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HauptergebnisseGruppe als Zentrum Der Eindruck über die Art der Gruppen, den man aus der Sicht der Jugendlichen gewinnt, ist überraschend traditionell und konventionell. In der Evangelischen Jugend (und – wie der Vergleich mit der Sportgruppe nahe legt - mehr oder minder wohl auch in den meisten anderen Jugendverbänden) scheint immer noch die klassische herkömmliche Jugendarbeitsgruppe vorzuherrschen: regelmäßige, zumeist wöchentliche Treffen, Kleingruppen, feste Zeiten, zumeist immer die gleichen Leute – vor allem aber fast immer unter Betreuung. Dabei haben eher selten Jugendliche die Leitung der Gruppen inne. Verbandliche Jugendarbeit stellt sich hier als Gruppenstundenarbeit „mit LeiterIn“ dar. Auf dieser strukturellen Ebene tritt der Aspekt der Selbstorganisation eher in den Hintergrund. Das heißt aber nicht, dass die „Selbstorganisation“ Jugendlicher gar nicht stattfände. Wir finden sie überraschend deutlich auf der inhaltlichen Ebene. Junge Menschen bestimmen mit, wenn es um die Aktivitäten, die Gestaltung des Programms geht, die Art der Durchführung etc. Noch ein Befund sticht ins Auge: Die Wichtigkeit der Gruppe zeigt keine Abhängigkeit vom Lebensalter. Dies könnte bedeuten, dass – entgegen der landläufigen Meinung – unterschiedliche Lebensaltersgruppen keine unterschiedlichen Angebotsformen bevorzugen. Die Schlussfolgerung, die sich dann ziehen ließe, wäre, dass Jugendliche im Alter zwischen 10 und 20 Jahren eher die gleichen Formen von Jugendarbeit nutzen wollen. Oder aber – und hier sind wir wieder an die Grenzen unserer Stichprobe angelangt – Jugendliche, die auch andere Formen der Jugendarbeit bevorzugen, gehen einfach nicht mehr zur Evangelischen Jugend. Gemeinschaft Unsere Studie belegt, welch zentrale Rolle die Gemeinschaft für das Nutzungsverhalten von Jugendlichen von Jugendverbandsarbeit spielt. Nicht das Programm der Gruppe, nicht die verhandelten Themen, sondern die in der Gruppe erlebte Gemeinschaft hat zentralen Stellenwert. Die Gruppe kann sozusagen sich selbst genug sein, weil sie Ort von Gemeinschaft mit anderen ist, wo Spaß und Engagement, Sinn und Orientierung, Aktivität und Akzeptiertsein sich untrennbar ineinander verschränken und miteinander verbinden. Die Entwicklung eines Gemeinschaftsgefühls in einer Gruppe scheint die Voraussetzung für Jugendverbandsarbeit darzustellen. Dabei lässt sich die Entstehung eines solchen Gefühles nicht auf einen einzigen Grund zurückführen. Die Rolle der haupt- und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen darf bei dem Zustandekommen und bei dem Erhalt eines solchen Gefühles nicht unterschätzt werden. Auf der anderen Seite aber ist ein solches Gefühl auch nicht willkürlich herstellbar, so dass wieder einmal deutlich wird, inwieweit der Verband von den Jugendlichen abhängig ist. Gemeinschaft um ihrer selbst willen scheint, eingebettet in einen sozialen Sinnzusammenhang, als Spaß aktiv erlebt, der Schlüssel für das Verbleiben von Jugendlichen sein, vorausgesetzt, die Leute, die dort sind, sagen den Jugendlichen zu. Gerade die Tatsache, dass das Aktivsein ein wichtiges Moment für die Ausbildung des Gemeinschaftsgefühls zu sein scheint, gibt der Jugendverbandsarbeit ihre hohe Bedeutung für die Jugendlichen, die sie nutzen. Hier kann Jugendverbandsarbeit den Jugendlichen eine Gelegenheitsstruktur bieten. Die enge Kopplung von Freundschaft, Aktivität und Sinnhaftigkeit erfordert extrem flexible Strukturen und offene Räume, sowohl zeitlich, räumlich, personell wie finanziell. Freunde Die Erzählungen von den Jugendlichen in den Biographischen Portraits beschreiben anschaulich, was die Befunde der Haupterhebung quantitativ belegen: Aus Sicht der Jugendlichen treten besonders die Leute, die in der Gruppe sind, in den Vordergrund. Für sie scheint die Unterscheidung zwischen Freunden aus der Gruppe und anderen Freunden häufig nicht sehr relevant zu sein. Die oft zu hörende Forderung, man müsse zwischen den festen Mitgliedern der Gruppe und der eher szenenhaften informellen Freundes- und Gleichaltrigen-Clique unterscheiden, trifft so aus der Sicht der Jugendlichen nicht zu. Vielmehr scheint es fließende Übergänge zwischen beiden zu geben. Die naive dichotome Verwendung dieser Begriffe durch unsere Befunde in Frage gestellt. Wesentlich für die Teilnahme an evangelischer Jugendverbandsarbeit ist, dass die Jugendlichen das Gefühl haben, dass die Leute, die in die Gruppe gehen, zu ihnen passen. Das Gemeinschaftsgefühl – auch wenn es in heutiger Zeit nicht mehr unbedingt ideologisch aufgeladen sein muss – scheint zentral für die Nutzung von Jugendverbandsarbeit zu sein. Dieses Gemeinschaftsgefühl entsteht allerdings nicht losgelöst von den Aktivitäten und dem gemeinsamen Ziel oder Sinn dieser Aktivitäten. Diese Aspekte von Gemeinschaft sind eng miteinander gekoppelt und aus Sicht der Jugendlichen kaum voneinander getrennt zu betrachten. Die herausragende Rolle der Freunde für die Nutzung von Angeboten der Jugendverbandsarbeit lässt eine Grenze des Einflusses von Betreuerinnen und Leitern deutlich werden. Sie sind nämlich auf die Sympathien der Gruppenmitglieder untereinander angewiesen: Wenn diese nicht vorhanden sind, kann kein noch so hervorragend konzipiertes Angebot die Jugendlichen zum Bleiben veranlassen. Der Jugendverband stützt sich auf gelungene Beziehungen der Jugendlichen in einer Gruppe. So betrachtet ist die Freundesclique gleichzeitig Chance und Anknüpfungspunkt wie auch eine unverfügbare, pädagogisch nicht produzierbare Bedingung für Jugendverbandsarbeit. Junge Menschen nutzen die Angebote der Evangelischen Jugend nicht nur in dem von den Anbietern intendierten Sinn (z.B. wegen interessanter Themen oder Aktivitäten), sondern auch, um Gleichaltrigengeselligkeit zu erleben. Die Orientierung an Gleichaltrigen ist ein zentraler Prozess der biographischen Neuorientierung im Jugendalter. Sie ermöglicht die Ablösung vom Elternhaus und die Suche nach neuen personalen und sozialen Orientierungen außerhalb der Herkunftsfamilie. Jugendverbandsarbeit stellt sich so als eine Gelegenheitsstruktur dar, die Jugendliche unterstützt, die spezifischen Entwicklungsaufgaben ihres Lebensalters zu bewältigen. Gerade deshalb darf man die informellen Umgangsformen in den Gruppen nicht abwerten oder gering schätzen. Nicht allein das Programm macht den Jugendverband aus, sondern seine alltäglichen Formen des Miteinander: Das Quatschen und Miteinander-Reden scheint aus Sicht der Jugendlichen wesentlich den Alltag des Jugendverbandes auszumachen. Das Gespräch in der Gruppe ist ausschlaggebend und wird in keiner Weise durch neue Kommunikationsmittel wie Handy, Internet oder Flyer ersetzt. Und die Streitereien in den Gruppen geben Hinweise darauf, dass diese Kommunikation auch sehr geschlossen ist, dass die Jugendlichen ihre Angelegenheiten im hohen Maße unter sich ausmachen. Offenheit und Geschlossenheit Die Evangelische Jugend bewegt sich wie jeder andere Jugendverband auch in einem komplexen Spannungsverhältnis zwischen Offenheit und Geschlossenheit. Zunächst einmal sind die Gruppen aus der Sicht der Jugendlichen für alle zugänglich und für jeden offen. Drei Viertel der Jugendlichen sagen das. Das ermöglicht ihm, reine erstaunlich große Zahl von jungen Menschen zu erreichen. Schon die bundesweite Reichweite von 10% der Jugendlichen in Deutschland (siehe oben) machen dies deutlich. Prinzipiell offen sind aber auch die Themen und Aktivitäten. Aus der Sicht der Jugendlichen kann in den meisten Teilen des Verbandes mitmachen, wer will. Es gibt allerdings Bereiche, bei dem es auch thematisch um das Religiöse geht und an diesen Stellen sind die Gruppen „nur für bestimmte Leute“. Das lässt sich dadurch belegen, dass Jugendliche, die angeben, zu ihrer Gruppe könne nicht jeder kommen, auch besonders häufig angeben, dort religionsbezogene Aktivitäten auszuüben Dies wirft wichtige Fragen auf: Wie offen kann ein Verband sein, ohne sein Selbstverständnis zu verraten oder seine konzeptionelle Ausrichtung zu verlieren? Wie offen muss ein Verband sein, damit er auch ausreichend Jugendliche hat, die ihn am Leben und lebendig erhalten? Ost-West-Unterschiede Ein Hauptergebnis unserer Studie sind die deutlichen Ost-West-Unterschiede. Schon beim Erstkontakt zu ihren Gruppen unterscheiden sich die Erfahrungen der Jugendlichen in Ost und West. Im Westen sind es vor allem die Freunde, im Osten aber mit großem Abstand die Familienmitglieder, die den Kontakt zur Evangelischen Jugend herstellten. Im Osten scheint die Teilnahme an Evangelischer Jugend viel stärker in familiäre Traditionen eingebunden zu sein. Die Tradierung der evangelisch christlichen Lebensweise scheint häufiger als im Westen eine Voraussetzung für die Teilnahme zu sein. Über die Hälfte der Jugendlichen in Ostdeutschland geben an, dass ihre Mutter und ihr Vater schon in so einer Gruppe gewesen sind. Im Westen sind es jeweils gerade einmal halb so viele. Ferner scheint im Osten die Teilnahme an Evangelischer Jugend von einer gewissen Ausschließlichkeit charakterisiert zu sein. Wenn die Jugendlichen dahin gehen, dann gehen sie tendenziell nur dahin. Wenn man zur Evangelischen Jugend geht, ist es eher unwahrscheinlich, dass man sich auch noch an anderen Orten mit andern Jugendlichen regelmäßig trifft. Besonders herausragend bei den Unterschieden zwischen Ost und West ist die Rolle des Religiösen. Zum einen üben die Jugendlichen im Osten mehr religionsbezogene Aktivitäten in ihrer Gruppe aus und zum anderen äußern sie einen stärkeren Wunsch, sich mit religiösen Inhalten näher zu beschäftigen. Das Religiöse steht bedeutend stärker im Vordergrund, wenn die Jugendlichen angeben sollen, was sie denn in ihrer Gruppe so machen. Die vielen Unterschiede zwischen Ost und West können durch die unterschiedlichen historischen Entwicklungen, die durch die Zeit des Sozialismus in der DDR gekommen sind, plausibel gemacht werden. Sie scheinen bis heute nachzuwirken. Interessant ist dabei, wie unterschiedlich sich die Evangelische Jugend dabei ihrer jeweiligen gesellschaftspolitischen Umwelt in Ost und West angepasst hat. Grob vereinfacht kann man von zwei Modellen der Jugendverbandsarbeit sprechen. Im Osten begegnet man einer Jugendverbandsarbeit, die ein recht eng gestecktes Rekrutierungsfeld hat, im Wesentlichen erreicht der Verband neue Teilnehmerinnen über die Familie, die bereits der Kirche verbunden sind. Außerdem ist er inhaltlich recht klar strukturiert, und die TeilnehmerInnen setzten sich viel mit religiösen Inhalten auseinander. Das bringt eine stärkere Selektion mit sich. Junge Menschen, die nicht in der tradierten Form ihre Religiosität leben wollen, bleiben den Angeboten eher fern. Der Verband hat an der Gesamtbevölkerung gemessen recht wenig Teilnehmer. Im Westen begegnet man einer Jugendverbandsarbeit, die ein recht weit gestecktes Rekrutierungsfeld hat, im Wesentlichen erreicht der Verband neue Teilnehmerinnen über Kontakte zu Freunden von Jugendlichen, die an den Angeboten bereits teilnehmen. Er ist inhaltlich sehr offen, sehr viele verschiedene Aktivitäten sind möglich, die Auseinandersetzung mit religiösen Tätigkeiten ist nur eine Möglichkeit unter vielen. Das bringt eine weniger stark ausgeprägte Selektion mit sich, da sich in diesen Gruppen auch Jugendliche wohl fühlen können, die für das Christentum zunächst kein großes Interesse mitbringen. Der Verband hat an der Gesamtbevölkerung gemessen recht viele Teilnehmer. Als Tendenz lässt sich festhalten: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Osten nutzen die Evangelische Jugend eher als einen besonderen Ort, mit dem sie sich enthusiastisch inhaltlich identifizieren können. Für die im Westen ist die Evangelische Jugend mehr ein alltäglicher Lebensort. Dieser Unterschied markiert aber nur eine grobe Tendenz, denn sowohl in Ost wie West finden sich beiderlei Nutzungsverhalten, wenn auch in unterschiedlicher Mischung. Vieles spricht für die These, dass diese Ost-West-Unterschiede nicht nur für die Evangelische Jugend charakteristisch sind, sondern auf allgemeinere Sachverhalte und generelle Unterschiedlichkeiten verweisen. Um dies untersuchen zu können, wäre aber eine umfassendere, eigene Studie notwendig (vgl. das eingangs Gesagte). Teilnahmemotive
In einer aufwändigen Vorstudie haben wir die Motivbündel, die für die die jungen Menschen ausschlaggebend sind, „wenn sie sich mit anderen treffen“, ermittelt. Wir haben mit diesen „Motivskalen“ ein Instrument entwickeln können, das die Motive für die Teilnahme an Gruppen umfassend beschreiben kann. Da die Konstruktion der Skalen nicht Bezug genommen hat auf evangelische Gruppen, können wir davon ausgehen, dass die gefundenen Motive auf alle Jugendverbände zutreffen. Sie haben sich in unserer Hauptstudie, aber auch in den von der aej durchgeführten Regionalstudien als sehr reliabel und universell bestätigt. Es finden sich keine Alters- und Geschlechtsunterschiede. Es wäre deshalb interessant, in weiteren Studien herauszufinden, ob es Profilunterschiede zwischen verschiedenen Jugendverbänden gibt. (Die Motivskalen werden deshalb als Module allen Interessierten zur Verfügung gestellt.) Auch wenn wir also (wegen fehlenden Vergleichsgruppen) nicht herausfinden können, ob es typische Motive für die Teilnahme an Evangelischer Jugend gibt (und womöglich andere für die Teilnahme an anderen Jugendgruppen), zeigen sich doch einige sehr aufschlussreiche Zusammenhänge. So liegen etwa das Motiv „etwas für die eigene Entwicklung zu tun“ und das Motiv „etwas Sinnvolles für andere zu tun“ auf ein und derselben Dimension. Das egoistische Motiv bildet keineswegs einen Gegensatz zu dem altruistischen. Sie sind nicht als „Entweder – Oder“, sondern als „Sowohl – Als auch“ zu verstehen. Aber auch der Wunsch nach Zusammenhalt in der Gruppe meint nicht gruppenselige Selbstgenügsamkeit, sondern hängt eng mit dem Motiv „etwas für andere tun“ zusammen. Der für das Jugendalter so typische Wunsch nach Selbstbestimmung wiederum steht keineswegs im Widerspruch zum Wunsch nach Zusammenhalt in der Gruppe. Wie ja überhaupt die Gruppe für die Bewältigung der jugendtypischen Entwicklungsaufgaben zentral wichtig ist. Bei Jugendlichen gibt es aber nicht nur Platz für solche, von Pädagogen und Erziehern geschätzte Motive. Auch solche denen der Wunsch nach spontaner Teilnahme, ohne sich gleich binden zu müssen, wichtig ist, solche, die außer Haus etwas erleben wollen, die sich situativ, mal so, mal so entscheiden wollen, sind anzutreffen. Es kann nicht überraschen, dass ein Teilnahmemotiv der Wunsch ist, sich mit religiösen Inhalten zu beschäftigen. Dieses Motiv ist besonders ausgeprägt in der Evangelischen Jugend in Ostdeutschland, was wohl mit der besonderen Geschichte wie mit der vergleichsweise höheren Selektivität der Teilnehmer dort zu tun hat. Charakteristisch für dieses Motiv ist, dass es nur mit dem Wunsch, etwas für die eigene Entwicklung zu tun und mit dem Wunsch, etwas Sinnvolles für andere zu tun korreliert, nicht aber mit allen anderen Motivdimensionen. Es steht auch kaum im Zusammenhang mit dem Wunsch nach Zusammenhalt in der Gruppe, was man vielleicht anders erwarten könnte. Für junge Menschen scheint die Gemeinschaft, wo sie „sich mit anderen treffen“, ein bedeutsamer Zusammenhang zu sein für die Aufgabe der „Subjektwerdung“ in der Moderne (Wunsch etwas für die eigene Entwicklung zu tun), als Gelegenheitsstruktur, sich selbst in sozialer Verantwortung zu entfalten (Wunsch etwas Sinnvolles für andere zu tun), als Ressourcenzusammenhang zur Bewältigung von Alltags- und Entwicklungsaufgaben (Wunsch nach Zusammenhalt in der Gruppe). Zugleich scheint es darum zu gehen, spontan und situativ flexibel außer Haus was erleben, um nichts zu verpassen. Jungen-Mädchen
In der Literatur zu Konzepten und Zielen von Jugendarbeit oder ganz generell in jugendpädagogischen Diskursen trifft man häufig auf die These, Mädchen hätten ganz andere Bedürfnisse und Interessen als Jungen und bräuchten deshalb ganz andere Angebote. Diese Sichtweise bestätigt unsere Untersuchung nicht. Bei den meisten Fragen finden sich keine oder nur unbedeutende Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Das betrifft sowohl die Aktivitäten in den Gruppen, die Motive der Teilnahme, die Bedeutung von Freunden und Gemeinschaft usw. Es gibt keine „typischen“ Jungen- und keine „typischen“ Mädchen-Motive. Unterschiede finden sich lediglich in den altbekannten und deshalb wenig spektakulären Bereichen wie etwa dem Interesse für Politik und Religion (z.B. bei dem Wunsch religiös zu heiraten, bei der Gebetspraxis), bei der Wahl von Vorbildern (Jungen wählen sie aus dem Sport, Mädchen aus Film und Medien) und ähnlichem.
Offensichtlich ist das Feld der Evangelischen Jugendarbeit kein Ort, an dem geschlechtsspezifische Unterschiede auffällig oder gar zum Problem werden. Das spricht noch einmal für das besondere Klima, die „Kultur“ des Verbands. Vermutlich ist dies aber auch eine Folge der spezifischen Selektivität Evangelischer Jugendarbeit: Sie zieht möglicherweise solche Jungen an, die eher offen und „weich“ sind, also weniger an klassischen Männlichkeitsbildern und männlich aggressiven Verhaltensstilen orientiert sind. Image Besonders eindeutig und klar schreiben die Befragten den jungen Mitgliedern einer kirchlichen Gruppe bestimmte Eigenschaften zu. Evangelische Jugend scheint mit einem bestimmten „Image“ assoziiert zu werden, das sich sehr deutlich von dem Image unterscheidet, das Mitgliedern anderer Organisationen zugeschrieben wird, insbesondere jungen Mitgliedern großer politischer Parteien. Nach Meinung der Jugendlichen zeichnet Mitglieder kirchlicher Gruppen besonders die Dimension „Sozialkompetenz“ aus: sie seien ehrlich, sympathisch, zuverlässig, freundlich und verstünden Jugendliche gut. Die jungen Mitglieder von Parteien dagegen zeichneten sich durch „Leistungsstärke“ aus und seien mutig, willensstark, ehrgeizig, zielstrebig und können sich gut ausdrücken. Die Deutlichkeit, mit der dieser Unterschied behauptet wird, verblüfft. Andererseits verweist sie auf eine bestimmte Kultur und ein Sozialklima, das die jungen Menschen mit der Evangelischen Jugend einerseits und mit politischen Parteien andererseits verbinden. Die Sozialisationsqualität bzw. die Sozialisationsziele des evangelischen Jugendverbands hätten nach dieser Selbstcharakterisierung seiner Mitglieder vor allem Chancen in Richtung auf die Stärkung dieser Sozialkompetenzen. Sein besonderes Potential scheint im Bereich sozialen Lernens zu liegen. Allerdings begrenzt diese Selbstwahrnehmung sicherlich auch die Fähigkeiten des Verbands, Jugendliche anzuziehen, die sich weniger mit einem solchen Image identifizieren wollen. Das heißt: In dem genannten Image steckt auch eine gewisse Selektivität und Begrenzung seiner Reichweite. Hilfe zur Lebensbewältigung Auf der Suche nach der Bedeutung des Jugendverbands für die Aufgabe der alltäglichen Lebensbewältigung Jugendlicher bleiben die Ergebnisse in diesem Abschnitt eher unscharf und offen. Es werden keine Personen aus dem sozialen Zusammenhang der Verbandsarbeit oder aus dem Zusammenhang seiner Geschichte und moralischen Ideen benannt, wenn es um Vorbilder geht, die einem Orientierung und Halt geben könnten. Auch als Vertrauenspersonen für Gespräche über alltägliche Sorgen und Nöte werden in erster Linie die Freunde aus der Gruppe genannt. Die Repräsentanten seines „personalen Angebots“, Jugendleiterinnen und Gruppenleiter, Pfarrer und andere Erwachsene im Verband sind aus der subjektiven Perspektive der Teilnehmer gesehen eher nachrangig. Das sollte nicht vorschnell als Problem verstanden werden. Im Gegenteil: Jugendarbeit ist eben doch in erster Linie „Gleichaltrigengeselligkeit“, „Lebensort“ für Jugendliche, so dass die Ressourcen der alltäglichen Lebensbewältigung vorrangig in dieser Gleichaltrigengesellschaft gesucht und gefunden werden. Dies verweist nochmals darauf, dass die Stärke evangelischer Jugendarbeit (wie sicherlich auch anderer Jugendverbände) darin liegt, Hilfen zur Lebensbewältigung gewissermaßen im Nebenbei, innerhalb des ganz normalen Alltags zu ermöglichen. Sie ist lebenswelt- und alltagsorientiert, also ganz besonders niedrigschwellig und ohne formale Zugangsbarrieren. Das macht sie zu einer zentralen, situativ verfügbaren Ressource für Jugendliche.
Politische Interessen Politik und politisches Lernen waren keine zentralen Themen unserer Untersuchung. Solche Themen spielen eher für die Veranstalter und Geldgeber der Jugendverbandsarbeit eine Rolle. Aber wir wollten doch einige Anhaltspunkte dafür gewinnen, was Politik und gesellschaftliche und politische Organisationen den jugendlichen Verbandsmitgliedern bedeuten bzw. ob sie sich in ihren Bewertungen von der durchschnittlichen Jugend unterscheiden. Deshalb griffen wir – gewissermaßen als allgemeine Indikatoren für gesellschaftlich-politische Zeitgenossenschaft – eine in der Jugendforschung geläufige Frage nach dem Interesse für Politik sowie eine (etwas veränderte) Frage nach der Bedeutung von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen und Organisationen für das eigene Leben und die persönliche Zukunft auf. Es zeigte sich, dass auch bei den jungen Menschen in der evangelischen Jugendarbeit „Interesse für Politik“ keine Hauptrolle spielt. Sie machen keine Ausnahme von dem Trend, den die Jugendforschung seit vielen Jahren konstatiert und der sich als nachlassendes Interesse darstellt. Zugleich muss daran erinnert werden: Weil Jugendliche unter „Politik“ vor allem den „Politikbetrieb“, die großen Parteien und deren mediale Erscheinung verstehen, lässt sich hieraus nicht ableiten, junge Menschen würden sich nicht für gesellschaftliche Probleme, für Fragen von sozialer Gerechtigkeit, sozialem Engagement, Frieden und Menschenrechte interessieren. Diese „politischen Interessen“ kommen in unserer Studie zahlreich und deutlich zum Ausdruck. Eine Sonderstellung nehmen aber die Jugendlichen in der evangelischen Jugendarbeit in Ostdeutschland ein. Sie weisen ein deutlich höheres politisches Interesse als im Westen auf. Und ihre politischen Interessen sind stärker als bei ihren Altersgleichen in Ostdeutschland, die nicht zur Evangelischen Jugend gehören. Ganz offensichtlich scheinen die ostdeutschen Jugendlichen unserer Stichprobe nicht repräsentativ für die Gesamtheit ostdeutscher Jugend zu stehen. Vielmehr bilden sie – was das Interesse für Politik angeht – offenbar eine besondere Gruppe. Dies mag mit der anderen Tradition Evangelischer Jugendarbeit in den Ländern der ehemaligen DDR zusammenhängen. In der DDR-Gesellschaft waren die Jungen Gemeinden Orte, an denen eine eher kritische Beobachtung der Verhältnisse stattfand, an denen eine Auseinandersetzung mit Fragen des Friedens, der Menschenrechte, der Meinungsfreiheit, des Minderheitenschutzes usw. geübt wurde. In der Vorwende- und Wendezeit spielten die Kirchen die bekannte herausgehobene Rolle. Interesse für und Stellungnahme zu politischen Fragen von der Basis christlicher Überzeugungen aus scheinen so gesehen Traditionen zu sein, die möglicherweise heute noch zum Profil der evangelischen Jugendarbeit gehören. Für West- wie Ostdeutschland gilt: Je stärker die Teilnahmemotive sind, „etwas Sinnvolles für andere zu tun“ oder „etwas für die eigene Entwicklung zu tun“, desto höher fallen auch die Bekundungen politischen Interesses aus. Und entgegen oft zu hörenden Vorurteilen gehen der „Wunsch, sich mit religiösen Inhalten zu beschäftigen“ und der „Wunsch nach Zusammenhalt in der Gruppe“ ebenfalls mit überdurchschnittlichem politischen Interesse einher. Der Verdacht, bei der evangelischen Jugendarbeit gehe es um weltabgekehrte Innerlichkeit oder um Rückzug in Gruppengeborgenheit trifft ganz offensichtlich nicht zu. Ehrenamt Ehrenamtliches Engagement aus Sicht der Jugendlichen empirisch zu erforschen ist ein sehr schwieriges Unterfangen. Es handelt sich beim Begriff „Ehrenamt“ um eine Klassifizierung des Verbandes, die – kurz gesprochen – dazu dient, zu unterscheiden, wer Geld für seinen Einsatz bekommt (nämlich Hauptamtliche) und wer nicht und deshalb „ehrenamtlich“ arbeitet. In unserer Befragung, geben 10 % an, ein Amt oder eine besondere Aufgabe zu haben. Diese Zahl kann aber den Umfang des Engagements keineswegs wiedergeben. Denn Jugendliche benutzen diese Begriffe nicht durchgängig, um ihre Aktivitäten zu beschreiben. Und sie machen eher keinen Unterschied zwischen einer „besonderen Aufgabe“ und dem ganz normalen „Aktivsein“. Der Umgang der Jugendlichen mit diesem Thema fällt deshalb sehr verschieden aus. Manche benutzen den Begriff, manche leiten von ihrer Tätigkeit einen spezifischen Titel für sich in ihrer Funktion ab und andere benötigen einfach keine Bezeichnung für das, was sie tun. Die Palette reicht dabei von Gremienarbeit bis zu Aufräumdiensten. Unsere Studie hat diesen komplizierten Sachverhalt nur beschreiben können. Es wäre eine eigene Studie wert, dieses Thema umfänglicher und genauer aufzuklären, ohne in die alte – von Jugendlichen so nicht mit vollzogene – Aufteilung zwischen „Ehrenamt“ und normaler „Mitgliedschaft“ zurückzufallen.
Evangelischsein
Wie nicht anders zu erwarten spiegeln die TeilnehmerInnen an den Veranstaltungen evangelischer Jugendarbeit in höherem Maße evangelische Kirchlichkeit und Glaubensüberzeugungen wider als es für die Jugend insgesamt der Fall ist. Allerdings stellen die befragten Jugendlichen keine homogene Gruppe dar. Sehr oft finden wir neben den – was Religion angeht – bekannten geschlechtsspezifischen Unterschieden solche zwischen den Alten und Neuen Bundesländern. Die inneren und äußeren Haltungen, die zu evangelischer Kirchlichkeit gehören, sind im Osten deutlicher und prägnanter. Dies erklärt sich durch eine größere Nähe der Jungen Gemeinden zu Kirche und Gemeindeleben, die aber mit einer geringeren Reichweite und stärkerer Selektivität einhergeht. In Ost und West finden wir jedoch Jugendliche mit Teilnahmemotiven, die ihnen eine größere Distanz zum „Weltanschauungskern“ des Verbands und den damit verbundenen Aktivitäten nahe legen. Evangelische Jugendarbeit – so scheint es – ist bei aller Evangelizität dennoch erstaunlich plural, auch was ihr normatives Zentrum angeht. Insgesamt lässt sich sagen: Den Gesamttrend, den die Jugendforschung in Bezug auf Religion ausgemacht hat, finden wir der Tendenz nach auch unter den Teilnehmern evangelischer Jugendarbeit wieder: Religion und Religiöses verlieren an Bedeutung. Das bedeutet, dass Evangelische Jugend wie alle anderen Weltanschauungsverbände darauf verwiesen ist, den Spagat zwischen ihrem normativen Profil und ihrer Offenheit für die allgemeinen Trends und Entwicklungen im Jugendbereich zu meistern. Eine zu enge Konzentration auf das eigene „Proprium“ muss alle jene ausgrenzen, die aus welchen Gründen auch immer diesem nicht entsprechen wollen. Eine zu weite Entfernung vom evangelischen Mittelpunkt jedoch würde ihre Angebote profillos, beliebig und austauschbar machen. Unterschiedliche Sichtweisen
Die Befunde unserer Studie verweisen auf Alltagsrealitäten im Verband, die von den Hauptamtlichen, den FunktionärInnen, den Verantwortlichen und LeiterInnen durchaus anders gesehen werden können und oft auch müssen als es in der subjektiven Perspektive der Jugendlichen geschieht. Notwendiger Weise gibt es Unterschiede zwischen dem Blick der jugendlichen Nutzer und dem Blick der erwachsenen Anbieter. Das daraus entstehende Spannungsverhältnis muss wohl als ein Struktur- und Wesenselement der Jugendarbeit gesehen werden, das dem Verbandsleben erst seine Produktivität verleiht. Keineswegs kann es also darum gehen, dass die Erwachsenen bzw. die Verantwortlichen in einem falschen Verständnis von Bedürfnisorientierung den Blick der Jugendlichen übernehmen. Sie würden damit gerade jene Spannung und Auseinandersetzungsmöglichkeiten eliminieren, wonach Jugendliche suchen und die gleichsam das „Profil“ von Jugendverbandsarbeit ausmachen. Sie sollten vielmehr darauf vertrauen, dass Jugendliche selber „etwas aus dem Verband machen“, das ihren Bedürfnissen entspricht. Dies zu verstehen, zuzulassen und nicht zu verschütten, sondern im Gegenteil, dies zu fördern und zu unterstützen ist ihre Aufgabe.
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