Rudolf
Preimesberger (Berlin) (~ 40 min.) Vincenzo Giustinianis "Discorso
sopra la scultura" gehört in die Kategorie des schriftlich fixierten Kunstgesprächs.
Er hat die literarische Form eines Briefs und beruht auf der Fiktion, daß
ein Freund ihn erbeten habe. Der Adressat ist wie im Fall des "Discorso sopra
la pittura" Thedor Ameyden. Der Text spiegelt die Gesprächskultur Vincenzo
Giustinianis und der ihn umgebenden "virtuosi". Als Orte der Konversation sind
bekanntlich der Palazzo Giustiniani bei S. Eustachio mit seiner sehr gedrängt
aufgestellten Skulpturensammlung, die Villa an der Via Flaminia mit ihrem Skulpturengarten
und wohl auch der "feudo" Bassano di Sutri anzunehmen. Angesichts der Komplexität
des Texts, der zuletzt von Cropper und Dempsey 1996, von Silvia Danesi Squarzina
1998 kompetent behandelt wurde, ist die Absicht meines Referats beschränkt
und einseitig. Nur der Aspekt der Tradition, d. h. die Feststellung der Topizität
einiger Argumente Giustinianis vor dem Hintergrund der Geschichte des "Paragone"
im Cinquecento und frühen Seicento ist der Gegenstand meiner Ausführungen.
Die wenigen Dinge, die ich in den nächsten Minuten sagen kann, gehören
zugleich zu einem Projekt des Kunsthistorischen Instituts der Freien Universität:
einer Anthologie "Texte zur Skulptur. Skulptur der Neuzeit und ihre kunsttheoretische
Fundierung" (Arbeitstitel), herausgegeben von Hannah Baader, Ulrike Müller
Hofstede, Kristine Patz, Nicola Suthor und dem Sprechenden. Ich zitiere Kristine
Patz: "Der Gattungsbegriff ist ein bis heute umstrittenes Problem der Kunstgeschichte.....
Es empfiehlt sich ein "historischer", nicht ein "systematischer" Gattungsbegriff,
der die Geschichtlichkeit der Kunstgattungen ernst nimmt....Das besondere Augenmerk
sollte dabei auf den historisch-institutionellen Charakter der Gattungen gerichtet
sein...". Die Gattung des Discorso Von den übrigen "Discorsi"
unterscheidet sich der "Discorso sopra la scultura" erheblich. Nach Inhalt und
Struktur der Argumentation scheint er mir der Gattung der Paragonebriefe des Cinquecento
zu folgen, wie sie Giustiniani etwa in den "Lezzioni" des Benedetto Varchi gedruckt
vorlagen. Die traditionell schwächere Position der Skulptur scheint sich
hier zu spiegeln. Die Datierung Die Datierung des Texts ist
ungesichert. Die Anhaltspunkte, die Giustiniani bietet, sind gering. Wenn
er Gianlorenzo Bernini als den Produzenten äußerst kostspieliger Statuen
erwähnt, dann setzt dies wohl die Existenz der großen Borgheseskulpturen
voraus. Wenn er ihn "Cavaliere" nennt, deutet dies auf ein Datum nach dem Pontifikat
Gregors XV. (1621-23), wenn über den Bildhauer Francesco Stati bereits im
Rückblick berichtet wird, auf ein Datum nach dessen Tod im Jahr 1627.
"artista" versus "non intendente" Der Beginn des "Discorso" ist
topisch: der Brief entsteht nur aufgrund der dringenden Aufforderung eines Freundes:
"V. S. mi fa istanza che le dica quel che mi occorre circa la scultura.."
Topisch ist auch der zweite Teil des ersten Satzes. Der Schreibende versteht nichts
von Skulptur. "...e sebbene sarebbe forse più conveniente che la pregassi
a scusarmene, per esser questo esercizio solo a notizia di chi opera con le proprie
mani..." Wenn Giustiniani seine geringe Kompetenz betont, dann verbirgt sich
dahinter jedoch mehr als eine bloße "captatio benevolentiae". Nur der Künstler
ist befugt, über Kunst zu sprechen. Sichtbar wird der alte Gegensatz
zwischen "Artista" und "non intendente", der bereits in der Antike breit ausgeformte
Topos von dem unprofessionellen, dem beschränkten, ungerechten und falschen
Urteil über Kunst. "Schuster, bleib bei deinem Leisten!" ist wohl die prägnanteste
antike Anekdote, die Plinius dazu überliefert. "...con le
proprie mani" - ein erstes Paragonemotiv "...chi opera con le proprie mani..."!
Fast scheint es, als lebe in Giustinianis Ausdrucksweise die im Wettstreit der
Skulptur mit der Malerei besonders oft und besonders polemisch hervorgekehrte
größere "fatica di corpo" des Bildhauers nach. Sie ist eines der elementarsten
polemischen Motive im "Paragone". Denn aus ihr folgt sein schwächeres soziales
Image, das des banausischen Handwerkers, der in besonderem Maße an den physischen
Werkprozeß seiner "arte meccanissima" gefesselt ist; bis hin zur Komik des
verschwitzten und von Marmorsplittern bedeckten Handwerker-Bildhauers, der aussieht
wie ein Igel, wie Lukian ihn im Wettstreit der Bildhauerei mit der "Paideia" gezeichnet
hatte, ein antikes Negativbild der Skulptur! Ihm hatte - in vergleichbar suggestiver
Form - Leonardo das berühmte und wirkungsmächtige Bild des ungleich
höheren gesellschaftlichen und intellektuellen Rangs des Gentleman-Malers
gegenübergestellt, der "reinlich gekleidet mit leichter Hand den Pinsel führt
und malt, was ihm gefällt," der Herr aller sichtbaren Dinge, was ihm seit
der Antike in langen Listen dessen, was er im Gegensatz zum Bildhauer alles darstellen
kann, bestätigt wird. Fast ist es so, als enthalte der Plural "con le
... mani" eine Spur des topischen Gegensatzes zwischen der "facilita del fare"
auf seiten des Malers und der "difficolta", der "fatica" und der "asprezza"des
bildhauerischen Werkprozesses. Mit einem Wort: Gemalt wird mit einer Hand, gemeißelt
aber unleugbar mit zweien. Persönliche Empirie Die Berechtigung,
sich dennoch über Skulptur zu äußern, gründet Giustiniani
auf seine Sammlung, auf die Erfahrung, die er als Dilettant im Erwerb und der
Restaurierung antiker Statuen erworben habe: "...brevemente le dirò
che per la poca esperienza che ho acquistata nel progresso del tempo, che mi sono
dilettato di procacciarmi statue antiche, e nella loro restaurazione..." Doch
ist es nicht allein sein Umgang mit "Scultori, scarpellini und intagliatori",
d. h. mit Bildhauern, Steinmetzen und Schnitzern, bezw. Steinschneidern, "ma anco
con altri virtuosi, che ne hanno qualche intelligenza", wobei Giustiniani den
in die Zukunft weisenden Begriff des "virtuoso" gebraucht. Universalità
des Bildhauers Es ist seine persönliche Praxis, die ihm als Grundlage
der ersten These dient, "daß der gute Bildhauer mehrere Künste beherrschen
muß" - "che il buono scultore è necessario che posseda bene diverse
arti, e professioni, quasi come ministro della scultura". Nichts anderes als
ein Argument zum Lob des Bildhauers wird hier sichtbar. Denn es orientiert sich
an dem berühmten prototypischen Idealbild des universal gebildeten Architekten
bei Vitruv, das seinerseits von dem Bild des vollkomenen Rhetors bei Cicero abhängt.
Drei Berufe Drei Berufe sind es, die der gute Bildhauer in
sich vereinen muß. scarpellino Der erste ist der des
Steinmetzen, weil der gute Bildhauer die verschiedenen Steinsorten kennen muß,
um sie richtig zu bearbeiten: "...scarpellino per poter conoscere le diverse,
e molte qualità, e natura delle pietre; per saper lavorarle con quegl
istromenti, e in que modi, che sono propri alle pietre e al lavoro, che
si ha da fare..". Giustiniani ordnet sie hierarchisch an "...le pietre
più basse, come sperone, peperino e travertino". Sie sind anders als die
"marmi nobili". Auch sie sind differenziert, da der "marmo saligno" eine andere
"grana e durezza" habe als der "gentile"; ebenso der griechische eine andere als
der "statuale e gentile"; ebenso die Marmorsorten von Carrara und andere, wie
"Palvaccio" und parischer Marmor; die beiden letzteren seien die feinsten und
geschätztesten "per la bianchezza e morbidezza ed unione della grana che
lo rendono più facile da lavorarsi e più atto a ricevere pulimento
squisito, e più stimato per la bianchezza e durezza e buon pulimento."
Der Breite der Steinsorten, die der gute Bildhauer wie ein Steinmetz zu beherrschen
habe, entspricht die Vielfalt der Instrumente ihrer Bearbeitung: "subbia", "dente
di cane", "gradina", "scarpello grosso", "ugnetti", "picchierello", "raspa", "lima",
"ruota", "pomice", "sega di ferro o di rame", "trapano", "arena", "spultiglio",
"tribolo", "straccio", "con diverse misture, e unti e tartari", um die Oberflächen
glatt und poliert zu machen. ( ) Von alledem muß der Bildhauer "pratica
esquisita" besitzen, will er nicht "nel bel del lavoro" - entscheidende und nicht
wiedergutzumachende Fehler machen. Intagliatore Der zweite
Beruf, den der gute Bildhauer beherrschen muß, ist der des "intagliatore".
Er hat eine Zwischenstellung: Er steht über dem Steinmetzen, jedoch unter
dem "modellatore" und "scultore". Disegno als Kriterium Das
Kriterium, das ihn über den Steinmetzen erhebt, ist sein Anteil am "disegno".
Eine große Kategorie der Kunsttheorie und -praxis der frühen Neuzeit
ist damit benannt. Giustiniani gebraucht sie wie selbstverständlich als den
Wertbegriff schlechthin: Der Rang der jeweiligen Kunst bemißt sich an ihrem
größeren oder geringeren Anteil am "disegno". Nicht im "höchsten
Grade" wie der Modelleur und Bildhauer, sondern nur "qualche termine di disegno"
muß der "intagliatore" besitzen, nur soviel, um die seiner Kunst zugänglichen
Gegenstände herstellen zu können, die der Steinmetz nicht erreichen
kann: Arabesken, großes und kleines Blattwerk, korinthische, gemischte und
Kapitelle alla michelangiolesca, Wappen, Grotesken, Tempel, Perspektiven, Landschaften
Masken und anderes, die der Steinmetz nicht erreicht. "...qualche termine
di disegno, non già in sommo grado, come fa bisogno al modellatore e scultore,
ma a segno di potere, e saper far intagli di rabeschi, fogliami grandi e piccoli,
capitelli corinzi e misti, e alla michelangelesca, armi, grotteschi, tempj, prospettive,
paesi, e mascheroni, ed altri lavori, a quali lo scarpellino non può
arrivare con li suddetti istromenti." Holzschnitzerei Giustiniani
differenziert zwischen Stein und Holz, wobei die Holzschnitzerei den höheren
Status hat. Für sie ist ein höherer Grad an "disegno" nötig als
für den "intaglio" in Marmor, - wenn auch weniger als für den Maler,
den Modelleur und den Bildhauer. Viele gute Bildhauer, Modelleure und auch Architekten
sind aus ihr hervorgegangen. "Sono anche intagliatori, che lavorano sopra diverse
sorte di legname, tra quali sono riusciti molti buoni scultori e modellatori,
ed anco architetti..." Bildhauerei Den berühmten Abschnitt
über den Bildhauer leitet Giustiniani mit einem klassischen Paragonemotiv
ein, dem der größeren "Schwierigkeit" oder "difficoltà". Im
perfekten "Zeichnen/disegnare", gegründet auf die Erfahrung antiker und moderner
Statuen und Reliefs muß der Bildhauer dem Maler nicht allein gleichrangig
sein, sondern er muß ihn übertreffen: "Allo scultore è necessario
non solo il sapere disegnare perfettamente, con l esperienza fatta nelle
buone statue antiche e moderne, e bassirilievi, al pari del pittore; ma conviene
che lo superi...". Warum? Weil die Skulptur in mehrfacher Hinsicht schwieriger
ist als die Malerei. Giustiniani agiert dabei offensichtlich vor dem Hintergund
des berühmten Paragonebriefs Michelangelos an Benedetto Varchi von 1546,
in dem die Malerei von der Skulptur vierfach überboten wird: durch den größeren
"giudizio", den größeren "impedimento", die größere "difficoltà"
und die größere "fatica" der Skulptur. Was ist die größere
"difficoltà" des Bildhauers bei Giustiniani? Eine erste resultiert aus
ihrer Dreidimensionalität: "Der gute Bildhauer muß seinen Figuren eine
schöne Haltung geben, sodaß sie gut auf der Erde stehen". "...saper
dare bella postura alle figure, cioè che posino bene in terra, "
vivacità e spirito Was aber ist die größte Schwierigkeit?
Er hat den toten Stein selbst zu überwinden. Nicht nur "gut" müssen
die Figuren des Bildhauers auf der Erde stehen, sondern "und mit solcher Grazie
und Lebendigkeit, daß sie scheinen, als wären sie nicht aus Stein gemacht."
"e con grazia e vivacità tale, ch escano dal parere fatte di
pietra..." Es ist ein Urtopos des Skulpturenlobs, der in den beiden Begriffen
"vivacità" und "spirito "faßbar wird. Daß der Bildhauer wie
ein Zauberer befähigt sei, durch seine Kunst den Stein zu beleben und zu
beseelen, ist eine sehr alte Vorstellung. In dem Titel "magister lapidum viventium"
ist sie zu einer Gattungsbezeichnung der Skulptur geworden. Statue
und Eros In dem Mythos von Pygmalion ist die Belebung der Statue durch die
Liebe des Bildhauers thematisiert. Giustiniani selbst hat das Thema von Angelo
Caroselli malen lassen. Das ehemalige Potsdamer Gemälde, im Inventar von
1638 als "sopraporta" zu lokalisieren, zeigte "die Geliebte Pygmalions, der den
Idolen opfert, um die Statue einer Frau zum Leben zu erwecken, in die er sich
verliebt hatte...". Deutlich zeigt der Text die Metathematik des Gemäldes:
die Verlebendigung der antiken Statuen durch die Liebe. Überwindung
des Steins Zwar sind "vivacità" und "vivezza" aktuelle Lieblingsbegriffe
der Kunstliteratur des 16. und 17. Jahrhunderts. Doch sind sie zumeist der Malerei
und dem Medium der Farbe verbunden. Es erscheint wie eine überbietende
Zuspitzung im Paragone der beiden Künste, wenn es auch der Skulptur gelingt,
sogar dem farblosen und spröden Marmor den Anschein der Lebendigkeit abzuringen,
sodaß die Figuren "scheinen, als wären sie nicht aus Stein gemacht."
"...ch escano dal parere fatte di pietra..." Nur die antike
Skulptur ist lebendig Giustiniani sieht dies nur in der antiken Skulptur verwirklicht.
Er greift zu einem Beispiel, das ihn tief beeindruckt, dem "Meleager" im Vatikan,
damals als "Adone dei Pichini" bezeichnet, einer Statue, in allen ihren Teilen
so proportioniert, von so exquisiter Ausarbeitung "und mit sovielen Anzeichen
unsagbarer Lebendigkeit, daß sie im Vergleich zu anderen Werken zu atmen
scheint, auch wenn sie aus Marmor ist wie die anderen" - ".. e con tanti segni
di vivacità indicibili, che a rispetto dell altre opere, questa pare
che spiri, e pur è di marmo come le altre.." Michelangelokritik
Es ist ein Paragone zwischen antiker und moderner Skulptur, der hier aufgemacht
wird. Denn Giustiniani stellt der Antike den Christus des Michelangelo in S. Maria
sopra Minerva gegenüber,"der sehr schön, und mit Fleiß und Eifer
gemacht ist, aber als eine bloße Statue erscheint, weil ihm Lebendigkeit
und Geist fehlten, die der genannte Adonis hat..." - "ch è bellissima,
e fatta con industria e diligenza, ma pare statua mera, non avendo la vivacità
e lo spirito, che ha l Adone suddetto,.." Wenn in seinem einschränkendem
Urteil auf Seiten Michelangelos die ambivalenten und und kritisch konnotierten
Qualitäten der "industria" und "diligenza" der "vivacità" und dem
"spirito" der Antike gegenüberstehen und wenn seine Figur, obwohl "bellissima",
wie eine "bloße Statue" erscheint, - "...ma pare statua mera...", dann werden
Topen der Michelangelokritik erkennbar, wie sie noch Bernini in Frankreich gegenüber
dem Herrn von Chantelou im Munde führen wird. So am 25. Juni 1665: "Der
Cavaliere sagte: "Michelangelo war ein großer Bildhauer und Maler, aber
ein göttlicher Architekt, denn die Architektur besteht ganz aus disegno.
In der Skulptur und Malerei hatte er nicht das Talent, die Figuren aus Fleisch
erscheinen zu lassen. Sei sind nur wegen ihrer Anatomie schön und bemerkenswert."
Oder am 2. August angesichts eines antiken Frauentorso: "Auch Michelangelo war
von dieser Vollkommenheit fern. Es war nicht sein Talent, zu malen, daß
seine Figuren aus Fleisch erscheinen." Oder am 21. August: "Ein großer Mann,
ein großer Bildhauer und Architekt, der jedoch mehr "arte" als "grazia"
hatte. Den Antiken kam er nicht gleich, denn ihn interessierte die Anatomie mehr
nach Art der Chrirurgen." "Arte" und "sapere" des Michelangelo auf der einen
Seite, die fehlende "grazia" auf der anderen. Cropper und Dempsey haben darauf
aufmerksam gemacht, daß das Gegensatzpaar noch bei Testelin nachwirkt, wenn
dieser zwischen dem machvollen "athenischen Stil" Michelangelos auf der einen
Seite und dem ihm überlegenen "sicyonischen Stil" des Torso vom Belvedere
auf der anderen Seite unterscheidet. Sie sehen einen Zusammenhang mit der bei
Orfeo Boselli überlieferten "leggiadria" des "griechischen Stils" des Francois
Duquesnoy. Grazia Derselbe Gegensatz bei Giustiniani! Denn
was ist seine Schlußfolgerung? "Daraus kann man folgern, daß dies,
nämlich Lebendigkeit und Geist der Statue, in einer Grazia besteht, die von
der Natur gewährt wird, ohne daß die Kunst (aus sich) zu ihr gelangen
könne..." "...dal che si può risolvere, che questo particolare
consista in grazia conceduta dalla natura, senza che l arte vi possa arrivare;"
Auf der einen Seite "arte", die lern- und lehrbare Kunst, die den Regeln folgt,
- auf der anderen Seite die rätselhafteste und unerklärlichste aller
ästhetischen Wertkategorien, "grazia", das lateinisch-italienische Synonym
für "charis", "Reiz" und "Anmut" im Deutschen, ein Teil der Schönheit,
jedoch über sie, die durch Regeln bestimmt und bestimmbar ist, hinausgehend
und dem "Je ne sais quoi" der späteren Geschmacksgeschichte entsprechend,
wenn auch nicht mit ihm identisch. Es ist eine offene Frage, welcher historischen
Variante des Begriffs Giustiniani, der Förderer Francois Duquesnoys, anhängt,
wenn er von "grazia" spricht. Da er sie aber explizit in Opposition zu "industria"
und "diligenza" des Michelangelos setzt, könnte dies bedeuten, daß
er sie noch traditionell sieht, das heißt: in der Nähe der "sprezzatura",
der Nonchalance und Lässigkeit des Baldassare Castiglione; "sprezzatura",
die "die Kunst verbirgt und zeigt, daß, was man tut und sagt, ohne Mühe
und gleichsam ohne zu denken, gemacht wurde" - "che nasconda l arte e dimostri,
cio che si fa e si dice, venir fatto senza fatica e quasi senza pensarvi".
Grazia als Gnade der Natur Giustiniani benutzt den Doppelsinn
des lateinisch-italienischen Begriffs "gratia". Obwohl der Kontext ein kunsttheoretischer
ist, verlagert sich durch das Adjektiv "conceduta" das semantische Gewicht auf
die theologisch-rechtlich-soziale Bedeutung des Wortes. "Grazia" wird zur "gewährten
Gnade". So wie Gott, der Herrscher oder der Richter erweist die Natur der Kunst
eine Gnade. Auch im "discorso sopra la pittura" begegnet derselbe Doppelsinn
des Wortes. "Grazia". In der Formulierung ".. gleichsam aus Instinkt der Natur
und der Grazie, die nur wenigen gegeben ist...". "...quasi d´istinto di natura,
e grazia a pochi conceduta..." stellt Giustiniani dort die Verbindung zwischen
Grazie und Instinkt der Natur her, um die natürliche künstlerische Begabung
auszudrücken und sie dem "sapere" der Kunst gegenüberzustellen.
Giustiniani greift dort zum Begriff des "instinctus naturalis" oder Naturtrieb.
Ihm, der dem Triebleben entstammt, der nicht erworben werden kann und der der
Übung und der Erfahrung nicht bedarf, ihm, dem Synonym künstlerischer
Begabung "von Natur aus", verbindet er auch dort - in einer Wendung, die das theologisch-anthropologische
Grundproblem der Epoche, das Verhältnis von Natur und Gnade, in frappanter
Weise spiegeln dürfte, - den Begriff der "grazia". Wie in unserem Text oszilliert
er auch dort in seiner Bedeutung zwischen der "Anmut" und der "Gnade" der Natur.
"difficoltà": "mancamento della materia" Wie stark
Giustinianis Text an den traditionellen Paragone des Cinquecento zwischen Skulptur
und Malerei gefesselt ist, zeigt die Aufzählung einzelner "Schwierigkeiten":
Eine erste ist der "mancamento della materia". Während der Maler jeden
Pinselstrich korrigieren kann, ist für den Bildhauer jeder Schlag endgültig
und kann nicht korrigiert werden. In Giustinianis Worten: "che il pittore ha mille
e più modi e ripieghi di rimediare a difetti della postura della
figura , e de piani, ch non ha lo scultore, in poter del quale non è
di rimediare all`errore già commesso...". Der theoriegeschichtliche
Hintergrund des Arguments ist deutlich. Es ist die klassische Unterscheidung Michelangelos:
Anders als die Malerei, die "per via di porre" entsteht, entsteht die Skulptur
"per forza di levare". Giustiniani vertieft das Argument philosophisch, wenn er
zur Charakterisierung des Schaffensprozesses "per forza di levare" den Begriff
der "fehlenden Materie" - "mancamento della materia" - einführt und dazu
einen Satz aus "De rerum natura" des Lukrez zitiert: "Aus nichts wird nichts"
- "...perchè consiste nel mancamento della materia: Ex nihilo nihil fit,
disse colui." "molte vedute" Auch das folgende Argument ist
ein klassisches Paragoneargument zugunsten der Skulptur: Die Schwierigkeit der
"molte vedute", die aus ihrer Dreidimensionalität folgt. Während es
dem Maler genügt, einen Aspekt der Figur zu malen, hat der Bildhauer alle
"con buon disegno" zu zeigen. Die Geschichte des Aspektproblems, das Leonardo
polemisch und reduktionistisch geleugnet hatte, ist bekanntlich lang. Giustiniani
geht von vier Hauptansichten aus. Ohne die vier Schrägansichten oder die
achtundvierzig "vedute" des Benvenuto Cellinis zu nennen, gelangt er unmittelbar
zu dem Argument, die Ansichten einer Skulptur seien "quasi infiniti". Wie alle
natürlichen Körper seien auch die Körper der Skulptur "terminati
con figura quasi sferica" "giudizio" Neben dem "vollkommenen
disegno" muß der Bildhauer auch die Fähigkeit besitzen, die Modelle,
sie seien aus Ton, Wachs, Stuck oder aus anderen verschiedenen Mischungen so gut
zu formen, daß sie als Vorbild für die Statue in Marmor oder Bronze
dienen könnten. Doch sind Modell und Statue oft weit auseinander. Auch der
exquisiteste Modelleur kann an der Ausführung einer Statue scheitern und
grobe Fehler begehen. "...e questa professione di far bene i modelli, ancorché
sia tanto congiunta con la scultura, riesce talvolta molto lontana; perché
si vedono tali persone che modellano squisitamente, che nel mettere una statua
in opera si perdono, e danno negli spropositi;" Neben vielen
Beispielen, die Giustiniani dafür gesehen haben will, führt er namentlich
die Kolossalstatue des Moses von dem gleichnamigen Brunnen Sixtus V. bei
Termini an. Prospero Antichi, obwohl "il miglior modellatore, e stuccatore di
quel tempo", habe hier dennoch eine Statue geschaffen, zwergenhaft und mit nicht
gutzumachenden Fehlern, was man erst erkannte, als sie ausgeführt wurde.
Was ist der Grund des Scheiterns? Giustiniani weiß ihn. Prospero Antichi
war nur ein Modelleur und Stukkateur. Er hat die Statue liegend und nicht aufrecht
gearbeitet. Was ihm dabei fehlte, war der "giudizio" des echten Bildhauers.
"...il che fu attribuito a mancamanto di giudizio nel Bresciano, che lavorò
la statua colca, e non in piedi, come andava messa in opera poi. È questa
diversa postura nel lavorare, dicono li periti, che fa grand effetto nella
varietà della riuscita dell opera nel sito ove va collocata."
"fare...senza modello An das Ziel seiner Argumentation gelangt
Giustiniani allerdings erst mit der Schilderung der folgenden Stufe: bildhauerisches
Tun ohne Modell! Sein Beispiel ist ein junger französischer Bildhauer,
der Statuen und Antikenrestaurierungen ohne jedes Modell gemacht habe, die gleichwohl
äußerst wohlproportioniert und mit viel Lebendigkeit und Grazie ausgefallen
seien, indem er die gute antike Manier nachahmte." "Ho veduto all incontro
un Francese, chiamato David, giovane di 20 anni, fare statue di nuovo, e ristorare
antiche senza modello alcuno, che riuscivano proportionatissime e con molta vivacità
e grazia, con imitare la buona maniera antica "...particolar grazia
e talento dalla natura..." Die Schlußfolgerung: Der überdurchschnittliche
Bildhauer muß notwendigerweise nicht nur die erwähnten vier "esercizi"
beherrschen. Er muß darüber hinaus von der Natur eine besondere Grazie
und ein Talent empfangen haben, die ihn in dem besonderen Beruf der Bildhauerei
erfolgreich sein lassen. "...si può fare coniettura che lo scultore
più che mediocre è necessiatato a saper non solo li quattri esercizi
esplicati, ma aver particolar grazia e talento dalla natura che lo faccia riuscire
a questa particolar professione della scultura;" Die Rolle des
Mäzens Es genügt jedoch nicht, daß der Bildhauer seinen Fleiß
in all den erwähnten Dingen übe und daß er die natürliche
"grazia" und den "favore" habe. Mehr ist nötig: ein großer Fürst
oder eine vermögende Person, die ihn begünstigen, beschützen und
fördern, damit er Gelegenheit habe, sich Ehre zu erwerben, die ihm große
Aufträge bieten in denen er sich in der ihm angemessenen Form verwirklichen
könne. ecc. ecc. Paragone Am Ende kehrt Giustiniani
zum Paragone zurück. Die Frage nach dem Vorrag der Skulptur oder Malerei
gehört für ihn in die Gattung des "dubbio". Er behandelt sie im historischen
Rückblick. "Resterà una resoluzione d un dubbio che corre
assai per il tavoliere, ed è stato ventilato molto, anco da autori in libri
che vanno in stampa, cioè a qual professione si ha da dare preeminenza,
o all scultura o alla pittura, purché l opere siano ugualmente di
mano de più eccellenti artefici dell una e l altra."
"...vari autori" Auf welche Autoren sich seine Bemerkung über
"autori in libri che vanno in stampa" bezieht, sagt Giustiniani nicht. Genauere
Aufschlüsse sind hier von der Publikation der Inventare zu erwarten.
Baldassare Castigliones "Cortegiano"; Benedetto Varchis "Due lezzioni" und die
an ihn gerichteten Paragonebriefe; Stefano Grezzo; die geplante, aber noch nicht
ins Werk gesetzte Edition der Schriften Leonardos? Paragone in
der Sammlung Giustiniani argumentiert im Folgenden bezeichnenderweise aus
seiner Sammlung. Da er sowohl Gemälde als auch Statuen guter Meister habe,
habe er beobachten können, "daß die Edelleute mehr über die Malerei
als über die Skulptur reflektierten," - "che i signori nobili fanno maggior
riflesso nella pittura, che nella sculture," "rarità e
magnificenza" Zwei Kriterien sind es jedoch, durch die die Skulptur die Malerei
übertrifft: ihre größere "Seltenheit/rarità", sowie das
in letzter Zeit viel diskutierte Kriterium der "Großartigkeit/magnificenza":
"la quale anco stimano per la rarità e magnificenza che seco porta."
Antike Es spricht für die innere Konsistenz des "discorso",
wenn Giustiniani so wie in seinem zurückhaltenden Urteil über Michelangelo
an dessen Beginn auch in der folgenden Bemerkung das Lob der Skulptur auf die
Antike beschränkt. Die Kenner, die "buon disegno" sowie Beziehung, Kenntnis
und Ausbildung hätten, schätzten die antiken Statuen hoch. "Ma le persone,
che hanno buon disegno, e pratica, tengono gran conto delle statue antiche, fatte
da buoni maestri" "duello" In der Frage des Wettstreits der
beiden edlen Künste Skulptur und Malerei ist es deshalb so, wie wenn man
zwei Personen, die man noch nie gesehen hat, beim Spiel beobachtet. Nur aus Neigung
und Sympathie ist man der einen mehr zugeneigt als der anderen, ohne zu wissen,
warum. So ist es auch bei einem Duell, daß man, ohne zu wissen, warum, wünscht,
es möge der siegen, dem man zugeneigt ist. In eigentümlich konkreter
und anschaulicher Weise kehrt Giustiniani mit dem Begriff "duello" zum Wesen und
zu einer der ursprünglichen Bezeichnungen des "Paragone" zurück. Durch
seinen Vergleich legt er nicht allein die seit jeher vielbeachtete agonale und
dialektische Struktur des Paragone frei, sondern zugleich auch seine frühe
orale Form, jenen mündlich ausgetragenen Wettstreit, den Leonrado mit dem
Ausdruck "duello" belegt hatte. "simpatia naturale" Das Ziel
des Vergleichs: "Genau so wird man sein Urteil zugunsten derjenigen Kunst abgeben,
zu der man von Natur aus Neigung, Inklination oder, wie die Philosophen sagen,
natürliche Sympathie hat," "così appunto si darà la sentenza
da ciascheduno a favore di quella professione, alla quale per natura ha genio
e inclinazione, o, come dicono i filosofi, simpatia naturale, senza che ne sappia
rendere ragione che appaghi l intelletto in questa curiosità;"
Der zentrale Begriff, durch den Giustiniani den Paragone zwischen Skulptur und
Malerei begründet und ebenso offen hält, ist der Begriff der "simpatia
naturale", das Synonym für "genio" und "inclinazione". Erst im 18. Jahrhundert
setzt der moderne Gebrauch des Wortes ein, durch den zwischenmenschliche Zuneigung
ausgedrückt wird. Bis in die Neuzeit ist Sympathie ein Begriff der Naturphilosophie
und bedeutet das "Zusammen-Affiziertsein". (Etymologisch gesehen Sym und Pathos).
In Giustinianis Ausdrucksweise "affezionarsi" ist dieser Wortsinn unmittelbar
präsent. Mit "simpatia naturale" gebraucht er einen der wichtigsten Ähnlichkeitsbegriffe
der alten Zeit, mit denen der Zusammenhang und die Einheit der Welt gedacht wurden.
Einheit und Zusammenhang der Dinge (consensus rerum) werden noch in der frühen
Neuzeit durch ihn ausgedrückt, "Gleiches zu Gleichem" oder Liebe (philia),
denen der Streit (neikos) als entgegengesetzt gedacht werden kann. Erstmals
in der Kosmologie der Stoa mit ihrer Auffassung vom Kosmos als einem Körper
war die Sympathie zu einem profilierten Terminus geworden: alle Teile hängen
voneinander ab und beeinflussen sich in gegenseitiger Affinität: Plotin,
der den stoischen Sympathiebegriff aufnimmt, hat ihn bemerkenswerterweise für
seine Theorie des Sehens verwendet, das er als eine direkte psychische Übertragung
ohne Medium versteht, beruhend auf der "Sympathie zwischen allen Dingen im Kosmos."
Einflußreicher als der philosophische Sympathiebegriff der Stoa und
des Neuplatonismus ist der der Magie. Er begegnet in der Pliniusrezeption.
Welche genau bestimmbare Wirkungen aufgrund der Übereinstimmung oder der
Nichtübereinstimmung der Dinge, der "discoria et concordia rerum", "die die
Griechen Sympathie und Antipathie nennen" - "quam antipathiam vocavere Graeci
et sympathiam" - erzielt oder verhindert werden können, hat Plinius in seiner
Naturgeschichte geschildert. Fracastoro Giustiniani grenzt
sich davon ab. Wenn er sich jedoch explizit auf Giovanni Fracastaro, den Veroneser
Humanisten, Arzt und Astronomen und dessen Werk "De sympathia rerum, Venedig 1546"
bezieht, markiert er den naturwissenschaftlichen Charakter seiner Argumentation
scharf. Denn Fracastoro hatte die Sympathie nicht als magisch, sondern mit naturwissenschaftlichem
Anspruch als den Austausch kleinster Teilchen aufgefaßt.
"...discussa e ventilata da molti autori..." Giustiniani deutet an, daß
er die Debatte über den Begriff der "simpatia naturale" überblickt;
das heißt wahrscheinlich: die aktuellen Kontroverse über die Wirkung
des "sympathetischen Pulvers" und der "Waffensalbe" und die Versuchen, sie aufgrund
der Korpuskulartheorie mechanisch zu erklären. Der Streit um die "Sympathie-"
oder "Waffensalbe", - so genannt, weil sie durch Applikation auf die Waffe die
durch diese beigebrachte Wunde angeblich heilen konnte, - setzt 1608 mit einer
Schrift des Goclenius ein, setzt sich mit der Ablehnung durch den Jesuiten J.
Roberti 1615 und 1621 fort und weitet sich mit J. B. van Helmont und anderen aus.
Francis Bacon hat an ihr teilgenommen. In scharfer Abkehr von der Magia naturalis
der Alten hat er 1622 Sympathie und Antipathie allgemein als "idle and ignorant
conceits" einer fundamentalen Kritik unterzogen. Sie bieten keinerlei Erkenntnis
der Ursachen, seien ein Schlafmittel und "...in great part corruptions of philosophy".
1636 wird M. Mersenne im Rahmen seiner mechanistischen Naturphilosophie Sympathie
und Antipathie als Erklärungsmodelle vollends für obsolet erklären.
Nur bei den romantischen Naturphilsophen und Dichtern werden sie in veränderter
Begrifflichkeit wieder zutage treten. Epistemologischer Umbruch
Die Kontroverse ist scharf. Sie markiert einen epistemologischen Umbruch.
Die Sympathie-Lehre als Lehre des Zusammenhangs und der Übereinstimmung der
Dinge ist nicht mehr allgemein akzeptiert. Folgt man M. Foucault, dann ist es
einer der wichtigsten Ähnlichkeitsbegriffen der alten Zeit, der in der Diskussion
des Wissens im 17. Jahrhundert dem den Umbruch der Ordnungslemente zum Opfer
fällt. Giustinianis Text hat daran Anteil. Auf der einen Seite setzt
er "simpatia naturale" als Erklärungsmodell ein, um dem Paragone eine philosophische
Grundlage zu geben. Er tut es jedoch distanziert, unentschieden, wahrscheinlich
skeptisch: "...la quale sebbene è stata discussa e ventilata da molti
autori, e particolarmente dal Fracastoro, resta per ancora indecisa e dubbia,
ec." Allem Anschein nach indizieren Giustinianis Worte so etwas wie das Ende
einer großen Denkfigur: der vom Zusammenhang und der Einheit der Welt durch
Sympathie.
Motivi del "Paragone" e concetti teorici nel "Discorso
della scultura" di Vincenzo Giustiniani
Vortragstext
(deutsche Übersetzung, ungekürzt)