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Rolf Kailuweit (Heidelberg)



Primus, Beatrice (1999): Case and Thematic Roles. Ergative, Accusative and Active. Tübingen: Niemeyer.

Der Ansatz, grammatische und lexikalische Regeln von Einzelsprachen verschiedenen Typs auf generalisierte Hierarchien zurückzuführen (Generalized Hierarchy Approach), den Beatrice Primus seit einigen Jahren verfolgt, ist in dem vorliegenden Werk zu einer beeindruckenden Synthese geführt worden. Die Grundidee dieses Ansatzes besteht darin, dass grammatische Phänomene nicht von einer einzigen, sondern von vier verschiedenen Hierarchien abhängig sind, und zwar von

(1)

der Kasushierarchie: Nominativ/Absolutiv >m Akkusativ/Ergativ >m Dativ >m Oblique

(2)

der Thematischen Rollenhierarchie: Protoagens >theta Protorezipiens >theta Protopatiens

(3)

der Topikhierarchie: Topik >p Prädikats-internes Argument
 

(4)

der Strukturellen Hierarchie: Höhere Position im Baum (verbferner) >s Niedrigere Position im Baum (verbnäher).

(Die Symbole m, theta, p, s, stehen für morphosyntaktische, thematische, pragmatische und strukturelle Dominanz. Primus verwendet allerdings jeweils die umgekehrte spitze Klammer "<", was m.E. unglücklich ist, denn die jeweils linksstehende Funktion dominiert die rechtsstehende, nicht umgekehrt).

Die Hierarchien sind nun für grammatische und lexikalische Regeln in folgender Weise relevant (Hierarchy Rule Scheme): Lässt sich eine Regel auf eine hierarchisch niedriger stehende Funktion anwenden, dann ist sie im unmarkierten Fall auch auf die hierarchisch höher stehende anzuwenden. Ferner sollte es zumindest eine Sprache geben, in der die Regel zwar auf die hierarchisch höher stehende, nicht aber auch die hierarchisch niedriger stehende anzuwenden ist.

Mit der Annahme mehrerer relevanter Hierarchien distanziert sich die Autorin von generativistischen und funktionalistischen Ansätzen gleichermaßen. Generativistische Ansätze basieren dem Wesen nach auf der strukturellen Hierarchie (c-command), funktionalistische auf einer Kombination von thematischer und pragmatischer Hierarchie. Die Kasushierarchie wird sowohl von generativistischen, als auch von funktionalistischen Ansätzen vernachlässigt, was insbesondere für die Beschreibung der Ergativsprachen zu theoretisch fragwürdigen und z.T. sogar die Fakten missachtenden Darstellungen führt.


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Nach einer kurzen Einführung wird in Kapitel 2 als erste die Kasushierarchie behandelt. Die Hierarchie der Kasus in (1) wird aufgrund der morphophonologischen Realisierung der Kasus und des Subkategorierungsprinzips begründet. Morphophonologisch ist die Realisierung eines Kasus tendenziell weniger komplex, je höher sein Platz in der Hierarchie ist. Das Subkategorisierungsprinzip besagt, dass idealiter ein hierarchisch niedriger stehender Kasus erst dann vergeben werden kann, wenn die höher stehenden Kasus vergeben worden sind. Dies kann etwa durch die Nominativregel illustriert werden: Im Deutschen fordern die allermeisten Prädikate für ihr erstes Argument einen Nominativ. Erst nach Realisierung des Nominativs können für weitere Argumente tieferstehende Kasus vergeben werden, wobei der zweite zu vergebende Kasus bei der großen Mehrheit der Prädikate der Akkusativ ist.

Das Subkategorisierungsprinzips gilt auch für die Ergativsprachen. Es entspricht gerade der Beobachtung, dass in diesen Sprachen der Agens eines intransitiven Verbs gewöhnlich den Absolutiv erhält, der Agens eines transitiven Verbs aber den Ergativ. Die Kasushierarchie erweist sich als für bestimmte syntaktische Regeln relevant. Hier kann das Hierarchy Rule Schema überprüft werden. Primus zeigt u.a., dass die Bindung reflexiver Anaphern nicht, wie in der generativen Grammatik gemeinhin angenommen, vom c-command, sondern von der Kasushierarchie abhängt. Es ist z.B. im Deutschen möglich, dass eine NP im Akkusativ eine Anapher im Dativ, die sie nicht c-kommandiert, bindet, aber nicht umgekehrt. Vgl. folgende Beispiele:

i.   Wir überließen die Kinder sich selbst
ii. *Wir überließen sich selbst den Kindern

Da Akkusative Anaphern binden können, gilt dies auch für Nominative:

iii.  Er rasierte sich

In der Formulierung "schwacher", d.h. im Einzelfall verletzbarer Regeln, liegt einer der Hauptvorzüge des Ansatzes gerade gegenüber generativistischen Ansätzen. Ausnahmen müssen nicht wegdiskutiert werden, noch fallen sie durch geschickte Wahl der Beispiele einfach unter den Tisch. Primus belegt vielmehr das Verhältnis von Regel- und Ausnahmefall statistisch: z.B. gibt es im Deutschen einige, aber eben nur sehr wenige Prädikationen ohne Nominativ (mich friert). Gegebenenfalls lässt sich eine Motivation für die Ausnahme anzuführen (bei frieren etwa handelt es sich um einen schwachen Agens. Ein prototypischer Agens würde kaum als Akkusativ erscheinen). Lässt sich keine Motivation finden, so ist doch die Regel aufgrund der nachgewiesen geringen Zahl der Ausnahmen keineswegs entwertet.

Kapitel 3 behandelt die Hierarchie der thematischen Rollen. Die Autorin orientiert sich dabei am Proto-Rollen-Ansatz Dowtys (1991), den sie jedoch erheblich modifiziert und ergänzt. Dowtys Liste prototypischer Agens-Eigenschaften wird auf eine hierarchisch geordnete Kette primitiver Meta-Prädikate (CONTROL, CAUSE, MOVE, EXPER) reduziert. Ein prototypischer Agens, wie z.B. von 'essen', kontrolliert eine Handlung, verursacht eine Veränderung eines anderen Partizipanten, bewegt sich autonom und empfindet bewusst seine Handlung.


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Terminologisch unglücklich erscheint bei Primus wie bei Dowty, dass prototypische (alle Protoagens-Eigenschaften gegeben), als auch weniger prototypische Agentes gleichermaßen als Proto-Agens bezeichnet werden. Hier wäre die Terminologie der Role-and-Reference-Grammar (Van Valin Jr./LaPolla 1997), die in einem ähnlichen Sinne von Makrorollen (Actor und Undergoer) spricht, vorzuziehen: Ein Actor kann innerhalb einer Aktivitätshierarchie mehr oder weniger "aktiv" sein. Er ist aber stets "aktiver", als der korrespondierende Undergoer.

Anders als bei Dowty werden Proto-Patiens-Eigenschaften nicht an und für sich, sondern in Abhängigkeit zu den entsprechenden Proto-Agens-Eigenschaften bestimmt. Dies geschieht aufgrund ihrer Position innerhalb von logisch-semantischen Strukturen (thematic dependency), die denen der Role-and-Reference-Grammar¬† nicht unähnlich sind. Z. B. ist das y-Argument in der Struktur

i.  Für alle x und alle y gilt: [KILL(x,y) - CAUSE(x, BECOME(DEAD(y)))]

Proto-Patiens. Ebenso wird eine dritte Rolle, ein Proto-Rezipiens, der die Rezipiens-, Benefiziens- und Adressaten-Rollen darstellt eingeführt. Z.B. ist in der Struktur

ii. Für alle x, alle y und alle z gilt:
[SHOW(x,y,z) - P-CONTROL(x, BECOME(EXPER(y,z)))] y

Proto-Rezipiens. Diese Formalisierung hat ihren Wert für die Beschreibung verschiedener Prädikatsklassen. Es geht jedoch der Vorteil einer intuitiv unmittelbar nachvollziehbaren, auf einer einfachen und ungeordneten ("fuzzy") Liste von Eigenschaften beruhenden Abgrenzung semantischer Makrorollen verloren, die Dowtys Ansatz gerade auch gegenüber seinen eigenen früheren Arbeiten auszeichnete.

In Kapitel 4 wird die morphosyntaktische Realisierung der Proto-Rollen-Hierarchie (siehe oben in (2)) behandelt. In Akkusativsprachen wird das Argument mit den meisten Proto-Agens-Eigenschaften in der unmarkierten Form des Prädikats gewöhnlich als Nominativ, das korrespondierende Patiens-Argument als Akkusativ realisiert. Ein Problem ergibt sich für die Ergativsprachen, insofern als Kasus- und Theta-Rollen-Hierarchie in diesen Sprachen konträr verlaufen. Die Kasuszuweisung ist in Ergativsprachen nicht aus der Theta-Rollen-Hierarchie ableitbar, sondern muss durch eine besondere Regel ausgedrückt werden, die besagt, dass dem Agens die zweithöchste Kategorie der Kasushierarchie, der Ergativ, zugewiesen wird. Die konträre Organisation der Hierarchien führt aber dazu, dass Ergativsprachen neben Ergativ- oftmals auch Akkusativkonstruktionen kennen, während Akkusativsprachen, so Primus, grundsätzlich nicht über Ergativkonstruktionen verfügen. In der generativen Grammatik so genannte Ergativ-Verben in germanischen oder romanischen Sprachen, die die zusammengesetzten Zeiten mit 'sein' bilden, tragen ihren Namen zu unrecht, da ihr Patiens-Nominativ, in Ergativsprachen einem Patiens-Absolutiv und gerade keinem Ergativ entspricht.


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Das Problem der Hilfsverbselektion ('haben' oder 'sein') sollte als "split-intransitivity" und nicht als Ergativität behandelt werden. Split-intransitivity in einem weitaus relevanteren Ausmaß zeigen die so genannten Aktiv-Sprachen, wie Guaraní, Acehnesisch oder Tlingit. In diesen Sprachen scheint keine klare Regel für die morphosyntaktische Realisierung der semantischen Rollen ersichtlich zu sein. Primus argumentiert, dass diese Sprachen nicht über Kasusmarker, sondern lediglich über Konkordanzmarker verfügen, die beim Verb realisiert werden. Diese Marker folgen nicht der Kasushierarchie.

In Kapitel 5 werden s- und p-Hierarchie diskutiert (siehe oben (3) und (4)). Primus widerlegt hier die verbreitete Annahme, dass der Patiens in den Ergativsprachen unmarkiert satzinitial als Topik realisiert werde. Die Fakten zeigen, dass auch in Ergativsprachen gewöhnlich der Agens strukturell höher und in der Äußerungskette vor dem Patiens steht. Allerdings sind Ausnahmen in Ergativsprachen häufiger als in Akkusativsprachen, was wiederum auf den Konflikt zwischen der m- und der theta-Hierarchie zurückzuführen ist. Es zeigt sich aber, dass p- und s-Hierarchie grundsätzlich von der theta-Hierarchie determiniert werden.

Kapitel 6 behandelt Konkordanzregeln, die sowohl von der m- als auch von der s-Hierarchie abhängen können. In Ergativsprachen allerdings ist hier allein die Kasushierarchie relevant, so dass ein spezieller, die s-Hierarchie betreffender Ergativparameter nicht erforderlich ist.

In Kapitel 7 schließlich werden Passiv und Anti-Passiv als gleichrangige und gewissermaßen spiegelbildliche Verfahren der Akkusativ- bzw. Ergativsprachen behandelt, die mit dem jeweils ranghöchsten Kasus markierte Rolle Agens bzw. Patiens in der Kasushierarchie abzuwerten, bzw. in der syntaktischen Realisierung des Prädikats zu tilgen. Die Funktion dieser Verfahren ist es, ein anderes Argument in der Kasushierarchie aufzuwerten und somit lexikalischen und syntaktischen Regeln, die m-hierarchisch determiniert sind, zugänglich zu machen. Primus zeigt, dass Ergativsprachen haufig auch über Passivkonstruktionen verfügen, verneint aber die Möglichkeit eines Anti-Passivs für Akkusativsprachen. Kurz diskutiert wird der Kontrast

i.  Hans erschoss Peter
ii. Hans schoss auf Peter

Hier liegt, so Primus, kein Anti-Passiv vor, da lediglich eine Herunterstufung des Patiens-Akkusativs erfolge, sonst aber keine Anti-Passiv-Eigenschaften vorliegen. Primus berücksichtigt nicht den Fall etwas interessiert mich : ich interessiere mich für etwas. Entsprechende italienische und spanische Konstruktionen sind von Cresti (1990) und Masullo (1992) als Anti-Passiv beschrieben worden. Tatsächlich weisst der Empfindungsträger von interessieren die Proto-Agens-Eigenschaft EXPER auf. Das Empfindungskorrelat dagegen, das anders als bei ärgern nicht als Verursacher zu interpretieren ist, hat überhaupt keine Proto-Agens-Eigenschaft. Die Realisierung des Empfindungsträgers als Akkusativ ist somit eine markierte Ausnahme.


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In der Konstruktion sich interessieren für wird nun der Akkusativ-Agens m-hierarchisch aufgewertet, der Nominativ-Patiens abgewertet. Dies entspricht dem Anti-Passiv der Ergativsprachen. Auch ist die Verbform entsprechend der Anti-Passiv-Formen morphologisch (durch das Pseudo-Reflexiv) markiert. Zwar wäre das Verhältnis von sich interessieren für zu sich ärgern über (von kausativem ärgern) und sich fürchten vor (kein Nominativwechsel gegenüber etwas fürchten) näher zu untersuchten, die Existenz von Anti-Passiv-Konstruktionen in Akkusativsprachen scheint jedoch nicht völlig ausgeschlossen zu sein. Wenn somit die Grundannahme der Autorin, Akkusativsprachen wiesen keine Ergativregeln auf, da m- und theta-Hierarchie in diesen Sprachen nicht konträr verlaufen, ebenfalls als ein verletzbares Prinzip angesehen werden muss, so fügt sich diese Ergebniskorrektur durchaus in den Argumentationskontext. Nicht nur, dass Anti-Passiv-Konstruktionen in Akkusativsprachen äußerst selten sind, sie treten auch ausschließlich bei Gefühlsverben auf. Deren schwacher Agens (er besitzt lediglich eine einzige Proto-Agens-Eigenschaft) kann, wie Primus selbst ausführt, entgegen der Regel in Ausnahmefällen als Akkusativ realisiert werden. Aber erst dadurch ergibt sich überhaupt die Möglichkeit zu seiner Aufwertung in der Anti-Passiv-Konstruktion. Im Gegensatz zu den Ergativsprachen kennen in Akkusativsprachen Verben mit prototypischem Agens keine Anti-Passiv-Konstruktion.

Das vorliegende Werk liefert eine Fülle von wertvollen Anregungen. Es ist klar geschrieben und deshalb wohl auch bei nur geringen grammatiktheoretischen Vorkenntnissen lesbar. Deshalb sollte es nicht nur diejenigen interessieren, die sich universalistischen oder typologischen Fragestellungen widmen. Auch bei der Beschreibung einzelsprachlicher Phänomene zu Zwecken der Didaktik oder der (maschinellen) Übersetzung wird der Ansatz von Primus zur Systematisierung der oft verwirrenden Fakten beitragen.

Bibliographie

Cresti, Diana (1990): "A Unified View of Psych-Verbs in Italian", in: Dziwirek, Katarzyna / Farrell, Patrick / Mejias-Bikandi, Errapel (eds), Grammatical Relations: A Cross-Theoretical Perspective, Standford: Center for Study of Lang. & Information, 59–82.

Dowty, David (1991): "Thematic proto-roles and argument selection", in: Language 62, 547–619.

Masullo, Pascual José (1992): "Antipassive Constructions in Spanish", in: Hirchbühler, Paul / Körner, Konrad (eds.), Romance Languages and Modern Linguisitc Theory, Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins, 175–194.

Van Valin Jr., Robert D. / LaPolla, Randy J. (1997): Syntax. Structure, meaning and function. Cambridge: University Press.

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