PhiN 25/2003: 84



Annett Volmer (Berlin)


Hans Pierre-André Bois, Roland Krebs und Jean Moes (Hgg.) (1997): Les Lettres Françaises dans les revues allemandes du XVIIIe siècle. Die französische Literatur in den deutschen Zeitschriften des 18. Jahrhunderts. Berlin, Frankfurt, Paris: Lang.


Der vorliegende Band besticht in erster Linie durch die Berücksichtigung der weitgefächerten und vielgestaltigen Rezeption der französischen Literatur in deutschen Zeitschriften des 18. Jahrhunderts. In den 21 Beiträgen werden sowohl die auf französische Literatur spezialisierten Journale, wie Wilhelm Gottlieb Beckers Magazin der neuern französischen Litteratur (1780/81) oder die Französischen Miscellen (18031806), als auch die überregional bekannten deutschen Zeitschriften wie das Deutsche Museum von Boie und Dohm oder Wielands Teutscher Merkur einer eingehenden Analyse ihrer Frankreich-Rezeption unterzogen. Wenn es auch wenige deutsche Journale gab, die ausschließlich über Frankreich berichteten, so kam doch kaum eine deutsche Zeitschrift ohne die Wahrnehmung des mächtigen Nachbarn im Westen aus.

Mehrere Beiträge werfen einen generellen Blick auf die Rezeption der französischen Geistesgeschichte in deutschen Zeitschriften. In seiner Untersuchung des Deutschen Museums macht Gonthier-Louis Fink auf die Mehrsprachigkeit (Französisch, Latein, Englisch und Italienisch) der Zeitschrift aufmerksam und demonstriert eindrucksvoll die Komplexität der gegenseitigen Wahrnehmung, die seitens der Zeitschriftenherausgeber in erster Linie die Rehabilitierung der deutschen Literatur bezweckte, die von den Franzosen traditionell geringgeschätzt wurde. Damit kritisiert das Deutsche Museum im Einklang mit Friedrich Nikolai und in Konfrontation zur Schrift Friedrichs II. De la littérature allemande die blinde Nachahmung des aristokratischen Frankreichs und die Mißachtung der eigenen, deutschen Literatur. Insofern greife auch die generelle Charakteristik des Deutschen Museums als anti-französische Zeitschrift zu kurz: Boie's Haltung kann als anti-französisch im Sinne eines rhetorisch vehement vertretenen Patriotismus bezeichnet werden, mit dem er der deutschen Literatur zu der ihr angemessenen Anerkennung verhelfen will.

Ein positives Frankreich-Bild zeichnen hingegen die beiden enzyklopädischen Journale aus Kleve und Köln, die Jürgen Voss in seinem Aufsatz in den Mittelpunkt rückt. Er fokussiert unter anderem auf die mit der Französischen Revolution eintretenden Veränderungen und der Umorientierung der Herausgeber in Richtung des englischen Buch- und Literaturmarktes.

Als ein ergiebiges Feld erweist sich die Rezeption des französischen Theaters. Hier werden die Bibliothek der Schönen Wissenschaften und der Freyen Künste (Ute van Runset), die Hamburgische Dramaturgie (Horst Albert Glaser) und Hippels Königsberger Rezensionen (Joseph Kohnen) ausgewertet.



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François Genton geht in seinem Aufsatz dem Projekt von Adrian Christian Friedel nach, der 1778 ein cabinet de littérature allemande in Paris eröffnet und von 1782 bis 1785 zwölf Bände des Nouveau Théâtre Allemand herausgibt, mit denen er dem französischen Publikum deutsche Theaterstücke in Übersetzung zugänglich macht. Friedel steht überdies in enger Beziehung mit dem Herausgeber der Litteratur- und Theaterzeitung Bertram in Berlin, für den er regelmäßig Informationen über die Pariser Bühnen verfaßt bzw. französische Journale auswertet. Somit gelingt es Genton in exemplarischer Art und Weise die wechselseitigen Rezeptionsvorgänge in der Theaterdomäne aufzuzeigen.

Weitere Aufsätze sind Einzelaspekten der Rezeption gewidmet: Gérard Laudin untersucht die Präsenz und Bewertung von historischen Werken französischer Provenienz in der Allgemeinen historischen Bibliothek und dem Historischen Journal von Johann Christoph Gatterer. Über die französischen Reiseberichte in den Rezensionen der Allgemeinen Deutschen Bibliothek stellt Françoise Knopper fest, daß diese vor allem nach ihrem Informationswert und mitunter auf Kosten ihrer literarischen Qualitäten bewertet wurden. Edgar Mass verfolgt in einem detektivischen Aufsatz die Spuren, die einige freidenkerische, ausgesprochen materialistische Werke aus Frankreich in der intellektuellen Diskussion in Deutschland, speziell bei Johann Christian Edelmann und Hermann Samuel Reimarus, hinterließen.

Einige Beiträger untersuchten die Rezeption einzelner Werke der französischen Literatur. So geht Catherine Julliard dem Schicksal des Marquis d'Argens und seiner Songes philosophiques in Gottscheds Neuem Büchersaal nach. Zwei Beiträge widmen sich dem Platz, den Voltaire in der deutschen Zeitschriftenlandschaft einnimmt: Jean Moes beschäftigt sich mit der Voltaire-Rezeption im journalistischen Werk Justus Mösers. Roland Krebs verfolgt die Candide Rezeption in den deutschen Periodika und weist nach, daß die anfänglichen negativen Reaktionen gerade aus dem Gottsched-Umkreis schließlich einer Übernahme des literarischen Erzählmodells in der Spätaufklärung weichen.

Mit der interessanten Untersuchung über die Beständigkeit nationaler Stereotype in den Historisch-Politischen Blättern für das katholische Deutschland von 1838 bis 1841 führt Jean-Marie Paul den Leser schließlich weit in das 19. Jahrhundert hinein. Diese Ausweitung des Interesses auf Zeitschriften, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschienen, ist trotz der überzeugenden Darstellung in den einzelnen Beiträgen kaum nachvollziehbar im Gesamtkonzept des Bandes. Die Frankreich-Rezeption während und nach den Napoleonischen Kriegen stellt ein separat zu untersuchendes Gebiet dar, das auch bei einer großzügigen Auffassung vom '18. Jahrhundert' diesem nicht umstandslos und ohne Berücksichtigung der veränderten historischen und politischen Bedingungen, zugeschlagen werden sollte.

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