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Susanne Mühleisen (Frankfurt am Main)



Konkurrierende Orthographien: Kodifizierte Sichtweisen auf "Abstand" und "Ausbau" von Englisch-orientierten Kreolsprachen



Competing Orthographies: Codified Conceptions of Abstand and Ausbau in Caribbean English-lexicon Creoles
Despite various attempts over the past three decades, Caribbean English-lexicon creole languages have not been successfully standardised yet. Reasons for this are multifarious and comprise the languages' low prestige due to the colonial past as well as the lexical vicinity to the dominant standard English. However, the lack of one sanctioned codification does not preclude the use of English-lexicon creole languages in different types of written texts. Using the example of Jamaican Creole, this article explores two different alternatives in use for this variety's written representation: an 'informal orthography' versus a largely phonemic one. The discussion focuses on the implications of these choices and the conception of autonomy ('Abstand') encoded in them, especially in the light of an increasing functional elaboration ('Ausbau').



1 Orthographiedebatten als sozio-psychologisches Phänomen

Der Streit um die deutsche Rechtschreibreform in den vergangenen Jahren hat mehr als deutlich gemacht, wie sehr Orthographiedebatten die Gemüter aufwühlen können. Kaum ein anderes Thema hat die Nation so entzweit wie die Frage, ob Chicorée denn nun Schikoree geschrieben werden darf oder das "Kulturwort" Philosophie gar zu Filosofie "verkommen" soll. Daß es hierbei viel weniger um linguistische Fragestellungen als um Fragen der Einstellung zur Repräsentation der Sprache geht, wurde in den hitzig geführten Auseinandersetzungen schnell offenkundig. "Die Rechtschreibreform rührt an traumatisierte Schichten der deutschen Volksseele, die mit dem Streit um 'sz' oder Doppel-'s' nicht aufzuklären sind und sich auch nicht linguistisch beruhigen lassen", heißt es in einem der zahlreichen Zeitungskommentare zum Thema (Kahl 1997). Die starken Emotionen, die offensichtlich mit der schriftlichen Repräsentation einer Sprache verknüpft sind, mögen zum Teil aus der Tatsache resultieren, daß die Standardisierung der Schrift erst im Zuge des europäischen Nationalstaates wichtig wurde. Eine einheitliche Schriftsprache – im Gegensatz zu der Vielzahl von unterschiedlichen gesprochenen Varietäten – wurde wie kaum ein anderes Gut zum Synonym der Einheit der Nation (vgl. auch Milroy/Milroy 1991, Grillo 1989).



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Wie in dem folgenden Zitat herausgestellt wird, bilden Orthographiedebatten daher auch ein Forum für unterschiedliche Sichtweisen auf die nationale und kulturelle Repräsentation einer Sprache:

[...] arguments about orthography reflect competing concerns about representations [(...) of a culture, S.M.] at the national and international level, that is, how speakers wish to define themselves to each other, as well as to represent themselves as a nation. Because acceptance of an orthography is based more often on political and social considerations than on linguistic and pedagogical factors, orthographic debates are rich sites for the investigation of competing discourses. (Schieffelin/Doucet 1994: 176)

Die Kodifizierung einer Sprache berührt eine ganze Reihe von Fragen zum politischen und sozialen Hintergrund des Streitobjekts: Die Wahl des Schreibsystems (z.B. lateinisch, arabisch, kyrillisch etc.) kann kulturelle und politische Zugehörigkeiten markieren, die Standardisierung einer Varietät geht oft einher mit einer politischen Autonomiebestrebung, in der allgemeinen Wahrnehmung wird eine Varietät meist erst durch den Status der Kodifikation vom "Dialekt" oder der "Umgangssprache" zu einer vollwertigen Sprache (vgl. z.B. Ong 1984). Die Art der graphischen Darstellung einer Sprache, die Allianzen, die dabei mit anderen Schriftsprachen eingegangen werden, die Weise, wie mit lexikalischen Einflüssen von anderen Sprachen in der Orthographie umgegangen wird – all dies ist nicht nur indikativ für die kulturelle Bedeutung der Schrift, sondern sagt darüber hinaus etwas aus über das sprachlich-kulturelle Beziehungsgeflecht, die Nähe oder Distanz zu anderen Schriftsprachen.

Diese Fragestellungen sind vor allem dann interessant, wenn es sich um Sprachen handelt, die bislang noch nicht standardisiert sind. Bei Varietäten, die ihre Legitimation und ihren Status als separate Sprachen aushandeln müssen, da sie zwar soziologisch autonom sind, jedoch als "überdacht" (vgl. Kloss 1952) bezeichnet werden – d.h. daß sie mit der bisherigen Prestige- und damit auch Schriftsprache in enger linguistischer Beziehung stehen – kann der Umgang mit dem Thema Standardisierung und Verschriftlichung in der Tat unterschiedliche Sichtweisen auf diese Varietäten beleuchten. Um solche Varietäten handelt es sich auch bei den sogenannten Kreolsprachen, Sprachen, die aus extremen Sprachkontaktsituationen hervorgegangen sind und – anders als Pidgins – ihren Sprechern als Muttersprache dienen. Im folgenden soll daher die besondere Problematik der Orthographiewahl für Kreolsprachen dargelegt werden und welche Alternativen im schriftlichen Gebrauch üblich sind. Anhand des Englisch-orientierten Jamaican Creole sollen zwei Beispiele von "konkurrierenden Orthographien" die Implikationen für Abstand (= Autonomie) und Ausbau (= funktionale Erweiterung) dieser Sprachen reflektieren.



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2 Kreolsprachen und Orthographie

Kreolsprachen haben im allgemeinen eine sehr junge, kurze Geschichte des schriftlichen Gebrauchs. Wenn man sich in die in den 1960er/Anfang der 1970er Jahre z.B. von Stewart (1968) erstellten funktionalen Sprachtypologien ansieht, fällt auf, daß für den "Typus" Kreol ein definierendes Kriterium die Tatsache ist, daß die Sprache nicht standardisiert ist. Ein standardisiertes Kreol wäre demnach also ein Widerspruch in sich, ein Oxymoron. Wenn man jedoch die Sprachsituationen betrachtet, in denen sich sogenannte Kreolsprachen heute befinden, wird man feststellen, daß sich dieser Tatbestand enorm geändert hat: Eine ganze Reihe von karibischen Kreolsprachen sind erfolgreich standardisiert worden, ihre Orthographie ist festgelegt worden, beispielsweise das Papiamentu oder das Haitianische, auf das sich das Eingangszitat von Schieffelin/Doucet bezieht.

Im Gegensatz dazu stehen die Englisch-orientierten karibischen Kreolsprachen, um die es im folgenden hauptsächlich gehen soll: Sie sind bislang nicht erfolgreich standardisiert worden. Es sind zwar seit den 60er Jahren, seit die Linguistik die Kreolsprachen als Forschungsgebiet vermehrt entdeckte, immer wieder Versuche gemacht worden, Varietäten wie Jamaican Creole (Cassidy/LePage 1967), Guyanese Creole, Trinidadian English Creole oder Bajan einheitlich zu verschriftlichen. Bisher sind diese Vorschläge aber nicht allgemein akzeptiert oder gar weit verbreitet – obwohl der schriftliche Gebrauch dieser Varietäten in verschiedenen Textsorten sehr wohl üblich ist: Nicht nur in der Literatur (vgl. Mühleisen 1996), sondern auch in der Werbung oder als Mediensprache (vgl. Sand 1999), selbst in einzelnen Versuchen mit akademischen Texten (Devonish 1996) werden Englisch-orientierte karibische Kreolsprachen verwendet.

Die Wahl der Orthographie hat sich bei diesem Standardisierungs-Unternehmen als einer der problematischsten Punkte erwiesen. Diese Schwierigkeit ist natürlich nicht auf die karibischen Kreolsprachen beschränkt, sondern ergibt sich vielmehr aus dem Sprachstatus und dem Verhältnis zum Superstrat dieser Kontaktsprachen1. Wie Romaine (1994: 2) auch in bezug auf das Hawaiian Creole English bemerkt, "nothing prevents the codification of a standard orthography for Hawai'i Creole English or for that matter any other language. This is a purely technical problem which is easily remedied" – jedoch, schreibt sie weiter, "the emergence of standard languages, as well as literary forms, is intimately connected with socio-political context". Mark Sebba (1994: 3) sieht das Dilemma auch in der Funktion, die Orthographie für die Repräsentation einer Sprache hat:



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Orthography, itself a symbol of standardisation and a highly visible representation of language norms, is likely to be one of the most contested aspects of standardisation. For many users, after all, "the language" is the standard written language and that alone. [Hervorhebungen im Original, S.M.]

Was genau ist jedoch der Gesichtspunkt, der hier umstritten ist und ausgehandelt wird?

  • Wie eingangs bereits erwähnt, handelt es sich bei den Englisch-orientierten karibischen Kreolsprachen um Varietäten, die in einer diglossischen Beziehung mit einer Prestigesprache stehen – Englisch – mit der sie gleichzeitig lexikalisch nahe verwandt sind. Englisch ist die offizielle Sprache und hat auch traditionell die Funktion der Schriftsprache erfüllt.
  • Kreolsprachen sind also keine "Abstandsprachen" in dem von Kloss (1952/1967) verwendeten Sinne, d.h. ihre Distanz zu anderen Sprachen (z.B. Englisch) ergibt sich nicht aus einer linguistischen Unabhängigkeit allein, sondern beruht mehr auf einer soziologischen Autonomie. Sie müssen also zu den sogenannten "Ausbausprachen" gerechnet werden, die eine größere Distanz zu den "verwandten" Sprachen durch eine funktionale Erweiterung erreichen können.
  • Eine Erweiterung der Funktionen des Kreol als Schriftsprache, ein Sprachausbau, muß in engem Zusammenhang mit einer Standardisierung gesehen werden: Kloss (1952: 27) bemerkt in seinem Stufenmodell für die schriftliche Verwendung eines Idioms: "Die Erreichung der höheren Entfaltungsstufen hängt naturgemäß z.T. davon ab, ob es einheitliche Rechtschreibung und eine einheitliche Form der Schriftsprache gibt."
  • Der geringe Sprachabstand – der sich vor allem dann ergibt, wenn man lexikalische Vergleiche mit dem Englischen zieht und phonologische, syntaktische und semantische Unterschiede außer acht läßt, wird bei der Erstellung einer Orthographie zum Hemmschuh, den Sebba (1994: 1) folgendermaßen begründet: "Standardisation of a vernacular necessarily takes place with respect to an already existing standardised model (normally the community's 'high' language) which it will eventually equal and possibly replace."

Eine enge Orientierung an der Orthographie des Englischen wäre somit also zwar die "natürlichste" Form der Standardisierung dieser Kreolsprachen, hat aber gleichzeitig einen sehr schwerwiegenden Nachteil: Der Abstand zum Englischen wird hier graphisch noch verringert, da nur bestimmte, besonders auffällige Merkmale in der Orthographie markiert sind. Dies hat zur Folge, daß das Kreol lediglich als "Abweichung des Englischen" wahrgenommen und die Autonomie nicht betont wird. Diese Schreibung war jedoch bislang die vorherrschende, die zumeist idiosynkratisch von den Autoren und Autorinnen der anglophonen Karibik eingesetzt wurde. Die Umwandlung dieses Prinzips in eine konsistente, regelhafte Form ist aber in der Praxis schwer durchsetzbar.



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Eine Distanzierung von der englischen Orthographie könnte hingegen auf verschiedene Weise erreicht werden. Die weitestgehende Distanzierung wäre sicherlich die Wahl eines anderen Schriftsystems wie z.B. chinesische Wortschrift, um einmal ein absurdes Beispiel zu nennen. So abwegig dieser Gedanke in der Praxis auch sein mag – theoretisch böte er außer der Maximaldistanzierung noch einen weiteren Vorteil: Dadurch, daß die Basiseinheit der Kodifizierung das Wort und nicht der Laut ist,2 muß hier auch keine soziopolitisch heikle Entscheidung getroffen werden, welche Sub-Varietät (z.B. Kingstoner Jamaican Creole) denn die Grundlage der Kodifizierung bilden soll und somit zum "Standard" wird. Zudem wären Kreolsprachen als wenig flektierende Sprachen nicht ungeeignet für ein logographisches Schriftsystem.

Soweit also die Theorie. In der Praxis gibt es immerhin ein Beispiel für eine Orthographiefestschreibung, in der eine Distanzierung durch das Hinzufügen zu oder das Ersetzen von Buchstaben aus der lateinischen Schrift erreicht wird: In Krio, einer Englisch-orientierten Kreolsprache aus Sierra Leone wird diese Möglichkeit zur Abstandsvergrößerung durch die Einführung von zwei Zeichen aus dem IPA ( und ) wahrgenommen. Das ins Krio übersetzte Neue Testament liest sich daher wie folgt: "Gud Nyus F lman. Di Nyu Tstamnt".

Als dritte Möglichkeit der Distanzierung bleibt, sich noch viel stärker am Laut zu orientieren und phonologische Unterschiede zwischen der Kreolsprache und dem Standardenglischen zu betonen, d.h. eine quasi-phonemische Orthographie zu entwickeln.

Anhand von zwei Beispielen sollen nun die Alternativen für das geschriebene Jamaican Creole vorgestellt werden.



3 Konkurrierende Orthographien am Beispiel des Jamaican Creole

3.1 Beispiel 1: Informelle Orthographie

Die Tatsache, daß es für die "informelle Schreibung" keine festgeschriebenen Regeln gibt, heißt nicht, daß es hierfür keine Vorbilder oder Traditionen gibt. Der folgende Beispieltext ist von einer der führenden Autorinnen und Autoritäten des jamaikanischen Kreols verfaßt worden. Louise Bennett war eine der ersten Poetinnen, die seit den 30er Jahren mit ihren Gedichten in Jamaican Creole auf der Bühne populär wurden und sie später auch in eine geschriebene Form brachten. Sie gilt als die "Mutter" der jamaikanischen performance poetry und wird von vielen Autoren und Autorinnen als Inspiration und Vorbild zitiert (z.B. Jean 'Binta' Breeze, persönliche Kommunikation 1995). Ihr Gedicht "Bans O' Killing" thematisiert die traditionellen negativen Einstellungen zum Jamaican Creole (JC) und die Rolle, die "Miss Lou" – die persona poetica von Louise Bennett – dieser Varietät zuschreibt:



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BANS O' KILLING

 

(in Louise Bennett 1966)

   

1

So yu a de man, me hear bout!

 

Ah yuh dem sey dah-teck

 

Whole heap o' English oat sey dat

 

Yuh gwine kill dialect!

   

5

Meck me get it straight Mass Charlie

 

For me noh quite undastan,

 

Yuh gwine kill all English dialect

 

Or jus Jamaica one?

   
 

Ef yuh dah-equal up wid English

10

Language, den wha meck

 

Yuh gwine go feel inferior, wen

 

It come to dialect?

   
 

Ef yuh kean sing "Linstead Market"

 

An "Wata come a me y'eye",

15

Yuh wi haffi tap sing "Auld lang syne"

 

An "Coming thru de rye".

   
 

Dah language weh yuh proud o'

 

Weh yuh honour and respeck,

 

Po' mass Charlie! Yuh noh know sey

20

Dat it spring from dialect!

   
 

(...)

   
 

An mine how yuh dah-read dem English

 

Book deh pon yuh shelf

 

For ef yuh drop a "h" yuh mighta

40

Haffe kill yuhself.



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Abgesehen vom Inhalt dieses Gedichts, das das Jamaikanische (JC) gerade in die Nähe des Englischen rückt und mit den Varietäten der Britischen Inseln vergleicht ("Five hundred years gawn an dem got more dialect dan we!" (Z. 23-24)), ist das orthographische Aushandeln der Nähe und Distanz zum Standardenglischen (SE) interessant.

Lexikalisch sind hier wenig Unterschiede zu bemerken, lediglich der Titel (Bans o' = soviel wie "haufenweise") mag zunächst fremd erscheinen. Einige grammatikalische Formen fallen ebenfalls auf, wie z.B. die präverbale Markierung der Verlaufsform: dah: Z. 9 "dah-equal", Z. 37 "dah-read", der Negation noh: Z. 6 oder die Pluralmarkierung mit dem freien Morphem dem: Z. 37 "dem English Book", der Gebrauch von [complement]: sey: Z. 19 oder die invariable Form der 1. Pers. Sg. me: Z. 1 und Z. 6. Hauptsächlich werden jedoch phonologische Unterschiede zwischen dem Standardenglischen und dem Kreol markiert. Dies ist, wenn man die englische Orthographie als Basismodell nimmt, gar nicht so einfach, da die englischen Rechtschreibregeln kaum Aufschlüsse über die Aussprache geben und das Phonem/Graphem-Verhältnis denkbar inkonsistent ist. Die Abweichungen müssen schon allein deshalb inkonsistent sein.

Beispiele für phonologische Markierungen sind:

  • Die Plosive /t/ und /d/, die für die entsprechenden Frikative "th" im Standardenglischen
  • Die Reduzierung von finalen Konsonantenanhäufungen (z.B. respeck – Z. 18, undastan – Z. 6 – aber: dialect – Z. 4).
  • Ähnlich wird mit mehreren Konsonanten zu Beginn eines Wortes verfahren (z.B. tap für SE stop – Z. 14).
  • Vokallänge und -qualität werden durch Einfügen von zusätzlichen Buchstaben markiert (z.B. teck für SE take – Z. 2, meck für SE make Z. 6).
  • Einigen dieser Markierungen liegen jedoch gar keine phonologischen Unterschiede zugrunde: So z.B. in yuh oder beim Anfangskonsonanten von kean, Z. 13 (aber: come – Z. 12). Diese Markierungen scheinen keinem anderen Zweck zu dienen, als den Unterschied zwischen SE und JC graphisch zu betonen.

Gerade weil Schrift die gesprochene Sprache abstrahiert, können somit orthographische Entscheidungen getroffen werden, die den Sprachabstand verstärken oder verringern, die an das Englische annähern oder verfremden. Es ist mithin auch eine Entscheidung, wie die Varietät repräsentiert werden soll, ob als dialektale Abweichung vom Englischen oder als eigenständige Form.



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3.2 Beispiel 2: 'Chaka-Chaka' spelling versus 'Misa Cassidy' spelin

Die meisten Orthographievorschläge, die aus der Linguistik kommen, orientieren sich an einem phonemischen Modell, das die Autonomie der Sprachen betont. Hellinger beschreibt die sozio-psychologischen Vorteile einer eigenen Orthographie:

A genuinely creole orthography will strengthen the structural and psychological identity of the creole; it may in fact initiate or support a recreolization process; it will provide a source for higher prestige and may therefore facilitate native speakers' identification with the creole language and culture. (Hellinger 1986: 67)

Vorreiter für die Englisch-orientierten karibischen Kreolsprachen war hier Frederick Cassidy, jamaikanischer Linguist und Lexikograph. Sein mit dem Briten Robert LePage 1967 veröffentlichtes Dictionary of Jamaican English hat alle nachfolgenden Standardisierungsversuche beeinflußt.

Der Unterschied zwischen den konkurrierenden Modellen, der informellen Orthographie und der phonemischen Orthographie, kann am besten am Beispiel eines Zeitungstextes (Jamaica Observer, 15.11.1996) betrachtet werden. Die Autorin der wöchentlichen Glosse "(W)uman Tong(ue)", die Kulturwissenschaftlerin Carolyn Cooper, stellt hier die informelle Orthographie ("Chaka-chaka spelling") neben die auf Cassidy basierende phonemische Schreibweise ("Misa Cassidy spelin"). Der folgende Ausschnitt aus dem Artikel soll dies verdeutlichen:

Britain no want join die EU fi true

 

Chaka-Chaka spelling

Misa Cassidy spelin

Mi know seh mi no fi fast inna di people dem business. After all a ongle cotch mi a cotch inna England fi couple month a use dem library, an mi a gi few talk bout fi wi culture a one an two a die university dem. Mi not supposen fi a count no cow. Mi fi ongle drink di lickle mad cow mild an gwaan. But me cyaan help it. Mi a read newspaper an a watch tv an mi ha fi leh go mi tongue.

Mi nuo se mi no fi faas ina di piipl dem bizniz. Aatta raal a ongle kach mi a kach ina Ingglan fi kopl mont a yuuz dem laibri; an mi a gi fyuu taak bout fi wi kolcha a wan a tuu a di yuunivorsiti dem. Mi nat supouza fi a kount no kou. Mi fi ongl jrink di likl mad kou milk an gwaan. Bot mi kyaan elp i. Mi a riid nyuuzpiepa an a wach tv an mi ha fi le go mi tong.

Tek for instance di way nuff a di people dem inna Great Britain a big up dem chest like seh dem great fi true. Becausen Massa God put dem one side pon di map, dem a gwaan like seh dem no ha fi lean pon dem other one dem inna di Europe Union fi mek i. Mi no undersand i.

Tek far instans di wie nof a di piipl dem ina Griet Britn a big op dem ches laik se dem griet fi chruu. Bikaazn Maasa Gad put dem wan said pan di map, dem a gwaan laik se dem no ha fi liin pan dem ada wan dem ina di Yuurop Yuunyan fi meck i. Mi no andastan i.

(...)

(...)



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Seite an Seite gestellt, wird der Unterschied zwischen den beiden Modellen bald deutlich. Aus den Vor- und Nachteilen der beiden Formen ergeben sich auch ihre Entwicklungsmöglichkeiten und -chancen:

Informelle Orthographie:

  • Vorteil: Diese Schreibweise ist leichter verständlich für Personen, die mit der englischen Orthographie vertraut sind. Etymologische und morphologische Beziehungen bleiben nachvollziehbar.
  • Nachteil: Sie betont die Nähe zum Superstrat und kennzeichnet eine Autonomie nur wenig. Da die Schreibweise traditionell gewachsen ist, besteht die Gefahr, daß sie zu flexibel und wenig regelhaft bleibt, d.h. der Eindruck einer nicht regelhaften Sprache durch die Orthographie verstärkt wird.

Phonemisches Modell:

  • Vorteil: Diese Schreibweise betont die Autonomie und verstärkt den Sprachabstand. Phonologische Unterschiede zum Englischen werden konsistent deutlich. Die Phonem/Graphem-Korrespondenz erscheint relativ hoch, das Schriftbild wird insgesamt als regelmäßiger angesehen.
  • Nachteil: Die Orthographie muß komplett neu erlernt werden, was für Leute, die English-literate sind, eine höhere Hemmschwelle bedeutet. Scheinbar vertraute Wörter wie university, newspaper oder Europe Union erscheinen in ihrem quasi-phonemischen Schriftbild yuunivorsiti, nyuuzpiepa oder Yuurop Yuunyan zunächst fremd. Etymologische und morphologische Beziehungen gehen weitgehend verloren zugunsten des Abstand-Aspektes.

Die genannten Nachteile der phonemischen Schreibweise, so Carolyn Cooper (persönliche Kommunikation), sind auch der Grund, warum sie nach einer anfänglichen alleinigen Benutzung der Cassidy-Schreibweise diesen Kompromiß eines "dualen Systems" eingeführt hat. Die anfänglichen Reaktionen auf die phonemische Orthographie beschreibt die Autorin so: "People were vexed because they could not read it. They have this notion that Jamaican is 'our language' and one shouldn't have to struggle reading it". Dies trifft, wie sie ebenfalls anmerkt, nicht auf Leseanfänger wie z.B. Kinder zu, die mit der phonemischen Schreibweise anscheinend kaum Schwierigkeiten hatten.




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4 Schlußbemerkungen

Coopers Kompromiß versucht, zwei Gruppen gerecht zu werden: Den "Experten", die eine Autonomie des Kreols schriftlich manifestiert sehen wollen, und den "Nutzern", für die die praktischen Aspekte der Lesbarkeit im Vordergrund stehen. Paradoxerweise hat so der Versuch, eine regelhafte, phonemische Orthographie einzuführen, die das Prestige der Varietät heben soll, gerade nicht zu einer Identifikation mit denen geführt, die Jamaican als "our language" beanspruchen. Vielmehr scheint es zu der Herausbildung von zwei Lagern geführt zu haben: Einer Elitenkultur, die das phonemische Modell bevorzugt, und einer popular culture, in der, neben der Lesbarkeit, vielleicht auch das subversive Potential einer informellen Orthographie eine Rolle spielt, in der die Idee eines "Standards" herausgefordert und unterminiert wird und in der mit der Nähe und Distanz zum Englischen spielerisch umgegangen werden kann. Das Nebeneinanderstellen der beiden Alternativen macht dies so deutlich wie nur möglich.

Es ist langfristig keine Lösung in Sicht, die für die eine oder andere Alternative spricht. Für die Durchsetzung der "Cassidy-Orthographie" fehlt zum einen die politische Unterstützung, die in anderen Fällen (z.B. beim Haitianischen) der Standardisierung vorausgegangen ist. So gilt das Zitat von Hellinger aus dem Jahre 1986 immer noch:

The final descision on a creole writing system cannot be made until a general political strategy has been defined that determines the future role and status of the creole in the respective society. If one of the goals of that strategy should be the acceptance and preservation of the creole's linguistic and psychological independence from the related European standard language, and if educational authorities should eventually support a model of partial bilingualism for creole/English-speaking communities, then I believe that a creole orthography must break away from established non-creole conventions. (Hellinger 1986: 66f.)

Zum anderen ist Englisch als lexikalisch verwandte Schriftsprache zu dominant in der Sprachsituation, um vom Jamaican Creole als Konkurrenz ernsthaft vertrieben zu werden. So wird Jamaican Creole wie auch die anderen karibischen Englisch-orientierten Kreolsprachen weiterhin auf einer idiosynkratischen Basis geschrieben werden und die Wahl zwischen "Chaka-Chaka spelling" und "Misa Cassidy spelin" wird auch künftig in gewissem Maße eine ideologische Entscheidung sein, die die Position und Einstellung der Anwender reflektiert.



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Bibliographie

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Devonish, Hubert (1996): "Kom groun Jamiekan daans haal liricks: memba se a plie wi a plie. Contextualizing Jamaican 'Dance Hall' music: Jamaican language at play in a speech event" in: English World-Wide 17/2. Amsterdam: Benjamins, 213–237.

Grillo, Ralph (1989): Dominant Languages. Language and Hierarchy in Britain and France. Cambridge: Cambridge University Press.

Hellinger, Marlis (1986): "On writing English-related Creoles in the Caribbean", in: Görlach, Manfred/Holm, John A. (Hgg.): Focus on the Caribbean. (Varieties of English Around the World G8). Amsterdam: John Benjamins, 53–70.

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Anmerkungen

1 Im Falle der Englisch-orientierten Kreolsprachen ist das Superstrat Englisch.

2 Natürlich sind auch alphabetische Schriftsysteme nicht rein phonemisch oder gar phonetisch, sondern beziehen sich auch auf morphologische Einheiten und Beziehungen. Zudem haben sich in vielen alphabetisch kodierten Sprachen die Orthographien nicht zeitgleich mit den Lautentwicklungen geändert, so daß z.B. im Englischen wenig von einer Phonem/Graphem-Korrespondenz übrig geblieben ist. Dennoch bleibt, zumindest in der historischen Entwicklung, der Laut eine wichtige Basiseinheit aller alphabetischen Schriftsysteme.

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