Archivbestand. Einleitende Bemerkungen

Zur Funktion eines "freien" Archivs

Neuerdings gibt es Archivführer, -kataloge etc. zur Geschichte der außerparlamentarischen Opposition in der Bundesrepublik und den einzelnen Bundesländern, wobei erhebliche Unterschiede sowohl in der Thematik als auch dem Umfang der Sammlungen zutage treten. So gibt es in Nordrhein-Westfalen Sammlungen offenbar erst ab 1970, als der wichtigste Zeitraum der Revolte schon vorbei ist. Der SDS ist aufgelöst, daher kommt er in der Zusammenfassung über die Archive NRWs von Dohms (vgl. Dohms, Peter: Studentenbewegung und Überlieferungsvielfalt - das Beispiel Nordrhein-Westfalen, in: Der Archivar 52. Jg., Heft 3, 1999; Online in Internet: url = http://www.archive.nrw.de/archivar/1999-03/Archiv13.htm, Dez. 2000) nicht vor. Dohms erwähnt auch keine Privatsammlungen von SDSlern. Die von ihm angeführten Bestände der Katholischen und Evangelischen Studentengemeinde sind – mit Verlaub - für die Zeit nach 1970 relativ unwichtig, ebenso die kirchlichen Archive im Westen. (Für die DDR ist gilt das selbstverständlich nicht.)
Allgemein haben die hauptamtlich geführten Archive fast ausschließlich offizielle Akten, d.h. Akten der Verwaltung und der Polizei, schon weil - wie Philipp Gasset und Pavel A. Richter in ihrem Archivführer feststellen (vgl. Gassert, Philipp / Richter, Pavel A.: 1968 in West germany - A Guide to sources and Literature of the Extra-Parlamentarian Opposition, Washington 1998) - die Speicherung von Material der außerparlamentarischen Gruppierungen außerhalb der Zuständigkeit traditioneller Archive liege. Werden solche Quellen dann ausschließlich benutzt, so ist aus ihnen nur Polizeiberichterstattung möglich, aber keine genuine Geschichtsschreibung nach den Originalen, in der die Gruppen selbst zu Wort kommen. Falls die offiziellen Stellen überhaupt über Originaldokumente verfügen, sind das im Allgemeinen durch individuelle oder institutionell bedingte Auswahl beeinflußte Sammlungen, die das Verhalten der Polizei oder der Verwaltung zu legitimieren suchen und das Hauptaugenmerk auf auffälliges oder abweichendes Verhalten der Gruppierungen richten. Der Umfang hält sich dabei in engen Grenzen: Peter Dohms berichtet in seiner Untersuchung über höchstens 60 lfd. Meter, wobei Zeitungsausschnitte und Broschüren schon enthalten sind.
Dagegen lassen sich die über 1200 lfd. Meter des APO-Archivs schon sehen, auch was die Aufarbeitung anbetrifft – immer in Anbetracht der Tatsache, daß es sich dabei letztlich um einen Ein-Mann-Betrieb handelt. Ein großer Teil der Bestände ist mit dem Literatur- und Dokumentationssystem LIDOS aufgenommen.

Zu den Sammlungen

Plakate hat das Archiv nicht systematisch gesammelt, dem Verwaltungsleiter waren die dafür notwendigen Büromöbel zu teuer. Trotzdem befinden sich ca. 250 Plakate im Keller, die allerdings noch nicht geordnet und auch nicht sachgemäß gelagert sind.
Fotos wurden ebenfalls nicht systematisch aufgenommen, auch weil Fichter/Lönnendonker schon frühzeitig mit dem Fotografen der APO, Michael Ruetz, zusammenkamen und angesichts dessen ausgezeichneter Sammlung eine weitere für überflüssig hielten. (Daß das Privileg der kostenlosen Nutzung nicht ewig andauern würde, war damals nicht vorauszusehen.) Ausnahmen bilden die Fotos des studentischen Untersuchungsausschusses nach dem 2. Juni 1967, Fotos der FU-Gründerzeit und Vietnam-Fotos aus dem Ullstein-Archiv, und einige andere mehr.
Fast keine Dokumente gibt es über die soziale Zusammensetzung der Revolteure. Prof. Dr. Harald Hurwitz hatte während seiner Studienzeit im Jahre 1946 einmal versucht, so etwas wie eine Sozialstruktur der SDS-Mitglieder für OMGUS zu erstellen, die sich im Besitz des APO-Archivs befindet. Solche Versuche sind nicht fortgesetzt worden. In der antiautoritären Zeit des SDS waren sie auch kaum möglich, so etwas wäre als bürgerliche Wissenschaft und Klassenverrat oder sonst was verfolgt worden. Heute gibt es natürlich Einschätzungen, die opinion-leaders des SDS lassen sich im Nachhinein auch bestimmten gesellschaftlich Gruppe oder "Klassen" zuordnen, auch Schätzungen z.B. von Bernd Rabehl über den Berliner SDS ("zur Hälfte Abhauer aus der DDR") lassen sich der mehr bürgerliche Herkunft z.B. der Frankfurter Genossen gegenüberstellen.
Was die Dokumentation offizieller Gremien, z.B. der Sitzungen des Abgeordnetenhauses über die APO angeht, so sind die Drucksachen und die Zeitschrift "Das Parlament" die wichtigsten Quelle, sie befinden sich in der Bibliothek des Otto-Suhr-Instituts (OSI). Die Protokolle der öffentlichen Sitzungen des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zu den Ereignissen des 2. Juni und der Entwicklung an der Freien Universität befinden sich als Tondokument und in Abschrift im Archiv.
Die Sammlung der Originaldokumente ist regional gegliedert, international nach Ländern, national nach Bundesländern, unter denen dann die einzelnen Universitätsstädte zu finden sind. Ausnahmen bilden - wegen der dort im Vergleich sehr hohen Benutzerfrequenz - Themen- und Ereignisschwerpunkte, z.B. "Bewaffneter Kampf"( mit RAF, Bewegung 2. Juni und Nachfolgeorganisationen), "Frauen" oder "Attentat auf Rudi Dutschke" mit den anschließenden Oster-Unruhen.
Für die Freie Universität beinhaltet die Sammlung neben Flugblättern, -schriften, Periodika etc. alle vom AStA und vom Konvent und allen Gremien der Freien Universität herausgegebenen Serien, Zeitungen, Mitteilungen usw. Des weiteren wurden im Zuge der Erstellung der FU-Dokumentation die Protokolle der wichtigsten Sitzungen der FU-Gremien in Kopien des Hochschularchivs archiviert. Bei anderen Universitäten ist die Intensität der Sammlung verständlicherweise nicht so hoch.
Das Archiv verfügt über einen ansehnlichen Bestand an Tondokumenten. Einmal handelt es sich um Interviews, die für verschiedene Projekte erhoben wurden. Sodann existiert seit 1993 der "Malteser Kreis", in dem sich Gründer der FU mit Vertretern der "68er" treffen und diskutieren. Diese Diskussionen wurden bis 1998 aufgenommen und zum großen Teil abgeschrieben. Weiterer Bestände sind die Diskussion um den Unabhängigen Studentenausschuß (USTA), die Mitschnitte der großen Veranstaltungen (1968 – Vorgeschichte und Konsequenzen, SDS-Symposium) sowie Mitschnitte von Rundfunksendungen.

Zur Größenordnung - Zahlen

Annähernd 1300 lfd. Regalmeter. Summe der im APO-Archiv gelagerten Broschüren: 6125. Summe der Ordner: 4286. Dazu das anderweitig gelagerte und erfaßte Sammlungsgut.


Dr. Siegward Lönnendonker