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Dirk Naguschewski (Berlin)



Hans-Ulrich Gumbrecht (2001): Leo Spitzers Stil. Übersetzt von Sabine Greiner. Tübingen: Narr (= Schriften und Vorträge des Petrarca-Instituts Köln, N.F., H. 3).


"Das Ziel des Menschen ist der Stil" dieses Diktum des niederländischen Designers Doesburg aus dem Umfeld der Bewegung "De Stijl" träfe wohl ebensogut auf Leo Spitzer zu, dessen Leben vor allem die kleine Studie Hans Ulrich Gumbrechts mit dem Titel "Leo Spitzers Stil" gewidmet ist. Nicht der Schreibstil des Romanisten oder seine Konzeption von Stilistik steht im Zentrum der Aufmerksamkeit Gumbrechts; nur am Rande kommt der Stil der zuerst sprach- und später vor allem literaturwissenschaftlichen Forschungen Spitzers in seinen Blick. Das hauptsächliche Interesse gilt vielmehr dem persönlichen Arbeitsstil dieses weltweit bekannten Philologen, einem Stil, der sich auf der Grundlage seiner Biographie und den materiellen und personellen Arbeitsbedingungen ausprägt, die Spitzer an den Universitäten von Wien, Marburg, Köln, Istanbul und Johns Hopkins in Baltimore vorgefunden hat. Der an der kalifornischen Stanford University lehrende Gumbrecht parallelisiert Spitzers Lebenslauf mit dessen sogenannter Methode, die Spitzer zwar in seinen späten Schriften immer wieder skizziert, aber doch nie elaboriert hat. Insgesamt ergibt dies eine vergnügt vorgetragene Sach- und Klatschgeschichte: einerseits aufschlußreiche Überlegungen zum Phänomen des Stils, andererseits Einblicke in das personale Beziehungsgeflecht einiger Männer, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Geisteswissenschaften tonangebend waren, darunter neben Spitzer vor allem Karl Voßler, Erich Auerbach und Hugo Friedrich.

Gumbrechts Porträt ist formal in sieben Abschnitte gegliedert, wobei unter bewußter Umgehung einer chronologischen Abfolge jeweils drei kurze Abschnitte um das zentrale Mittelstück, das ungefähr die Hälfte des gesamten Büchleins ausmacht, gruppiert sind: Der erste Dreierblock entwirft ein ambivalentes Bild des Helden. In einer für die Spitzer-Forschung geradezu kanonischen Weise bildet dessen Tod den Auftakt: "Besonnter Abschluß". Denn zum Zeitpunkt seines Ablebens erfreut sich Spitzer größter Bekanntheit, auch wenn er sich seit Jahren bereits einer immer schärfer werdenden Kritik ausgesetzt sieht, die sich exemplarisch in einem Nachruf von Yakov Malkiel artikuliert, der mehr nach einem Verriß denn nach einer Würdigung klingt. Im zweiten Abschnitt "Stil, Ereignis, Erleben" entwirft Gumbrecht anhand dieser drei für Spitzer zentralen Begriffe ein Modell, das für seine Darstellung einen vergleichsweise unverbindlichen Rahmen abgibt; Gumbrecht selbst gibt zu, daß es "gewiß keine notwendige Voraussetzung für die Beschreibung von Leo Spitzers Stil" darstellt, doch es verdeutlicht von Beginn an Gumbrechts Streben, Spitzers Leben aus dessen Werk heraus zu erklären.



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In "Das Porträt", dem dritten Abschnitt, formuliert Gumbrecht in Anknüpfung an ein Porträt, das Erich Auerbach von Spitzer in einem Brief an Ludwig Binswanger skizziert hat, einige Vorbehalte gegen Spitzer, der als taktlos und unkontrolliert, genuß- und gefallsüchtig geschildert wird, als Mann mit "schlechte(m) Geschmack" (24) und einer eines Philologen offenbar unwürdigen "Begeisterung für Gemeinplätze" (25). Angesichts dieser im allgemeinen eher als unangenehm empfundenen Eigenschaften und einem auch nicht eben freundlichen Verdikt in bezug auf Spitzers schriftstellerisches Talent "Spitzers Diskurs kam und oft genug muß man wohl noch sagen: kommt geschwätzig daher, weil es einfach kein Thema gab, das nicht eine Intervention von ihm ausgelöst hätte" (25) überrascht es nicht nur, daß Spitzer noch heute eine Faszination ausüben soll, wie Gumbrecht eingangs schreibt, sondern auch, daß jener es der Mühe Wert findet, dem alten Meister dieses Büchlein zu widmen. So ist zu vermuten, daß es neben Spitzers Arbeit etwas anderes gibt, das den Tausendsassa Gumbrecht an dem "Überflieger" Spitzer (21) reizt. Möglicherweise verbindet diese beiden durch das deutschsprachige Universitätssystem geprägten Philologen mehr als die Liebe zum Wort und die Auswanderung in die USA:

Angesichts von Spitzers Ruhm, der zum Zeitpunkt seines Todes vielleicht einzigartig in der Welt der Literaturwissenschaften war, und angesichts der intensiven Suche seiner Leser nach einer Spitzer'schen 'Methode', ist es überraschend, daß kein anderes Wort häufiger von seinen Kollegen und Studenten bemüht wurde, um die Größe des Meisters zu beschreiben, als das performanzorientierte Konzept des 'virtuoso'. Dies ist verblüffend, denn aus der Sicht eines durchschnittlichen akademischen Urteils ist es bestenfalls ein zweischneidiges Kompliment, jemanden 'virtuoso' zu nennen. Virtuosi verlassen sich auf Intuition und Improvisation (statt auf 'solide Wertarbeit'); sie verschaffen Momente von intensiver Präsenz (statt 'genuin innovativ' zu sein). (9)

Das eigentliche Spitzer-Porträt bildet unter dem Titel "Die Rollen" das zentrale Mittelstück, das Gumbrecht mit einer Bemerkung eröffnet, die meinem Eindruck nach einer verkehrten Akzentsetzung unterliegt: "Was den persönlichen Stil angeht, so ist Spitzers Leben ein Spiegel seiner Arbeit" (26). Denn was Gumbrecht beschreibt, ist vielmehr das Gegenteil: Spitzers Arbeit als Spiegel seines Lebens. 1887 wurde Spitzer in Wien geboren, 1906 bestand er dort die Matura. Die Schnelligkeit, mit der er seine wissenschaftlichen Qualifikationsarbeiten abschließt, würde heutigen Bildungspolitikern tiefe Befriedigung verschaffen: Im Alter von 23 Jahren erhält er 1910 seinen Doktortitel, drei Jahre später die Venia legendi. Daß es weitere dreizehn Jahre bis zu seiner ersten ordentlichen Berufung dauern sollte, rückt die Dinge allerdings wieder ins aktuelle Lot. Während dieser Zeit vollzog Spitzer für sich einen Paradigmenwechsel, der ihn von dem Positivismus seines Lehrers Wilhelm Meyer-Lübke hin zum Idealismus führt, wie er von Karl Voßler vertreten wurde. Gumbrecht verfolgt in seiner Darstellung indessen nicht die Implikationen, die dieser Wandel auf die Arbeit Spitzers hat, sondern delektiert sich vor allem an den Briefen, die zwischen Spitzer und Voßler gewechselt werden. In ihnen kommt er dem Privatmann Spitzer auf die Schliche, der immer mehr darüber verzweifelt, daß es ihm nicht gelingt, einen Ruf zu erhalten. Erst 1925 kann er eine Professur in Marburg besetzen.



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Nach einer Reihe von kleineren Schriften zu Problemen insbesondere der Wortforschung und der Syntax der romanischen Sprachen, beschäftigt er sich fortan mit einer ins Literaturwissenschaftliche tendierenden Stilistik. Im Zuge dieser Entwicklung gewinnt seine Auffassung der "Methode ist Erlebnis" immer mehr an Bedeutung, die von Gumbrecht mit Spitzers "Verlangen nach einem intensiven Lebensgefühl" erklärt wird (39). Dieses Lebensgefühl agiert Spitzer im Privaten aus. Gumbrecht spürt den außerehelichen Umtrieben des Ordinarius nach und wundert sich (nach heutigem Verständnis zurecht), daß der assimilierte Jude Spitzer auf die Machtergreifung der Nationalsozialisten kaum eine nennenswerte (zumindest aktuell noch zu rekonstruierende) Reaktion zeigt. 1933 gelingt ihm die Auswanderung in die Türkei, drei Jahre später die Übersiedlung in die Vereinigten Staaten. Dadurch ist er gezwungen, die außereheliche Beziehung zu seiner einstigen Assistentin Rosemarie Burkart abzubrechen, die ihm augenscheinlich etwas geboten hat, das er mit Frau Empi und Sohn Puxi nicht hatte erreichen können: "einen anderen Lebensstil, mehr noch: eine Ausgesöhntheit mit der Welt", wie Spitzer in einem Brief vom 3. September 1937 an Voßler schreibt (54-55).

Die Eingliederung in das amerikanische Universitätswesen ist dem vielsprachigen Exilanten Mitte der 40er Jahre schließlich gelungen. Es ist ein Verdienst von Gumbrecht, daß er einige Zeugnisse Spitzers auswertet, die in der amerikanischen Tagespresse erschienen sind, und er somit einen Lebensabschnitt des zur "Lokalberühmtheit" (68) gekürten Spitzers ausführlicher behandeln kann, als dies in anderen deutschsprachigen biographischen Abhandlungen üblich ist. Unter Berufung auf eine späte Arbeit Spitzers "Classical and Christian Ideas of World Harmony (Prolegomena to an Interpretation of the Word 'Stimmung'") glaubt Gumbrecht, dessen "ursprüngliche Motivation" entdecken zu können: "Auch wenn Spitzer dies selbst vielleicht nie vollständig begriffen haben sollte, war doch Harmonie im Sinne einer Ausgewogenheit zwischen der Umgebung und dem Selbst – die eine existentielle Situation, welcher er nie erlangen und immer ersehnen sollte." (63). Dieses Vorgehen erinnert an Spitzers Verfahren, in den Texten der von ihm behandelten Autoren das "psychologische Etymon" aufzufinden; einmal mehr erweist sich hier die Nähe Gumbrechts zu Spitzer.

Die abschließenden drei Teile betreffen die Hinterlassenschaft Spitzers: In "Das Vermächtnis" geht Gumbrecht noch einmal darauf ein, daß es weniger Spitzers Methodik ist, die heute noch Impulse geben könnte, sondern vielmehr die "Präsenz seiner Performanz", die Gumbrecht vor allem interpretiert als "Spitzers Bestehen auf das hic et nunc des Textes [...] und auf die Wichtigkeit der Begegnung mit dem Text [...] als Zeichen einer Distanz, die er zu der referentiellen Funktion von Sprache einnahm" (84). Der Abschnitt "Der Vater" gibt Gumbrecht Gelegenheit, sowohl Spitzers Beziehung zu seinem eigenen Vater zu rekapitulieren, als auch zu seinem Sohn Wolfgang, der als "Puxi" schon früh als wissenschaftliches Studienobjekt gedient hat, sich aber späterhin nicht bereit fand, biographische Forschungen in bezug auf seinen Vater zu unterstützen. Die ausführlichen "Anmerkungen" von Gumbrecht lassen sich in gewisser Weise der Hinterlassenschaft Spitzers hinzufügen, sind in ihnen doch die bibliographischen Angaben vieler Arbeiten Spitzers und auch einiger Studien zu ihm und seinem Werk enthalten.



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Insgesamt bleibt die Deutung der Spitzerschen Vita von einer überaus produktiven Ambivalenz geprägt, die das allzu glatte Nachzeichnen einer Lebenslinie erfolgreich verhindert. Stutzig macht indessen eine Äußerung Gumbrechts in Anmerkung 7, derzufolge es keine komplette Bibliographie zu Spitzer gebe: Bereits 1991 ist eine überaus hilfreiche, da kommentierte Bibliographie von Baer und Shenholm erschienen. Auch fehlt ein Hinweis auf die bereits 1988 vorgelegte, reichhaltige Untersuchung von Catano, so daß das ursprüngliche Manuskript Gumbrechts bereits vor reichlich zehn Jahren fertiggestellt worden sein dürfte und lediglich die Anmerkungen 105 und 128 (die auf spätere Texte Gumbrechts verweisen, wobei die unter 128 gemachten bibliographischen Angaben überdies ins Nichts führen) zu einem späteren Zeitpunkt hinzugefügt worden sind. Offensichtlich lag diese so unterhaltsame wie einblicksvolle biographische Skizze Gumbrechts, dessen schriftstellerische Brillanz auch in der Übersetzung von Sabine Greiner bewahrt bleibt, ein gutes Jahrzehnt auf Eis. Gut, daß es getaut ist.


Literatur

Baer, E. Kristina und Daisy E. Shenholm (1991): Leo Spitzer on Language & Literature. New York: Modern Language Association of America.

Catano, James (1988): Language, History, Style; Leo Spitzer and the Critical Tradition. Urbana, Ill.: University Press.

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