen, dass dieses Kriterium (ebenfalls) weder notwendig noch hinreichend ist. Es ist nicht notwendig, weil es stets die Möglichkeit gibt, dass ursprünglich nicht als Paratexte intendierte Elemente durch nachträgliche Autorisation zu einem Teil 'des Paratextes' werden. Es ist nicht hinreichend, weil auch von vornherein als Paratexte intendierte Elemente solange nicht Teil 'des Paratextes' sind, wie ihnen die erforderliche Autorisation durch den Autor – oder, mittelbar, eine vom Autor autorisierte Autorisierungsinstanz – fehlt.

Genette zufolge "entspricht" ein Paratext "definitionsgemäß der Absicht des Autors" und wird "von ihm verantwortet" (11). Entsprechend bestimmt Genette als das "hauptsächliche Anliegen des Paratextes" – als dessen materialen "Zweck" –, dem Text "ein Los zu sichern, das sich mit dem Vorhaben des Autors deckt" (388).14 Noch deutlicher ist folgende Formulierung: "Die Definition des Paratextes erfordert, daß immer der Autor oder einer seiner Partner verantwortlich zeichnet, doch innerhalb gewisser Abstufungen" (16).

Mir scheint, dass Genette über rein begriffliche Bestimmungen in Richtung einer empirischen These hinausgeht, wenn er in etwas undeutlicher Ausdrucksweise behauptet, dass die "Richtigkeit des auktorialen Standpunktes (und, beiläufig, des verlegerischen)" das "implizite Credo und die spontane Ideologie des Paratextes" (389) ausmache. Allerdings lässt er, und das ist wichtig, sogleich den Hinweis folgen, dass niemand "gezwungen" sei, dem "Standpunkt des Autors" zu folgen bzw. diesem "beizupflichten" (ebd.).




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Meines Erachtens ist Genettes Definition – wenngleich sie sich ersichtlich einer bestimmten Forschungsperspektive verdankt – neutral hinsichtlich literaturtheoretischer und hermeneutischer Festlegungen15 und mithin vereinbar auch mit poststrukturalistisch inspirierten 'Lektüren', diskursanalytischen Untersuchungen der 'Funktion Autor' und dergleichen mehr. Anders ausgedrückt: Die Feststellung, dass etwas ein Paratext ist, erfordert (jedenfalls Genette zufolge) die Bezugnahme auf kategoriale Absichten des Autors; aber daraus folgt nicht, dass ich mich als Forscherin ebenfalls für die semantischen (bzw. generell: kommunikativen) Absichten des Autors interessieren müsste.16
Auf die Beurteilung medientheoretisch motivierter Einwände gegen Genettes zweites Definitionskriterium komme ich (unten 3.2) noch zu sprechen. Schon jetzt sollte indes klar sein, dass eine alternative stipulative Definition (genau wie eine alternative Explikation) des Ausdrucks 'Paratext' das genannte Kriterium aufgeben und damit dessen Extension auch diejenigen "Produktionen" zuschlagen könnte, die nicht auktorial verursacht oder zumindest autorisiert sind. In den New Media Studies wird hier gemeinhin von 'viewer-created' bzw. 'user-generated paratexts' gesprochen (vgl. etwa Gray 2010: Kap. 5). Glaubt man der Internet-Enzyklopädie Wikipedia, ist ein derart erweiterter Ausdrucksgebrauch ohnehin zunehmend verbreitet:17

Eine heute weit verbreitete, in der Extension erweiterte Begriffsverwendung vernachlässigt die auktoriale Intentionalität oder Erwartbarkeit als definitorisches Kriterium weitgehend und bezieht in der Tendenz alles das in den Begriff des Paratextes ein, was die Präsentation eines Basistextes begleitet, formt und dessen Rezeption lenkt.

Es ist wichtig zu sehen, dass eine solche definitorische Umetikettierung jederzeit möglich und auch im Prinzip nicht zu beanstanden ist. Als normative Regulierung des Ausdrucksgebrauchs ist sie allerdings nicht hinsichtlich ihrer Wahrheit, sondern allein hinsichtlich ihrer praktischen Adäquatheit zu beurteilen. In jedem Fall sollte eine solche Neubestimmung des Ausdrucks 'Paratext' ausdrücklich offengelegt werden. Ich komme darauf zurück (4.2).

2.2 'Stofflicher Status'

Was nun die weitere extensionale Begrenzung von 'Paratext' betrifft, ist noch, ehe ich auf einige medientheoretische Einschränkungen zu sprechen komme, auf eine spezifische Vagheit des Ausdrucks hinzuweisen, die die "Existenzweise" (12) bzw. den "stofflichen Status" (14) von Paratexten betrifft.




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Nach meiner Einschätzung sind Genettes Ausführungen zur modalen Qualität potentieller Paratexte alles andere als klar. Offensichtlich favorisiert er verbalsprachliche Äußerungen, schließt aber nicht ausdrücklich non- und paraverbale Signale aus. Entsprechend stellt er fest, dass "nahezu alle […] Paratexte dem Bereich des Textes oder zumindest des Verbalen angehören" und "den linguistischen Status des Textes teilen" (14):

Meistens ist also der Paratext selbst ein Text: Er ist zwar noch nicht der Text, aber bereits Text. Doch muß man zumindest den paratextuellen Wert bedenken, den andere Erscheinungsformen annehmen können: bildliche (Illustrationen), materielle (alles, was zu den typographischen Entscheidungen gehört, die bei der Herstellung eines Buches mitunter sehr bedeutsam sind) oder rein faktische. Als faktisch bezeichne ich einen Paratext, der nicht aus einer ausdrücklichen (verbalen oder nichtverbalen) Mitteilung besteht, sondern aus einem Faktum, dessen bloße Existenz, wenn diese der Öffentlichkeit bekannt ist, dem Text irgendeinen Kommentar hinzufügt oder auf seiner Rezeption lastet. […] Ich werde hier nicht die Beschaffenheit dieser zum Kontext gehörenden Fakten präzisieren oder ihr Gewicht abwägen, aber wir müssen zumindest prinzipiell festhalten, daß jeder Kontext als Paratext wirkt. (14f.)

Ich erspare mir an dieser Stelle eine minutiöse Ausdeutung aller Subtilitäten und Unwägbarkeiten des Genette'schen Ausdrucksgebrauchs. Selbst wenn er beiläufig den "paratextuellen Wert" von Typographie und Buchdesign erwägt (vgl. 22–27, 38–40),18 und kurz den "paratextuellen Stellenwert" von Illustrationen andeutet (vgl. 387), gibt es insgesamt kaum Anzeichen dafür, dass Genette die Bedeutung des Ausdrucks 'Text' auf non- und paraverbale Bestandteile von Text und Buch bzw. auf bloße Fakten oder das (kollektive) Wissen um diese Fakten ausweiten wollte.

Was vor allem die zuletzt genannten Sachverhalte betrifft, ist es wichtig sich klarzumachen, dass Genette an dieser Stelle zwei verschiedene Herangehensweisen hinsichtlich der Definition von 'Paratext' miteinander konfundiert (vgl. zum Folgenden auch Meggle 2011: Kap. 15). Prinzipiell geht er von einer produktionsseitig-auktorialen Perspektive aus: Paratexte werden im Interesse des Autors absichtsvoll hervorgebracht, um auf ein textuelles Hauptereignis zu verweisen und diesem – in funktionaler Heteronomie – zu dienen. Hier aber scheint Genette nun anzudeuten, dass bestimmte Gegenstände und Sachverhalte zumindest vorübergehend zu Paratexten werden können, sofern sie von wenigstens einem Rezipienten als solche wahrgenommen werden.




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Der erste Definitionsansatz kann als objektiv bezeichnet werden, da das einem Klassifikationsurteil zugrunde liegende Kriterium hier auf außerhalb und unabhängig vom wahrnehmenden Subjekt vorliegende Sachverhalte abhebt. Dieser Herangehensweise zufolge wäre subjektive Resonanz kein definitorisch relevantes Merkmal. Anders beim wirkungsbezogenen Ansatz. Wenn ein beliebiger Sachverhalt für einen Rezipienten als 'Luftschleuse' (vgl. 388f.) zum primären Bezugsobjekt fungiert – bzw. von diesem als solche funktionalisiert wird –, so müsste das fragliche Phänomen als 'Paratext' gelten. Das Klassifikationsurteil, dass etwas ein Paratext ist, ließe sich nach diesem Definitionsansatz überhaupt nicht sinnvoll in Frage stellen, weil es schlicht per definitionem – nämlich: für den jeweiligen Rezipienten – wahr wäre.

Unabhängig davon, wie nun diese Inkonsistenz in Genettes Definitionspraxis zu beurteilen (und letztlich zu beseitigen) ist, scheint klar, dass dieser die besagten Entitäten lediglich der Vollständigkeit halber überhaupt erwähnt und damit, wie ich meine zutreffend, auf eine gewisse funktionale Ähnlichkeit zwischen ihnen und paradigmatischen Paratexten hinweist.

2.3 Lexikalische Definition: 'Paratext' nach Genette

Ich kann das bisher Gesagte jetzt zusammenfassen. Eine ausdrückliche, klärende Paraphrase der verstreuten terminologisch relevanten Hinweise Genettes – der Form nach: eine lexikalische Definition – könnte meines Erachtens folgendermaßen aussehen:

'Paratext' nach Genette

Der Ausdruck 'Paratext' bezeichnet diejenigen Gegenstände, die (1) funktional heteronom und subsidiär, also in 'unterstützender Dienlichkeit' auf einen primären Bezugsgegenstand (Text) bezogen sind, und (2) in dieser Funktion mehr oder weniger ausdrücklich bzw. direkt vom Autor autorisiert sind.

(3) Der Ausdruck ist vage hinsichtlich folgender Sachverhalte: (a) nonverbale Entitäten (wie Illustrationen oder Buchmaterialität), (b) paraverbale Entitäten (Typographie) und (c) faktische Gegebenheiten (Tatsachen und unser Wissen um diese). Teil der Extension sind demgegenüber (d) intra- oder meta-diegetische Elemente wie z.B. metaleptische Vorworte (vgl. 265–279, 285–295, u.ö.).




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(4) Es gibt zwei verschiedene Klassen von Elementen (vgl. 12f.), die zusammengenommen die Totalität 'des' Paratexts konstituieren; unterschieden werden diese anhand ihrer räumlichen Nähe zum primären Bezugsgegenstand: (a) Der Peritext befindet sich – vom 'eigentlichen Text' vornehmlich mit typographischen Mitteln abgesetzt – innerhalb desselben Bandes;19 während (b) der Epitext sich außerhalb der materiellen Einheit des Buches, in einer (nicht näher bestimmten) Entfernung zum Bezugstext befindet.20 – Es fehlt allerdings eine trennscharfe Unterscheidung zwischen (i) dem Epitext und dem allgemeinen Kontext (also etwa dem o.g. Bereich relevanter Fakten) sowie (ii) zwischen dem Epitext und anderen Formen 'transtextueller' Relationen (insbesondere zur Metatextualität).21 Demzufolge bildet der Epitext gleichsam das 'Einfallstor' für ein Abgleiten des Paratexts in die unbestimmten Weiten des allgemeinen Kontextes, womit letztlich all das, was nicht zum 'eigentlichen Text' gehört, zum potentiellen Bestandteil 'des Paratextes' würde.22

Es ist wichtig zu sehen, dass, solange der Ausdruck vage bleibt, die Frage, ob etwa Illustrationen zum Paratext gehören bzw. Paratexte sind (also zur Extension des Ausdrucks gehören), weder sinnvoll gestellt noch beantwortet werden kann. Ausgehend allein von Genettes definitorischen Hinweisen lässt sich dies schlicht nicht entscheiden: Keine Verifikation ohne distinkte Definition.

Beseitigen lässt sich die konstatierte Vagheit nun auf zwei Arten: (1) die Inklusion oder (2) die Exklusion von Grenzfällen. Grundsätzlich gilt hierbei: Soll eine künftige Definition des Ausdrucks 'Paratext' auch die genannten non- und para-verbalen Gegenstände und Sachverhalte umfassen, so muss die Intension des Ausdrucks verkleinert und damit seine Extension erweitert werden:23 Je weniger spezifische Merkmale potentieller Anwendungsfälle des Ausdrucks berücksichtigt werden, desto größer die Menge der Gegenstände, auf die der Ausdruck zutrifft.

Meines Erachtens ist ein wichtiges Argument gegen eine Inklusion nicht-verbaler "Produktionen", dass dies unserem gewöhnlichen Verständnis des Ausdrucks 'Text' (nämlich: 'abgeschlossene, kohärente Sequenz oder Konstellation verbalsprachlicher Zeichen') ebenso widersprechen würde wie der Intuition, dass eine als 'Paratext' bezeichnete Einheit auch tatsächlich Texte oder Textbestandteile bezeichnen sollte.24 Damit behaupte ich nicht, (1) dass non- und paraverbale Entitäten nicht ihrerseits gleiche oder ähnliche Funktionen wie bestimmte Paratexte erfüllen (können) oder (2) dass sie von irgendwie geringerer kommunikativer Signifikanz oder Relevanz und mithin für uns von minderem Interesse sind. Ich vertrete lediglich den Standpunkt, dass es sich hierbei nicht um 'Texte' oder 'Textelemente' im eigentlichen Sinne handelt.




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Mir scheint, das ist hier vorausgesetzt, dass der Ausdruck 'Paratext' (anders als 'Kontext') nicht als 'Para-Text' akzentuiert und im Sinne von 'die Menge aller Sachverhalte, die para-artig hinsichtlich des Textes sind' aufgefasst werden sollte,25 sondern stattdessen als 'die Menge von Texten oder Textelementen, die para-artig hinsichtlich eines anderen Textes ist'. Andererseits ist es vielleicht gerade die strukturelle Korrespondenz zum Ausdruck 'Kontext', die die verbreitete Vorliebe für den metaphorischen Gebrauch von 'Paratext' nicht nur erklären, sondern möglicherweise auch legitimieren könnte: Weder ein noch der Kontext ist notwendigerweise ein Text. Und möglicherweise ist es sinnlos, Ausdrücke im krassen Widerspruch zur suggestiven Kraft analoger sprachlicher Gewohnheiten definieren zu wollen. Ein rein pragmatisches (und sozusagen holistisches) Argument zugunsten einer extensional weiter gefassten Definition wäre mithin deren Konsistenz mit einem strukturell analogen und fest etablierten Sprachgebrauch.

Ein weiteres, in dieser Spur liegendes Argument wäre der Hinweis, dass die integrative Wirkung einer solchen, weiteren Definition unseren Forschungsinteressen letztlich dienlicher sei. In jedem Fall bleibt die Frage, ob der ausdrückliche Einbezug der von Genette einstweilen im Vagen belassenen Gegenstandsbereiche für die Belange der New Media Studies ausreichend wäre oder ob hier möglicherweise weitergehende definitorische Anpassungen erforderlich sind.

Genette selbst scheint hier übrigens tendenziell die entgegengesetzte Auffassung vertreten zu haben. Ersichtlich wird dies, wenn er auf das Risiko einer "imperialistischen Versuchung" aufmerksam macht, "diesem Objekt [dem Paratext, AR] alles einzuverleiben, was in Reichweite vorüberzieht oder sich ihm anscheinend irgendwie zuschlagen läßt" (388). Deutlich wendet Genette sich damit gegen eine 'Politik des Peripheren':

Mag der jeder Untersuchung […] innewohnende Wunsch auch noch so groß sein, ihren Gegenstand durch Überhöhung zu rechtfertigen, so erscheint es mir gesünder und methodisch besser, umgekehrt zu reagieren […]. […] Der Paratext ist eine Übergangszone zwischen Text und Außer-Text, und man muß der Versuchung widerstehen, diese Zone zu vergrößern, indem man ihre Ränder untergräbt. Der unbestimmte Charakter der Grenzen hindert den Paratext nicht daran, in seinem Zentrum ein eigenes und unanfechtbares Territorium zu besitzen, in dem seine 'Eigenschaften' deutlich hervortreten […]. Außerhalb davon wird man sich hüten, leichtfertig zu verkünden, daß 'alles Paratext ist'. (388)
Nichts wäre meines Erachtens ärgerlicher, als wenn man den Götzen des geschlossenen Textes – der […] unser literarisches Bewußtsein beherrscht hat und zu dessen Destablisierung die Untersuchung des Paratextes […] weitgehend beiträgt – durch einen neuen, noch eitleren Fetisch ersetzte, nämlich den des Paratextes. (390f.)




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2.4 Medientheoretische Beschränkungen

Selbst wenn nun Genette in Seuils mit der Berücksichtigung der 'Epitexte' die materiellen Grenzen des Buches überschritten hat, so bewegt sich sein Projekt doch ausschließlich innerhalb der konzeptionellen Grenzen der Buchkultur, womit zwangsläufig bestimmte medientheoretische Beschränkungen einhergehen. Sofern er den hauptsächlichen Fokus auf buchförmig publizierte literarische Werke legt, klammert er Musik ebenso wie bildende und darstellende Kunst weitestgehend aus (vgl. dazu etwa Pirinen 2013). Nur beiläufig erwägt er die Möglichkeit eines "Paratextes außerhalb der Literatur" und räumt ein, dass sich "dieser Begriff auf Bereiche ausdehnen läßt, in denen das Werk nicht aus einem Text besteht" (387) bzw.

daß andere oder sogar alle Künste eine Entsprechung unseres Paratextes besitzen: etwa der Titel in der Musik oder in der bildenden Kunst, die Signatur in der Malerei, der Vorspann im Kino, sämtliche Anlässe zu einem auktorialen Kommentar in Ausstellungskatalogen, Vorworte zu Partituren […], Plattenhüllen und andere Peritext- und Epitextträger: lauter Gegenstände für Untersuchungen, die parallel zu der vorliegenden laufen. (387f.)

Verschiedentlich legt Genette den Schluss nahe, dass konventionelle Paratexte der Buchkultur, seien diese nun fakultativ oder obligatorisch, in anderen kulturellen Sphären und medialen Domänen (a) weitgehend unverändert adaptiert und übertragen (was zu faktischen Entsprechungen bzw. Homologien führt), (b) bei gleichbleibendem Inventar umgestellt und umorganisiert, (c) partiell oder in toto ausgetauscht und substituiert, (d) partiell oder in toto ausgelassen sowie (e) durch Hinzufügung völlig neuer (eventuell kompensatorischer Elemente) erweitert werden könnten; wobei dies angesichts der materiellen wie diskursiven Bedingungen des jeweiligen 'Zielmediums' nicht ohne 'Reibungsverlust' ablaufen und mithin eine gewisse Anpassung und Justierung erfordern dürfte.

Die Vermutung liegt nahe, dass es in den neuen Medien nicht nur die (direkte oder mittelbare) Übernahme und Modifikation herkömmlicher 'biblionomer'26 Paratexte (wie ihrer sprachlichen Bezeichnungen), sondern auch die Etablierung neuer funktionaler Äquivalente gibt, wobei diese jeweils äquivalenten Funktionsstellen (vor allem legaler und ökonomischer Art) korrespondieren dürften. Hierbei ist die medienübergreifende Kontinuität bestimmter Funktionen ebenso zu bedenken wie durch Spezifika der jeweiligen Produktions-, Distributions- und Rezeptionsbedingungen verursachte Diskontinuitäten:




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Während einige Funktionen verblassen und verschwinden dürften (und mit ihnen die korrespondierenden "Produktionen"), werden neue funktionale Anforderungen vermutlich neue innovative Lösungen erforderlich machen und nach sich ziehen. Verändern können sich dabei nicht nur einzelne 'Paratexte', sondern auch 'der Paratext' in seiner jeweiligen Zusammensetzung (vgl. 14, 18f. u. 20). Dies betrifft im Übrigen schon den literarischen Paratext, sofern dieser als "Instrument der Anpassung" (389) die Rezeption des Textes unter den sich wandelnden Bedingungen des Literatursystems gewährleistet, also etwa innerhalb des gegenwärtigen, zunehmend einer 'Ökonomie der Aufmerksamkeit' unterworfenen Literaturbetriebs Instrumente innovativer Autorschaftsinszenierung bereitstellt.

Eher beiläufig erwähnt Genette audio-visuelle Medien27 wie Filme (vgl. etwa 33, 50 u. 76) oder Musik/Tonträger (27, 79 u. 353) und lässt damit durchblicken, dass die Präsentation und Rezeption auch von Texten zwar heutzutage eng mit dem Buchmedium verknüpft sein mag, in naher Zukunft aber durchaus in andere materiell-mediale Rahmen und Dispositive eingebettet sein könnte; eine in Zeiten digitaler Literatur, von e-books, e-reader, Kindle und iPad zunehmend relevante Überlegung (vgl. hierzu etwa McCracken 2013 oder Mangen/Kuiken 2014).

Ausdrücklich stellt Genette in diachroner Perspektive eine enge Verbindung her zwischen der historischen Entwicklung des Paratextes und einer, wie er sagt, "technologischen Entwicklung":

Die allgemeine Geschichte des Paratextes folgt vermutlich den Etappen einer technologischen Entwicklung, die ihm ihre Möglichkeiten und Gelegenheiten liefert, jenen Phänomenen des Gleitens, der Substitution, der Kompensation und der Innovation, die im Lauf der Jahrhunderte den Fortbestand und in gewissem Maß den Fortschritt seiner Wirksamkeit ermöglicht haben. (20f.)

'Der Paratext' als Komplex verschiedener 'Paratexte' weist demnach nicht nur syn-, sondern auch diachron eine (quantitativ wie qualitativ) variable Zusammensetzung auf. Überdies nimmt das Inventar paratextueller Mittel, ungeachtet faktischer Nutzung, kontinuierlich zu. Unter verschiedenen Umständen und angesichts je spezifischer Anforderungen kann jeweils eine Selektion und Kombination von grundsätzlich verfügbaren, verschiedenen Elementen (bzw. verschiedenen Versionen gleicher Elemente) aus einem kumulativ anwachsenden Arsenal und Repertoire ausgewählt und – zumindest theoretisch – frei arrangiert werden. Der Zusatz 'zumindest theoretisch' soll allerdings darauf hinweisen, dass es hier offenbar funktional obligatorische wie diachron stabile Konstellationen gibt (vgl. 19f. u. 29).28 Entsprechend sieht Genette auch die Möglichkeit, "funktionale Typen" auszumachen und so "die Mannigfaltigkeit der Praktiken und Mitteilungen auf einige grundlegende und häufig wiederkehrende Themen" zu reduzieren (19).




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3 Probleme

3.1 Gleiches und Vergleichbares

Es ist nun eine empirische Frage, ob bestimmte, in der Druck- und Buchkultur stark konventionalisierte, fest etablierte, zum Teil obligatorische Paratexte29 im Bereich der (analogen oder digitalen) audio-visuellen Medien gleichermaßen Verwendung finden. Eine entsprechende Untersuchung könnte einfach Genettes "grobes und mit Sicherheit keineswegs erschöpfendes Inventar" (11) entsprechender Elemente abarbeiten: Gibt es Titel und Motti in Kinofilmen? Selbstverständlich.30 Gibt es Zwischentitel in Computerspielen? Gibt es Anmerkungen und Vorworte in TV-Serien? Strenggenommen, also ausgehend von der üblichen Verwendung der Ausdrücke 'Zwischentitel', 'Anmerkung' und 'Vorwort', muss man diese Frage wohl verneinen.

Aber möglicherweise gibt es ja etwas 'Ähnliches' oder 'Vergleichbares'? Tatsächlich ist es sehr viel schwieriger diese Frage zu beantworten, weil sich die Rede etwa von 'korrespondierenden Gegenstücken', 'analogen Entitäten', "paratextuelle[n] Anleihen" (Stanitzek 2007: 202), "medienspezifischen Varianten" (Stanitzek 2004: 13), "äquivalente[n] Substitute[n]" (Stanitzek 2010: 166) durch substantielle Vagheit auszeichnet. Wann kann etwas als 'analog', 'ähnlich' oder 'vergleichbar' gelten? Hinsichtlich welcher Merkmale besteht jeweils die Ähnlichkeit? Ist das digitale DVD-Menü dem Inhaltsverzeichnis eines Buches ähnlich oder analog? Sind die internen loading pages eines Computerspiels mit den Zwischentiteln oder Kapitelüberschriften eines Buches vergleichbar?

Noch problematischer erscheinen das proleptische Konzept der Vorläuferschaft und das analeptische Konzept der Nachfolgerschaft, sofern diese eine (transitive) genetische oder genealogische Beziehung zwischen verschiedenen Gegenstandstypen (oder verschiedenen Versionen eines Gegenstandstyps) implizieren, deren empirischer Nachweis mitunter schwer zu erbringen sein dürfte. Ist das materielle Buch der Vorläufer der DVD-Hülle?31 Sind die analogen und digitalen Komponenten der DVD tatsächlich ein Rückverweis auf ein traditionelles Medium?32 Und ist die filmische Titelsequenz der Vorläufer vergleichbarer Elemente in Fernsehserien oder Computerspielen?

Es ist wichtig, sich klar zu machen, dass das Paratext-Konzept, sofern man es in einem engeren Sinne (also etwa entsprechend der Genette'schen Bestimmungen) verwendet, nicht nur als ein deskriptives, analytisches und klassifikatorisches Instrument fungieren kann, sondern überdies – indem es gestattet, das Fehlen oder die Substitution traditioneller Paratexte ebenso zu konstatieren wie deren Integration in ein Set größtenteils neuer Rahmen-Elemente – als ein "highly productive tool for the analysis of medial difference and media change" (Birke/Christ 2013: 66; vgl. auch 82, Anm. 4). Genauso setzt die Rede von der sukzessiven Veränderung herkömmlicher Paratexte voraus, dass leidlich klar ist, was sich hier eigentlich verändert. In diesem Sinne sagt Genette selbst, dass es "zuerst die Objekte zu definieren gilt, bevor man ihre Entwicklung untersucht" (20).




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Eine Alternative hierzu wäre, den Ausdruck 'Paratext' in einer Weise zu bestimmen, die weniger die syn- wie diachronen Unterschiede, sondern vor allem Übereinstimmungen und Gemeinsamkeiten exponiert und damit auch medienspezifische Besonderheiten weitgehend ausblendet. Neues und Anderes wäre auf diesem Wege in ein Kontinuum des Ähnlichen und Gleichen überführt. Diese Strategie wird vor allem im Feld der New Media Studies eindeutig favorisiert. Hier wird 'Paratext' – weitgehend losgelöst von Genettes Bestimmungen – als extrem integrativer Oberbegriff verwendet, der nahezu alles umfassen kann, was irgendwie auf ein primäres Bezugsobjekt 'verweist' bzw. dieses 'umgibt' (vgl. unten 3.3).

3.2 Einwände gegen das Kriterium der Autorisation

Mit Blick auf Spezifika der neuen Medien werden vielfach grundsätzliche Einwände gegen Genettes zweites Definitionskriterium (den ausdrücklichen Autorbezug) vorgebracht. Von den notorischen anti-intentionalistischen, autor-kritischen Polemiken einmal abgesehen,33 liegt dem in der Regel die konkrete (empirische) Annahme zugrunde, dass Genettes Vorstellung, der Autor kontrolliere zumindest mittelbar alle Aspekte des buchbezogenen Produktionsprozesses (1) historisch naiv34 (möglichweise gar Ausdruck romantischer Ideologie oder unhinterfragter genie-ästhetischer Prämissen) und bereits für die Buchkultur vollkommen unangemessen sei.35 Noch irreführender seien entsprechende Vorstellungen (2) im Zeitalter der neuen Medien, wo die "multiplication of authorizing instances" (Birke/Christ 2013: 70) eine unbestreitbare Tatsache sei; und dies mache eine Bezugnahme auf den Autor faktisch unmöglich.

Hinsichtlich der definitorischen Relevanz scheinen mir beide Versionen des Einwands auf die These hinauszulaufen, dass (a) das Kriterium der Autorisation epistemisch ungeeignet ist, weil – angesichts der Menge beteiligter Akteure und der Undurchsichtigkeit ihrer Aufgabenteilung – ein entsprechender empirischer Nachweis nicht geführt werden kann; dies umso mehr im Bereich der neuen Medien, wo eine klare Trennung von Produktions- und Rezeptionsseite nicht mehr möglich sei.

In pragmatischer Perspektive (b) liegt dem Einwand hingegen das Interesse zugrunde, der unterstellten Depotenzierung der Autorinstanz auch sprachlich Rechnung zu tragen. Im Hintergrund stünde hier der Gedanke, dass sich unser Sprachgebrauch der Welt anzupassen habe, und nicht umgekehrt. Anders ausgedrückt: Wie der Genette'sche Paratext in der Polyphonie allographer, das Werk irgendwie umgebender "Produktionen" zunehmend marginalisiert wird, so verliert auch der Ausdruck 'Paratext', sofern er sich nurmehr auf einen kleinen, unbedeutenden Teil der für uns interessanten Phänomene bezieht, seine ursprüngliche Produktivität; und genau dies macht eine definitorische Anpassung erforderlich.




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Was nun zunächst (1) die Kritik an der historischen Adäquatheit betrifft, so sollte ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass Genette sehr wohl verschiedene produktionsseitige Funktionsträger unterscheidet und deren faktische (zuweilen auch ineffiziente) Arbeitsteilung ebenso exponiert wie wechselseitige kommunikative, ökonomische und rechtliche Beziehungen. Namentlich widmet er sich eingehend dem Verleger, aber auch von Autor oder Verleger beauftragten Dritten, also den Urhebern allographer Paratexte (vgl. nur 16, 22–40 u. 328–350), für die allerdings wiederum Autor oder Verleger als "Adressanten", wie Genette sagt: "putativ" (16), die Verantwortung übernehmen können.

Der Autor wird hierbei zwar als die einflussreichste, nicht aber als die einzig einflussreiche Instanz innerhalb eines grundsätzlich konzertiert agierenden, kollaborativen Produktionskollektivs vorgestellt. Insbesondere geht Genette ausdrücklich von einer pluralen, arbeitsteiligen Autorschaft von Text und Paratext aus. So ist vor allem der Peritext entweder extra-kompositorisch (Teil der materiellen Einheit des Buches und üblicherweise in der Verantwortung des Verlegers) oder intra-kompositorisch (Teil der kompositionellen Einheit des Werkes und üblicherweise in der Verantwortung des Autors): "Der Autor und der Verleger sind die (unter anderem auch juristisch) für den Text [und den Paratext]36 verantwortlichen Personen" (16).

Mir scheint nun (2), dass die Dinge im Bereich der neuen Medien allenfalls graduell anders liegen. Natürlich haben weder Filme noch Fernsehserien oder Computerspiele einen einzigen, als solchen namentlich exponierten Autor, sondern – wie im Übrigen auch einige literarische Werke – mehrere Autoren. Selbst wenn die personale Spezialisierung und Arbeitsteilung bei der Produktion audio-visueller Formate zunehmend vielschichtiger und komplexer wird, gibt es üblicherweise ein durch reziproke vertragliche Verpflichtungen und Kompetenzregelungen gebundenes Kollektiv, deren Mitglieder entweder für das gesamte Produkt oder zumindest (intern) für dessen Teile verantwortlich und rechenschaftspflichtig sind und damit funktional wie rechtlich die Position des Autors besetzen.37 Ungeachtet vereinzelter Grenzfälle scheint mir das definitorische Kriterium der Autorisation hier weiterhin (epistemisch) anwendbar.

Aus verschiedenen, hier nicht näher zu rekonstruierenden Gründen fehlt im Bereich der neuen Medien in aller Regel eine zentrale singuläre Autor-Instanz, obwohl vor allem Film- und Fernseh-Regisseure wie auch Computerspiel-Entwickler zuweilen die dem traditionellen Autor analoge Position und Funktionsstelle eines diskursiv erzeugten und als Bezugspunkt diskursiver Praxen exponierten 'Auteur' (im Sinne Foucaults) okkupieren, also nicht nur auf eine namentliche Nennung bestehen, sondern auch öffentliche Interviews geben, autoritative Kommentare und 'authentische Interpretationen' (also Paratexte im herkömmlichen Sinne) zum Werk beisteuern, Deutungshoheit beanspruchen usw. (vgl. dazu etwa Parker/Parker 2004 oder Kompare 2011).




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Diese Praxis scheint ihre Entsprechung im öffentlichen Diskurs über Filme, TV-Serien, Fernsehsendungen, Computerspiele usw. zu haben. Offenbar ist hier – ebenso wie auf Seiten so mancher produktionsseitiger Funktionsträger – weiterhin ein auf singuläre 'Autorschaft' (im emphatischen Sinne) gerichtetes 'Begehren' am Werke. Mag es hier auch graduelle Unterschiede geben. Gerade angesichts dieser Beobachtung scheint der Gedanke naheliegend, dass "[t]he focus on paratextual performances of authorship […] makes possible the analysis of transformations of authorship in the transition of analogue to digital media" (Birke/Christ 2013: 70).

Dessen ungeachtet sind die als legitime Mitglieder des Produktionskollektivs offiziell mit der Realisierung bestimmter Aspekte und Bestandteile des Produkts beauftragten Funktionsträger eindeutig bestimmt und als solche identifizierbar. Die Reichweite ihrer partiellen Autorschaft und die Bereiche ihrer Verantwortung sind – auch und gerade was die Paratext-Autorschaft betrifft – in den öffentlichen credits ausdrücklich ausgewiesen. Hierin unterscheidet sich die diskursive Praxis im Bereich der neuen Medien deutlich von den Konventionen der Buchkultur (vgl. entsprechend Stanitzek 2007: 202f. und 2010: 180f.).

Hinsichtlich der produktiven Praxis gibt es, so meine ich, keinen kategorialen Unterschied zwischen Literatur und neuen Medien: In beiden Fällen gibt es eine hierarchische Struktur von Funktionsträgern; 'hierarchisch' hinsichtlich kompositorischer, diskursiver wie rechtlicher Kompetenzen und Obligationen. Die quantitative Zunahme von Autor-Instanzen allein stellt hier keinerlei Problem dar.

Vor allem aber, und das ist entscheidend, gibt es weiterhin eine klare Trennung zwischen denjenigen, die die Lizenz zur Autorisation und autorisierten Produktion von (potentiellen) Paratexten haben, und denjenigen, die eine entsprechende Berechtigung nicht haben. Daher ist es im Prinzip jederzeit möglich zu entscheiden, ob ein – ebenfalls dem Kriterium funktionaler Heteronomie genügendes – Phänomen 'im Umfeld' des primären Bezugsobjekts als autorisiert – oder, wie man auch sagen könnte, offiziell – und damit als Paratext zu betrachten ist oder nicht. Jedenfalls sollten wir, so meine ich, bis zum Erweis des Gegenteils hiervon ausgehen. Selbst einzelne Grenzfälle, in denen eine solche Entscheidung nicht sofort oder überhaupt nicht möglich ist, stellen hierbei kein grundsätzliches Problem dar, sofern Genettes Autorisations-Kriterium in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle eine eindeutige Entscheidung (d.h. ein wahres Klassifikationsurteil) ermöglicht.




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Wie aber, so mag man einwenden, verhält es sich mit dem Problem der zunehmend verschwimmenden Grenzen zwischen Autor und Konsument, Produzent und Rezipient? Ist es nicht so, dass heutzutage auch und vor allem users und viewers allographe "Produktionen" hervorbringen, die einen primären Bezugsgegenstand umgeben und auf diesen in 'unterstützender Dienlichkeit' bezogen sind; vermutlich sogar in weit umfangreicherem Maße als die legitimen Autorisierungsinstanzen und die von diesen autorisierten Funktionsträger? Es ist doch zweifellos richtig, dass "new technology has provided a host of new ways for audiences to create and disseminate their own additions to the text" (Birke/Christ 2013: 81). Und sind wir nicht irgendwie alle 'Autoren' unter den Bedingungen des Web 2.0? Widerspricht es nicht letztlich dem liberal-partizipatorischen Geist wie der 'fluiden Ontologie' des digitalen Raums,38 eine, so scheint es, letztlich kontingente Trennlinie zu ziehen zwischen 'professionellen Autoren' und 'Hobby-Autoren'? Überwiegen hier nicht die Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen bei weitem gegenüber den – ohnehin oft rein begrifflichen – Unterschieden?

Ich habe erhebliche Zweifel, dass der so angedeutete empirische Befund zutreffend ist. Auch ist nicht zu sehen, wie weit die mit Blick auf die neuen (zumal digitalen) Medien oft bemühte Metaphorik des Fließens und Verschwimmens tatsächlich trägt. Gleichwohl ist klar, dass wir uns aus pragmatischen Gründen jederzeit dazu entschließen können, nicht-autorisierte, von Rezipienten und Mediennutzern generierte (allographe) Inhalte der Extension des Ausdrucks 'Paratext' zuzuschlagen; einfach deshalb, weil uns die formalen und funktionalen Ähnlichkeiten wichtiger sind und uns stärker interessieren als die faktisch bestehenden (rechtlichen, diskursiven etc.) Unterschiede.

Die via regia zur Erreichung dieses Ziels wäre eine Explikation, die auf Genettes zweites Definitionskriterium verzichtet. Ob wir so verfahren sollten oder nicht, ist, noch einmal, keine Frage von Wahrheit und Verifikation, sondern einzig eine Frage nach den Vor- und Nachteilen, nach Kosten und Nutzen unserer terminologischen Entscheidungen.

3.3 Lexikalische Definition: 'Paratext' in den New Media Studies

Um hier etwas klarer zu sehen und sich die Gestalt einer derart modifizierten Definition des Ausdrucks 'Paratext', zumal im Kontrast zu derjenigen Genettes, deutlich vor Augen zu führen, werde ich im Folgenden eine explizite Paraphrase des heute in den New Media Studies bereits vorherrschenden Sprachgebrauchs39 anbieten und vor allem die diesem zugrunde liegenden Definitionskriterien offenlegen.




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Vorab möchte ich allerdings – aus normativ-evaluativer Perspektive – darauf aufmerksam machen, dass die so rekonstruierte Definition nicht den für Explikationen einschlägigen Adäquatheitsbedingungen genügt (vgl. Pawłowski 1980: 166–183 und Danneberg 1988): Im Vergleich zum Explikandum (siehe oben 1.3) ist das Explikat weniger exakt und präzise, weniger explizit und systematisch. Es ist dem Explikandum zudem kaum hinreichend ähnlich und erhöht mithin das Risiko unnötiger Äquivokationen. Sofern das Explikat auch alle herkömmlichen Paratexte, aber eben nicht nur diese herausgreift, scheint es weniger spezifisch und weniger informativ zu sein als das Explikandum.

Sofern es allerdings mit einer geringeren Anzahl relevanter Kriterien auskommt und als extrem integrativer Sammelbegriff zudem die Einführung zusätzlicher Termini – wie etwa 'framings' (vgl. Wolf 2006, Jara 2013, Meyer 2015), 'paracontent' (vgl. Bhaskar 2015) oder 'paratracks' (vgl. Voigts-Virchow 2007) – überflüssig macht, dürfte es im Vergleich zum Vorschlag Genettes eine größere Einfachheit und Sparsamkeit40 besitzen. Schwieriger zu beurteilen ist demgegenüber die relative Fruchtbarkeit, also die Frage, welcher Ausdrucksgebrauch die empirische Forschung zum Thema besser ausrichten und anleiten bzw. eine erfolgreichere Kommunikation über die jeweiligen Untersuchungsgegenstände ermöglichen kann.

'Paratext' in den New Media Studies

Der Ausdruck 'Paratext' bezeichnet sämtliche Gegenstände, Sachverhalte und Informationen, die entweder mit Bezug zu einem 'primären Gegenstand' (gleich welcher modalen Qualität) hervorgebracht wurden, sich diesem 'anlagern', sich um ihn 'versammeln', diesen irgendwie 'umgeben', 'rahmen' oder 'präsentieren' oder von Rezipienten als kontextuelle Ressource bzw. als 'Zugangsweg' genutzt werden. Dabei ist gleichgültig, wer diese Entitäten jeweils hervorgebracht hat, ob diese autorisiert sind und welchen 'stofflichen Status' diese jeweils haben. Zum Paratext gehört potentiell alles, was nicht 'primärer Gegenstand' ist; allerdings ist eine klare Abgrenzung zwischen diesem und jenem ebenso wenig möglich (oder nötig) wie eine Abgrenzung von (a) Paratext und Kontext sowie (b) Paratextualität und anderen Formen von Transtextualität.

Diese Definition ist, so wird sogleich deutlich, programmatisch vage sowie der Tendenz nach subjektivistisch bzw. wirkungsbezogen. Auch, dass die Menge der so verstandenen Paratexte deutlich umfangreicher und heterogener ausfällt, sollte unmittelbar einleuchten.




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Exemplarisch ließe sich dies etwa anhand von Jonathan Grays Buch Show Sold Separately (2010) illustrieren; bereits eine kursorische Lektüre ergibt eine bunte Sammlung verschiedener 'media paratexts', wobei diese durchaus – als Paratexte von Paratexten usw. – auf verschiedenen Ebenen angesiedelt, gleichsam ineinander verschachtelt oder auch jeweils auf verschiedene 'primäre' Objekte gleichermaßen bezogen sein können. Es folgt eine ungeordnete Aufzählung:

Werbeanzeigen (ads) in Print, Fernsehen und Internet; multimediales Werbematerial (promos); previews; teasers und trailers; Interviews (z.B. mit Regisseuren oder Schauspielern) in Print, Fernsehen und Internet; Pressemappen (promotional material) und Vorab-Aufführungen (preview screenings); Diskussionen und Diskussionsforen im Internet; professionelle und Laien-Besprechungen und Empfehlungen (reviews) in Print, Fernsehen und Internet; Aggregationen von Wertungen und Meta-Wertungen (z.B. Metacritic oder Rotten Tomatoes); fan fiction, fan art und 'filk' (von Fans komponierte Songs); Poster und Plakate; analoge und digitale Werbetafeln; DVD-Hüllen, cover artwork und gedrucktes Begleitmaterial; DVD-Menüs; DVD-Bonus-Material (Audio-Kommentare, Interviews; making-of-Dokumentationen, Bild- und Kunstgalerien, Filmmusik, fehlende, zusätzliche oder alternative Szenen, interaktive Karten, Spiele, easter eggs; Zugang zu online content etc.); Titelmusik; Musik-CDs (Soundtracks oder 'music inspired by'); spinoffs (d.i. ein auf einer anderen Veröffentlichung basierender 'Ableger') und Adaptionen, z.B. in Form von Romanen, Buchreihen, Comics, Anime-Filmen; lizenzierte Video- oder Brettspiele; offizielle und/oder von Fans kreierte Web- und Facebook-Seiten; Twitter-Accounts; pop-ups; Desktop-wallpapers; ARGs;41 Blogs und blog postings; podcasts; lizenzierte Spielzeuge (z.B. Action Figuren), Puzzles, Kinderbücher; Gebrauchsgegenstände (z.B. Tassen); Modeartikel und Modelinien; Lebensmittel; Kollaborationen mit Fastfood-Ketten; Sammelobjekte und Souvenirs; Nachbildungen diegetischer Artefakte (replica); geführte Touren zu Drehorten; themenbezogene Fahrgeschäfte in Vergnügungsparks; thematische Kindersendungen; Reportagen zum Ablauf und Fortgang von Dreharbeiten; TV-specials; von Fans hergestellte, mit Musik unterlegte Zusammenschnitte originalen Materials (vids); fake trailers; spoilers und foilers (fake spoilers); machinima (also mit Hilfe von Videospiel-Engines produzierte Filme); prequels und sequels; Vor- und Abspann-Sequenzen (credits); Gespräche über den primären Bezugsgegenstand; Wissen um die Genre-Zugehörigkeit; Hintergrundinformationen zum Privatleben eines Funktionsträgers;42 öffentliche Äußerungen einflussreicher Personen; mashups;43 Programmankündigungen ('next week on…'), Programmverbindungen (flow); recaps vorheriger Geschehnisse bei Serien ('previously on…'); Auftritte exponierter Funktionsträger in Fernsehshows; Gastauftritte in Reality Shows; Parodien von Fans und Anti-Fans;




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wissenschaftliche Publikationen; einzelnen Sendungen gewidmete Zeitschriften (z.B. soap opera magazines); kostümiertes Nachstellen von Filmszenen (reinactment); themenbezogene fan events (conventions); Verkauf oder Versteigerung originaler Filmutensilien und Kostüme; verliehene Preise und Preisverleihungen; Filme und Shows als Paratexte anderer Filme und Shows; frühere und künftige Adaptionen des gleichen Stoffes; Gerüchte und Mutmaßungen vor Produktionsbeginn und/oder Publikation (pre-release discussion); der Regisseur als Autor, 'Marke' und framing device; frühere Auftritte von Schauspielern; frühere Filme von Kameraleuten; themenbezogene Wikis (z.B. mit plot-Zusammenfassungen; Figurenprofilen, Episodenlisten etc.); von offizieller Seite verwaltete Fan-Foren; private viewing parties und public viewings; interaktive Video-Postkarten-Generatoren usw.

Sofern sich Gray ausdrücklich auf Filme und Fernsehserien beschränkt, wäre diese Liste mit Blick auf andere Medienformate sicher noch zu erweitern. Führt man sich zudem vor Augen, dass dem wirkungsbezogenen Definitionsansatz zufolge – wie Genette (15) sagt – potentiell "jeder Kontext als Paratext" fungieren kann (zumindest temporär), scheint die Extension des Ausdrucks 'Paratext' hier der Tendenz nach alles zu beinhalten. Um eine ebenso pointierte wie typische Formulierung aus dem Bereich der Game Studies anzuführen (Jones 2008: 43, meine Hervorhebung):

We might say that […] almost any popular video game [is] always already predominantly paratextual. […] Once you look at today's games and game-like media entertainments, it's all paratext, in concentric circles rippling out into the world.

3.4 Vermeidbare Äquivokationen und (unredliche) Autoritätsargumente

Ein derart unspezifischer, weiter Ausdrucksgebrauch hat in den New Media Studies eine lange Tradition. Als einer der ersten – vielleicht sogar als der erste – hat Peter Lunenfeld in seinem inzwischen klassischen Essay Unfinished Business (Lunenfeld 2000) den Versuch unternommen, die Ausdrücke 'Paratext' und 'Paratextualität' auf den Bereich der neuen Medien anzuwenden. Sofern Lunenfelds Adaption des Ausdrucks in mancherlei Hinsicht paradigmatisch für dessen Adaption in den New Media Studies ist, mögen einige meta-terminologische Anmerkungen angebracht sein.

Obwohl sich eine ausdrückliche bibliographische Referenz auf die englische Übersetzung von Genettes Seuils findet, ist nicht recht klar, ob Lunenfeld Genettes definitorische Hinweise auch nur oberflächlich zur Kenntnis genommen hat44 und mithin 'Paratext' übereinstimmend mit dessen Bestimmungen verwendet. Zweifel sind angebracht. Denn Lunenfelds Paraphrase der Genette'schen (?) Definition – "the materials and discourses that surround the narrative object"45 – berücksichtigt weder das funktionale noch das autor-bezogene Kriterium, und kommt sogar ohne irgendeine (auch noch so unspezifische) Referenz zum "narrative object" aus. Welche Relation genau zwischen dem so verstandenen Paratext und dem Bezugsobjekt bestehen soll, bleibt dabei völlig im Dunkeln. Lunenfelds Formulierung entzieht dem Ausdruck 'Paratext' jedwedes Differenzierungspotential und könnte ebenso gut als Definition von 'Kontext' Verwendung finden.




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Den Ausdruck 'Paratext' mit Bezug auf Genette aber losgelöst von dessen definitorischen Bestimmungen zu verwenden, hat vermeidbare Äquivokationen zur Folge. So sind die von Lunenfeld als paradigmatisch vorgeführten Beispiele für 'Paratextualität' eindeutig keine Paratexte im Sinne Genettes, sondern eher Formen von Adaption, Intermedialität, transmedialer Narration oder Transtextualität. Indem er rhetorisch "cross-, trans-, inter-, para- et cetera textualities"46 miteinander vermengt, beraubt sich Lunenfeld selbst eines nützlichen terminologischen Werkzeugs; und was von Genettes detaillierten begrifflichen Unterscheidungen übrig bleibt, ist letztlich ein mehrdeutiger, vager Ausdruck mit gleichsam verschwommenen Rändern.

Natürlich ist es vollkommen akzeptabel, Genettes Überlegungen als anregenden Ausgangspunkt und ideellen Fundus eigener Assoziationen und Innovationen zu gebrauchen. Allerdings sollte man ein solches Vorgehen ausdrücklich offenlegen. Andernfalls liegt der Verdacht nahe, dass hinter vagen Bezugnahmen und verstreuten, dekontextualisierten Zitaten vor allem die Absicht steht, von der Autorität Genettes zu profitieren und sich auf unredliche Weise symbolisches Kapital anzueignen.



4 Perspektiven

4.1 Eine alternative definitorische Strategie

Gibt es eine Alternative zur derzeit populären Strategie, die Intension des Ausdrucks 'Paratext' – wenn überhaupt – auf das Kriterium funktionaler Heteronomie zu beschränken, das Kriterium des Autorbezugs ebenso aufzugeben wie jedwede Einschränkung hinsichtlich des 'stofflichen Status', und mithin nicht-autorisierte ebenso wie nicht-verbalsprachliche Elemente gleichermaßen als 'Paratexte' zu klassifizieren? Ich denke schon.

Grundlegend ist hierbei die Idee, von Genettes Definition auszugehen und insbesondere die zwei basalen Kriterien beizubehalten, um hiervon ausgehend die Extension des Ausdrucks weiter einzuschränken. Konkret möchte ich vorschlagen, die oben konstatierte Vagheit hinsichtlich nicht-verbalsprachlicher und 'faktischer' Elemente durch deren ausdrücklichen Ausschluss zu beseitigen. Was den Status intra-diegetischer verbalsprachlicher Elemente betrifft, so möchte ich eine Differenzierung vorschlagen.




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Eigene Explikation von 'Paratext' mit Blick auf die neuen Medien

Hinsichtlich der neuen Medien bezeichnet der Ausdruck 'Paratext' diejenigen Gegenstände, die (1) funktional heteronom und subsidiär, also in 'unterstützender Dienlichkeit' auf einen primären Bezugsgegenstand bezogen sind, und (2) als solche vom Autor oder einem anderen berechtigten Mitglied des Produktionskollektivs autorisiert sind.47 (3) Die Extension des Ausdrucks beinhaltet ausschließlich "materialisierte[] Mitteilung[en]" (Genette 2001: 12), näherhin nur verbalsprachliche (oder allenfalls noch: dominant verbalsprachliche) Elemente. (4) Nicht Teil der Extension sind demgegenüber die folgenden Arten von Gegenständen: (a) isoliert betrachtete nonverbale Elemente (wie Bilder, Musik, bloße Geräusche), (b) isoliert betrachtete paraverbale Elemente (wie Typographie, Modalitäten, formale Design-Eigenschaften), (c) faktische Elemente (wie Tatsachen oder kollektives Wissen um diese Tatsachen), (d) rein intra- oder meta-diegetische Elemente; partiell extra-diegetische bzw. semi-diegetische ('hybride') Elemente sollen demgegenüber als Paratexte gelten.

Ich denke, es ist leicht zu sehen, dass im Rahmen künftiger empirischer Forschung zu neueren multimodalen, audio-visuellen Medienformaten als erstes das Kriterium (3)/(4a–b) in Frage gestellt und möglicherweise vollständig aufgegeben werden wird; andererseits gibt gerade die Vagheit ('dominant verbalsprachlich') dieses Kriteriums der Definition eine gewisse Flexibilität bzw. Adaptivität. – Weshalb ich 'faktische' Elemente (4c) ausdrücklich ausklammere, sollte nach dem oben (2.2) Gesagten klar sein.

Erläuterungsbedürftig ist demgegenüber wohl vor allem der Punkt (4d): Genette selbst hat bekanntlich (vgl. besonders 265–279 u. 285–295) intra- und meta-diegetische Elemente ausdrücklich den Paratexten zugerechnet. Und tatsächlich sind seine basalen Definitionskriterien (1) und (2) hinsichtlich des, wie man sagen könnte, 'ontologischen' Status48 des jeweiligen (potentiellen) Paratextes neutral. Nun gibt es aber in den neuen Medien, vornehmlich vor dem Hintergrund ästhetischer (Innovation) und pragmatischer (Effizienz der Darstellungsmittel) Erwägungen, eine deutliche Tendenz, bislang (sofern es hier Vorläufer im Buchmedium gibt) rein extra-diegetische durch funktional äquivalente intra-diegetische Elemente zu ersetzen oder gar durch Gebrauch meta-diegetischer Mittel etablierte Rezipienten-Erwartungen spielerisch zu unterlaufen und damit auch die klare Abgrenzung diegetischer Ebenen. Gerade, weil es hier – etwa in Filmen und Computerspielen – eine zunehmende "Diegetisierung" (Stanitzek 2010: 168) und mithin hybride, 'semi-diegetische' Mischformen gibt (vgl. instruktiv Mahlknecht 2011), könnte sich der Ausschluss zumindest partiell diegetischer Elemente als impraktikabel erweisen.




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Ein Argument zugunsten der gegenteiligen Strategie könnte demgegenüber darauf abheben, dass gerade eine strikte Unterscheidung es hier gestatten würde zu untersuchen, wie herkömmliche bzw. eigentliche Paratexte als "a basis of meaningful deviations" (Wolf 1999: 111), als Kontrastfolie spielerischer Imitationen, Abwandlungen, Irritationen und Innovationen fungieren.

Dessen ungeachtet ist klar, dass die Unterscheidung diegetischer Ebenen als definitorisch relevantes Kriterium (zumal als Kriterium einer Abgrenzung von Bezugsobjekt und Paratext)49 lediglich im Falle i.w.S. narrativer Werke wird Anwendung finden können.

4.2 Die praktische Rationalität terminologischer Entscheidungen

Wie soll nun der Ausdruck 'Paratext' mit Blick auf die neuen Medien bestimmt werden? – Sofern wir ein Interesse daran haben, unsere eigene sprachliche Praxis zu überschauen und aufzuklären, müssen wie hier eine Entscheidung treffen. Aber wir müssen diese Entscheidung auch begründen können und uns bemühen, jeweilige Implikationen und Konsequenzen zu überblicken.

Zu beurteilen sind terminologische Festlegungen, ich sagte es bereits, unter dem Gesichtspunkt praktischer Rationalität. Stipulationen und stipulative Bestandteile von Explikationen haben normativen Charakter und können mithin nicht wahr oder unwahr, sondern nur mehr oder weniger zweckmäßig sein.50 Ihre Adäquatheit bemisst sich unter anderem daran, ob sie (mehr oder minder) relevant, spezifisch, fruchtbar, präzise, nützlich, einfach, kompatibel, anschlussfähig usw. sind. – Genette hat Recht:

Vor allem aber darf man nicht vergessen, daß der Begriff Paratext, wie viele andere auch, eher in einer methodischen Entscheidung begründet ist als in einer faktischen Feststellung. 'Der' Paratext existiert genau genommen nicht, man entschließt sich vielmehr dazu, aus Gründen der Methode oder Effizienz oder, wenn [man] so will, der Rentabilität von einer bestimmten Zahl von Gepflogenheiten und Wirkungen in diesen Begriffen zu sprechen. Die Frage lautet also nicht, ob die Anmerkung [oder jedes andere potentielle Paratextelement, AR] zum Paratext 'gehört' oder nicht, sondern ob es von Vorteil und Relevanz ist, sie als solchen zu betrachten. (327)




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Ich habe bereits gesagt (und zum Teil auch schon praktisch vorgeführt), dass es grundsätzlich drei Optionen hinsichtlich der Definition des Ausdrucks 'Paratext' gibt: (1) Wir können den Term, ungeachtet seiner Vagheit, in strikter Übereinstimmung mit Genettes Bestimmungen verwenden, was ersichtlich eine Beschreibung und Analyse seiner (mehr oder weniger klaren) definitorischen Hinweise sowie seiner eigenen Verwendung des Ausdrucks voraussetzt. Wir können (2) versuchen, die unerwünschte Vagheit des Ausdrucks zu eliminieren, indem wir Genettes Ausdrucksgebrauch zur Basis einer klärenden Präzisierung machen, also eine Explikation des Ausdrucks vorschlagen. Und schließlich können wir (3) eine eigene stipulative Definition vorlegen, die sich weitestgehend von Genettes Bestimmungen löst oder diese gar vollständig außer Acht lässt. Diese letztere Option würde freilich mit einer (möglicherweise unbemerkten) Äquivokation einhergehen und zweifellos zur Mehrdeutigkeit des Ausdrucks beitragen.

Mit Blick auf (2) ist abermals hervorzuheben, dass sich die konstatierte Vagheit auf grundsätzlich zwei Weisen beseitigen lässt: durch Inklusion oder Exklusion von Grenzfällen. Genauer: (a) durch eine Einschränkung der Extension (mittels einer Ausweitung der Intension) oder (b) durch eine Ausweitung der Extension (mittels einer Einschränkung der Intension).

Natürlich können wir unsere Terminologie nicht nur angesichts solcher Grenzfälle modifizieren, sondern auch mit Blick auf bestimmte theoretische, programmatische oder auch forschungsstrategische Erwägungen. In jedem Fall aber sollte eine solche Neuregelung des Sprachgebrauchs nicht unter der Hand geschehen, sondern ausdrücklich offengelegt werden; nicht nur, um die begriffslogischen Grundlagen der eigenen Forschung aufzuklären, sondern auch – sofern "terminologische Explizitheit eine Regel des intellektuellen Fair-Play"51 ist –, um mögliche Hindernisse kritisch-konstruktiver Kommunikation wo möglich aus dem Weg zu räumen.

Sofern gegenseitige Verständigung weiterhin als Fluchtpunkt wissenschaftlicher Kommunikation erachtet wird, wird die Frage der Verständlichkeit und damit die Frage nach einer zweckmäßigen Einrichtung unserer Fachsprache – mag dies auch zuweilen als bloße Pedanterie oder gar als 'Dogmatismus' diskreditiert werden – weiterhin ihre Berechtigung haben.




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Anmerkungen

1 Die folgenden Überlegungen habe ich in Grundzügen erstmals im August 2014 im Rahmen eines Paratext in Digital Culture betitelten Workshops an der Universität Bergen zur Diskussion gestellt und seither erheblich weiterentwickelt. – Für eine Reihe kritischer Hinweise zu früheren Fassungen dieses Aufsatzes danke ich herzlich Per Röcken (Marburg/Berlin).

2 Vgl. überblickshaft zu diesem Ausdruck nur Manovich 2003 und Cubitt 2013.

3 Ich habe bereits an anderer Stelle – vgl. Rockenberger/Röcken 2009: 298f. – darauf hingewiesen, dass Genette (wenngleich selbst nicht immer konsistent) mit dem Ausdruck 'Paratext' nicht etwa einzelne Gegenstände, sondern eine Menge von Gegenständen bezeichnet. Das aber heißt: Der Plural 'Paratexte' ist (zumindest nach Genette) sinnvoll nur auf mehrere unterschiedliche Mengen von Einzelelementen, nicht auf diese Einzelelemente selbst anwendbar. Titel, Motti, Vorworte usw. wären demnach nicht als 'Paratexte', sondern als Elemente eines Paratextes (i.e. als 'Paratext-Elemente') zu bezeichnen. Die Tendenz, individuelle Gegenstände als 'Paratexte' zu bezeichnen, scheint sich vor allem der Suggestivwirkung der Singularform '-text' und deren logischer Grammatik zu verdanken. Eine strukturelle Analogie besteht hier im übrigen zum Ausdruck 'Kontext', der als 'Kontext1' die Menge aller 'Kontexte2' umfasst, während das Pluralwort 'Kontexte1' die Menge aller 'Kontexte1' bezeichnet. Die hieraus resultierenden Äquivokationen finden sich in gleicher Weise bei den Wörtern 'Paratext' (Einzelgegenstand | Menge von Einzelgegenständen) und 'Paratexte' (Menge von Einzelgegenständen | Menge von Mengen). Wenn nun die Frage gestellt wird: 'Gibt es – und falls ja: welche – Paratexte im Bereich der neuen Medien?', so scheint dies auf einzelne Paratextelemente abzuheben. Eine andere Frage wäre demgegenüber, ob es hier ebenfalls bestimmte Paratexte als Sets einzelner Paratext-Elemente gibt. – Terminologisch betrachtet gibt es zwei Möglichkeiten: (1) Man nimmt die beschriebenen Äquivokationen in Kauf und bezeichnet jedes einzelne Paratext-Element ebenfalls als 'Paratext'; (2) man verwendet stattdessen den etwas umständlicheren Ausdruck 'Paratext-Element'. Der Einfachheit halber werde ich in diesem Aufsatz ersteres tun und die Rede von 'dem Paratext' weitgehend ausblenden.

4 Noch eine Bemerkung vorab: Ich verwende im Folgenden zuweilen Fachausdrücke der Definitionslehre (wie etwa 'lexikalische Definition', 'stipulative Definition' und 'Explikation') und setze bei meinen Lesern deren Kenntnis voraus; eine knappe Einführung zum Thema findet sich bei Jannidis/Winko 2008.




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5 Ich beziehe mich im Folgenden auf die deutsche Übersetzung (Genette 2001) und weise Zitate jeweils direkt im Fließtext nach. Eine gut lesbare Rekonstruktion der wichtigsten terminologischen und sachlichen Differenzierungen Genettes findet sich bei Jürgensen 2007: 11–38, Hinweise zu Wort-, Sach- und Begriffsgeschichte bei Grüttemeier 2003 und Moenninghoff 2001, Moenninghoff 2003.

6 Vgl. die entsprechende Formulierung bei Genette 1993: 11: "der eigentliche Text im Rahmen des von einem literarischen Werk gebildeten Ganzen".

7 Dembeck 2007: 7 stellt zutreffend fest: "Der Genettesche Begriff des Paratextes setzt eine Unterscheidung, wo vorher viele herrschten".

8 Vgl. entsprechend Genette 2001: 11: "Die Wege und Mittel des Paratextes verändern sich je nach den Epochen, den Kulturen, den Autoren, den Werken und den Ausgaben ein und desselben Werkes, und zwar mit bisweilen beträchtlichen Schwankungen".

9 Genette (2001: 14) spricht auch vom "wesenhaft funktionalen Charakter" des Paratextes und betont: "Die wesentlichste dieser Eigenschaften [des Paratextes] […] ist der funktionale Charakter" (388).

10 Bei Genette (2001: 391) findet sich folgendes Bild: "wenn der Text ohne seinen Paratext mitunter wie ein Elefant ohne seinen Treiber ist […], so ist der Paratext ohne seinen Text ein Elefantentreiber ohne Elefant, eine alberne Parade".

11 Genette selbst weist darauf hin, dass es faktisch, nämlich entstehungs- oder überlieferungsbedingt, durchaus "Paratexte ohne Text" geben könne (vgl. 2001: 11f.). Hieran zeigt sich indes nur, dass die jeweiligen Bezugsobjekte weder konkret und simultan präsent noch überhaupt faktisch existent sein müssen. All dies ändert nichts an der relationalen Logik des Begriffs.




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12 Man kann, nebenbei bemerkt, ausgehend von verstreuten Hinweisen Genettes überlegen, wie man zu einer möglichst umfassenden Typologie spezifischer Funktionen einzelner Paratexte (wie auch 'des' Paratextes insgesamt) gelangt, welche interne Hierarchie innerhalb dieser Funktionen besteht und wie diese jeweils bestimmten kommunikativen, legalen, ökonomischen etc. Erfordernissen korrespondieren. Genette selbst meint, dass "die Funktionen des Paratextes" ein "äußerst empirisches und differenziertes Objekt [bilden], das man auf induktive Weise […] freilegen" müsse (2001: 19)

13 Genette spricht im Falle Dritter von "allographen" Paratexten, die allerdings ebenfalls "vom Autor akzeptiert[]" sein müssen (2001: 16).

14 Vgl. auch Genette 2001: 10: "Diese Anhängsel, die ja immer einen auktorialen oder vom Autor mehr oder weniger legitimierten Kommentar enthalten, bilden […] den geeigneten Schauplatz für eine Pragmatik und eine Strategie, ein Einwirken auf die Öffentlichkeit im […] Dienst einer besseren Rezeption des Textes und einer relevanteren Lektüre – relevanter, versteht sich, in den Augen des Autors und seiner Verbündeten." – Und: "Der Standpunkt des Autors […] ist Teil der paratextuellen Praxis, er beseelt sie, inspiriert und begründet sie" (389).

15 Vgl. dagegen etwa Dembeck 2007: 12–14 sowie Stanitzek 2004: 11; vgl. neuerdings etwa Schaffrick/Willand 2014: 89–94.

16 Vgl. grundlegend zur Unterscheidung kategorialer und semantischer Intentionen Levinson 1996: 188 sowie weiterführend Petraschka 2013.

17 N.N. https://de.wikipedia.org/wiki/Paratext (gesehen am 15.01.2016).

18 Was Typographie und Buchgestaltung betrifft, so ist Genettes Sprachgebrauch – und es geht mir hier lediglich um eine lexikalische Definition – bestenfalls vage. Meines Erachtens spricht viel dafür, dass Genette selbst diese 'Materialität des Textes' nicht als Paratext konzipieren wollte, wenngleich er durchaus auf funktionale Äquivalenzen aufmerksam macht. Zumindest scheint er sich über den genauen Status dieser Elemente nicht im Klaren gewesen zu sein. – Vgl. weiterführend zu dieser Diskussion auch Stanitzek 2007: 199f. und 2010: 161f., Rockenberger/Röcken 2009: 302–306 sowie Stanitzek 2013: 58f. – Eine Diskussion der Frage, ob wir Typographie i.w.S. der Extension von 'Paratext' zuschlagen sollten, und Überlegungen zur begriffslogischen Inkohärenz eines solchen Vorschlags finden sich bei Rockenberger/Röcken 2009.




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19 Stanitzek (2004: 7) spricht bezeichnenderweise vom "'Eingebundensein[]' in ein buchförmiges Einzelwerk" sowie von "biblionomen Werkeinheiten". Tatsächlich scheinen zwar alle Peritexte zur Einheit des Buches, einige allerdings nicht zur Einheit des Werkes zu gehören.

20 Vgl. auch Genette 2001: 328: "Ein Epitext ist jedes paratextuelle Element, das nicht materiell in ein und demselben Band als Anhang zum Text steht, sondern gewissermaßen im freien Raum zirkuliert, in einem virtuell unbegrenzten physikalischen und sozialen Raum. Der Ort des Epitextes ist also anywhere out of the book, irgendwo außerhalb des Buches". – In seinen empirischen Analysen hat Genette dem Epitext weit weniger Beachtung geschenkt als dem Peritext; vgl. weiterführend aber (vor allem zum verlegerischen Epitext) Lane 1992 sowie neuerdings Binczek/Dembeck/Schäfer 2013: Kap. 25: 'Epitexte'.

21 Vgl. zu dieser Terminologie grundsätzlich Genette 1993: 9–18. – Auf das Problem einer klaren Abgrenzung des Epitextes, das "Fehlen äußerer Grenzen" (2001: 330), macht Genette selbst aufmerksam.

22 Wie Stanitzek (2007: 203) zutreffend bemerkt, ist es eine zentrale Funktion des Kriteriums (2), dieser Tendenz entgegenzusteuern: "Insbesondere der nach außen 'ausfransende' Bezirk der Epitexte wird so [durch "Rückführbarkeit auf den Autorwillen"] gegen eine […] indifferente Welt des literarischen Lebens bzw. allgemeiner Intertextualität abgegrenzt".

23 Mit 'Intension' ist die Konjunktion (oder Disjunktion) derjenigen inhärenten oder relationalen Eigenschaften eines Gegenstands gemeint, die als definitorisch relevant exponiert werden, also die Merkmale, anhand derer sich ein entsprechendes Klassifikationsurteil als wahr (oder zumindest wahrscheinlich) erweisen lässt. Mit 'Extension' meine ich die Klasse der Gegenstände, auf die ein Ausdruck zutrifft.




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24 Vgl. entsprechend Moenninghoff 2000: 24: "das Begriffswort 'Paratext' […] suggeriert […], daß unter dem Begriff 'Paratext' nur Texte erfaßt werden. […] Warum aber sollte unter einem Begriff nicht eleganterweise auch verstanden werden, was das gewählte Begriffswort schon andeutet?" und Wolf 1999: 108: "the problem of Genette's notoriously hazy definition of 'paratexts' can be alleviated by qualifying them as verbal".

25 Vgl. dagegen Wolf (2008: 81), der meint, "daß 'Para-text' ja nur 'Beiwerk' zu einem 'eigentlichen Text' heißt und damit noch nichts über den textuellen Status auch dieses Bei- oder Schwellenbereichs ausgesagt sein muß".

26 Diesen etwas prätentiösen Ausdruck übernehme ich von Illich 1991: Kap. 7.

27 Grundsätzlich verwendet Genette den Ausdruck 'Medien' eher in Bezug auf Presse (Zeitungen) und Rundfunk (Radio und Fernsehen); vgl. etwa Genette 2001: 12, 20, 28, 331, 340–346, u.ö.

28 Von Krautkrämer (2008: 236; vgl. entsprechend Genette 2001: 389) stammt der bedenkenswerte Vorschlag, heuristisch die "Veränderbarkeit" des Paratextes gegenüber dem diachron stabilen Text als indikatorisches (epistemisches) Kriterium zu nutzen. Gerade mit Blick auf obligatorische, ebenfalls diachron stabile Paratexte ist dieser Vorschlag allerdings wenig praktikabel.

29 Nur am Rande sei auf Folgendes aufmerksam gemacht: Die Suche nach dem Peritext äquivalenten Elementen ist – da dieser "im Umfeld des Textes, innerhalb ein und desselben Bandes [dans l'espace du même volume]" (Genette 2001: 12) situiert ist – konzeptionell mit der Frage nach dem materiellen Rahmen des Buches bzw. dem konzeptionellen Rahmen des Werkes jeweils analogen Entitäten verbunden. Und auch für den Epitext ergibt sich daraus ein Abgrenzungsproblem; sofern dieser ja ebenfalls über seine räumliche Relation – Genette spricht von "respektvollerer […] Entfernung" – zum Bezugstext bestimmt und ausdrücklich "außerhalb [des Buches] angesiedelt" (2001: 12) ist; "à l'extérieur du livre" heißt es in Genette 1987: 10, während die deutsche Übersetzung hier seltsamer Weise von "Text" spricht. – Für den Bereich digitaler Literatur finden sich eine Reihe bedenkenswerter terminologischer Vorschläge bei Stewart 2010; vgl. auch die Andeutungen bei Dunne 2014.




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30 Vgl. etwa Nitsche 2002, Stanitzek/Kreimeier/Binczek 2004, Böhnke/Hüser/Stanitzek 2006, Böhnke 2007, Krautkrämer 2008 oder Burt 2013.

31 Vgl. dazu etwa Helbig 2009: 103–108.

32 Vgl. Birke/Christ 2013: 71: "gesturing back towards a traditional medium".

33 Nebenbei sei bemerkt, dass derlei Einwände angesichts neuerer Debatten um die 'Rückkehr des Autors' zuweilen seltsam unzeitgemäß und desinformiert wirken. – Einen guten Überblick zum aktuellen Diskussionsstand geben Kindt/Köppe 2010 und Livingston 2010.

34 Genette (2001: 389) gebraucht diesen Ausdruck selbst: "Die Relevanz, die hier dem Vorhaben des Autors und damit seinem 'Standpunkt' eingeräumt wird, mag übertrieben und methodisch recht naiv wirken. […] Diese Debatte läßt mich persönlich ziemlich perplex oder gar gleichgültig zurück, aber es scheint mir nicht notwendig an dieser Stelle in sie einzusteigen".

35 Vgl. etwa Gardiner 2000. – Eine radikale Lesart dieses Einwands besagt, dass es bei strikter Auslegung des Kriteriums der auktorialen Autorisation nur sehr wenige eindeutige Fälle von Paratexten gegeben habe (und möglicherweise auch gar keine). Ich denke nicht, dass diese Lesart plausibel ist und lasse sie daher beiseite.

36 Wiederum (vgl. oben Anm. 29) weicht die deutsche Übersetzung hier substantiell vom französischen Original (1987: 14) ab: "L'auteur et l'éditeur sont (entre autres, juridiquement) les deux personnes responsables du texte et du paratexte" (meine Hervorhebung).

37 Vgl. für weitere Differenzierungen und empirische Analysen etwa Bruns/Thomson 1990, Kragh Grodal/Larsen /Laursen 2004, Gray 2010: 99–113, 127, 135–140, 214–221, Gaut 2010: Kap. 3, Gray/Johnson 2013 (besonders Kap. 1, 5, 6 und 17) sowie Chris/Gerstner 2013.

38 Vgl. etwa die metaphorische Formulierung bei Burk 2010: 47f.: "The malleability of bits erodes the distinction […] between author and consumer".

39 Vgl. u.a. Consalvo 2007, Krautkrämer 2008, Gray 2010, Jenkins 2010, Mäyrä 2010, Grainge 2011, de Kosnik 2011: 246–248, Matamala 2011, Ensslin 2012: Kap. 4.6: 'Paratextuality', Galloway 2012: Kap. 1, Picarelli 2013, Bucaria 2014, Doherty 2014, Desrochers/Apollon 2014, Green 2014, Booth 2015, Kap. 6: 'The Hunger Games and Fan Paratextual Participation, Leavenworth 2015, Mittell 2015: Kap. 8: 'Orienting Paratexts', Pesce/Noto 2015.




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40 Andererseits scheint gerade die geringe Spezifik der weiten Definition zur Einführung neuer Subkategorien zu nötigen; vgl. etwa Carter 2015 oder Grays (2010: 23) Unterscheidung zwischen "entryway" und "in medias res paratexts".

41 Vgl. N.N. https://de.wikipedia.org/wiki/Alternate_Reality_Game (gesehen am 15.01.2016): "Als Alternate Reality Game (Kurzform: ARG) (etwa: Spiel mit wechselnden Realitäten) bezeichnet man ein auf verschiedene Medien zurückgreifendes Spiel, bei dem die Grenze zwischen fiktiven Ereignissen und realen Erlebnissen bewusst verwischt wird."

42 Gray (2010: 6) spricht von "intangible entities".

43 Vgl. N.N. https://de.wikipedia.org/wiki/Mashup_(Internet) (gesehen am 15.01.2016): "Mashup (von englisch to mash für vermischen) bezeichnet die Erstellung neuer Medieninhalte durch die nahtlose (Re-)Kombination bereits bestehender Inhalte."

44 Bei Lunenfeld findet sich sogar mehrfach (2000: 14 und 239) die fehlerhafte Schreibung des Namens: "Gérarde [sic] Genette"; so übrigens auch bei Burk (2010: 36): "Girard [sic] Genette" oder bei Flanagan 2010: 2: "Gerald [sic] Gennette [sic]".

45 Lunenfeld 2000: 14; vgl. ähnlich Gray 2010: 6: "the variety of materials that surround a literary text".

46 Lunenfeld 2000: 15; vgl. illustrativ zu dieser Tendenz auch Gray 2010: Kap. 4.

47 Hiermit ergibt sich, nebenbei bemerkt, das terminologische Problem, wie die nicht-autorisierten Quasi-Paratexte bezeichnet werden sollen. Ich schlage hiermit – analog zu Ausdrücken wie 'Apograph' (nicht-auktoriale Abschrift eines Manuskripts) oder 'Apokryphe' (nicht als Teil der Bibel anerkannter, aber den Büchern der Bibel ähnlicher Text) – den Neologismus 'Apotext' vor. – Ergänzend hierzu scheint mir die Verwendung des von Werner Wolf (1999 und 2006) vorgeschlagenen Oberbegriffs 'Framings' aussichtsreich.

48 Vgl. zur Unterscheidung verschiedener diegetischer Ebenen den konzisen Überblick bei Kuhn 2011: 103–105.




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49 So bestimmt etwa der Blogger tomcat (2013) den Paratext eines Videospiels als "information that forms part of the product, but is not actually part of the gameworld".

50 Zu beachten ist allerdings, dies der Vollständigkeit halber, dass auch deskriptive Elemente von Definitionen (wie Beschreibungen generell) nicht nur nach ihrem kognitiven Gehalt (Wahrheit), sondern ebenfalls nach ihrer Zweckmäßigkeit – also ebenfalls unter dem Blickwinkel praktischer Rationalität – beurteilt werden können; vgl. hierzu grundsätzlich Spree 1995: 15–22.

51 Fricke 1988: 8; vgl. weiterführend auch Fricke 1991 sowie allgemein zu 'Tugenden intellektueller Redlichkeit' Köppe 2008: 70–79.