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Jörn Glasenapp (Göttingen)


Elisabeth Bronfen (1999): Heimweh: Illusionsspiele in Hollywood. Berlin: Verlag Volk & Welt

Bronfens Abhandlung über den Spielfilm beginnt ungewöhnlich, und zwar mit einem so der Titel des einleitenden Kapitels "Gang in die Bibliothek", hinter dem sich eine Interpretation von David Finchers Seven (1995) verbirgt. Der düstere Thriller erzählt die Geschichte zweier Männer, des Mörders John Doe und des Detektivs William Somerset, die beide gemäß Bronfens scharfsinniger Deutung in der Bibliothek, d.h. dem Archiv der christlichen Literaturtradition, der als kontingent empfundenen bestimmungslosen urbanen Landschaft zu entkommen suchen. Doe und Somerset bilden demnach Ausnahmen in einer Zeit, die ihre dominanten kulturellen Muster schon lange nicht mehr aus der Literatur bezieht, einer Zeit, in der uns so die Autorin die Welt des Kinos zudem als eine "verläßliche Heimat" dabei behilflich ist, "für die widersprüchlichen, unlösbaren und nie eindeutig bestimmbaren Gegebenheiten unserer gelebten Wirklichkeit ein sinnstiftendes Gedankengebäude zu finden." (38) Ausgehend von Freuds These, derzufolge allein der Unglückliche phantasiere und jeder (Tag-)Traum einem Mangel Ausdruck verleihe, konstatiert Bronfen, daß wir "Schutzdichtungen [brauchen], [...] um weiterleben zu können und uns vor dem Chaos des Realen, der unmittelbaren Wahrheit zu schützen." (47) Als ein wesentlicher Produzent solcher "Schutzdichtungen" darf nun zweifellos das US-amerikanische Genrekino gelten, welches die Verfasserin mit umfangreichen, zuweilen ausufernden Analysen etwa zu Flemings Filmmusical The Wizard of Oz (1939), Fords Westernklassiker The Searchers (1956) oder Sirks Melodrama Imitation of Life (1959) in seiner repräsentatitven Breite in den Blick nimmt und dabei "als eines unserer wirkungsvollsten kollektiven Kultursymptome" begreift, "weil es auf entstellte Weise die gescheiterte Verdrängung von kulturell bedrohlichem Wissen artikuliert." (86)

Daß auch drei deutsche Filme, Pabsts Geheimnisse einer Seele (1926), von Sternbergs Der blaue Engel (1930) sowie Siercks La Habanera (1937), in das Untersuchungskorpus mit aufgenommen wurden, ohne daß Bronfen hierfür eine Erklärung anbietet, vermag angesichts des Titels der Abhandlung einigermaßen zu überraschen und läßt den nicht eben schmeichelhaften Verdacht aufkommen, die Autorin habe schlicht ein paar weitere Filmbeispiele gesucht, die sich problemlos in den Argumentationsgang ihrer Studie integrieren ließen. Letzteres gilt insbesondere für Pabsts bemerkenswerten Film, den Bronfen als "cinematische Ursprungsphantasie der Psychoanalyse" (113) und als filmsprachliche Umsetzung der Freudschen These vom sich selbst entfremdeten Ich profiliert. Daß dieses "nicht einmal Herr ist im eigenen Hause", lautet die bekannte, in den Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1969: 284) formulierte Behauptung, und sie bildet den allgemeinen Fluchtpunkt der von Bronfen vorgelegten Einzelanalysen, in welchen dem Leser die zu behandelnden Filme als Studien der psychischen Entortung präsentiert werden, wobei letztere immer wieder in Analogie zu einem konkret erlebten Heimatverlust und das daran geknüpfte Verlangen nach Heimkehr verhandelt wird.




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Der im dritten, mit den Worten "Vertreibung aus dem vertrauten Heim" überschriebenen Kapitel behandelte Blaue Engel erscheint für einen solchen Ansatz prädestiniert, inszeniert von Sternberg "die unvermeidliche Entfremdung und Entortung des Subjekts" (115) doch in nachgerade plakativer Weise: Der anfänglich noch in seiner Heimat verortete Professor Rath geht, von seinen eigenen, bis dahin unterdrückten Trieben überwältigt und sich damit im Sinne Freuds selbst unheimlich werdend, erst ins psychische und schließlich ins konkrete Exil. Sein Wunsch, nach Hause zurückzukehren, erweist sich als tödlich. Überzeugend zeigt Bronfen, wie John Bergers in dessen Wege des Sehens formulierte These, derzufolge Männer handeln, während Frauen als Objekte eines fremdbestimmten Blickes in Erscheinung treten, von Marlene Dietrich konsequent demontiert bzw. in folgendem Sinne umgeschrieben wird: Die Frau tritt in Erscheinung, und deshalb handelt sie. Der Mann hingegen wird zum Opfer seines Schautriebes.

Wird von Sternbergs Held eine Reverortung am Ende verweigert, gelingt eine solche in Flemings "Heimatphantasieroman" (222) Wizard of Oz, in welchem die zwischenzeitliche Exilierung der Protagonistin Dorothy, deren Traumreise ins phantasmatische Oz, auf filmsprachlicher Ebene die zentrale These von Freuds Traumdeutung bestätigt. Jeder Traum sei die "(verkleidete) Erfüllung eines (unterdrückten, verdrängten) Wunsches", heißt es dort (1999: 173), und Bronfen versteht es, uns das Geschehen im Lande jenseits des Regenbogens als Dorothys Abreagieren von Tagesresten zu erschließen, bei dem es zu einer für die Traumarbeit so typischen Selbsterhöhung in Form einer Retterphantasie kommt. Wenn Dorothy am Ende mit den stets wiederholten Worten "There's no place like home" in ihre reale Lebenswirklichkeit zurückkehrt, so muß der Zuschauer an der Bedeutung des scheinbar so offensichtlich als Selbstbeschränkungsideologie zu begreifenden Satzes zweifeln, denn "[z]u oft ausgesprochen, besagt die Zauberformel nämlich auch: Es gibt keinen Ort, den man home nennen könnte." (213) Das Wissen um die Heimatlosigkeit sei denn auch, so argumentiert die Verfasserin unter Rekurs auf Slavoj ieks Symptomtheorie, der Grund dafür, daß ein stetig wachsender Zuschauerkreis den mittlerweile als Kulturikone geltenden Film als ein mit Gleichgesinnten geteiltes Heimatsubstitut bzw. als ein Stabilität suggerierendes "mediale[s] home" (217) im Sinne der Zugehörigkeit zu einer vertrauten imaginären Welt rezipiert.

Das letztlich nicht zu tilgende Gefühl der Heimatlosigkeit, welches in Flemings Musical im Traum Dorothys seine Kompensation erfährt, wird, folgt man Bronfens Ausführungen, von Bruce Wayne, dem verwaisten Titelhelden aus Tim Burtons Batman Returns (1992), anhand eines Lebenskonzepts abgearbeitet, das die unüberwindlichen Antagonismen der Wirklichkeit in ein schlichtes Retterszenario überführt, in welchem Wayne als batman und Heilsbringer Gotham Citys in Erscheinung treten kann. Der Protagonist ähnelt somit seinem als Säugling ausgesetzten, von Bronfen als "postmoderne[r] Moses" (470) treffend charakterisierten Gegenspieler Oswald Cobblepot alias penguinman, der sich, um der als defizitär wahrgenommenen Wirklichkeit zu entgehen, ebenfalls einer Schutzdichtung, in seinem Fall einer Heimatphantasie, bedient, welche letztlich darauf zielt, der psychischen, vor allem aber physischen Exilierung ein Ende zu bereiten. Wie Wayne scheitert er in Burtons, von der amerikanischen Presse als zu düster gescholtenen Weihnachtsmärchen, in dem die Verfasserin zu Recht eine "gnadenlose Demontage der symbolischen Fiktion, es könne ein harmonisch geregeltes Zuhause [...] geben" (518), erkennt.




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Daß sich letzteres der jungen Heldin aus Hitchcocks Rebecca (1940) verschließt, von Ethan Edwards, dem Protagonisten aus Fords The Searchers, dagegen konsequent gemieden wird, ist bereits hinlänglich bekannt. Somit bilden die den beiden Filmen gewidmeten Analysen, die einmal mehr die Heimatlosigkeit der zwei Figuren herausstellen, denn auch mangels Originalität zwei Schwachpunkte der mit über 550 Seiten nicht gerade kurzen Studie, die ihre Entstehung aus einer Vorlesungsreihe leider nur unzureichend zu verbergen vermag. Zu oft wird der Lesefluß durch unnötige Wiederholungen (Freuds Ausführungen zum Familienroman des Neurotikers etwa werden mehrere Male ausführlich vorgestellt) gestört, zu starr erscheint die Einteilung in zehn hörsaaltaugliche Kapitel. Eine gründliche Überarbeitung und Strukturierung, vor allem aber eine Straffung wäre unbedingt ratsam gewesen; dies, zumal der mit großem terminologischem Aufwand betriebene Ansatz der Verfasserin, das Unterhaltungskino im Zeichen der Entortung zu lesen, in zehnfacher Wiederholung die Abhandlung zu einem zuweilen recht zähen Lesevergnügen macht. Dennoch ist Bronfens Studie weit davon entfernt, eine "praktisch überraschungsfreie Lektüre" abzugeben, wie dies die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7.12.1999 konstatierte. Eine solche Einschätzung verbietet sich aufgrund der zum Teil hervorragenden, nicht nur im Detail immer wieder originellen Analysen (etwa zu Seven, Wizard of Oz und The Matrix (1999)), welche das unbestreitbare Vermögen der Autorin verdeutlichen, durch widerständige Lektüren die sich dem oberflächlichen Blick verschließenden subversiven Potentiale des Genrekinos freizulegen und dieses in einem neuen Licht zu präsentieren.


Bibliographie

Freud, Sigmund (1969): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Frankfurt am Main: Fischer. [1917]

Freud, Sigmund (1999): Die Traumdeutung. Frankfurt am Main: Fischer. [1900]

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