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Arno Scholz (Stuttgart)



Bastogne und Blauäugig. Zur deutschen Übersetzung eines jugendsprachlich geprägten italienischen Romans*



Bastogne and Blauäugig. The use of youth language in an Italian novel and the problem of its translation into German
In the last decade restandardization, i.e. a renewal of language standards by integration of former substandard features, seems to characterize at least European standard languages. The aim of this paper is to verify this observation on the basis of the Italian novel Bastogne and its German translation Blauäugig. Both texts employ in an eyecatching way lexical items marked as 'youth language'. In the first step the actual existence of such lexical items is demonstrated in regard to Italian lexicography. Then we will point out the implications of the fictional use of substandard features. In regard to translations we have to consider the existence of equivalent style ressources in German. The comparison of concrete instances of lexical translation shows, one more time, that literal one-to-one-translation is practicable only in some instances. In many cases translated items belong to another social style, but the translator can balance the missing equivalence by using strategies of compensation. Finally, it can be said that in both languages we find at least the renewal of discourse traditions as an indirect reflex of ongoing restandardization processes.



1 Die Arbeiten – v.a. sozio- und textlinguistischer Orientierung –, die sich damit beschäftigen, die sich unter unseren Augen wandelnde Kommunikations-Dynamik v.a. europäischer Nationalsprachen (Mattheier/Radtke 1997) zu dokumentieren und in Modellen zu erfassen, können der tatsächlichen Entwicklung nicht immer angemessen Rechnung tragen, da diese Dynamik vielschichtig und nicht geradlinig operiert. Doch scheint ein gemeinsamer Nenner die Restandardisierung der Nationalsprachen zu sein, die aufgrund des Drucks der Sprechsprachlichkeit – die sich z.B. auch in der Nutzung digitaler Massenmedien als neue Normgeber äußert – stets neue Dynamisierungsschübe erfährt. Dabei zeigen Äußerungen bekannter Persönlichkeiten in den Medien besondere Wirkungen, wie z.B. das Interview mit dem Fußballtrainer Giovanni Trapattoni, in welchem die in emotionalem Lerner-Deutsch geäußerte Feststellung ich habe fertig 'damit bin ich fertig' in der häufigen Verwendung im scherzhaften mündlichen Gebrauch nachwirkt, sich als Aufschrift auf T-Shirts wiederfindet oder als Ergänzung zu den inzwischen fest eingebürgerten Beschriftungen Abi + [Jahreszahl] in der Heckscheibe der PKW vieler Abiturienten oder auch – ein häufiges Phänomen – in veränderter Form in Titeln von Zeitungsartikeln, z.B. Berti hat fertig! Neuanfang mit Jupp Heynckes?1 Es handelt sich um Extrembeispiele, die jedoch etwas Alltägliches geworden sind und nur die Spitze eines Eisberges darstellen. Hat man sich in den letzten zwei Jahrzehnten verstärkt um die deskriptive Erfassung der Normen des gesprochenen Italienisch bzw. Deutsch bemüht, so wird diese Tätigkeit mittlerweile durch einen Forschungsbereich ergänzt, der die z.T. neuen Textsorten informeller Schriftlichkeit genauer zu erfassen sucht.




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In der wissenschaftlichen Betrachtung der Gegenwartssprachen zeichnet sich eine Entwicklung ab, die über den Pol der Schriftsprache zu demjenigen der Sprechsprache gegangen ist und sich nun verstärkt, anhand einer konkreteren Berücksichtigung diskurstraditioneller Aspekte, den mühsam zu bearbeitenden Zwischenbereich angeht.



2 Ich bin der Meinung, daß die wohl auffälligsten Wandlungen der gegenwärtigen Sprachen Deutsch und Italienisch sich am deutlichsten in bestimmten Indikator-Textsorten äußern, die in dem angesprochenen Bereich zwischen etablierter Schriftlichkeit und informeller Mündlichkeit anzusiedeln sind. Es handelt sich um Texttypen, deren Verschriftlichung stets durch die Orientierung an der Mündlichkeit charakterisiert ist und die v.a. im Bereich der informellen Massenmedien, d.h. des Unterhaltungs- bzw. Kulturbereichs anzutreffen sind, wie z.B. Dialoge in Quiz-Sendungen, Rock- und Rapsongs, Werbetexte, Fanzines usw. Die Verschriftlichung und Verbreitung von Substandardelementen kann, v.a. im lexikalischen Bereich, durch eine Textsorte, deren Normen der Informalität und den Produktionsbedingungen der Nähekommunikation gehorchen, initiiert werden und nach und nach auf andere Textsorten übergreifen, die dem Pol der Distanzkommunikation näherstehen (vgl. Scholz 2000). Ein besonderer Fall dieser Art, der oft auch als Quell der Erneuerung betrachtet wird, liegt mit der Literarisierung von Mündlichkeit und Substandard (Blank 1991, Radtke 1981, Bollée 1997) vor.

Im folgenden steht ein Roman im Mittelpunkt, dessen Verfasser der jüngsten italienischen Autorengeneration angehört. Es handelt sich um Bastogne (1996) von Enrico Brizzi. Bei einer ersten Lektüre fällt sofort eine Stilschicht auf, die in diesem Maße für die Textsorte als ungewöhnlich, z.T. auch als innovativ betrachtet werden darf: Es handelt sich um Elemente der sog. Jugendsprache. Im vorliegenden Beitrag soll lediglich darauf eingegangen werden, wie diese Stilschicht in der deutschen Übersetzung Blauäugig (1998) von Marion Sattler Charnitzky und Jürgen Charnitzky nachgebildet wurde.2 Folgende Punkte werden bei dieser Untersuchung berücksichtigt:

  1. Die Situierung der jugendsprachlich geprägten Sprach- bzw. Stilschicht im Repertoire der Ausgangssprache Italienisch und das Problem ihrer Dokumentation;
  2. das Problem der Literarisierung dieser Sprachschicht in der Ausgangssprache;
  3. die Frage nach einer entsprechenden, evtl. äquivalenten Sprachschicht im Repertoire der Zielsprache Deutsch;
  4. das Problem des Übersetzens in die Zielsprache.




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3 Die lingua dei giovani im Repertoire des Italienischen als diagenerationell markierte Teilvarietät, die im Grunde auf der informellen Umgangssprache aufbaut und sprachsystemisch angelegte Tendenzen sowie auch andere stilistische Ausbruchsmöglichkeiten aus der Diskurswelt des 'offiziellen' Kulturbetriebs (z.B. Entlehnung) zu expressiver und direkter informeller Kommunikation nutzt, scheint in den letzten Jahren neben einem hohen Anteil an Modismen und Ephimerismen auch längerfristig vitale Elemente zur italienischen Umgangssprache beigetragen zu haben. Viele Einträge im Zingarelli 1997, die durch die Mediation der Jugendlichen eine weitere Verbreitung erfahren haben, sind nicht als jugendspezifisch indiziert, sondern lediglich (und z.T. irreführend) auf ihre Ursprungskontexte zurückgeführt, d.h. auf volkstümlichen, regionalen, dialektalen oder argotischen Gebrauch (Indizierungen: pop., reg., dial., gerg.).3 Es ist zwar einzuräumen, daß viele dieser Lexeme bereits in der Architektur des Italienischen (d.h. inklusive der Dialekte) vorhanden waren, doch wird m.E. unterschätzt, welche Rolle die Jugendlichen und die Massenmedien haben, wenn man bedenkt, daß diese Lexeme aus ihren Ursprungskontexten herausgelöst, rekontextualisiert und z.T. wesentlich weiter verbreitet werden,4 wobei es auch zu Bedeutungswandel kommen kann. Diese gergalizzazione giovanile wird hingegen von mehreren Instanzen, wenn auch unterschiedlich adäquat, lexikographisch erfaßt, die Radtke (1998: 60) wie folgt typologisiert: Jugendsprachewörterbücher, die (a) von Laien erstellt, (b) von Linguisten 'laienhaft' erstellt, und schließlich (c) nach linguistischen Kriterien erstellt werden. Dabei stellt der Typ (c) ein Novum dar, das eine deskriptive Lücke zu schließen sucht, die die traditionelle Lexikographie nicht berücksichtigen kann; ein Novum, das jedoch in Zukunft als wertvoll zu erachten sein wird, wenn nicht mehr nur die Frage nach den Ursprungskontexten vieler dieser Lexeme gestellt werden wird sondern auch diejenige nach dem Grund der weiten Verbreitung einiger dieser Wörter.5

Die Sprach- und Stilschicht, die wir als Jugendsprache verstehen, ist v.a. durch die diaphasische Variationsdimension bestimmt (Radtke 1993: 195f.), wobei die Dimensionen der Diatopie und Diastratie immer auf die erstgenannte Dimension rückbezogen werden müssen. Die Jugendsprache ist wohl in erster Linie diaphasisch expressiv, z.T. niedrig markiert, als vorwiegend dem Gesprochenen angehörend zu charakterisieren und im Verhältnis zu den im traditionellen Repertoire befindlichen Varietäten als sekundär und aus unterschiedlichen Ursprungsvarietäten abgeleitet zu betrachten. Wir siedeln sie, gemäß gängiger Auffassung, im Bereich direkt unter dem Standard an und verstehen die Jugendsprache als Substandard und Reservoir eines italiano in potenza.

Ihre Merkmale haben begonnen, sich auch im angesprochenen Zwischenbereich der informellen Schriftlichkeit zu verbreiten, und sie werden scheinbar auch, gerade über diese Texttypen, in Textsorten wie Romanen integriert, in die sie oft nur marginal Eingang gefunden hatten. Dies führt uns zum nächsten Punkt, der Literarisierung von Jugendsprache.6




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4 Albrecht (1981: 312) hat mit der Untersuchung von Raymond Queneaus Zazie dans le métro (1959) als Hauptproblem des Ausgangstextes für dessen Übersetzung seine "große sozio-stilistische Variabilität" aufgezeigt. Untersuchungen zur Aufnahme substandardlicher Register in literarische Werke gibt es zur Genüge.7 Für das Italienische sei jedoch diese verstärkte Aufnahme von Substandard eine Neuigkeit, die zunächst einmal verarbeitet werden müsse (Covito 1997). Große sozio-stilistische Variabilität bescheinigt Covito v.a. der hier interessierenden Gruppe der jungen Autoren (v.a. Brizzi) dahingehend, daß diese die stilistische Maxime des 'schreibe, wie du redest' in ihren Werken besonders betonen.

Molti di loro scrivono come parlano. Alcuni non sanno scrivere in altro modo. La maggior parte saprebbero perfettamente scrivere "bene", ma non gli interessa, o, per usare un'espressione più consona, "non gliene potrebbe fregare di meno". A quest'ultima specie appartengono, per esempio, le trentenni Rossana Campo e Silvia Ballestra (che, come il loro coetaneo Tiziano Scarpa, hanno già prodotto opere molto interessanti e sono in crescita continua) ma anche i più giovani Brizzi, Nove, Ammaniti, nei quali il "parlato" appare come una scelta stilistica consapevole, coerente con le tematiche, quasi sempre giovanilistiche, e con i ritmi strutturali, spesso modulati sulla musica rock o sullo zapping televisivo. (Covito 1997)

Dabei liefen sie allerdings Gefahr, diese Maxime zu übertreiben, die Erfahrung jahrhundertealter Diskurstraditionen zu vernachlässigen und somit zu einer Verflachung der Sprache beizutragen.8

Ich möchte jedoch nicht dieser Befürchtung nachgehen, sondern der Feststellung der (fingierten) Jugendsprachlichkeit9 in dieser Literatur und insbesondere im Roman Bastogne. Brizzis Romanstil zeichnet sich u.a. durch eine auffällige Verwendung jugendsprachlichen Wortschatzes aus, wobei dieser hier als innovative Mischung von dialektalen, regionalen und gergo-Elementen sowie Neologismen verstanden wird.10 Für den Sprachwissenschaftler besteht das Hauptproblem dieser Stilmischung darin, Elemente zu unterscheiden, die Brizzi im Sinne einer realistischen Abbildung einer Jugendgruppe im Bologna der 80er Jahre aus Daten über die entsprechenden sozialen Kontexte rekonstruiert hat und solchen Elementen, die seiner eigenen Kreativität als Autor entspringen.11 Für den italienischen Leser, v.a. für die meisten nicht Jugendlichen, doch auch für viele nur in einer schulitalienischen Lesetradition aufgewachsene junge Menschen bereiten einige der in Bastogne verwendeten Wörter Verständnisschwierigkeiten,12 die z.T. mit Jugendsprachewörterbüchern behoben werden können, z.T. jedoch auch ungeklärt bleiben.

Auf den ersten fünfzig Seiten des Romans finden sich, sieht man von kontextgebundenen Metaphorisierungen ab, 25 Lexeme, für welche der Leser im Zingarelli 1997 keine Erklärung findet (inklusive Lemmata, die mit anderer Bedeutung eingetragen sind).13 Bei einigen dieser Wörter (meravigliosa, pugnalarsi, sdivanato, smandibolare) könnte es sich um Kreationen des Autors handeln, allerdings kann nicht ausgeschlossen werden, daß sie tatsächlich jugendkulturellen Kontexten entlehnt sind. In den von mir zu Hilfe genommenen Jugendsprachewörterbüchern bzw. -dokumentationen (Forconi 1988, Banfi/Sobrero 1992, Manzoni 1997, Ferrero 1991 und DLPG) finden sich (mit derselben Bedeutung wie im Roman) 11 dieser 25 Lexeme.14




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Mit diesem Ergebnis darf zumindest behauptet werden, daß ein Teil (44 %) der vorgefundenen Lexeme diagenerationell als jugendspezifisch markiert und dokumentiert ist. Beim restlichen Bestand ist man auf nicht systematisch notierte Belege aus anderen Textsorten der Jugendkultur angewiesen.

Außerdem darf sicherlich behauptet werden, daß mit der Textsorte Roman eine hochgradig distanzsprachliche Diskurstradition vorliegt. Der im Rahmen dieses Beitrags wohl wesentliche Aspekt liegt dabei in der intentionalen, bewußten Funktionalisierung der Stilschicht Jugendsprache durch den Autor, der durch einen Akt der Rekontextualisierung jugendspezifische Elemente in das Gebäude seines Individualstils integriert und z.T. selbst im Sinne jugendpräferentieller Muster Neologismen kreiert (scherziere als Variante von scherzoso).15

In jedem Falle ist also bei der Literarisierung von Substandard, gleichgültig ob eine realistische oder eine den Normen der Diskurstradition zuwiderlaufende Absicht dahintersteht, mit Radtke folgendes festzuhalten:

In beiden Fällen [d.i. eine realistische oder eine den Normen der Diskurstradition zuwiderlaufende Intention] ist die Annahme gerechtfertigt, daß die sondersprachliche Qualität deformiert wird, daß sie dem spontanen, natürlichen Gebrauch entrückt wird und im Dienste eines literarischen Zwecks steht, der Umgestaltungen zur Wahrung der künstlerischen Absicht zuläßt. In aller Regel dürfte die literarische Verwendung kein getreues Spiegelbild der mündlichen, milieugerechten Sprechsituation abgeben. Die Verarbeitung von Sondersprachen in der Literatur legitimiert nicht die Einschätzung als genuine Textdokumente derselben; Veränderungen oder zumindest überarbeitete Akzentuierungen – eben die "Literarisierung" – schaffen Texte eigener Art. (Radtke 1984: 64f.)



5 Die für die Übersetzung relevante Frage nach der Existenz einer äquivalenten Sprach-Stilschicht in der deutschen Sprache kann m.E. – aus der Kenntnis der Arbeiten von Henne (1986), Schlobinski/Kohl/Ludewigt (1993) und Androutsopoulos (1998) – bejaht werden. Probleme treten lediglich auf, wenn in der außersprachlichen Wirklichkeit der Kultur der Ausgangssprache Designata auftreten und versprachlicht werden, denen in der Kultur der Zielsprache keine außersprachliche Wirklichkeit entspricht bzw. bei denen eine andere Art der Versprachlichung erfolgt. Wir gehen davon aus, daß die italienische und die deutsche Gesellschaft in den letzten zwei Jahrzehnten ähnliche Entwicklungstendenzen durchlaufen haben, die in den Gegenwartssprachen zu vergleichbar ausgebauten Standardsprachenkonstellationen mit jeweiligen Substandards geführt haben, wobei die Entwicklung des Italienischen – in einem später, aber schneller ablaufenden Prozeß der Entdiglossierung zwischen Hochsprache und Dialekt – als etwas dynamischer als diejenige des Deutschen angesehen werden darf. Eine Restabilisierung des Italienischen nach der rezenten Destigmatisierung der Dialekte scheint sich abzuzeichnen (Bollettino 1996).




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Nicht zuletzt die Jugendsprachforschung beider Länder sowie eine erste Nivellierung des jugendsprachlichen Nord-Süd-Gefälles in Italien (Radtke 1998) deuten darauf hin, daß unsere Annahme berechtigt ist. Man kann folglich davon ausgehen, daß die außersprachliche kulturelle Wirklichkeit deutscher und italienischer Jugendlicher zumindest in ihren Grundzügen vergleichbar ist (z.B. Schulpflicht und hoher Alphabetisierungsgrad, ähnliche Arten der Freizeitgestaltung, Zugang zu Massenmedien, Existenz jugendspezifischer Treffpunkte und eines jugendkulturell orientierten Marktes (z.B. Musikkultur) etc.).



6 Das Übersetzen umfaßt bekanntermaßen zwei wesentliche Schritte: (1) das Dekodieren, d.h. das Verstehen des Bezeichneten anhand der Bedeutungen, die der Ausgangstext vorgibt; (2) das Enkodieren dieses Bezeichneten durch Bedeutungen, die der Zielsprache eigen sind.16 Dieses indirekte Verfahren illustriert Coseriu (1978: 22) folgendermaßen:

Bei Bastogne bereitet bereits der erste Schritt z.T. Probleme, wenn es um das Übersetzen jugendsprachlicher bzw. allgemeiner substandardlicher Wörter geht, v.a. bei denjenigen Elementen, die in gängigen Wörterbüchern nicht verzeichnet sind. Mit dem sprachlichen Aspekt direkt verbunden ist derjenige des (jugend-)kulturellen Spezialwissens (z.B. Drogenjargon17), das der Ausgangstext hier erfordert, d.h. die Vertrautheit des Übersetzenden mit den Kontexten, denen die problematischen Lexeme entstammen.18

Mit Blauäugig (1998) liegt nunmehr die deutsche Übersetzung von Bastogne vor, und es ist zu fragen, wie die bereits in der Architektur des Italienischen schwer zu verortenden jugendsprachlichen Elemente in die zielsprachliche Architektur des Deutschen adaptiert werden. Wir gehen dabei nicht von dem seltenen Idealfall einer Eins-zu-eins-Bezeichnungsäquivalenz19 aus, sondern nehmen für Elemente im Ausgangstext (AT) und deren Entsprechung im Zieltext (ZT) eine relativ grobe Registerzuordnung vor.

Innerhalb dieses Bewertungsrahmens ist die angemessene Übersetzung diejenige, die eine Registeräquivalenz verwirklicht, d.h. eine Übersetzung von italienischer Jugendsprache in deutsche Jugendsprache. Folgende Beispiele realisieren m.E. diese Äquivalenz.20

    rollare un joint > einen Joint drehen
    fico > cool
    da sballo > heiß
    sconvolto > zu 'betrunken, bekifft'
    paglia > Kippe




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In einem Fall wurde zwar die Registeräquivalenz bewahrt, doch hatte das Lexem im AT, aufgrund seiner für die Übersetzer nicht in kurzer Zeit recherchierbaren Dokumentation (Banfi/Sobrero 1992: 73, 216) scheinbar Verständnisprobleme bereitet. Es handelt sich um maraglio, das in unserem AT-Korpus sowohl adjektivisch als auch substantivisch verwendet wird. Es folgen die im Ko-Text zitierten Beispiele:21

Invece, vendiamo la ganja al padrone del ristorante, a quel maraglio di suo figlio e ai camerieri ... (27) Stattdessen verkaufen wir Ganja an den Besitzer des Restaurants, an seinen Brutalo von Sohn und an die Kellner ... (24)
così si sta in due, comodi e maragli, sulla mia special verde inglese (28) so daß man zu zweit bequem und lässig auf meiner englisch-grünen Vespa Special Platz hat (26)

Die Übersetzungen brutal und lässig für maraglio sind offensichtlich nicht vereinbar. Die Angabe der Bedeutung 'burino' bei Banfi/Sobrero (1992: 73) erforderte im Sinne einer Registeräquivalenz am ehesten eine Übersetzung mit Prol(l), prol(l)ig bzw. prol(l)mäßig.

Häufiger haben wir einen Registerwechsel festgestellt, der italienische Jugendsprache in deutsche Umgangssprache adaptiert. Bei dieser Art von Übersetzungsstrategie geht die jugendsprachliche Markierung, die ja in diesem Roman auch einen stilistischen Effekt bezweckt, verloren:

    in città mi annoio di brutto > in der Stadt langweile ich mich zu Tode
    fica > Frau
    paglia > Zigarette
    prendere bene > toll sein
    scherziere > scherzhaft
    smazzare 'dealen' > verkaufen
    sbarba > Mädchen

Auch in dieser Kategorie fällt ein lexikalisches Beispiel auf, für das in der italienischen Jugendsprache eine Vielfalt von Varianten dokumentiert ist. Es geht um den Begriff 'Joint' dem im AT die Varianten spino, sigarino, sigarato und das im Romankontext kreierte baffo entsprechen.22 Im ZT wird diese Vielfalt uniformierend auf das gängige umgangssprachliche Joint reduziert, obwohl auch im deutschen zumindest die überregionalen jugendsprachlichen Varianten Tüte und Gerät zur Verfügung gestanden hätten.23

Neben dem Registerwechsel JS > Umgangssprache (sbarba > Mädchen) werden, wie aus den folgenden Beispielen ersichtlich, auch Strategien der Vermeidung oder Auslassung (la sbarba Occhi-blu > die Blauäugige) bzw. der Substitution (la sbarba > die Blauäugige) oder der Pronominalisierung gewählt (la sbarba > sie), auch wenn sich gerade im Bereich der Bezeichnungen für 'Mädchen' ein jugendsprachlich markieres Äquivalent – z.B. Tussi, oder umgangssprachlicher Puppe, Mieze – leicht gefunden hätte.




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Andererseits wurde jedoch, und v.a. dieser letzte Punkt scheint uns hier interessant, die Strategie der Kompensation angewendet (Wilss 1992: 41ff.), die ja ein Erkennen der stilistischen Intention des Autors des ATs voraussetzt: eine Strategie, die ein tatsächliches Übersetzen von einer rein mechanistischen Wort-für-Wort-Übertragung unterscheidet. Die Kompensation darf wohl mitunter als bewußte Reaktion der Übersetzer auf den (zuvor aufgezeigten) Registerwechsel von der Jugendsprache in die Umgangssprache gewertet werden und insbesondere auf das Bemühen, die Registergewichtung im ZT wieder in Richtung der jugendsprachlichen Markierung auszugleichen. Folgende Fälle stellen m.E. einen kompensatorischen Registerwechsel von italienischer Umgangssprache zu deutscher Jugendsprache dar:

    espressioni strafottenti > coole Sprüche
    desiderare > scharf sein
    esaltato > angeturnt
    fulminato > ausgeflippt
    lei sa come gira il mondo > sie blickt voll durch

Insgesamt erweist sich ein Vergleich von AT und ZT immer implizit als Bewertung bzw. in unserem Fall als simplifizierte Feststellung von Registeräquivalenzen und Registerwechseln. Nicht alle bei der Übersetzung auftretenden lexikalischen Probleme können so vereinfacht betrachtet werden. Ein interessantes Beispiel aus dem vorliegenden Korpus ist die Übersetzung von drughi > Droogs. Droog ist eine Wortkreation, die Anthony Burgess in seinem berühmten Roman A Clockwork Orange (1962) zur Bezeichnung der um den Protagonisten Alex versammelten Jugendbande verwendete.24 Als weitaus breitenwirksamer ist jedoch die Kino-Adaptation von Stanley Kubrick von 1970 anzusehen. In der deutschen Kinoversion wurde die Kreation Droog belassen, in der italienischen wurde sie allerdings zu drugo angepaßt.25 Das Lexem ist wohl seit dem Film in die italienische Jugendsprache als ein generisches 'cooler, harter Typ' eingegangen. In Deutschland hat Droog jedoch nicht dieselbe Wirkung gehabt und ist eine auf Buch und Film beschränkte Kreation geblieben. Aus diesem Grunde könnte man im ZT einer Übersetzung mit cooler Typ den Vorrang geben, da viele Leser der deutschen Übersetzung wahrscheinlich mit Droog nicht soviel anfangen können. Andererseits könnte Enrico Brizzi sich mit drugo tatsächlich auch auf den Roman beziehen, zumal Burgess in Bastogne genannt wird und die Protagonisten Jerry und Ermanno als potentielle Burgess-Figuren charakterisiert werden.26 Im Italienischen kann somit mit drugo auf zwei stilistischen Ebenen operiert werden: (1) der jugendsprachlichen, (2) derjenigen der literarischen Bezugnahme. In der deutschen Übersetzung mußte hingegen einer der beiden Interpretationsmöglichkeiten der Vorzug gegeben werden.27



7 Über diesen Exkurs, der eher in die traditionelle Verflechtung literarischer Texte und literarischer Übersetzung abweicht, kommen wir zurück zu einer abschließenden Bewertung des jugendsprachlichen Elements in Bastogne und seiner deutschen Übersetzung.28 Der AT birgt für den Leser bzw. den Übersetzer interpretative Schwierigkeiten, die in der literarischen Freiheit des Romanautors begründet liegen. So ist der Roman zwar scheinbar in Nizza angesiedelt, doch spielt sich die Handlung in Bologna ab.29 Es wird ein literarischer Raum konstruiert. Eine heterogene Zusammensetzung echter und fingierter jugendsprachlicher Elemente wird als argotisierende Stilschicht refunktionalisiert, wobei keine realistische Abbildungsabsicht besteht. Es soll lediglich ein expressiver und kruder Stil – vielleicht z.T. eine Hommage an Burgess – entstehen.




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Die Übersetzer haben diese Stilschicht als jugendsprachlich erkannt und sie im deutschen ZT mit der gängigen äquivalenten Stilschicht wiedergegeben, wobei allerdings im ZT eine homogenisiertere und umgangssprachennähere Jugendsprache erreicht wurde (Verlust lexikalischer Variation und Formbetontheit, z.B. bei Wortkreationen30, Verlust von Konnotationen). Insgesamt ergibt sich eine Stilnivellierung, bei der expressive Textfunktionen des literarischen ATs z.T. verlorengehen.31

Aus einem literatursprachlichen Korpus auf Entwicklungstendenzen in den Gegenwartssprachen Italienisch und Deutsch zu schließen, halte ich nicht für zulässig, da es hier eher um die Erneuerung bestimmter Diskurstraditionen geht, allerdings erscheint mir die betonte Funktionalisierung von Jugendsprache im italienischen AT und deren Adaptation im deutschen ZT ein indirekter Reflex für sich im Substandardbereich beider Sprachen abspielende Dynamisierungsprozesse zu sein. Und gerade dieser indirekte Weg über die Erneuerung bzw. gar über die Begründung von Diskurstraditionen v.a. in den digitalen Medien (Computer, Internet, Fernsehen) eröffnet der Mündlichkeit sowie Substandardelementen neue Wege in ehemals distanzsprachliche Diskurstraditionen und kann damit zu einer teilweisen Umgestaltung – oder Restandardisierung – der Gegenwartssprachen führen, wobei m.E. die Gegenwartssprachen von einem spannungsgeladenen Nebeneinander traditioneller und innovativer Diskurstraditionen geprägt sind.



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Anmerkungen

* Überarbeitete Fassung eines im Rahmen des IV. Deutsch-Italienischen Kolloquiums Entwicklungstendenzen der deutschen und italienischen Gegenwartssprache (12.–14. Oktober 1998) in Heidelberg gehaltenen Vortrags.

1 Titel eines Artikels zum Rücktritt von Berti Vogts als Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in der Münchner Abendzeitung vom 8.9.1998.

2 Eine Translatkritik im Sinne von Ammann (1993) wird nicht angestrebt, insbesondere wird nicht der Frage nachgegangen "wie der Text und sein Autor in der Zielkultur aufgenommen werden" (Ammann 1993: 445). In Abschnitt 5 des vorliegenden Beitrags wird vereinfachend von einer Vergleichbarkeit der außersprachlichen Wirklichkeit deutscher und italienischer Jugendlicher sowie junger Leser ausgegangen.

3 Nur zuweilen notiert der Zingarelli 1997 jugendspezifischen Gebrauch, z.B. bei flippare und flippato (Zingarelli 1997: 696), die in bestimmten Bedeutungen soziolinguistisch dem "gergo giovanile" zugeschrieben werden. Damit wird zumindest ansatzweise in der traditionell behutsamen Lexikographie der diagenerationellen Variation Rechnung getragen.

4 Vgl. zur Strategie der Rekontextualisierung Clarke (1979), Schlobinski/Kohl/Ludewigt (1993) sowie die erweiterte Version dieser Konzeption als Kontaktlinguistik sozialer Gruppen, die die Beziehungen zwischen "offizieller" Kultur und Subkulturen berücksichtigt, in Scholz (2000).

5 Explizit findet sich diese Frage z.B. bei Cortelazzo (1981: 121) formuliert, der dem Werdegang des ital. gergo-Wortes imbranato nachgegangen ist: "Come si spiega questo mutamento? [scil. die Änderung der Indizierung von gerg(ale) zu dial(ettalismo) in zwei Ausgaben des Zingarelli von 1970 und 1973]. Il fatto è che, mentre i lessici continuavano passivamente ad insistere sull'appartenenza di imbranato al solo linguaggio militare, esso aveva oramai da tempo scavalcato le mura delle caserme e veniva accolto con grande favore nel cosiddetto linguaggio dei giovani, aggiungendosi con una stabilità e frequenza piuttosto rare nel loro vocabolario."

6 Vgl. zu literarisierter Jugendsprache in einem französischen Comic Bollée (1997).

7 Vgl. z.B. Blank (1991), zum Italienischen Radtke (1981), z.T. Zimmer (1981).

8 Dieser angeblichen Neuigkeit ist m.E. allerdings mit Vorsicht entgegenzutreten, gerade im Bereich der Literatur, in der die Maxime Schreibe, wie du redest! Tradition hat (Gauger 1986). Für das Italien der 60er Jahre verdienen Umberto Simonettas Romane Lo sbarbato (1961), Tirar mattina (1963) und Il giovane normale (1967) Beachtung, v.a. wegen seiner "capacità di scrivere 'come si parla'" (Rückenband von Simonetta 1994), die dialektale, regionale und argotische sowie allgemeine Merkmale der Nähesprache Mailänder Jugendlicher aus einfachen sozialen Verhältnissen literarisch verarbeitet. Vgl. dazu Scholz (1999).




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9 Ich gehe nicht auf die Literarisierung von Mündlichkeit im Sinne universaler Merkmale des gesprochenen Italienisch ein (Koch/Oesterreicher 1990, Kap. 4), z.B. Gesprächswörter oder Syntax des Gesprochenen, sondern lediglich – wie es die jugendsprachliche Orientierung nahelegt – auf Nähesprache im weiteren Sinn – v.a. jugendsprachlichen Sonderwortschatz – unter Ausschluß der Nähesprache im engeren Sinn (vgl. Koch/Oesterreicher 1990: 178–198).

10 In diesem Zusammenhang ist auch die kurze Untersuchung von Comodi (1998) von Interesse, die die Nutzung jugendsprachlich markierter Merkmale auf lexikalischer und morphosyntaktischer Ebene in Brizzis erstem Roman Jack Frusciante è uscito dal gruppo (1994) aufzeigt.

11 Es ist zu berücksichtigen, daß der erst 1974 geborene Brizzi tatsächlich diese Kontexte mit Hilfe von Quellen, die dem Bereich der informellen Massenmedien zugehören, recherchiert haben muß.

12 Was jedoch einer synthetischen Lektüre des Romans keinen Abbruch tut, denn viele dieser gergalismi entgehen einer nur genießenden und sich mit Konnotationen begnügenden Lektüre. Erst eine analytische Lektüre fördert sprachliche Probleme zutage.

13 Es handelt sich um folgende Lexeme: a canna und a manetta 'volles Rohr, voll Power', capocurva 'Chef der Kurve' (im Fußballstadion), drugo 'cooler Typ', ganja 'Marijuana, Haschisch', magone 'Motorrad', maraglio 'Proll, Bauer', meravigliosa 'Zigarette', benzinarsi 'sich vollaufen lassen', prendere (bene/male) 'gefallen/mißfallen', pakistano 'Marijuana' (aus Pakistan), paglia 'Zigarette', pugnalarsi 'masturbieren', regiz Variante von 'ragazzi' in der Anrede, rollare 'drehen' (eines Joints), sbarba 'Tussi', schiodare 'einen Kavalierstart hinlegen', sdivanato 'verwirrt, zu', sigarato und sigarino 'Joint', smandibolare 'das Kinn hängen lassen', smazzare 'dealen', stonato 'stoned, zu', verra 'Sau', zero 'kein, keine'.

14 Es handelt sich um die folgenden: a manetta, drugo, ganja, maraglio, prendere (bene/male), paglia, rollare, sbarba, schiodare, smazzare, stonato.

15 Innerhalb des Romans wird Jugendsprache ohne Unterschied im Récit und in den Dialogen verwendet.

16 Coseriu (1978: 21): "Übersetzung ist implizite Semasiologie und Onomasiologie, jedoch Semasiologie und Onomasiologie der Texte, nicht der Sprachen."

17 Vgl. zum Drogenjargon in Bastogne Scholz (2000).

18 Bei einem derartigen Ausgangstext ist es somit nicht verwunderlich, daß die Übersetzer sich im Rahmen ihrer Recherchen zum Ausgangstext hilfesuchend an die italianistische Abteilung der Universität Heidelberg gewandt haben.

19 Vgl. auch den von Albrecht (1973: 39) im übersetzungswissenschaftlichen Rahmen definierten Begriff der "Textäquivalenzen".

20 Die Beispiele sind lexikalisch typisiert. Auf die entsprechenden Textstellen wird nicht verwiesen.

21 Im folgenden werden Sätze aus AT und ZT gegenübergestellt. In Klammern folgen Seitenangaben nach Brizzi (1996) und Brizzi (1998). Vgl. außerdem im Zusammenhang mit maraglio Ferrero (1991: 208), den Eintrag maràja, der diatopisch u.a. als dialektal-bolognesisch und diastratisch als gergo markiert ist. Die Filiation maràja = maraglio mit stilistischer Refunktionalisierung im jugendlichen Umgangsjargon erscheint höchst plausibel.

22 Die Varianten sigarino und sigarato sind nicht dokumentiert, weisen aber gängige Wortbildungsmuster auf, deren Vielfalt die italienische Jugendsprache im Sinne eines spielerischen Ausreizens des Sprach-Systems ausgiebig nutzt.




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23 Hier steht der Übersetzer vor dem Problem der Enkodierung und demjenigen der Dokumentation von Substandard in der Zielsprache. Für das Deutsche steht das von Übersetzern für Übersetzer konzipierte Wörterbuch der Jugend- und Knastsprache zur Verfügung (Schönfeld 1986), das mit einem erklärenden (Lemmata) und einem begrifflichen Teil (Überbegriffe, z.B. DROGEN) bei der Synonymensuche hilfreich ist.

24 Im Roman kreiert der Autor die auf russischen Wörtern aufbauende Cliquensprache der Droogs, das sog. Nadsat (= Teenagerslang nach Sänger (1984: 36), wobei -nadsat das russ. Suffixäquivalent zu engl. -teen darstelle), indem russische Wörter in englische Graphie transponiert werden, z.B. russ. drug 'Freund' > droog. Vgl. Evans (1971), dessen Interpretation der Funktionalisierung russischer Elemente allerdings nach Burgess (1972: 199) revidiert werden muß.

25 Vgl. Manzoni (1997), Ferrero (1991) und Forconi (1988), die ohne Ausnahme ein Lemma drugo als 'cooler, harter Typ' notieren und seine Verwendung auf die Wirkung des Films zurückführen.

26 Vgl. Brizzi (1996: 13): "I due drughi cugini ..."; sowie (1996: 17): "Ermanno e Cousin Jerry, due animali da visita pomeridiana usciti da un raccontino del signor Burgess."

27 Im Italienischen findet sich drugo heute auch als Übersetzung von engl. dude wieder, z.B. in der Synchronisation von The Big Lebowsky (1997) der Brüder Joel und Ethan Coen.

28 Zu berücksichtigen wäre im Rahmen philologischen Vorgehens auch der Einfluß der Zanardi-Comics von Andrea Pazienza, denen die Romanfiguren Cousin Jerry und Ermanno Claypool nachgeahmt sind. Der Roman ist zugleich eine Hommage an Pazienza und dahingehend innovativ, daß er nicht nur in der traditionellen Textwelt der Literatur verhaftet bleibt, sondern Textquellen, die außerhalb des "offiziellen" Kulturbetriebs liegen (hier die Textsorte Comic), integriert.

29 Im Roman sind genügend Indizien gestreut, die einen eindeutigen Bezug zu Bologna herstellen, z.B. il Dams di Nizza (50). Das DAMS (Discipline delle Arti, della Musica, dello Spettacolo; vgl. Zingarelli 1997: 2041; es handelt sich um eine universitäre Einrichtung für Kunst-, Musik- und Theaterwissenschaften) befindet sich in Bologna. Sprachlicher Natur sind z.B. folgende Indizien, die auf den Bologneser Stadt-Dialekt zurückgehen: (1) die Anrede regiz (< it. ragazzo) mit palatalisiertem Vokal; (2) das Beleidigungswort verra 'Sau' (im Italienischen ist vèrro 'maschio del maiale atto alla riproduzione' belegt, nicht jedoch die weibliche Form verra). Vgl. jedoch Bolgn. vèra 'scrofa' bei Mainoldi (1967: 179). – Auf dem hinteren Buchdeckel der Originalerstausgabe von Bastogne (= Brizzi 1996) stellt sich der bekanntermaßen in Bologna geborene Autor als "nato a Nizza" vor und stellt damit dem Leser einen "versteckten" Schlüssel zur Interpretation Nizza = Bologna im Roman zur Verfügung (Hinweis von Andrea Palermo, Osnabrück).

30 Z.B. bei scherziere > scherzhaft; das gängige Wort im Italienischen ist allerdings scherzoso; die ludische Konnotation geht in der Übersetzung verloren. Eine entsprechende Kreation im ZT hätte z.B. scherzig sein können.

31 Als Gesamttext ist die Übersetzung im Zusammenhang mit der Pulp-Ästhetik (ausgelöst durch den Filmerfolg Pulp Fiction (1993) von Quentin Tarantino) zu bewerten: verfremdende und ironisierende Ästhetisierung von Gewalt. In der italienischen Kultur baut eine Richtung der Jugendliteratur darauf auf, in Deutschland führt womöglich eine ähnliche (tatsächliche oder nur – von Verlegern – angenommene) kulturelle Erwartungshaltung zur Übersetzung dieser Romane.

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