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Christiane Maaß (Hannover)



Anna Socka (2004): Sprachliche Merkmale der erlebten Rede im Deutschen und Polnischen. Tübingen: Niemeyer.



Die Wiedergabe von Äußerungen dritter Personen kann in direkter oder indirekter Rede erfolgen, aber auch in erlebter Rede. Letztere ist überdies nicht auf Redewiedergabe im engeren Sinne beschränkt, sondern kann etwa auch zur Wiedergabe von Bewusstseinsinhalten und Wahrnehmungen verwendet werden:

    Im Schaufenster der Bäckerei erblickte der Clochard sein Spiegelbild ... Er dachte an früher. Früher hatte er jeden Morgen frische Brötchen auf seinem Frühstückstisch gehabt. Immer diese Erinnerungen an früher! [] Verdammte Bettelei! Aber morgen war Sonntag, und von irgend etwas mußte er heut' und morgen leben. Die dicke Bäckersfrau da drin sah nicht unsympathisch aus, von der würde er sicher was bekommen. (Auszug aus einem Textbeispiel des hier rezensierten Werkes von Socka [306]; die erlebte Rede ist auch bei Socka kursiv gesetzt)

Die Äußerungen, Wahrnehmungen und Bewusstseinsinhalte des Bewusstseinssträgers – bei Socka mit dem Terminus Originalsprecher bezeichnet – werden in erlebter Rede von einer anderen Person bzw. von der gleichen Person zu einem späteren Zeitpunkt wiedergegeben; diese Person ist bei Socka mit dem Terminus wiedergebender Sprecher belegt. Des weiteren ist zwischen Original(äußerungs)zeit und Wiedergabezeit sowie, analog dazu, zwischen originaler Äußerungssituation und Wiedergabesituation zu unterscheiden (alle kursivierten Termini: Socka [3]).

Die erlebte Rede ist ein Phänomen, das in literaturwissenschaftlicher Perspektive stets viel Interesse auf sich gezogen hat; in sprachwissenschaftlichen Untersuchungen war sie allerdings nicht im selben Maße Gegenstand umfassender Studien (vgl. aber z.B. Kurt 1999 und Roncador 1988). Socka stellt dagegen die erlebte Rede ins Zentrum ihrer linguistischen Dissertation. Sie entwickelt ihren Ansatz mit Blick auf das Deutsche und kontrastiert die Ergebnisse mit den Befunden eines polnischsprachigen Parallelkorpus. Das Korpus, auf dem ihre Arbeit fußt, besteht weitgehend aus fiktionalen Texten: Aus verschiedenen Romanen von Theodor Fontane, Thomas Mann und Patrick Süskind mit den jeweiligen polnischen Übersetzungen, wodurch eine direkte Vergleichbarkeit der Befunde gewährleistet ist; aus deutschen und polnischen Trivialromanen, in denen das untersuchte Phänomen besonders häufig und ausgeprägt auftritt; aus präteritalen Ich-Erzählungen unterschiedlicher deutscher und polnischer Autoren sowie aus autobiographischen Texten in beiden Sprachen. Als Korrektiv nimmt sie darüber hinaus einige nichtliterarische Texte mit hinzu, so beispielsweise einen historiographisch geprägten Zeitungstext.




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Die letztgenannten Texte dienen dem – leider nicht systematisch geführten – Nachweis, dass erlebte Rede nicht auf literarische Texte beschränkt ist. Die Autorin äußert immerhin die "Vermutung [...], dass die erlebte Rede in der nichtliterarischen Schriftsprache in jeder Textsorte vorkommen kann, die potentielle Bewusstseinsträger zulässt" [58]. Mit Verweis auf entsprechende Vorgängerstudien geht sie gar davon aus, dass man selbst in mündlichen Texten erlebte Rede vorfinden könne. Ein Nachweis an mündlichen Korpora in ausreichender Belegstellenzahl ist aber offenbar nicht problemlos möglich. Sockas Ausführungen zu diesem überaus interessanten Problemfeld bleiben etwas vage, was durch ihre Beschränkung auf fiktionale Texte aber durchaus als gerechtfertigt erscheint. Deutlich wird daran allenfalls, dass das Phänomen der erlebten Rede noch reichlich Stoff für weitere Studien bietet.

Es ist eine Stärke von Sockas Arbeit, dass die theoretischen Auseinandersetzungen stets auf Grundlage der Analysen des sprachlichen Materials geführt werden; dabei eröffnet sich in der Monographie bisweilen ein neuer, unkonventioneller Blick auf einige viel behandelte linguistische Themen wie etwa die Grenzziehung zwischen Deixis und Anaphorik, aber auch die Semantik der Tempora und die Rolle des Aspekts. Ihr Interesse bleibt dabei auf die Untersuchung der erlebten Rede zentriert, ihre Betrachtungen etwa zum Thema Deixis und Anaphorik bleiben diesem Blickpunkt untergeordnet. Durch diese thematische Fixierung auf die erlebte Rede ist die Autorin auch nicht bestrebt, zu diesen Themen jeweils 'wasserdichte' Gesamtentwürfe vorzulegen. Die Einsichten zu den genannten Bereichen gewinnt Socka vielmehr aus der Beschäftigung mit ihrem Korpus und im Bestreben, die erlebte Rede in ihrer Spezifik zu fassen. Sie sucht also ausgehend von einem konkreten Problemfeld induktiv nach Antworten und ist dadurch in der Lage, einen originellen und bedenkenswerten Beitrag zu angrenzenden Forschungsbereichen zu leisten, die, wie etwa die Studien zur Deixis, im Gegensatz zu Socka sehr oft theoretisch-deduktiv vorgehen.

Das Buch eröffnet mit einer Begriffsbestimmung zum Untersuchungsgegenstand erlebte Rede, wobei zwei grundlegende Definitionsansätze unterschieden werden: (1) der in der Tradition von Tobler (1887) verortete Ansatz, der erlebte Rede als eine Form der Redewiedergabe ansieht und sie somit "innerhalb einer Typologie von Redewiedergabeformen behandelt" [306] und (2) der bis auf Kalepky (1899) zurückgehende Ansatz, wonach erlebte Rede ein Phänomen narrativer Texte sei und "einen syntaktischen Rahmen dar[stellt], der einige für die direkte Rede typische Ausdrücke 'zulässt'" [16]. Auf dieser Basis werden in einer ersten Annäherung an das untersuchte Phänomen Indikatoren der erlebten Rede zusammengetragen und diskutiert.

Das zentrale zweite Kapitel legt dann die eigentlichen theoretischen Grundlagen für die Untersuchung des Gegenstandes. Zunächst setzt sich die Autorin mit dem Thema Deixis vs. Anaphorik auseinander. Für die Deixisforschung relevant ist dabei, wie bereits angedeutet, vor allem ihr Beitrag zur Abgrenzung des Gegenstandsbereiches von Deixis und Anaphorik – ein viel debattiertes Thema (vgl. dazu zuletzt Consten 2004).




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Es leuchtet unmittelbar ein, dass der meist als prototypisch angesetzte Fall der – um mit Bühler (1934) zu sprechen – Demonstratio ad oculos, also des deiktischen Verweisens auf physisch Präsentes in einer face-to-face-Situation, im Falle der erlebten Rede per definitionem nicht auftreten wird. Setzt man, wie das einige Ansätze tun, die Grenze zwischen Deixis und Anaphorik mit derjenigen zwischen Exophorik und Endophorik gleich, so könnte in erlebter Rede keine Deixis, sondern nur Anaphorik vorkommen. Das da drin im oben bereits zitierten Satz

    Die dicke Bäckersfrau da drin sah nicht unsympathisch aus, von der würde er sicher was bekommen.

ist jedoch aus der Perspektive des Bewusstseinsträgers, dessen Gedankeninhalte hier wiedergegeben werden, durchaus als deiktisch aufzufassen, kann es doch eindeutig an seiner Origo festgemacht werden. Schließlich stellt er die Transposition des Satzes

    Die Bäckersfrau da drin sieht nicht unsympathisch aus, von der bekomme ich sicher was.

dar, der dem Originalsprecher gewissermaßen als Gedankeninhalt unterstellt wird. Socka stellt die These auf, dass es sich hier sehr wohl um Deixis handelt und dass, wie das im vorliegenden Beispiel geschieht, "eine Origo auch allein mithilfe sprachlicher Mittel (endophorisch) gesetzt werden kann" [305]. Der Bereich der Endophorik ist damit für die Autorin nicht allein der Anaphorik zuzuschlagen. Socka arbeitet mit Bühlers Begriff der Deixis am Phantasma bzw. Versetzungsdeixis und setzt sich mit dessen Ausdifferenzierungen dieses Teilbereichs deiktischen Zeigens durchaus kritisch auseinander. Anders als Bühler, aber in Übereinstimmung mit vielen Vorgängerstudien, sieht sie die Anaphorik nicht als Teilbereich der Deixis an, sondern als distinkt von jener. Deixis und Anaphorik liegen für sie auf unterschiedlichen Ebenen: Einerseits anaphorische Verankerung im Text und andererseits origogebundenes deiktisches Verweisen. Damit sind beide Begriffe nicht, wie etwa bei Bühler (1934), kohyponym unter den Oberbegriff Deixis zu fassen. Die konzeptionelle Distinktion zwischen Deixis und Anaphorik ist für Socka die Voraussetzung zur Erklärung einer scheinbaren Paradoxie: Auf der Tokenebene ist, wie sich an Sockas Korpus deutlich zeigt, eine klare Trennung zwischen Deixis und Anaphorik nämlich gerade nicht möglich, deiktische und anaphorische Prozesse können im selben Token auftreten. Mehr noch: das gleichzeitige Vorliegen einer deiktischen und einer anaphorischen Relation "scheint insbesondere bei positionalen Lokaladverbien der unmarkierte Fall zu sein" [306]. Socka bezeichnet dieses Phänomen als Esophora. Das da drin im zitierten Beispiel wäre damit von der Origo des Bewusstseinsträgers aus gesehen deiktisch, aus der Position des wiedergebenden Sprechers bzw. des Lesers heraus jedoch zusätzlich anaphorisch, da der Schauplatz der kleinen Szene, die Bäckerei, im Rahmensatz bereits eingeführt worden war (s.o.). Die Entvariabilisierung erfolgt somit über einen antezedenten Ausdruck im Text selbst – ein typisches Merkmal anaphorischen Verweisens.




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Mit der These, Deixis und Anaphorik seien distinkte Kategorien und könnten sich deshalb im selben sprachlichen Token überlagern, gibt Socka einen Lösungsvorschlag für das Problem der Abgrenzung von Deixis und Anaphorik, der durchaus überzeugend erscheint und nun auf seine Plausibilität und Anwendbarkeit für weitere Textsorten bzw. Zeigmodi überprüft werden sollte. Der Befund, dass Deixis und Anaphorik im selben Token präsent sein können, deckt sich im Übrigen mit den Ergebnissen von Constens (2004) hervorragender Studie zu den Möglichkeiten der Abgrenzung von Deixis und Anaphorik. Anders als Socka scheidet Consten aber Deixis und Anaphorik gerade nicht kategorial, sondern erklärt das Nebeneinander beider Phänomene damit, dass rein textuell-anaphorische Referenz einerseits und rein realdeiktisches Verweisen andererseits die Extrempunkte eines Kontinuums darstellten, in dessen Mittelbereich es zu Überschneidungen deiktischer und anaphorischer Phänomene komme (vgl. dazu meine Rezension zu Consten 2004 in Linguistische Berichte, im Druck). Reizvoll an Sockas Ansatz ist aber gerade die Annahme einer Perspektivenverdoppelung: Durch die kategoriale Unterscheidung der beiden Zeigmodi stellen Deixis und Anaphorik bei ihr nicht, wie bei Consten, Extrempunkte eines Kontinuums dar, sondern unterschiedliche, untrennbar verschmolzene Perspektiven auf denselben Sachverhalt. Der Begriff der Origo (und ihrer möglichen Verdoppelung bzw. Projektion), der in Constens Ansatz fehlt, spielt bei Socka gerade eine zentrale Rolle, denn die unterschiedlichen, sich eröffnenden Perspektiven lassen Rückschlüsse auf die Konstellation der involvierten Personen mit ihren jeweiligen Origines zu.

Diese Perspektivenverdoppelung wiederholt sich beim Blick auf die unterschiedlichen deiktischen Dimensionen und ihre Umsetzung in erlebter Rede: So bleiben die temporal- und lokaldeiktischen Adverbiale an der Origo des Bewusstseinsträgers orientiert (der im Beispielsatz mit morgen bezeichnete Zeitpunkt liegt einen Tag nach der dem Clochard zugeschriebenen Bewusstseinsäußerung), während die Personaldeiktika "an der ursprünglichen Origo des wiedergebenden Sprechers" [72] orientiert sind: Auf den Clochard wird mit er, nicht mit ich referiert. Sprecher und Bewusstseinsträger treten folglich auseinander, und neben der Sprecherorigo wird eine zweite Origo, die des Originalsprechers, (endophorisch) gesetzt; beide bilden jeweils eigene Zeigfelder aus, die sich teilweise überlagern können. Auch hier liegt wieder eine Transposition vor, indem die unterschiedlichen Sprechaktrollen ineinander überführt werden können. Socka spricht von "Personentransposition" [93] und unterscheidet mit Plank (1985) die drei Sprechaktrollen Sprecher, Adressat und Sprechaktunbeteiligter. Leider fehlt dieser Titel von Plank in Sockas Literaturverzeichnis, was um so bedauerlicher ist, als sie mehrfach auf ihn Bezug nimmt.

Die gewonnenen Erkenntnisse werden im 3. Kapitel auf den Bereich der Lokal- und Temporaladverbien angewendet. Dabei kann für die Temporaladverbien durchaus zwischen deiktischen und anaphorischen unterschieden werden, während bei den Lokaladverbien dasselbe Inventar in unterschiedlichen, bisweilen überlappenden Zeigmodi genutzt wird, wie wir bei dem hier besprochenen Beispiel bereits gesehen haben. Die vergleichende Analyse der beiden Korpora fördert in diesem Bereich keine großen Unterschiede zwischen dem Deutschen und Polnischen zu Tage.




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Dies sieht für den in den folgenden beiden Kapiteln behandelten Bereich der Tempora freilich anders aus, was sich schon aus der sehr unterschiedlichen Ausprägung der Tempus- bzw. Tempus- und Aspektsysteme beider Sprachen ergibt. Hinzu tritt die Möglichkeit des Polnischen, über das Mittel der Aktionsarten eine weitere Ausdifferenzierung zu erreichen, während im Deutschen den präsentischen Tempora jeweils entsprechende Vergangenheitstempora gegenüber stehen und damit im Bereich des Tempussystems selbst eine größere Varianz vorhanden ist. Die Ausnutzung dieser Mittel in der erlebten Rede wird in Sockas Arbeit ausführlich systematisch-vergleichend beschrieben.

Insgesamt handelt es sich um eine inspirierende Studie, die unter Rückgriff auf ein großes zweisprachiges Korpus einen doch sehr umfassenden Problembereich souverän behandelt. Es steht zu hoffen, dass nachfolgende Arbeiten sich den von Socka aufgeworfenen Fragen – etwa nach den Möglichkeiten erlebter Rede in nicht-narrativen bzw. gar in mündlichen Texten – zuwenden, deren Behandlung den Rahmen der vorliegenden Monographie zweifellos gesprengt hätte.



Zitierte Literatur


Bühler, Karl (1934): Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Jena: Fischer.

Consten, Manfred (2004): Anaphorisch oder deiktisch? Zu einem integrativen Modell domänengebundener Referenz. Tübingen: Niemeyer.

Kalepky, Theodor (1899): "Zur französischen Syntax", in: Zeitschrift für Romanische Philologie, 23, 491–513.

Kurt, Sibylle (1999): Erlebte Rede aus linguistischer Sicht: Ausdruck der Temporalität im Französischen und Russischen. Ein Übersetzungsvergleich. Berlin et al.: Lang.

Roncador, Manfred von (1988): Zwischen direkter und indirekter Rede. Nichtwörtliche direkte Rede, erlebte Rede, logophorische Konstruktionen und Verwandtes. Tübingen: Niemeyer.

Tobler, Adolph (1887): "Vermische Beiträge zur französischen Grammatik", in: Zeitschrift für Romanische Philologie, 11, 433–461.