Geschichte und aktuelle Situation des Archivs

Vom Privatarchiv zum institutionellen Forschungszusammenhang

1963 fand an der Berliner Freien Universität die Urabstimmung statt, die über Eberhard Diepgens Zukunft als AStA-Vorsitzender entschied: Diepgen mußte gehen. Hier hatten "die Linken" an der Freien Universität zum ersten Mal eine Mehrheit, das jahrelange Engagement der Mitglieder des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) nach dem Hinauswurf aus der SPD und der Arbeit in den SDS-Arbeitskreisen und Uni-Seminaren (Seminarmarxismus) trug erste Früchte. Zu dieser Zeit wechselte Siegward Lönnendonker seine Studienfächer von Physik, Mathematik und Chemie zu Soziologie, Psychologie und Politologie und setzte so sein immer stärker werdendes Interesse an gesellschaftlichen Fragen in die "Praxis" um. Wenig später wurde er Hilfsassistent am damaligen "Institut für politische Wissenschaft" und begann, Flugblätter, Flugschriften und ähnliches zu sammeln, alles, was der erstarkenden linken Studentenbewegung zugeordnet werden konnte. Zu dieser Zeit war er Mitglied in der Deutsch-Israelischen Studiengruppe (DIS) und "inoffiziell" des SDS: Er wohnte mit dem damaligen Vorsitzenden der FU-Gruppe in einer Wohnung (einer der ersten "Kommunen", wenn man so will) und nahm nolens volens an dem politischen Geschehen teil. Das galt auch für die Herstellung von Flugblättern auf einem Spiritus-Abzugsgerät. Hier sammelte er die ersten Dokumente.
Im November 1963 hatte eine gemeinsame Veranstaltung von SDS, SHB, LSD, ISSF und VDS gegen die Rassengesetzgebung in der Südafrikanischen Union und die Inhaftierung von Dr. Neville Alexander erstmals eine gewisse Außenwirkung. Mitglieder der "Subversiven Aktion" (Böckelmann, Dutschke, Nagel, Rabehl) suchten damals in den studentischen Gruppen nach "brauchbaren" Genossen, die bereit waren, linke Theorie auch in revolutionäre Praxis umzusetzen und das auf provokative Weise. Auch in der DIS waren sie, die gehörte dann allerdings nicht zu den Auserwählten.
Entscheidend für das Umdenken wichtiger Teile der Studentenschaft war dann die Demonstration gegen Moise Tschombé am 14. Dezember 1964. Hier waren schon fast alle Elemente der Demonstrationskultur vertreten, die später für die antiautoritäre Revolte so wichtig sein sollten: Durchbrechung der Spielregeln, Abweichung von der vorgeschriebenen Demonstrationsroute, die Bildung politischen Bewußtseins in der Aktion, ein Grad von Militanz gegenüber den "Ordnungshütern", Solidarität mit einem Land der Dritten Welt.

Ansatz und Entwicklung der Sammlung

Aus dem anfänglichen Sammeln von für die eigene Politisierung wichtigen Dokumenten ("... denn was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen") erwuchs das Bedürfnis, die sich entwickelnde Studentenbewegung zu dokumentieren und zu analysieren und, auf lange Sicht, den späteren Historikern für ihre Geschichtsschreibung Originaldokumente zur Verfügung zu stellen - jenseits der Polizei- und Verwaltungsakten, aus denen bisher immer die Geschichte der Sieger geschrieben wurde. Siegward Lönnendonker stellte seine Sammelleidenschaft in den Dienst des Archivs des damaligen "Instituts für politische Wissenschaft" (IfpW). Freunde und Bekannte erhielten den Auftrag, alles zu sammeln, was in den Universitäten und Fachhochschulen zu politischen Themen verteilt wurde. Mit seiner rasch anwachsenden Sammlung (vor allem Flugblätter und -schriften, Periodika, Presseberichte, Interna, Sitzungsprotokolle, Funkmanuskripte, Interviews etc.) von und über alle politischen Studentengruppen sowie Gruppierungen der außerparlamentarischen Opposition nach 1945 wuchs das "Studentika-Archiv" (später Archiv "APO und soziale Bewegungen") des IfpW schnell zum umfassendsten Archiv dieser Art überhaupt an.
Der FU waren jedoch die außerparlamentarischen Opposition (APO) im allgemeinen und die Tatsache, daß die Berliner Freie Universität der Motor der Studentenrevolte war, im besonderen immer recht peinlich. Schon bei der Nichtanerkennung der Examina durch die Westdeutsche Rektorenkonferenz kurz nach der Gründung hatte sie sich bemüht, vom Odium einer politischen Universität wegzukommen und eine "ganz normale" Universität zu werden. Daß dies auch einen Verlust ihrer Identität bedeutete, wollte sie billigend in Kauf nehmen. Die auf diesem Wege während der 50er Jahre gemachten Fortschritte wurden nun durch die Studentenrevolte zunichte gemacht. Schnell haftete der FU, die doch gegen die Kommunisten an der Berliner Universität im sowjetischen Sektor gegründet worden war, das Etikett "Rote Kaderschmiede" an. Die FU-Dokumentation "Hochschule im Umbruch" (s. unter Veröffentlichungen: Lönnendonker/Fichter 1973 ff) über die ersten 25 Jahre ihrer Geschichte blieb eine Ausnahme. Deren Autoren bekannten sich - mit einer Ausnahme - zu ihrer Geschichte und waren stolz auf die Tatsache, daß eine Universität in dieser Dokumentation auch die ihr peinlichen Teile ihrer Geschichte auf eine bisher in Deutschland noch nicht dagewesene Weise aufarbeitete und sich ihr stellte. Ansonsten fristete das APO-Archiv immer die Existenz eines ungeliebten Stiefkindes, das man nur deshalb nicht abschaffte, weil dann erst recht die ganze ungeliebte Geschichte wieder hochgekommen wäre.
Mit der offiziellen Anerkennung als Sammlungsgebiet des "Instituts für politische Wissenschaft" (IfpW) wurde 1966 auch eine Zeitungsausschnittsammlung angelegt, in der die Kommentierung der Revolte vor allem durch die Springer-Presse dokumentiert ist. Die heute kaum noch vorstellbare Hetze dieser Zeitungen kann so einer Generation, die das alles nicht erlebt hat, plastisch vor Augen geführt werden. Die Zeitungsausschnittssammlung umfaßt alle Berliner Tageszeitungen und die überregionalen Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Welt.

Systematischer Bestandsaufbau

Der Leiter des APO-Archivs entwickelte in der Geschichte der Revolte ein besonderes Vertrauensverhältnis zu den linken Gruppen, die sich sicher sein konnten, daß dies keine "Agentur des Klassenfeindes" war und Akten über brisante Geschehnisse nicht dem Verfassungsschutz oder der Polizei ausgehändigt wurden. (Manchmal gab es allerdings schwierige Situationen, so z.B. als die [West-]Berliner Staatsanwaltschaft im "Druckerprozeß" anfragten, ob das Archiv ihr Exemplare der Zeitung "Radikal" zur Verfügung stellen könnte. Eine Unterstützung hätte mit Sicherheit das Ende jeglicher Zusammenarbeit des APO-Archivs mit linken Gruppen bedeutet. Zusammen mit dem damaligen Leiter des "Zentralinstituts für sozialwissenschaftliche Forschung", Prof. Dr. Theo Pirker, wurde der Ausweg gefunden, die Staatsanwaltschaft im Zuge der Amtshilfe auf den Dienstweg zu verweisen, der im allgemeinen sechs Wochen brauchte: Es gab keine Anfrage mehr.)
Das Vertrauensverhältnis führte zu Überlassungen von Privat- und Organisationsarchiven, die mit z.T. besonderen Dauerleihgaben-Verträgen ausgestattet wurden. Manchmal geschah die Überlassung von Material unter merkwürdigen Umständen. So rief im Jahre 1967 ein Altpapierhändler an und verkündete, daß sich unter seinen Beständen wohl für das Archiv Wichtiges befinde. In der Tat: Es handelte sich um die Akten des Berliner SDS! Die Polit-Kommune hatte am Anfang des Jahres den Vorstand übernommen und dann die Akten zwecks Aufbesserung der Kasse für revolutionäre Aktionen und Happenings an den Altpapierhändler verhökert.
Das SDS-Archiv wiederum hat ebenfalls seine eigene Geschichte, aus der hier eine Episode wiedergegeben sei: 1973 besuchten Tilman Fichter und Siegward Lönnendonker gelegentlich einer Reise zur Erhebung von Interviews auch den Verlag "neue kritik" (nk) in der Myliusstraße in Frankfurt am Main, wo das SDS-Archiv lagern sollte. Im Keller des Verlags fanden die beiden einen Riesenberg von Akten vor, der - wie eine Lore Kohlen - durch das Kellerfenster hereingekippt worden war und nun dort im wahrsten Sinne des Wortes vermoderte. Die Rettung dieser Dokumenten durch Anwendung von DDT, durch Bauen von Regalen und Aufstellung der noch benutzbaren Ordner war sicher ein Grund dafür, daß die Leiterin des nk-Verlags das Archiv später dem APO-Archiv als Dauerleihgabe überließ.
Bei den Vorarbeiten zu der "Kleinen Geschichte des SDS" hatten Tilman Fichter und Siegward Lönnendonker Gelegenheit, das Archiv der Sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn-Bad Godesberg zu sichten und dort Kopien aus dem Bestand Claus Arndt anzufertigen, also aus der "autoritären Phase" des SDS als Nachwuchsorganisation für SPD-Karrieren; eine nicht zu unterschätzende Ergänzung der Materialien über die antiautoritäre Phase.
Das APO-Archiv hat für Präsident Kreibich zum 25jährigen Bestehen der FU die oben erwähnte FU-Dokumentation herausgebracht, unter der sehr guten und freundschaftlichen Zusammenarbeit mit Dr. Claus Rietzschel. (Der ursprünglich vorgesehene Autor hatte im Oktober 1973 das Handtuch geworfen. Daraufhin schafften Tilman Fichter und Siegward Lönnendonker innerhalb von zwei Monaten den ersten Band, der pünktlich zum Jubiläum erschien.). Die nächsten Bände erschienen in den folgenden Jahren. Die Herausgabe des fünften Bandes (Co-Autor: Jochen Staadt) war erst unter Vizepräsident Johann Gerlach möglich, für den sechsten stellte die "Notgemeinschaft für eine Freie Universität" die Bedingung, daß weder Fichter noch Lönnendonker daran mitarbeiten durften. (Erst sehr viel später, nach der Wende, entdeckten die Feinde von damals, daß es sich bei den von ihnen Abgelehnten nicht um SED/SEW-Sympathisanten handelte, wie von ihnen immer vermutet.)
Mit zunehmendem Bekanntheitsgrad mehrten sich die Angebote zur Übernahme von Sammlungen von Privatpersonen oder Organisationen. Mit der Columbia-University New York wurden Interviews von Beteiligten der außerparlamentarischen Bewegungen Europas und Amerikas ausgetauscht. Durch Vermittlung von Bernd Rabehl wurde mit dem damaligen ersten Sekretär des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW), Gerhard "Joscha" Schmierer, die Überlassung des KBW-Archivs aus der Eppendorfer Landstraße in Frankfurt am Main als Dauerleihgabe an das APO-Archiv vereinbart.
Auch die Originale der AStA-Akten aus der Zeit der Revolte befinden sich im APO-Archiv, da die damaligen AStA-Vorsitzenden dem Leiter des offiziellen Hochschularchivs der FU mißtrauten und sich nicht als Teil der Hochschule, sondern als Teil der außerparlamentarischen Bewegung verstanden. Weiterhin befinden sich im Archiv die anonymen Briefe an den AStA mit Drohungen und Beschimpfungen, sehr selten einer Anerkennung. Ebenso übergab der AStA dem Archiv die Materialien, die vom studentischen Untersuchungsausschuß nach dem 2. Juni 1967 angefertigt und gesammelt wurden, darunter die Fotos der Demonstrationsteilnehmer, die den Teilnehmern der Demonstration gegen den Schah zur Identifikation von Demonstranten und Polizisten dienten. (Durch Zeugenaussagen und Identifizierung wurde so auch der Beweis erbracht, daß Fritz Teufel nicht einen Stein geworfen haben konnte, wie zwei - dafür nicht belangte - Polizisten falsch ausgesagt hatten.) Die zu den Fotos gehörenden Zeugenaussagen befinden sich ebenfalls im Archiv. Dies war der erste - wenn auch wenig erfolgreiche - Versuch, in der Stadt eine Gegenöffentlichkeit gegen den alles beherrschenden Springer-Konzern zu errichten. Später setzten sich diese Versuche - auch mit Unterstützung durch Gerhard Bucerius und Rudolf Augstein - in der Gründung des Berliner EXTRA-Dienstes fort, der allerdings unter SEW-Einfluß stand. Frei und autonom dagegen waren andere Ansätze, z.B. die Rote-Presse-Korrespondenz in den ersten Jahren und die "883". Spätere Gegenzeitungen ("Stattblatt" u.ä.) auch aus der Bundesrepublik finden sich in vielen Serien.
Das Büro der ADSen bot dem Archiv an, die nicht mehr zu bewältigenden Akten zu übernehmen, was der Leiter zu seinen Bedingungen akzeptierte. Natürlich sind diese Bestände - wie andere vergleichbare auch - vor Übergabe von den Organisationen von persönlichen Daten "gesäubert" worden. Die Benutzerfrequenz für diesen Bereich ist eher gering, was seiner Bedeutung bestimmt nicht gerecht wird. Sollte sich jedoch der Medienwert der PDS in nächster Zeit wesentlich erhöhen, so wird damit auch die neue Bewertung dieser Akten und damit ihre Frequentierung stark zunehmen.
Neben der von Peter Dohms erwähnten Berichterstattung über die Revolte in Presse, Funk und Fernsehen (vgl. Dohms, Peter: Studentenbewegung und Überlieferungsvielfalt - das Beispiel Nordrhein-Westfalen, in: Der Archivar 52. Jg., Heft 3, 1999; Online in Internet: url = http://www.archive.nrw.de/archivar/1999-03/Archiv13.htm, Dez. 2000) ist noch ein anderer Aspekt zu berücksichtigen: Das Archiv verfügt über eine Sammlung der Funkmanuskripte der Dritten Programme, die von Linken damals gemacht wurden. Neben der "Schulung" von Teilen der Studenten in Politischer Bildung wurden darüber nicht nur private Existenzen finanziert, sondern z.T. auch der SDS. Jedenfalls führte es dazu, daß bald vom "roten Rundfunk" die Rede war und die Aufträge an die SDSler von dem damaligen neuen Intendanten des SFB, Franz Barsig, eingestellt wurden. (Wir alle hatten uns ein Fernsehduell Matthias Walden gegen den ehemaligen Redakteur des Kölner Rundfunks, der 1947 in die DDR wechselte, Karl Eduard von Schnitzler gewünscht, die beiden größten Beherrscher der Schlammschlachten, das allerdings nie zustande kam. Dafür hetzte, so die Einschätzung großer Teile der Studenten, Gerhard Löwenthal immer gegen die Linke in seiner Sendung ZDF-Magazin.)
Dann wurde "mehr Demokratie gewagt", auch in Funk und Fernsehen. Überall, auch in Verlagen wurde Mitbestimmung gefordert, die z.B. Barsig für den SFB nicht zu geben bereit war. Die Mitarbeiter des gerade erst gegründete Rotbuch-Verlags verlangten vom Gründer Klaus Wagenbach so viel, daß er auszog und - noch einmal - seinen eigenen Verlag gründete.
In diese Zeit fällt auch die Blüte der Raubdrucke, von denen das Archiv einen wohl repräsentativen Querschnitt in der Form einer Leihgabe von Siegward Lönnendonker besitzt. Dieser hatte sich eine umfangreiche Privatsammlung von Broschüren und Büchern angelegt, die damals "in" und in den linken Buchläden zu kaufen waren. Die Raubdrucke waren zum großen Teil Wiederauflagen der während des Nationalsozialismus verbrannten und verbannten Werke, insbesondere die Arbeiten der Frankfurter Schule (z.B. Dialektik der Aufklärung) und die Werke von Wilhelm Reich. (Das Original eines der ersten Raubdrucke "Massenpsychologie des Faschismus" stammte aus dem "Institut für politische Wissenschaft", in dem Lönnendonker damals Hilfsassistent war. Rainer Langhans hat nach Anfertigung des Raubdrucks das Original zurückgegeben.)
Privat hat Siegward Lönnendonker Sendungen der Fernseh- und Rundfunkanstalten (besonders zu den "Jubiläen" der FU-Gründung 1948 und der "68er") ab 1978 mitgeschnitten, u.a. über Rudi Dutschke ("Spuren"), den 2. Juni, die Gruppe 47, "Ein Koffer in Berlin", die Dokumentation über 100 Jahre, das Vernon-Interview mit Rudi Dutschke, dazu einen Auszug aus dem Archiv des SFB mit allen dort archivierten Beiträgen zum Thema Studentenrevolte.
Manchmal geschah die Sicherung von Dokumenten auch gegen innerinstitutionellen Widerstand, was nicht erst heute äußerst lächerlich erscheint. So wollte unmittelbar nach der Wende der Professor der DDR-Abteilung des ZI 6 dem APO-Archiv die Sammlung von Materialien über die DDR-Opposition verbieten, weil das in sein und nicht in das Aufgabengebiet derer fiele, die es dann gemacht haben. Die offizielle DDR-Forschung des Instituts hatte sich allerdings immer auf offizielle Dokumente der DDR beschränkt und der Opposition fast keine Bedeutung beigemessen, wobei es nach Einschätzung des APO-Archivs auch geblieben wäre: Die Dokumente wären verloren gewesen. Den damaligen Mitarbeitern des ZI 6, Siegward Lönnendonker und Dr. Jochen Staadt gelang es, Drittmittel-geförderte Kontakte zu den oppositionellen Gruppierungen der DDR zu knüpfen. Für 1968 (3. Hochschulreform in der DDR, auf der jeder Dozent wird dazu verpflichtet wurde, Dossiers über seine Studenten zu führen, die dann an die Stasi gingen) gibt es allerdings so gut wie keine Dokumente, dafür Erinnerungen der Betroffenen. Ab 1987 wird die Aktenlage besser und für die Wendezeit haben Siegward Lönnendonker und Jochen Staadt in Zusammenarbeit mit Mitgliedern des Neuen Forums 15 Aktenordner mit allem gesammelt, was in der verschiedenen oppositionellen politischen Gruppierungen der ehemaligen DDR, der sozialistisch-demokratischen wie auch der bürgerlichen, und im "Haus der Kulturen" (damals noch in der Friedrichstraße) publiziert wurde.
1990 wurde dem APO-Archiv das Archiv der "Liga für die Vereinten Nationen" von der damaligen (letzten) Generalsekretärin Heidemarie Wünsche-Piétzka übergeben, da die Gebäude geräumt werden mußten.[1] Es wurde ausgewertet (Funk, Eberhard: Die Deutsche Liga für die Vereinten Nationen, Hamburg 1998) und dann an das Bundesarchiv Potsdam übergeben, das es nach dem Einigungsvertrag für sich beanspruchte. Da es sich um eine Quasi-Regierungsorganisation (und nicht um eine oppositionelle Gruppe) handelte, wurde der "Bitte" stattgegeben.
Der verschiedentlich geäußerte Verdacht, daß Materialien der Studentenbewegung auch bewußt vernichtet wurden oder werden (vgl. Dohms 1999), können wir für einen Fall aus der Frühgeschichte des SDS bestätigen, wo ein Mitglied aus Angst vor Entdeckung und damit befürchteter Karriere-Zerstörung wertvolle Dokumente im Garten verbrannt hat. Oft kann man sich auch heute noch des Eindrucks nicht erwehren, daß einige Personen viel darum geben würden, wenn bestimmte Bestände tatsächlich noch vernichtet werden könnten. Einige interessiert ihr "dummes Geschwätz von gestern" eben doch und allein die Möglichkeit, heute als "aufrechte Demokraten" mit ihm noch einmal konfrontiert werden zu können, ist ihnen unangenehm. Nun war und ist es allerdings nicht Art des Archivs, Personen oder Organisationen zu diffamieren oder bloßzustellen.
Zu dem von Peter Dohms ebenfalls angesprochenen Unterhaltungswert der damaligen APO (vgl. Dohms 1999) und damit auch der Dokumente: Die K I tat sich u.a. auch durch Verkleidungen hervor, was einmal zu der skurrilen Situation führte, daß die Heilsarmee auf dem Kurfürstendamm in Bedrängnis geriet, weil die Polizei sie für verkleidete Kommunarden hielt. Ansonsten saß die K I selbst ihrem Unterhaltungswert auf: Die Mitglieder lasen nur noch BILD und BZ. Standen schicke Fotos von ihnen drin, dann war die Revolution auf dem Vormarsch.
Staatsanwaltschaften und Gerichtsbehörden vernichten im allgemeinen die Protokolle der Gerichtsverhandlungen. Das APO-Archiv ist hier in der glücklichen Lage, ca. 106 Aktenordner mit Mitschriften aus dem Gerichtssaal zu besitzen, die die Autoren einer Hörfunkreihe "Pro & Contra" angefertigt haben und die die Zeit der Kommune I abdecken. Eine erste Auswertung hatten Rainer Langhans und Fritz Teufel für ihr Buch "Klau mich" vorgenommen.

Vertragsbestand, Leihgaben

Das Archiv erfüllt Dienstleistungsaufgaben bei Anfragen von Institutionen und Einzelforschern des In- und Auslandes. Sämtliche Dokumente werden grundsätzlich nur zur wissenschaftlichen Auswertung im Lesesaal der Bibliothek der Geowissenschaften zur Verfügung gestellt; eine Ausleihe ist nicht möglich, Kopien können angefertigt werden.
Für die Übernahme ganzer Sammlungen von Privatpersonen oder Organisationen wurden Sonderregelungen getroffen, z.B. verbleiben einige Dokumentensammlungen weiterhin im Privatbesitz. Die Nutzung der Dauerleihgaben ist auf Personen des Vertrauens des Archivleiters beschränkt, dem die Leihgeber die Entscheidung überließen. Nur in Zweifelsfällen müssen sich potentielle Nutzer direkt an die Leihgeber wenden. Die Konstruktion der Dauerleihgabe, bei der die FU nicht Eigentümer ist, stellte sich als positiv und im Nachhinein als "vertrauensbildende Maßnahme" heraus: Bei der Auflösung des ZI 6 wurde dessen einzigartige Bibliothek dreigeteilt und damit ihres eigentlichen Wertes beraubt, der Querverbindungen und Querverweise. Nur ein Teil, die Sammlungen der früheren Abteilung Parteien, Wahlen und Verbände, wurde in die Bibliothek des Otto-Suhr-Instituts integriert. Die Bestände Konservative Revolution, Weimarer Republik und Nationalsozialismus sicherte sich Prof. Dr. Peter Steinbach für seine Gedenkstätte, die Bücher stehen nun auf Bundeswehrgelände. Die Bestände der früheren DDR-Abteilung, aus denen die Berichte zur Lage der Nation ebenso hervorgegangen sind wie so ziemlich alle Bucherscheinungen im Westen über die DDR, lagern in Kellern in der Ihnestraße und werden nicht mehr benutzt.
Nach Plänen, das Universitätsarchiv (früher Hochschularchiv der FU) und das 2004 das darin integrierte APO-Archiv in der wieder hergerichteten Borsig-Fabrik in Tegel unterzubringen, bleibt das APO-Archiv in Lankwitz und wird dort von der Archiv-Angestellten Ulrike Groß und – ehrenamtlich – von Siegward Lönnendonker betreut.
Heute entfallen zwar die Vorbehalte eines allgemein öffentlichen Zugangs weitgehend – schon weil die 30-Jahre-Frist überschritten ist und polizeilich und gerichtlich zu verfolgende Tatbestände längst verjährt sind – der physische Zustand der älteren Materialien erlaubt allerdings in einigen Jahren keine intensive Nutzung mehr, das Papier hält nicht mehr stand.

Dr. Siegward Lönnendonker




[1]     Frau Heidemarie Wünsche-Piétzka wurde in der vorigen Version dieser Geschichte des Archivs irrtümlich als Frau des letzten DDR-Justizministers bezeichnet, was hiermit – mit der Bitte um Verzeihung – als nicht zutreffend zurückgenommen wird.